Hier entstand ab 1991 der Bugatti EB110

Campogalliano, Provinz Modena in der Emilia-Romagna. Für Bugatti-Fans immer noch ein wichtiger Ort. Hier erschuf der Italiener Romano Artioli Ende der 1980er-Jahre eine der modernsten Automobilfabriken der Welt und den extremsten Supersportwagen seiner Zeit – den Bugatti EB110.

Nur fünf Jahre baute Artioli den Supersportwagen im Werk in Campogalliano, doch vergessen ist die Zeit nicht. Noch immer existieren die Gebäude, können sogar manchmal in einer Führung besichtigt werden. Ein atemberaubender Komplex, noch heute.

 

Artioli gründete 1987 in Luxemburg die Holding Bugatti International, mit dem festen Willen, den besten und schnellsten Supersportwagen der Welt zu bauen. Um einfacher hochqualifizierte Mitarbeiter zu akquirieren, suchte er in der Nähe der Supersportwagen-Marken Italiens nach einem Grundstück – und wurde in Campogalliano bei Modena fündig. In der Nachbarschaft von Ferrari, Maserati, De Tomaso und Lamborghini entstand in den folgenden Jahren mit hohem planerischem Aufwand auf 240.000 Quadratmetern die modernste Automanufaktur der Welt, direkt an der Autobahn 22. Dazu gehören das Hauptverwaltungsgebäude mit dem Designstudio, die Motor- und Testentwicklung, Produktionshallen, Teststrecke, Nobel-Kantine und Ausstellungsraum.

 

„Mit dem Werk in Campogalliano ging Romano Artioli einen Kompromiss ein. Er war sich der französischen Bedeutung von Bugatti sehr bewusst, benötigte aber die Nähe erfahrener Sportwagen-Ingenieure“, sagt Stephan Winkelmann, Präsident von Bugatti.

Bugatti: Die blaue Fabrik in Campogalliano

Star-Architekt Giampaolo Benedini entwarf den Firmensitz für rund 200 Mitarbeiter. Dabei symbolisiert das blaue Gebäude der Entwicklungsabteilung mit dem Bugatti-Emblem und den großen weißen Lüftungsrohren das Herz der Fabrik. Statt langer, dunkler Fabrikanlagen durchflutet Licht die Räume. Anstelle reiner Produktionsboxen entwarf Benedini Hallen mit Radien an den Kanten, die Wände leuchten im typischen Bugatti-Blau oder Blütenweiß – eine Nebeneinanderstellung von Trapezelementen mit dem EB-Logo. Schnöder Industrieboden kam nicht in Frage, in einigen Räumen wurden Carrara-Marmor, Kristall und Edelstahl eingesetzt, der Empfangsbereich mit Mosaiken ausgelegt.

 

Im vollständig verglasten Gebäude liegen die Büros für Forschung und Entwicklung. Die Jalousien des runden Gebäudes mit seiner Glasfassade passen sich automatisch dem Tageslicht an, damit die Mitarbeiter immer die besten Arbeitsbedingungen erhalten. Der erste Stock bietet Platz für einen offenen Ausstellungsraum, der für spezielle Anlässe wie Galadinners oder Autoauslieferungen an Kunden prädestiniert ist. Dazu kommen auf dem Gelände klar erkennbare Strukturen sowie viele EB-Embleme hinzu. Ein heller großer Raum dient als zentraler Treffpunkt und Begegnungsstätte für die Bugatti-Familie: Mitarbeiter, Sponsoren, Kunden, Besucher und Fans. Artioli will wie schon Firmengründer Ettore Bugatti die Mitarbeiter als Familie zusammenführen, zu einem großen Ganzen.

 

Das französische Erbe wurde beim Bau und der Einrichtung offensiv gezeigt: Aus dem historischen Werk in Molsheim importierte Artioli eine antike Holztür, durch die einst Ettore Bugatti schritt, und integriert sie in seinem neuen Gebäude als Hommage. In der Empfangshalle zeugten Original-Zeichnungen von Ettore Bugatti und französische Fahnen vom Ursprung der Marke, daneben parkte ein historischer Type 35. Die Hallendecke des Ausstellungsraums ist einem Rad des historischen Type 59 nachempfunden.

Bugatti: Die blaue Fabrik in Campogalliano

Nach dreijähriger Bauzeit wurde das neue Werk am 15. September 1990 eingeweiht – kein zufälliges Datum. Es war der 109. Geburtstag Ettore Bugattis. Zur Feier fuhr eine Gruppe mit 77 historischen Bugatti-Fahrzeugen von Molsheim nach Campogalliano. Vor einem Kühler hing eine Fackel – als Symbol für die Wiedergeburt der Marke.

 

Ein Jahr später wurde erstmals ein wieder ein Bugatti seit 1956 präsentiert, der Supersportwagen EB110. Drei Fahrzeuge fuhren auf dem Champs-Élysées in Paris, am 15. September 1991 – Ettore Bugattis 110. Geburtstag. EB steht für Ettore Bugatti, 110 für seinen 110. Geburtstag. Das Coupé ist eine Sensation: 3,5-Liter-V12-Motor, fünf Ventile pro Brennraum, vier Turbolader, permanenter Allradantrieb, Sechsgang-Getriebe und eine Leistung zwischen 560 und 610 PS. Das Monocoque besteht aus Carbon. Von 0 auf 100 km/h sprintet der EB110 in bis zu 3,3 Sekunden und galt damals als das schnellste Serienauto seiner Zeit. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 351 km/h. Weltrekord für einen Seriensportwagen. Nicht nur das: Mit dem EB110 stellt Bugatti insgesamt vier Weltrekorde auf: für die schnellste Beschleunigung, den schnellsten Seriensportwagen, den schnellsten mit Gas betriebener Sportwagen und das schnellste Serienauto auf Eis.

 

Doch der Markt für Supersportwagen brach zur gleichen Zeit ein, die Nachfrage sank dramatisch. Als Artioli Lieferanten nicht mehr bedienen konnte, wurde die Produktionsstätte geschlossen. Bis 1995 entstanden in der Manufaktur in Campogalliano nur 96 EB110 GT und 32 EB110 Super Sport. Die 1993 präsentierte Luxuslimousine EB112 wurde nicht mehr ausgeliefert. Im Juli 1995 geht das italienische Abenteuer in Campogalliano zu Ende, ein letzter Eintrag im Gästebuch des Hauptgebäudes vermerkt noch ein paar Gäste. 1998 erwachte der Mythos Bugatti erneut, als das Unternehmen zurück ins französische Molsheim zog. Seit 2005 entstehen im Elsass, dort wo vor rund 110 Jahren Ettore Bugatti seine Firma gründete, exklusive Hypersportwagen wie der Chiron und Divo in Handarbeit. 

 

Seitdem sind die Fabrikhallen in Campogalliano verlassen. Doch noch heute ist das Gelände begehbar, bleibt ein Zeitzeuge längst vergangener Tage. Der ehemalige Hausmeister Ezio Pavesi kümmert sich weiterhin um das Werk. Aus Treue und Leidenschaft zur großartigen Marke. Der Bugatti-Geist ist allgegenwärtig. An dem blau eingefärbten Gebäude der Entwicklungsabteilung schimmert das Bugatti-Emblem durch, die Namen einiger Sponsoren blättern langsam ab.

Bildergalerie: Bugatti: Die blaue Fabrik in Campogalliano