Stuttgarter zeigen neues Spitzenmodell für Mächtige und Millionäre

Ich könnte Angela Merkel, Wladimir Putin oder der Papst sein. Wie alle diese wichtigen Herrschaften sitze ich im Fond eines gepanzerten Mercedes, der mich vom Bahnhof abgeholt hat. Anlass ist die Vorstellung der verlängerten Version des S 600, die auf den Namen Pullman Guard hört.

Sicherheit auf 6,36 Meter
Die Modellbezeichnung des Stuttgarter Riesen zeigt bereits die beiden wichtigsten Eigenschaften auf. Der Name ,Pullman" leitet sich vom US-Industriellen George M. Pullman ab, der im 19. Jahrhundert besonders luxuriöse Schlafwagen erfand. Der Begriff ,Guard" bezeichnet die gepanzerten Sonderschutz-Fahrzeuge der Marke Mercedes-Benz. Was letzteres bedeutet, wird mir bereits bei der Ankunft bewusst: Die schwere und dicke Tür lässt sich von innen nur mit viel Kraft aufstoßen. Jetzt ist klar, warum bei Staatsbesuchen die Türen immer von außen geöffnet werden. Ein wenig später wird der S 600 Pullman Guard enthüllt. Schon die Optik sorgt für offene Münder: Der Radstand wurde gegenüber der gewiss nicht kleinen Langversion der S-Klasse um 1,15 Meter verlängert und misst jetzt 4,31 Meter. Die Gesamtlänge beträgt definitiv nicht parkhaustaugliche 6,36 Meter, was selbst einen Maybach 62 übertrifft. Mercedes selbst spricht zutreffend von einem ,majestätischen Format".

Platz ohne Ende
Neben der Sicherheit geht es beim S 600 Pullman Guard natürlich um großzügige Platzverhältnisse. So wurde bei steiler stehender Heckscheibe das Dach um 60 Millimeter angehoben. Für einen besseren Einstieg lässt sich die Karosserie pneumatisch um etwa 40 Millimeter anheben. Höchste Zeit also, sich auf die hinteren Plätze zu begeben. Insgesamt stehen im Heck vier Sitze zur Verfügung, von denen zwei entgegen der Fahrtrichtung platziert sind. Die Größe der Vierer-Lounge macht Eindruck: Es soll Studentenbuden geben, die kleiner sind.

Der pure Luxus an Bord
Im Gegensatz zu studentischen Behausungen ist der S 600 Pullman Guard wesentlich luxuriöser ausgestattet: Viele Knöpfe wecken das Kind im Manne. Ein Schalter verdunkelt die serienmäßige elektrotransparente Trennwand, damit man bei Unterhaltungen ungestört ist. Für Anweisungen an den Chauffeur gibt es eine Gegensprechanlage. Auf Knopfdruck fährt wie von Geisterhand gesteuert ein 19-Zoll-Flachbildschirm heraus, auf dem man DVDs und Digitalfernsehen genießen kann. Bedient werden die Multimedia-Anwendungen über eine Steuereinheit mit Touchscreen-Funktion.

Arbeit und Genuss
Zwischen den in Fahrtrichtung liegenden Sitzen entdecke ich ein Kühlfach, was für eine Flasche Champagner locker reicht. Fast schon enttäuscht bin ich von den gewöhnlich ausschauenden Gläsern, welche sich hinter zwei Klappen verbergen. Für bequemes Arbeiten sorgen ausziehbare Tische, die in der Optik des gewählten Holzfurniers glänzen. Ausführlich kann sich der Pullman-Gast mit der Klimatisierung seines Abteils und der Sitzverstellung widmen. Speziell letztere weist eine wahre Unmenge von individuellen Einstellmöglichkeiten auf. Obligatorisch sind natürlich Leselampen und seitliche Verdunklungsrollos, damit die Umwelt nicht erkennt, welch prominentes Haupt im Mercedes sitzt.

Eine Frage des Geldes
Prinzipiell sind dem persönlichen Kundengeschmack keine Grenzen gesetzt, was Ausstattung und Optik betrifft. In unserem Pullman kommen schwarz-weiße Polster und Vogelaugenahorn zum Einsatz, eine zumindest fragwürdige visuelle Kombination. Mercedes verspricht, dass auch ,ausgefallene Wünsche" erfüllt werden. Ich frage bei Dr. Rainer Gärtner nach, der für das Produktmanagement des Guard-Programms verantwortlich ist. Generell wäre auch eine Kombination aus pinkem Lack und giftgrüner Polsterung möglich, sagt er mir, aber man würde seitens Mercedes dem Kunden ,dezent" von solchen Eskapaden abraten.

Panzerung ab Werk
Die Herstellung von Stretch-Limousinen, auch solchen mit Panzerung, ist bei vielen kleinen Firmen möglich. Die Besonderheit des S 600 Pullman Guard ist die Tatsache, dass der Schutzmantel bereits in die Entwicklung mit einbezogen wird. Das Fahrzeug wird nicht nachträglich zersägt und aufgerüstet, sondern in einem Stück gefertigt und während dieses Prozesses gepanzert. Bereits die Tür der Limousine mit ihrem zentimeterdicken Seitenfenster macht klar, dass hier nicht gekleckert, sondern geklotzt wird. Ungepanzert gibt es die lange S-Klasse nicht: eingebaut ist stets die höchste erhältliche Panzerung der Stufe B6/B7. Sie hält Gewehrprojektile aus dem militärischen Bereich auf und bietet Schutz gegen Splitter von Handgranaten und anderen Sprengsätzen.

Umfassender Schutz
Für die Sicherheit sorgen außerdem Reifen mit Notlaufeigenschaften, ein selbstdichtender Tank und eine Feuerlöschanlage. Zudem überwacht optional eine Kamera den nicht einsehbaren Heckbereich des Fahrzeugs. Im Ernstfall kommt ein Alarmsystem zum Einsatz, dass mittels akustischem und optischen Signal die Umwelt warnt. Durch eine Gegensprechanlage kann dann zudem mit der Außenwelt kommuniziert werden.

Der Preis der Sicherheit
Allerdings hat die ganze Aufrüstung ihren Preis und das im doppelten Sinne. Der S 600 Pullman Guard bringt ohne Sonderwünsche knapp 5,3 Tonnen auf die Waage, als Folge ist die Höchstgeschwindigkeit auf 160 km/h begrenzt, weil die Reifen an ihre Belastungsgrenze kommen. Nach oben hin ist prinzipiell der Panzerung keine Grenzen gesetzt, verraten mir die Entwickler, doch das Hauptproblem wären das Gewicht und die Bereifung. So verwundert auch nicht, dass im Pullman ein Zwölfzylinder mit 5,5 Liter Hubraum und 517 PS zum Einsatz kommt. In der Anschaffung ist der gepanzerte 600 gewiss kein Schnäppchen: Dr. Gärtner spricht von einem gehobenen sechsstelligen Betrag. Immerhin habe man bereits ein gutes Dutzend Kunden für das Fahrzeug, obwohl es offiziell erst auf dem Pariser Auto-Salon vom 4. bis zum 19. Oktober 2008 vorgestellt wird. Wer die wohlhabenden Käufer sind, wird nicht verraten, nicht einmal die Monteure des S 600 Pullman Guard erfahren es.

Das Guard-Programm
Um die Unversehrtheit des Lebens zu gewährleisten, bietet Mercedes neben dem Pullman auch gepanzerte Ausführungen der E-, S- und G-Klasse an. Unterschieden wird zwischen Hochschutz und Höchstschutz. Hochschutz-Fahrzeuge, die der europäischen Widerstandsklasse B4 entsprechen, halten großkalibriger Revolvermunition, wie der 44er-Magnum stand. Aus Gewichtsgründen ist die E-Klasse nur als B4-Version erhältlich. Sie soll zum Beispiel vor Straßenräubern schützen. Höchstschutz bieten Autos der Widerstandsklasse B6/B7 wie der S 600 Pullman Guard. Allen Varianten gemeinsam ist das unauffälige Äußere.

Panzerung mit Tradition
Der Ursprung des Sonderschutzes bei Mercedes liegt im Jahr 1928: Damals begann das Unternehmen, beim Typ 460 ,Nürburg" spezielle Einbauten zum Schutz der Insassen einzubauen. Anders als heute ging man dabei eher rustikal vor. Fotos einer ,Nürburg" Pullman-Limousine aus dem Jahr 1931 zeigen verschiebbare Stahlplatten, mit denen die Fenster von innen gesichert wurden. Die Frontscheibe wurde ebenfalls durch eine Stahlplatte mit einem kleinen Sehschlitz geschützt. Waren die Platten ausgefahren, konnten die Passagiere durch ein Periskop nach außen sehen. Ab 1932 wurde der Typ 770 ,Großer Mercedes" auch gepanzert angeboten.

Der Wagen des Kaisers
Berühmt ist der Wagen des früheren japanischen Kaisers Hirohito, den dieser 1935 erhielt. Auffällig sind die goldenen Chrysanthemen, das Symbol des Kaiserhauses, an den Türen des Autos. Interessantes Detail am Rande: Im Leihvertrag ist festgelegt, dass die Symbole am ausgestellten 770 nur zwölf Blütenblätter haben dürfen – offiziell sind es sechzehn. Die ab 1938 angebotene zweite Generation des 770 geriet durch ihre Beliebtheit bei Nazi-Größen ins Zwielicht, mit ihren riesigen Abmessungen wurden die Autos zum Abbild der düsteren Epoche.

Neubeginn mit dem 600
Wohl auch aufgrund der früheren 770-Kundschaft bestand in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg kein Bedarf an Sonderschutzfahrzeugen. Erst im Jahr 1965 startete die Zusammenarbeit zwischen Mercedes-Benz und den deutschen Behörden. Auf Wunsch der Bundesregierung entstand eine gepanzerte Version für Staatsgäste. Der daraus resultierende 600 Pullman hatte einen erhöhten Dachaufsatz, damit die englische Königin ihren Hut aufbehalten konnte. Zwischen 1971 und 1993 nahmen 116 Staatsgäste im Fond des 600 Platz. Ein besonderes Detail entdeckt man beim Platz nehmen: Zwei orangefarbene Lampen sorgten für die gesunde Gesichtsfarbe der wichtigen Herrschaften. Mit der Zunahme des Terrorismus boten die Stuttgarter in den Jahren 1971 und 1972 einen sondergeschützten 280 SEL 3.5 an. Fahrzeuge des Typs gingen an gefährdete Auslandsvertretungen der Bundesrepublik.

Mercedes für den Vatikan
Eine Besonderheit waren und sind die Mercedes-Modelle der Päpste. Am bekanntesten ist das ,Papamobil" auf Basis des 230 G mit seiner charakteristischen Plexiglas-Kanzel. Ursprünglich für den Deutschlandbesuch von Papst Johannes Paul II. im Jahr 1980 konzipiert, erhielt das Fahrzeug nach dem Attentat auf den Kirchenführer im Jahr 1981 eine schusssichere Verglasung. Eine Geländeuntersetzung ermöglicht das Fahren in Schrittgeschwindigkeit, eine Klimaanlage sorgt für Komfort. Auffallend sind die vergoldeten Haltegriffe außen und der für den Papst vorgesehene Sitz, der einem Barhocker ähnelt. Desweiteren ergänzten ab 1985 zwei 500 SEL den Fuhrpark des Vatikan. Zwei Tage dauerte es, die Befestigungslöcher für das päpstliche Wappen in die C-Säule aus hoch legiertem Stahl zu bohren.

Der Gurt des Kanzlers
Auch bei weltlichen Oberhäuptern war und ist die S-Klasse beliebt. Neben dem 560 SEL des früheren UN-Generalsekretärs Kofi Annan befindet sich auch ein 1993er S 500 in Langversion im Mercedes-Fundus. In ihm legte Bundeskanzler Helmut Kohl bis 1998 rund 480.000 Kilometer zurück. Platz nahm Kohl stets auf dem Beifahrersitz, wie mir Rainer Gärtner vorführt: Der Gurt ist doppelt so lang wie normal, um der Leibesfülle des Oggersheimers gerecht zu werden.

Stretch-Versionen ab 1995
Der Name Pullman wurde von Mercedes im Jahr 1995 wieder belebt, als eine verlängerte Version der S-Klasse gezeigt wurde. Wie gehabt konnten sich die hinteren Passagiere mit einer Trennscheibe vom Fahrer abgrenzen. Aufgrund der obligatorischen Sonderschutztechnik war er nur als S 500 und S 600 erhältlich, ebenso der ab dem Jahr 2000 produzierte Nachfolger. An die Tradition der langen Limousinen mit Panzerung soll der neue S 600 Pullman Guard anknüpfen. Allerdings dürften Normalsterbliche ihn nur höchst selten zu Gesicht bekommen, sofern man nicht gerade einen König oder Millionär kennt.

Lang, länger, Pullman