Wie gut packt der Biturbo-Diesel-X5 den (Langstrecken-) Alltag?

Der geschätzte Kollege Hohmeyer hatte mich gewarnt. "Irgendwie fährt er komisch, ein bisschen unausgegoren." Fünf Minuten später sitze ich im 30d, habe die ersten paar Spurwechsel und eine Autobahnauffahrt hinter mir und weiß genau, was er meint. Ohne zu wissen, was das Auto uns damit sagen will, wohlgemerkt. Der X5 fühlt sich übermotiviert an, hibbelig, unausgewogen.

Zuerst denke ich: Sie werden jetzt doch bitte nicht auch noch diesen luftgefederten, 3,5 Tonnen ziehenden, bis zu sieben Menschen unterbringenden Sumo-Gleiter überdynamisiert haben, oder? Keine Sorge, das haben sie nicht. Der X5 ist fahrdynamisch für seinen Umfang tiptop, aber er versucht nicht zu sein, was er nicht sein kann. Das ist überaus löblich und sehr gut gelöst. Doch was ist es dann?

Ein bisschen Rumprobieren und Recherche machen letztlich die Allradlenkung als Sündenbock aus. Daher also das indifferente Verhalten und Verhaspeln und das etwas holprige Lenkgefühl. Alles bei eher niedrigen Geschwindigkeiten. Man hört ja häufiger davon. Nicht nur beim X5. Schlimm? Wie man's nimmt. Ich habe mich relativ schnell daran gewöhnt und es nach kurzer Zeit nicht mehr als störend empfunden. Auch wenn sich ein Auto dieser Preisklasse ja im Prinzip an den Fahrer anpassen sollte und nicht umgekehrt. 

Der muss alles können und er kommt nah dran

Apropos Preisklasse: Der X5 befindet sich ja wie so ein Mercedes GLE oder ein Audi Q7 oder ein Range Rover in einem Segment mit einer fürchterlich hohen Erwartungshaltung. Was vor 20 Jahren die Limousine mit dickem V8 war, ist jetzt gefühlt das Nobel-SUV mit Drehmoment-prallem Diesel. 

Knapp 100.000 Euro Testwagenpreis hatten wir im ersten Teil des Dauertests notiert. Da wünscht man sich dann schon, dass ziemlich viel ziemlich gut ist. Und was das Fahren betrifft, gibt sich der X5 xDrive 30d in der Tat so gut wie keine Blöße.

In unserer gemeinsamen Zeit fuhr ich hauptsächlich Langstrecke. Der Traum eines jeden Umweltaktivisten, ich weiß. Aber eben auch die Realität sehr vieler Menschen, die solche Gefährte in Erwägung ziehen. 

Und auch auf die Gefahr hin, dass mich nun 99 Prozent der Menschen unter 30 am liebsten mit ihrem Lastenfahrrad überrollen würden - aber völlig entspannt, linke Spur, Abstandstempomat auf 180 km/h, das ist halt das, was mit so einem Fahrzeug besonders gut funktioniert. 

"Mit dem Luftfahrwerk gleitet und sänftet das Auto wirklich überaus brauchbar, trotz der montierten 21-Zöller."

Ich sage Ihnen auch, warum das im X5 30d so gut funktioniert. Oh, warten Sie: Am Spurführungsassistenten liegt es schon mal nicht. Der ist nämlich einfach nur nervig, wankt teilweise unbeholfen zwischen den Linien umher und beeinflusst das Lenkgefühl auch, wenn es weit und breit nichts zu korrigieren gibt. Gottseidank gibt es bei BMW unterhalb des Infotainment-Displays diesen wunderbaren Knopf, der all den Humbug mit einem Druck deaktiviert. Grämen sollten sie sich in München deswegen aber auch nicht all zu sehr, denn bei den anderen Herstellern klappt es auch nicht besser. 

Aber zurück zum völlig unautonomen Fahrverhalten des X5, das umso mehr Zufriedenheit weckt. Dafür möchte ich gerne zwei hanebüchene Vergleiche bemühen. Wegen Corona fliegen wir aktuell nicht wirklich zu Fahrveranstaltungen, wir fahren. Da derzeit fast alle Termine in Deutschland stattfinden, kein Problem. Ich fuhr also auch mit unserem BMW-SUV.

Einmal etwa nach Hockenheim. Zum neuen Porsche 911 Turbo. Nach einigen Runden GP-Kurs mit dem neuen Über-Elfer würde sich der X5 auf der Heimfahrt sicher anfühlen wie ein 50-Mann-Floß beim Vatertags-Ausflug auf der Isar. Nach den ersten zwei Fässern Bier. Tat er aber nicht. Seine Karosseriebewegungen und seine Rollneigung hat der Große echt gut im Griff. Auch bei höheren Geschwindigkeiten auf der Bahn ist das Auto extrem präzise zu steuern, fühlt sich mehr nach Limousine als nach Groß-SUV an. 

BMW X5 xDrive 30d (2020) im Dauertest
BMW X5 xDrive 30d (2020) im Dauertest, Teil 2
BMW X5 xDrive 30d (2020) im Dauertest

Ein andermal ging es nach Stuttgart - neue S-Klasse fahren. Gleiches Spiel, andere Vorzeichen. Ein ganzer Tag mit dem neuen King of Komfort, dem Inbegriff des Luxus. Und am Abend mit dem armen, profanen X5 wieder volksnah nach Hause rumpeln. War natürlich auch hier nicht so. Mit dem Luftfahrwerk gleitet und sänftet das Auto wirklich überaus brauchbar, trotz der montierten 21-Zöller. Ganz weit weg von der S-Klasse ist der X5 dagegen im Interieur, ein Punkt zu dem ich gleich noch kommen werde. 

Ein Bild von einem Selbstzünder 

Davor muss ich jedoch noch das Thema Antrieb durchkauen, einfach, weil das alles im X5 30d so fürchterlich gut funktioniert. Der Dreiliter-Diesel, inzwischen um einen weiteren Turbolader und ein 48-Volt-Mildhybrid-System ergänzt, ist einfach die reine Wonne. 

Ich wüsste nicht, welchen Motor ich in diesem Auto lieber fahren würde. Und ich weiß, es gibt einen noch stärkeren 40d und einen noch viel stärkeren M50d (zumindest gebraucht, neu wird das Biest mit den vier Turbos ja nicht mehr verkauft), aber die braucht es überhaupt nicht. 

Mit seinen 286 PS und 650 Nm Drehmoment wirkt der 30d in jeder Lage mehr als schnell genug. Klar, er spricht wirklich gut an für einen Diesel und dass er in puncto Durchzug einen ordentlichen Bizeps hat, ist jetzt auch nicht die ganz große Überraschung. 

BMW X5 xDrive 30d (2020) im Dauertest

Was jedoch eigentlich mit am meisten Freude bereitet, ist die herausragende Laufkultur dieses Pakets. Keine Ahnung, wie viel Dämmung BMW in seinen X5-Motorraum quetscht, aber dieser Diesel ist nicht mal beim Kaltstart laut. Es vibriert und nagelt auch nichts. Beim X5 erschien mir der Motor sogar noch zurückhaltender als im 5er-Facelift, das ich letztens fahren konnte.  

Sein Klang ist definitiv künstlich optimiert, aber sehr angenehm, sonor und unauffällig. Außerdem ist die ZF-8-Gang-Automatik wie immer hervorragend auf den Motor abgestimmt. 

Für die Kohle fehlt der Glanz

Fehlen noch die Beobachtungen zum Interieur. Machen wir es kurz: Sitze und Sitzposition sind hervorragend. Genau wie das Head-up-Display sowie die Bedienung des Infotainments und der Assistenzsysteme. Außerdem sind die kühlenden und heizenden Cupholder in der Mittelkonsole ziemlich cool.

Weniger gut ist es um die Ablesbarkeit der digitalen Instrumente bestellt. Ich weiß, BMW kriegt deswegen ständig auf die Nuss, aber womöglich ändern sie dann ja auch irgendwann mal was daran. 

Zudem ist die Beinfreiheit im Fond relativ überschaubar für ein SUV diesen Ausmaßes. Setzen Sie sich zum Vergleich mal in einen Audi Q7. Sie werden Google Maps brauchen um wieder rauszufinden. 

Das Ladeabteil empfand ich generell als groß genug und mit der geteilten Heckklappe auch sehr praktisch. In Verbindung mit dem Luftfahrwerk senkt sich der X5 hinten natürlich auch zum leichteren Beladen ab. Das dauert allerdings ewig, was die ganze Nummer ein wenig ad Absurdum führt. 

BMW X5 xDrive 30d (2020) im Dauertest, Teil 2
BMW X5 xDrive 30d (2020) im Dauertest, Teil 2
BMW X5 xDrive 30d (2020) im Dauertest, Teil 2

Generell finde ich es ein wenig schade, dass ein Auto dieser Preisklasse innen so schrecklich nüchtern daherkommt. Qualitativ gibt es definitiv nichts auszusetzen, aber in einem 3er sieht es keinen Deut anders aus. In einem Premium-SUV, das mit Ausstattung schnell sechsstellig kostet, wäre ein wenig mehr Liebe zum Detail sicher nicht verkehrt.

So viel zu unserem vorläufigen Eindruck vom Leben mit dem BMW X5 30d. Im nächsten Bericht ziehen wir Bilanz, sprechen über den Verbrauch und diskutieren, welche Ausstattungen Sinn ergeben und welche nicht. 

Bildergalerie: BMW X5 xDrive 30d (2020) im Dauertest, Teil 2

Bild von: Fabian Grass