Funktioniert das neue S-Klasse-Coupé mit verkleinertem Motor?

,Der Mercedes CL ist nicht das einzige Facelift, das an der Croisette unterwegs ist", meint Daimler-Chef Dieter Zetsche schmunzelnd. Aber gerade für die betuchte Kundschaft auf dem Boulevard de la Croisette, der Flaniermeile von Cannes, wird der neue Mercedes CL interessant sein. Wir haben vor Ort den CL 63 AMG ausprobiert. Außerdem mussten der CL 500 und der CL 65 AMG ran.

Facelift sehr dezent
Während ein Facelift beim Menschen einfach die Bissspuren des Zahns der Zeit mindern soll, müssen die Designer bei einem Auto andere Aspekte bedenken. Zum einen soll der Wagen in die Moderne geführt werden, zum anderen sollten aber die bisherigen Käufer nicht schlagartig das Gefühl bekommen, in einem äußerlich vollkommen überholten Vorgängermodell zu sitzen. Um die Änderungen beim neuen CL, der Coupéversion der S-Klasse, zu entdecken, muss man ähnlich genau hingucken wie bei diesen Zeitungsbildchen, wo sieben Unterschiede zu finden sind. Die Motorhaube ist jetzt stärker profiliert, der Kühlergrill zielstrebiger gepfeilt. Zudem bekommen die Frontlichter an ihrer Oberseite einen kleinen Bogen. Der untere Lufteinlass ist nun dreigeteilt, in den äußeren Einlässen glüht Tagfahr-Licht.

Perfekte Innenraumqualität
Die Sitze massieren uns, die Musikanlage lullt uns mit klaren Klängen ein. Von den Geräuschen da draußen sind wir in unserer Luxus-Kabine meilenweit entfernt. Die Innenraumqualität eines CL war schon immer perfekt. Zudem sind die Platzverhältnisse vorne üppig, die mannigfaltig verstellbaren Ledersitze passen für wirklich jeden. In den Fond gelangt man mit ein bisschen Gelenkigkeit und Sitzgrößen kommen wegen des Coupé-Hecks mit ihrem Kopf dem Dach sehr nahe.

Assistenten greifen ein
Der technische Clou des neuen CL sind seine Assistenten, die sich aktiv ins Geschehen einmischen. Wir probieren den Spurhalte-Assistenten aus: Tatsächlich erkennt das System durchgezogene Linien rechts und links vom Fahrzeug und warnt uns, wenn wir den Markierungen zu nahe kommen mit einer Anzeige und dann mit einer Vibration im Lenkrad. Reagieren wir nicht, wird unser CL durch einen Bremseingriff sanft auf seine Spur zurückgebracht. Sind die Spurmarkierungen allerdings gelb oder verwaschen, schlägt das System nicht immer an. Der Totwinkel-Assistent greift ebenfalls helfend ein – aber ihn probieren wir lieber nicht aus. Auch das neue Müdigkeits-Erkennungssystem, welches typische Lenkmuster eines ermüdeten Fahrers erkennt, wird bei uns nicht aktiv. Es ist gar nicht so einfach, dem Wagen Müdigkeit vorzugaukeln, wenn man gar nicht müde ist.

Fahrwerks-ABC
Der CL ist serienmäßig mit dem ABC-Fahrwerk ausgerüstet. ABC steht für ,Acive Body Control" und bedeutet, dass das System Fahrbahn-Unebenheiten aktiv ausbügelt. In seiner neuesten Version kann die ABC-Technik jetzt auch Seitenwind ausgleichen. Im CL 63 AMG ist das Fahrwerk recht straff abgestimmt, nimmt Schlaglöcher und Geschwindigkeits-Bumper sportlich. Allerdings löst sich der Effekt bei höheren Geschwindigkeiten, so ab 60 km/h, auf. Dann pfeift der Wagen sauber auch über den rissigsten Asphalt. Der CL 500 geht von Grund auf etwas sanfter zu Werke, aber im Vergleich zum neuen S 500 ist auch er eher hart. Am straffesten gibt sich der Zwölfzylinder-Wagen CL 65 AMG, phasenweise wirkt das 2,25-Tonnen-Gefährt knüppelhart. Die Lenkung ist bei den AMG-Modellen schön straff und äußerst präzise. Der CL 500 kommt mit einer sehr leichtgängigen Lenkung daher, die aber ebenfalls ein ausgezeichnetes Arbeiten am Steuer ermöglicht.

Sportliche Klasse
Die CL-Klasse wird von Mercedes sportlich ausgelegt: Es gibt drei ,normale" Modelle und ebenso viele AMG-Versionen. Die schwächste Variante, der CL 500, hat 435 PS. Unser CL 63 AMG wird von einem 5,5-Liter-V8 mit Turboaufladung befeuert. 544 PS bringt das Triebwerk zustande, 800 Newtonmeter Drehmoment liegen zwischen 2.000 und 4.500 U/min an. Beim Tritt aufs Gas haut der Wagen unvermittelt los, ballert nach vorne, als gäbe es kein morgen. Dabei klingt er schön kernig, ein unerwartet guter Sound für einen Turbomotor. Des Sprints auf 100 km/h entledigt sich der CL 63 AMG in 4,5 Sekunden. Den Verbrauchszyklus spult der Wagen laut Hersteller mit 10,5 Liter runter, was bei der Leistung eine herausragende Effizienz bedeuten würde. Beim hektischen Kurvenräubern wird der Verbrauch auch mal doppelt so hoch liegen. Um den Durst des Sportlers in Grenzen zu halten, ist serienmäßig eine Start-Stopp-Automatik mit an Bord. Diese lässt den Motor im Stillstand sanft ausgehen und fährt ihn beim Wiederanfahren spontan hoch.

Komfortabler Säusler
Der CL 500 bildet mit seinem 4,6-Liter-V8 die Einstiegsmotorisierung in der CL-Klasse. 435 PS gesellen sich hier zu einem Drehmoment von 700 Newtonmeter, welches zwischen 1.800 und 3.500 Newtonmeter anliegt. Auch der CL 500 hört beim Spurt einfach nicht auf zu drücken. Dabei bleibt es in der Kabine bis weit über 100 km/h unwirklich leise. In 4,9 Sekunden ist Tempo 100 erreicht, womit sämtliche CL-Modelle den Referenzsprint in unter fünf Sekunden abhaken. Das sahnig sanfte Turbo-Triebwerk arbeitet ebenfalls mit einer Start-Stopp-Automatik und soll sich laut Mercedes im Schnitt mit 9,5 bis 9,9 Liter Super pro 100 Kilometer begnügen.

Brachialo für Fans
Die oberste Etage des Tower of Power bewohnt der CL 65 AMG. Sein Zwölfzylinder-Triebwerk leistet jetzt dank größerer Turbolader 630 PS, das Drehmoment muss bei 1.000 Newtonmeter abgeregelt werden. Es steht zwischen 2.300 und 4.300 U/min zur Verfügung. Wir treten aufs Gas und für einen kurzen Moment passiert gar nichts. Und dann bricht das Inferno los: Wir versinken im Gurgeln und Brummen der wie irre rotierenden zwölf Zylinder, die je Zylinderbank von einem Turbolader unter Druck gesetzt werden. Der Wagen schießt nach vorn, als hätte ihn ein mittelalterliches Riesenkatapult abgeschossen. Wir verstehen auf einmal, warum es weltweit noch jede Menge Fans für das dreiventilige Zwölfzylinder-Aggregat gibt. In 4,4 Sekunden geht's in den dreistelligen Geschwindigkeitsbereich, im Schnitt werden 14,3 Liter Kraftstoff auf 100 Kilometer fällig. Immerhin ist das gigantische Aggregat jetzt mit Euro-5-Einstufung unterwegs.

Mit sieben oder fünf Gängen
Obwohl alle drei Modelle mit jeweils einer anderen Schaltung unterwegs sind, kommt eigentlich immer das gleiche raus: Die Stufen fließen unmerklich dahin, der Anzug erfolgt ohne spürbare Zugkraftunterbrechungen. Im CL 500 sorgt eine Siebengang-Automatik für die Einteilung der Kraft, im CL 63 AMG die siebengängige MCT-Automatik und im CL 65 AMG eine Fünfgang-Automatik. Das MCT-Getriebe des CL 63 AMG schaltet besonders schnell und kann auch über mehrere Gänge zurückschalten – was es beim Um-die-Ecken-Fegen auch reichlich tut. Der CL 65 AMG muss mit der Fünfgang-Automatik auskommen, weil nur sie das brachiale Drehmoment von 1.000 Newtonmeter aushält. Und bei diesem Drehmoment sind fünf Gänge hinsichtlich des Vortriebs vollkommen ausreichend.

Wertung

  • ★★★★★★★★★☆
  • Die neuen CL-Modelle hat Mercedes optisch nur sehr sanft angefasst, was alte und neue Kunden gleichermaßen zufriedenstellen wird. Die aktiven Assistenten machen das Fahren sicherer, wer sich von der Technik bevormundet fühlt, kann sie deaktivieren. Das meiste hat sich bei den Antrieben getan: Der CL 500 macht sich mit dem neuen 4,6-Liter-Turbo auf den Weg. Das Aggregat ist ein ganz großer Wurf, besticht durch seine Sanftheit, seine Durchzugskraft und seine Effizienz.

    Deutlich sportlicher geht's beim CL 63 AMG zur Sache: Sein 5,5-Liter-V8 ist ein austrainierter Muskel, der aus dem schweren Wagen einen echten Dynamiker macht. In Sachen Effizienz liegt dieses Triebwerk ebenfalls ganz vorn. Und der CL 65 AMG kommt nach dem Wegfall des alten 6,2-Liter-Saugers mit dem größten Hubraum daher. Passend dazu ist er am härtesten gefedert und ballert unvorstellbar brachial los. Wobei ihm das entspannte Cruisen auf der Croisette ebenfalls liegt.

  • Antrieb
    95%
    extrem durchzugsstark
    exzellente Automatik
  • Fahrwerk
    85%
    aktives Fahrwerk top
    bei langsamer Fahrt sehr hart
  • Karosserie
    95%
    schickes Oberklassen-Coupé
    aktive Assistenten
  • Kosten
    80%
    ordentliche Serienausstattung
    sehr hoher Einstiegspreis

Bildergalerie: Prime Cuts