Test: Der 2015er Land Rover Defender 110 Station Wagon

Immer wieder beschließen Menschen zum Jahreswechsel, etwas zu verändern. Sie zwingen sich Neujahrsvorsätze auf und verzichten meist auf irgendwelche Genussmittel. Wie lange? Nun ja, eben so lange, wie sie können … oder es für nötig halten. Auch Land Rover übt sich seit dem 2015-auf-2016-Wechsel in Verzicht: Der britische Hersteller legt nach 67 Jahren das eigene Gründungs- und Urmodell auf Eis. Verehrte Damen und Herren, der Defender – der von 1948 bis 1990 einfach nur Land Rover Serie I, dann II und schließlich III hieß – ist mit sofortiger Wirkung Geschichte. Ob wir es nun wollen oder nicht. Mehr als Grund genug, noch eine letzte Abschiedstestfahrt mit dem urigen Geländegänger des vorerst letzten Modelljahres 2015 zu unternehmen.

Roh, unausgegoren, pur und völlig anders
Er ist roh, unausgegoren und pur und damit so völlig anders als alles andere auf dem Fahrzeugmarkt des 21. Jahrhunderts. Vor 30 Jahren sah das noch ganz anders aus: Damals war der Defender auf Augenhöhe mit der Mercedes G-Klasse. Doch bei Benz entschied man sich den G zu einem technisierten Luxus-Geländekasten mit Bundeswehr-Lebenslauf zu mausern. Der Defender blieb dagegen reaktionär in seinem Modernisierungsverhalten. Wenn der Gesetzgeber mit dem Aus drohte, weil irgendetwas nicht mehr zeitgemäß war, wurde dieser Gefährdungspunkt abgeändert, um den Fortbestand zu sichern. Und deshalb ist der Defender heute quasi der Caterham unter den Geländewagen. Er hat kaum Technik, er sieht aus, als käme er als Zeitreisen-Gesandter der Großeltern-Generation und genauso fährt er sich auch.

Technische Daten einer Landmaschine
Der 2,2-Liter-Vierzylinder-Diesel erreicht zwar eine Leistung von 122 PS und verteilt 360 Newtonmeter über ein manuelles Sechsgang-Getriebe an alle vier Räder, doch der Motor arbeitet nicht leise wie ein modernes Selbstzünder-Aggregat, nein, er ist laut, er nagelt unaufhörlich und ab 3.500 Umdrehungen geht ihm die Puste aus. Auch die Schaltung macht bei jedem Gangwechsel gewöhnungsbedürftige Geräusche. Trotzdem schafft es der Antriebsstrang, die 110-Station-Wagon-Version mit sieben Sitzen und einem Leergewicht von über 2,1 Tonnen in rund 17 Sekunden die Tempo-100-Marke überwinden zu lassen. Schluss ist bei 145 km/h.

,Neumodische" Komfortfeatures? Ja, die gibt es ...
Aber ob Sie mit der Aerodynamik eines Schuhkartons und der Stabilität eines Puppenhauses wirklich so schnell fahren sollten? Unsere Empfehlung? Nein. Warum? Nun ja, weil das Lenkrad schon ab 100 km/h besorgniserregend unruhig in der Hand liegt und weil man ab 120 km/h seine Stimme so stark erheben muss, dass am nächsten Tag ein mieses Halsweh droht. Doch ein ruhiger Wohlfühltempel ist der Innenraum sowieso nicht – obwohl die meisten ,neumodischen" Komfortfeatures wie elektrische Fensterheber, Sitzheizung, Klima und Servolenkung an Bord sind. Es fehlt nämlich an einer angemessenen Sitzposition, an Kopf- und Beinfreiheit. So fühlt man sich eher wie in einem Smart Fortwo als in einem 4,79 Meter langen sowie 1,79 Meter breiten und 2,18 Meter hohen Geländewagen.

Warum muss es ein Defender sein?
Warum will man dann überhaupt einen Defender, wenn er laut, unbequem, langsam und verbrauchsstark ist? Wenn er sich wie ein Oldtimer fährt und man nicht einmal mit einem H-Kennzeichen bei den Steuern und den Versicherungsprämien sparen kann? Warum fährt der Zahnarzt von nebenan plötzlich einen und warum rät er dem Anwalt, sich auch einen zu kaufen? Warum will man eine handgefertigte Alukarosse, die schlechter verarbeitet ist als ein Bahnwaggon? Warum will man einen rostanfälligen Leiterrahmen und ein Fahrwerk, das auf zwei Starrachsen mit Schraubenfedern aufbaut und bereits bei langsam gefahrenen Kurven für Angstzustände sorgt? Weil es Liebe ist. Unvernünftige und unerklärliche Liebe – und weil man in der Freizeit vielleicht etwas Robustes und Perfektes fürs Gelände braucht?!

Im Gelände immer noch unschlagbar
Hier ist der Defender nach wie vor unschlagbar. Permanenter Allradantrieb, eine Mittendifferenzial-Sperre, eine Geländeuntersetzung und eine Bodenfreiheit von über 31 Zentimeter lassen den Defender eigentlich überall hinkommen. Wenn er irgendwo nicht hoch-, runter-, drüber- oder durchkommt, dann liegt das höchstwahrscheinlich nicht am Auto, sondern am fehlenden Mut oder am fehlenden Können des Fahrers. Im Gelände unterstützt uns außerdem die optionale Goodyear-Wrangler-MT/R-Bereifung, die auf schwarzen 16-Zöllern sitzt. Sie hat ein Profil, in dem ganze Vorgärten verschwinden könnten. Wenn Sie also von Off- auf Onroad wechseln und Sie keine Steinschlag-Orgien veranstalten möchten, bei denen anschließend Klagen auf Sie einhageln, sollten Sie über Gummimatten hinter den Radläufen nachdenken. Wenn Sie allerdings Ihren Defender nicht ins Gelände ausführen wollen – und der Großteil der verkauften Exemplare fristet nunmal so ein langweiliges Geländewagenleben – dann sollten Sie weder Gummimatten kaufen, noch auf MT/R-Bereifung unterwegs sein. Sie sollten überhaupt keinen Defender fahren. Sie sollten es sich in einem Crossover bequem machen.

Kaufen oder bleiben lassen?
Jetzt noch einen Defender zu kaufen, ist sowieso schon etwas spät. Die Produktion ist eingestellt. Einer der letzten Modernisierungsakte – die Einführung von ESP – hat nicht mehr gereicht, um ihn ins Modelljahr 2016 zu überführen. Schluss. Für immer. Ein unzureichender Fußgängerschutz und die Euro-6-Abgasnorm würden zu gravierende Eingriffe in die Defender-DNA bedeuten. Und weil das Angebot-und-Nachfrage-Prinzip die Preise um mehr als 20 Prozent hat steigen lassen, liegt der Einstiegspreis für einen ,neuen" 110 Station Wagon nicht mehr bei ,nur" 34.690 Euro, sondern deutlich darüber.

Quo vadis Defender?
Und wie geht es weiter? Ein vermeintlicher Nachfolger hat verdammt große Fußstapfen zu füllen. Doch vielleicht kommt der klassische Defender ja noch einmal zurück. Und zwar dann, wenn irgendein Investor beschließt, die Produktionslinie in Großbritannien zusammenzupacken, um sie in einem anderen Land der Erde wieder aufzubauen. In einem Land, in dem man noch keinen Wert auf Rosenduft-Abgase und Fußgängerschutz legt.

Wertung

  • ★★★★★★★☆☆☆
  • In unserer modernen Autowelt gibt es eigentlich keine Daseinsberechtigung mehr für einen Neuwagen, der die Optik, die Technik- und die Sicherheit eines Fahrzeugs aus dem vergangenen Jahrtausend besitzt. Darum spaltet der Defender die Lager: Entweder man liebt ihn dafür oder man hasst ihn. Eine Egal-Haltung gegenüber dem Geländeklassiker mit handgefertigter Alukarosse gibt es nicht wirklich. Liebhaber werden trotz des Produktionsstopps und der anziehenden Preise einen kaufen und ihn mit viel Zuneigung Instand halten. Und die Dagegen-Fraktion wird sich dadurch noch sehr sehr lange mit dem vereinzelten Auftauchen im immer moderner werdenden Straßenbild abfinden müssen. Nur zu einem Punkt sollten sich Käufer eines Gebraucht-Defenders in Zukunft verpflichten müssen: zu einer artgerechten Haltung. Und diese ist nicht die stilvolle Fahrt zum Luxuskaufhaus. Er fühlt sich nur im Gelände richtig wohl. Alles andere wäre Autoquälerei.

    + Retro-Optik, Geländegängigkeit, Robustheit, Nutzwert

    - Technik, Lautstärke, Verbrauch, Straßenlage, Komfort

  • Antrieb
    70%
  • Fahrwerk
    80%
  • Karosserie
    75%
  • Kosten
    60%

Preisliste


Land Rover Defender 110 Station Wagon

Grundpreis: 34.690 Euro
Modell Preis in Euro
Station Wagon SE 38.290
Station Wagon E 34.690
Ausstattungen Preis in Euro
ABS Serie
ESP Serie
ASR Serie
Airbag Fahrer -
Airbag Beifahrer -
Seitenairbags vorn -
Kopfairbags vorn -
Seitenairbags hinten -
Kopfairbags hinten -
elektr. Fensterheber hinten -
elektr. verstellbare Außenspiegel -
Klimaanlage 1.690
Automatikgetriebe -
Bildschirmnavigation -
CD-Radio ab 710 Euro
MP3 bei CD-Radio inklusive
elektr. Schiebedach -
Metalliclackierung 550
Leichtmetallfelgen ab 1.310
Sitzhöheneinstellung -
Tempomat -
Lederausstattung 1.000
Xenonlicht -
Kurvenlicht -
Anhängevorrichtung 370
Exklusivpaket mit elektrischen Fensterhebern vorne und Zentralverriegelung 780
Radmuttern abschließbar 70
Unterfahrschutzrohr 140
Sieben Sitze in drei Reihen ab 800
Schmutzfänger vorne 70
Schmutzfänger hinten Serie
Halogenscheinwerfer Serie

Datenblatt

Motor und Antrieb
Motorart Diesel-Reihenmotor 
Zylinder
Ventile
Hubraum in ccm 2.198 
Leistung in PS 122 
Leistung in kW 90 
bei U/min 2.000 
Drehmoment in Nm 360 
Antrieb permanenter Allrad 
Gänge
Getriebe Schaltgetriebe 
Fahrwerk
Spurweite vorn in mm 1.486 
Spurweite hinten in mm 1.486 
Radaufhängung vorn Starrachse mit Zweistufen-Schraubenfedern und Teleskopstoßdämpern 
Radaufhängung hinten Starrachse mit Dreistufen-Schraubenfedern und Teleskopstoßdämpern 
Bremsen vorn innenbelüftete Scheiben 
Bremsen hinten Scheiben 
Wendekreis in m 12,8 
Räder, Reifen vorn 235/85 R16 
Räder, Reifen hinten 235/85 R16 
Lenkung servounterstützte Rollenfingerlenkung 
Geländekompetenz
Böschungswinkel vorn in Grad 48,7 
Böschungswinkel hinten in Grad 35,6 
Rampenwinkel in Grad 30,3 
Steigfähigkeit in Prozent 45 
Wattiefe in mm 500 
Bodenfreiheit in mm 314 
Maße und Gewichte
Länge in mm 4.785 
Breite in mm 1.790 
Höhe in mm 2.181 
Radstand in mm 2.794 
Leergewicht in kg 2.125 
Zuladung in kg 925 
Anhängelast, gebremst in kg 3.500 
Dachlast in kg 150 
Tankinhalt in Liter 75 
Kraftstoffart Diesel 
Fahrleistungen / Verbrauch
Höchstgeschwindigkeit in km/h 145 
Beschleunigung 0-100 km/h in Sekunden 17 
EG-Gesamtverbrauch in Liter/100 km 11,1 
EG-Verbrauch innerorts in Liter/100 km 13,6 
EG-Verbrauch außerorts in Liter/100 km 9,7 
Testverbrauch Gesamt in Liter/100 km 12,3 
CO2-Emission in g/km 295 
Schadstoffklasse Euro 5 


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