1951 starteten Nobelkarossen für Adenauer und Co.

Sechs Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs ist es soweit: Auf der Internationalen Automobil-Ausstellung vom 19. bis 29. April 1951 in Frankfurt am Main präsentiert die damalige Daimler-Benz AG erstmals wieder zwei echte Pkw-Neuheiten – die Typen 300 (W 186) und 220 (W 187). Bis dahin hatte das Unternehmen ausschließlich Vorkriegsfahrzeuge produziert, manche allerdings leicht aktualisiert, etwa den 1949 erscheinenden 170 S (W 136).

Mercedes-Benz W 187
Mercedes-Benz W 187

Die Konstruktion beider Fahrzeuge beginnt 1948. Zuvor hat das Unternehmen seit Kriegsende 1945 die gröbsten Schritte absolviert, um Werke und Produktionsanlagen wieder zum Laufen zu bringen. Auch haben einige Führungskräfte nach der Entnazifizierung ihre Tätigkeiten wieder aufnehmen können, etwa Vorstandsvorsitzender Dr. Wilhelm Haspel, Entwicklungsvorstand Prof. Dr.-Ing. h. c. Fritz Nallinger und Pkw-Entwicklungschef Rudolf Uhlenhaut.

Neue Fertigungsmaschinen, Materialien vom Stahlblech bis hin zu Zeichenpapier und Bleistiften sowie Zulieferteile sind nach wie vor Mangelware. Im Winter halten sich die Mitarbeiter in nur schwach beheizten Büros und Werkhallen vor allem mit wollener Kleidung und durch emsige Arbeit warm.

Mercedes-Benz W 187

Der Mercedes 220 (W187) setzt ein wichtiges Zeichen: Mit ihm ist die Marke wieder mit einem Sechszylindermodell präsent und behauptet erfolgreich gegenüber anderen Herstellern eine noch aus der Vorkriegszeit stammende Spitzenposition.

Der neue Motor unter dem noch recht vorkriegslastigen 220er-Kleid trägt die interne Bezeichnung M 180 und entsteht ab 1948 unter der Ägide von Wolf-Dieter Bensinger, dem Leiter der Motorenkonstruktion. 80 PS aus einem Hubraum von 2,2 Litern, also eine Literleistung von 36 PS, und ein nutzbarer Drehzahlbereich bis 6.000 U/min zeichnen das Triebwerk aus. Solche Eckdaten waren damals Neuland für die Marke.

Bensingers Konzept geht voll auf und entfaltet im 220 eine souveräne Leistung. Die Elastizität des Motors ermöglicht ein müheloses Dahingleiten über lange Strecken. Dazu liefert er damals ansehnliche Fahrleistungen wie etwa eine Höchstgeschwindigkeit von 140 km/h oder eine Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in 21 Sekunden.

Mercedes-Benz W 187
Mercedes-Benz W 187

Den hohen Anspruch des Mercedes-Benz 220 (W187) auch in Sachen Prestige unterstreicht die Marke mit einem umfangreichen Karosserieangebot. Denn es gibt ihn nicht allein als Limousine (16.066 Stück bis Mai 1954, ab 11.925 DM), sondern auch als Cabriolet A (1.278 Stück bis August 1955, 18.860 DM), Cabriolet B (997 Stück bis Mai 1953, 15.160 DM) und Coupé (85 Stück, Dezember 1953 bis Juli 1955, 20.850 DM). Außerdem werden 41 offene Tourenwagen als Polizeistreifenwagen sowie 47 Fahrgestelle für Sonderaufbauten gefertigt.

Bildergalerie: Mercedes-Benz 220 (1951-1955)

Der 220 war also schon ziemlich nobel für 1951, schließlich gab es für 12.000 Mark auch gut 2,5 VW Käfer. Wo ist dann der Mercedes Typ 300 (W186) wohl angesiedelt? Mit ihm will die Marke wieder in die Riege der Repräsentationsfahrzeuge vorstoßen. Nach dem gigantischen und durch die Nazis diskreditierten 770 setzt der 300 auf bescheidene Eleganz.

Und der Plan geht auf: Regierungsoberhäupter, Wirtschaftsführer und Größen des Unterhaltungsbusiness bestellen ihren 300. So wird er auch Dienstfahrzeug des deutschen Bundespräsidenten sowie des Bundeskanzlers.

Mercedes-Benz W 186

Für Konrad Adenauer bleibt das anderthalb Jahrzehnte lang so. In dieser Zeit nutzt er verschiedene Mercedes 300. Das führt zum bis heute gängigen Spitznamen "Adenauer-Mercedes". Der Kanzler weiß um Bedeutung und Wirkung eines standesgemäßen Auftritts. So lässt er seinen 300er im Jahr 1955 zum Staatsbesuch in Moskau im Sonderzug mitreisen, um in der sowjetischen Hauptstadt adäquat vorgefahren zu werden.

Heute gehört eine von Adenauers Repräsentationslimousinen zusammen mit einem Salonwagen des Sonderzugs zu den herausragenden Exponaten des "Hauses der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland" in Bonn.

Technisch übernimmt der W186 das Konzept des X-Ovalrohrrahmens und die Grundmaße des Fahrgestells des Mercedes 230 (W153) von 1939 mit 3.050 Millimetern Radstand. Die Rohrdimensionen werden aufgrund des höheren Fahrzeuggewichts verstärkt.

Das erwartete Gesamtgewicht erfordert eine Motorleistung von mindestens 100 PS, wie frühzeitig feststeht. Aufgrund vorhandener Herstellungsanlagen soll der vor dem Krieg fertig entwickelte 2,6-Liter-Motor namens M 159 mit 60 PS als Basis dienen und muss somit eine Leistungssteigerung von knapp 67 Prozent erfahren.

Mercedes-Benz W 186
Mercedes-Benz W 186

Motorenkonstruktionschef Bensinger bringt den Motor mit tiefgreifenden Maßnahmen auf das gewünschte Niveau. Er heißt zunächst M 182. Doch die 100 PS aus 2,8 Litern Hubraum sind zu wenig für das Fahrzeuggewicht, wie sich zeigt. Erst weitere Modifikationen wie etwa die Hubraumvergrößerung auf 3 Liter und die Verwendung einer oben liegenden Nockenwelle bringen die Entwickler mit 115 PS ans Ziel. Das Aggregat heißt jetzt M 186.

Im Vergleich zum Typ 230 ist der Motor deutlich weiter vorn und über der Vorderachse eingebaut. Das bringt einen nicht unbeträchtlichen Raumgewinn für die Fahrzeuginsassen. Nicht leicht fällt die Entscheidung, eine eigenständige Karosserie ohne Verwendung von Vorkriegskomponenten zu konzipieren. Denn das bedeutet beispielsweise neue und teure Presswerkzeuge. Die Karosserieentwicklung übernimmt Hermann Ahrens als Sonderaufgabe.

Mercedes-Benz W 186
Mercedes 300 (W 186)
Mercedes-Benz W 186
Mercedes 300 (W 189)

Der Mercedes 300 wird rund drei Jahre lang in seiner ursprünglichen Form produziert (4.563 Limousinen, 19.900 DM; 455 Cabriolet D, 23.700 DM; 2 Fahrgestelle). Im Frühjahr 1954 löst ihn der überarbeitete 300 (intern "b" genannt) unter anderem mit einem leistungsfähigeren 125-PS-Motor und verstärkten Bremsen ab (1.639 Limousinen, 22.000 DM; 136 Cabriolet D, 24.700 DM; 10 Fahrgestelle).

Im Herbst 1955 folgt der bis Juni 1956 gebaute 300 (intern "c"; 1.367 Limousinen, ab 22.000 DM; 51 Cabriolet D, 26.200 DM; 3 Fahrgestelle) mit Eingelenk-Pendelachse und serienmäßigem Dreigang-Automatikgetriebe von BorgWarner.

Bundeskanzler Konrad Adenauer wünscht von dieser Generation des Mercedes 300 übrigens eine um 100 Millimeter verlängerte Sonderausführung mit Trennscheibe, bei welcher der hintere Fußraum um 140 Millimeter wächst – sie wird ins Programm aufgenommen.

1957 kommt ein "neuer" 300er alias W 189, der jedoch seinem Vorgänger ziemlich ähnlich sieht. Er setzt auf große Fenster und verzichtet auf seitliche Säulen. Drei Fahrzeuge nutzt auch der Papst, darunter zwei Landaulet-Umbauten. Mit 160 PS und Einspritzung blieb er bis 1962 im Programm. 1963 erscheint der mächtige 600 als Nachfolger.

Bildergalerie: Mercedes-Benz 300 (1951-1962)