Hier könnte weniger wirklich mehr sein

In München wissen sie es wahrscheinlich selber: Sie kommen ziemlich spät mit dem ersten reinen Elektroauto der Kernmarke BMW. Und jetzt lassen sie die mehr oder weniger erfolgreichen Versuchsballone i3 und i8 mal außen vor. Da gibt es inzwischen haufenweise Plug-in-Hybride quer durch alle Baureihen und die laufen offenbar auch sehr sehr gut.

Aber Mercedes hat den EQC gelauncht und Audi den E-Tron und die Bayerischen Motoren Werke haben erstmal nix in der einstigen Kernkompetenz.

Das ändert sich nun. Mit dem neuen iX3. Der sieht auf den ersten Blick aus wie ein leicht ge-Sci-Fi-ter X3 und damit für viele vielleicht gar nicht so spektakulär. Aber wenn man genau hinschaut, dann erkennt man, dass BMW die Zeit und die mühsam erworbene Expertise wohl ganz gut genutzt hat. Zumindest auf dem Papier wirkt der neue iX3 nämlich ein gutes Stück schlauer als seine teutonischen Konkurrenten. 

Zuerst in China

Das erste rein elektrisch angetriebene BMW X-Modell zeigt den unprätenziösen Ansatz des Autobauers ziemlich gut. Der iX3 bleibt optisch und modellpolitisch nah am X3. „Power of Choice“ nennen das die Marketing-Hengste. In echt bedeutet das, dass der X3 künftig als Benziner, Diesel, Plug-in und reiner Elektriker zu haben ist. Diese Strategie mutet überaus teuer an, aber in München werden sie schon wissen, was sie tun.

Die Markteinführung des iX3 beginnt noch im Laufe des Jahres 2020, allerdings vorerst in China. Dort wird er als erster BMW des Joint Ventures BMW Brilliance Automotive auch für den weltweiten Export produziert.

Was den Münchnern bei ihrem ersten reinen E-SUV besonders wichtig zu sein scheint, ist die Effizienz in Sachen Elektromotor, Energiedichte der Batterie und Ladeleistung. eDrive Technologie der fünften Generation nennt man das inzwischen. Die in Eigenregie entwickelten Komponenten (Motor, Batterie, Leistungselektronik, Ladetechnologie) kommen im nächsten Jahr auch im iNext und dem i4 zum Einsatz. 

Was die 80-kWh-Batterie im iX3 wiegt sagt man nicht, man spricht nur davon, dass es inzwischen möglich ist, "auf unverhältnismäßig große Batterien zu verzichten". Nichtsdestotrotz wiegt das Auto mit Fahrer 2.260 Kilo. Immerhin liegt man damit ein gutes Stück unter EQC und E-Tron.

Der Antrieb

Elektromotor, Getriebe und Leistungselektronik sind erstmals in einem gemeinsamen Gehäuse angeordnet. Der iX3 verfügt über ein E-Aggregat, das nach dem Prinzip einer stromerregten Synchronmaschine ohne Einsatz von Magneten arbeitet. Diese Bauweise ermöglicht es laut BMW, in der Herstellung vollständig auf Rohstoffe zu verzichten, die zu den sogenannten Seltenen Erden gehören.

Die Leistungsdichte des Elektromotors wurde gegenüber bisherigen vollelektrischen BMWs um 30 Prozent gesteigert. Der Motorwirkungsgrad soll jetzt bis zu 93 Prozent betragen. Das ist ziemlich viel, wenn man bedenkt, dass Verbrennungsmotoren hier weniger als 40 Prozent aufweisen. Die Maximalleistung liegt bei 210 kW/286 PS und 400 Nm Drehmoment. Von 0-100 km/h geht es in 6,8 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit wird elektronisch auf 180 km/h begrenzt.

BMW iX3 (2020)

Der iX3 ist ein reiner Hecktriebler, was den stolzen Hersteller zur Aussage veranlasst, das man hier ein "klassisches BMW-Fahrerlebnis" bekommt. 

Laut BMW beträgt der CO2-Vorteil des iX3 gegenüber einem X3 xDrive 20d mehr als 30 Prozent bei Verwendung von europäischem Durchschnittsstrom in der Nutzungsphase und rund 60 Prozent bei ausschließlicher Verwendung von Grünstrom.

Die Batterie

Im Vergleich zu bisherigen BMW-Akkus verbessert sich die Energiedichte der 188 prismatischen Zellen um rund 20 Prozent. Der Brutto-Energiegehalt beträgt wie gesagt 80 kWh, 74 kWh davon können genutzt werden. Die Reichweite geben die Münchner mit 460 Kilometer laut WLTP an. 

Die neue Ladeeinheit übernimmt neben der Versorgung des 400 Volt Hochvoltspeichers auch die des 12 Volt Bordnetzes. Bei der Nutzung von Wechselstromanschlüssen ermöglicht sie sowohl ein- als auch dreiphasiges Laden mit einer Leistung von bis zu 11 kW. Beim Anschluss an eine Gleichstrom-Schnellladestation können Ladeleistungen von bis zu 150 kW realisiert werden. Damit kann der Hochvoltspeicher des iX3 innerhalb von 34 Minuten von null auf 80 Prozent geladen werden. In 10 Minuten soll genug Saft für 100 Kilometer fließen.

Damit Sie in puncto Laden nicht verloren gehen, stellt BMW verbesserte digitale Services von BMW Connected Charging zur Verfügung. Das beinhaltet unter anderem Verfügbarkeit und Authentifizierungsmethode von Ladestationen. 

Die Fahrdynamik

Der iX3 passt seine Bremsenergie-Rückgewinnung mithilfe von Navigationsdaten und den Sensoren der Fahrerassistenzsysteme an. So wird etwa bei der Annäherung an eine Kreuzung, einem Streckenabschnitt mit Tempolimit oder einem vorausfahrenden Fahrzeug die Rekuperation stärker genutzt. Ist die Bahn frei, aktiviert das Auto die Segel-Funktion, sobald der Fahrer den Fuß vom Gas nimmt.

Alternativ zur adaptiven Rekuperation hat der Fahrer in der Fahrstufe D auch die Möglichkeit, eine hohe, mittlere oder niedrige Bremsenergie-Rückgewinnung einzustellen. Zusätzlich kann er mit dem Wählhebel auf der Mittelkonsole die Fahrstufe B aktivieren, in der besonders stark rekuperiert wird.

BMW iX3 (2020)
BMW iX3 (2020)

Fahrdynamisch dürfte helfen, dass der Schwerpunkt des iX3 7,5 cm niedriger liegt als bei den konventionell angetriebenen Varianten. Das serienmäßige Adaptiv-Fahrwerk kommt mit elektronisch gesteuerten Dämpfern. Gegen Aufpreis gibt es ein adaptives M Fahrwerk. Vom i3 bekannt ist das ARB Traktionsystem, dass auch bei "widrigen Witterungsverhältnissen und auf unbefestigtem Terrain einen für ein einachsig angetriebenes Sports Activity Vehicle verblüffenden Vorwärtsdrang" bieten soll.

Die Karosserie

Gegenüber den herkömmlichen X3-Varianten weist der iX3 eine weitgehend geschlossene Frontschürze und Niere auf. Das gilt auch für den Unterboden. Dazu kommen neugeformte Aluräder, die verglichen mit normalen Felgen einen um 5 Prozent besseren cW-Wert aufweisen. Allein das erhöht laut BMW die Reichweite um 10 Kilometer pro Ladung. Insgesamt hat der iX3 einen cW-Wert von 0,29.

Innen und außen weisen blaue Farbakzente auf den Elektroantrieb des iX3 hin. Beim Platzangebot verspricht der Hersteller Augenhöhe mit den herkömmlichen X3-Varianten. Das Kofferraumvolumen beträgt 510 bis 1.560 Liter.

Der Klang

Hier geht BMW richtig steil und holt sich Unterstützung von Hollywoods deutschem Musikpapst Hans Zimmer. "BMW IconicSounds Electric" soll "das elektrische Fahrerlebnis um ein akustisches Feedback bereichern und gewinnt damit eine zusätzliche emotionale Tiefe".

In echt bedeutet das, dass Lastwechsel von einem "fließend modulierten Sound", die Rekuperation in Schub- und Bremsphasen von einer "sanft gefilterten akustischen Rückmeldung" begleitet werden, sodass jeder Fahrzustand mit einem passenden Klangbild abgebildet wird.

Außerdem hat der liebe Herr Zimmer eine Komposition erstellt, die beim Betätigen des Start-/Stop-Knopfs ertönt und den Kunden auf das elektrische Fahrerlebnis einstimmt. Allerdings müssen sie für das Hollywood-reife Klangerlebnis extra zahlen, es steht nur in Verbindung mit der Ausstattungslinie Impressive zur Verfügung. 

Die Ausstattung

Schon in der Basis ist der iX3 ziemlich gut ausgestattet, kommt mit Metallic-Lackierung, den 19 Zoll-Aerodynamik-Rädern, LED-Scheinwerfern, Panorama-Glasdach und automatischer Heckklappenbetätigung. Außerdem dabei: Der Driving Assistant Professional einschließlich Geschwindigkeitsregelung mit Stop & Go-Funktion, Lenk- und Spurführungsassistent sowie Spurwechsel- und Spurverlassenswarnung, eine Park Distance Control mit Sensoren an Front und Heck, eine Reifendruck-Anzeige und eine Alarmanlage.

Hinzu kommen ein Sportlenkrad, ein Ablagenpaket, das Ambiente Licht, elektrisch einstellbare Sitze mit Memory-Funktion auf der Fahrerseite und die mit Wärmepumpen-Technik betriebene Klimaautomatik, Standheizungs- und Standklimatisierungsfunktion.

BMW Live Cockpit Professional, Apple CarPlay und Android Auto Vorbereitung, das Remote Software Upgrade, die digitalen Services von BMW Connected Charging, die Telefonie mit Wireless Charging und ein Audiosystem einschließlich DAB-Radioempfangseinheit sind ebenfalls Bestandteil der Basisausstattung.

Der iX3 dürfte Anfang 2021 nach Deutschland kommen. Die Preise starten bei 69.800 Euro.

Bildergalerie: BMW iX3 (2020)