Wir waren bei den Feierlichkeiten zum Jubiläum dabei

Berühmt und berüchtigt. Extravagant und volksnah. Kaum ein anderer Autohersteller ist so zwischen den Welten gewandert wie Citroën. Nun wird die Marke 100 Jahre alt und feiert das im großen Maßstab. Wir waren vor Ort.

Schon die Modelle, die Citroën für uns zur Mitfahrt oder eigenhändigen Ausfahrt (zu einem späteren Zeitpunkt dazu mehr) bereitgestellt hat, zeigen die Vielfalt der Marke. Hier die legendär schlichte "Ente" alias 2CV und ihre bizarr anmutende große Schwester Ami 6, dort der Traction Avant mit namensgebenden Frontantrieb, die berühmte DS und ihr Nachfolger CX plus der kleinere GS mit Hydropneumatik sowie der mit Maserati entwickelte SM und seine Schlangengrube im Motorraum. Garniert wird das Ganze von Lupentachos und Bediensatelliten, bei deren Anblick Genie und Wahnsinn dicht beieinander liegen.

Als Kind der aus Polen stammenden Masza Amalia Kleinmann und des Belgiers Levie Citroen, der sich in Paris eine Existenz als Juwelier aufgebaut hatte, wuchs André Citroën nach seiner Geburt am 5. Februar 1878 in Paris auf. Die Herkunft des Namens Citroën ist mit einer Anekdote verknüpft: Der Ur-Urgroßvater von André Citroën, Roelof, war Verkäufer von Zitrusfrüchten in Holland. Als Napoleon die Niederländer 1810 seinem Recht unterwarf, mussten diese sich einen Namen aussuchen, anhand dessen sie identifiziert werden konnten. Roelof wählte den Spitznamen, den seine Kunden ihm gegeben hatten: „Limoenman“ (wörtlich übersetzt „Limonenmann“ – „limoen“ ist das niederländische Wort für Limone). Aus „Limoenman“ wurde im Laufe der Generationen „Citroen“ (Niederländisch für Zitrone). Das Trema, also die beiden Punkte auf dem „e“, wurde erstmals bei der Einschulung André Citroëns im Lycée Condorcet in Paris verwendet, um die französische Aussprache zu verdeutlichen.

100 Jahre Citroen

Nachdem André bereits in der Grundschule mit Bestnoten glänzte, besuchte er die École Polytechnique, eine der Eliteschulen Frankreichs. Dem Abschluss seiner Ausbildung folgte der Eintritt in die Armee als technischer Offizier, ehe er sich 1905 mit Freunden erstmals selbstständig machte. Ein Besuch bei Henry Ford 1912, samt Studium der Produktionsmethoden in dessen Automobilfabrik, gab den Ausschlag für den späteren Einstieg in die Automobilindustrie.

1919 war der Citroën Typ A 10 HP nicht nur das erste Fahrzeug, das Citroën auf den Markt brachte, sondern auch das erste französische Auto, das in Großserie produziert wurde. In den Jahren nach der Firmengründung bereicherte André Citroën die Automobilbranche mit der Entwicklung verschiedenster Techniken. Hierzu zählten beispielsweise die ersten verstellbaren Vordersitze und die ersten Bremsleuchten. Darüber hinaus verbaute er 1925 die erste Ganzstahl-Karosserie in einem europäischen Serienauto, dem Citroën Typ B12. Das Modell verfügte zudem als erster Großserienwagen über eine Vierradbremse, die es zuvor nur bei teuren Luxuswagen gab.

100 Jahre Citroen

Das letzte Fahrzeug, das unter André Citroën entstand, war der Citroën Traction Avant. Mit dem 7A wurde am 18. April 1934 das erste Modell der Reihe vorgestellt, deren erstmalig in Europa verbauter Frontantrieb die Fachwelt in Erstaunen versetzte. Doch die Entwicklung hatte viel Geld verschlungen, der Patriarch selbst wurde oft in Spielcasinos gesichtet. Am 3. Juli 1935 verstarb André Citroën in Paris, der Michelin-Konzern rettete die Firma vor der Pleite. 

Gegen Ende der 1930er-Jahre entstanden erste Prototypen des sogenannten TPV (Toute Petite Voiture = ganz kleines Auto), dem Vorläufer der späteren "Ente". Kurz vor der angepeilten Premiere im Herbst 1939 bricht der Zweite Weltkrieg aus. Im Nachhinein eine Wendung, die Citroën zugute kommt, denn die äußerst rudimentäre Ur-Ente wäre sehr wahrscheinlich ein Flop geworden und wird bis zur zweiten Premiere 1948 deutlich verbessert. Nicht nur der 2CV (bis 1990 wurden mehr als 5,1 Millionen Citroën 2CV inklusive Kastenwagen verkauft) macht die Marke legendär: 1955 debütiert auf dem Pariser Autosalon die DS mit futuristischem Design und hydropneumatischer Federung. Noch heute begeistern Form und Fahrgefühl, wie eine Mitfahrt zeigt. 1955 lagen am Ende der Messe angeblich über 80.000 Bestellungen für „die Göttin“ vor.

100 Jahre Citroën

Als letzte eigenständige Entwicklung der Marke kam 1974 der Citroën CX auf den Markt. Doch erneut standen die Franzosen am Abgrund: Teure Experimente wie die Übernahme von Maserati oder die Gemeinschaftsentwicklung eines Wankelmotors mit NSU für den nur 847-mal gebauten GS Birotor führten Citroën 1975 in die Arme des Peugeot-Konzerns.

Bedeutete PSA pure Langeweile für das Citroën-Modellprogramm? Nun, nicht unbedingt, wie ein Besuch auf der Rue Linois im 15. Pariser Arrondissement zeigt. Er wurde zum 100. Geburtstag in die sogenannte „Citroën Straße“ verwandelt. Auf einer Länge von 400 Metern reihte sich ein historisches Citroën-Modell an das nächste. Die Straße befindet sich ganz in der Nähe des ersten Werks von Citroën am Pariser „Quai de Javel“, wo am 4. Juni 1919 mit dem Typ A das erste Modell enthüllt wurde. Insgesamt 100 legendäre Modelle aus dem Besitz privater Sammler beziehungsweise aus dem "Conservatoire Citroën" wurden ausgestellt.

100 Jahre Citroen

Interessante Fahrzeuge gab (und gibt) es auch unter PSA-Regie: Die ungewöhnlich gestalteten BX und C6 mit Hydropneumatik, aber auch der extrem leichte AX (Basisversion: 640 Kilogramm!), der ab 1989 als Diesel nur 4,6 Liter verbrauchte. Und wie sieht die Zukunft für Citroën aus? Eine gewisse Extravaganz im Design soll erhalten bleiben. Anschaulich demonstrieren das die beiden Elektro-Studien 19_19 Concept und Ami One Concept.

Falls Sie aber wie wir auf gute alte Motorengeräusche stehen, hätten wir einen Tipp: Unter www.citroenorigins.de finden sich detaillierte Produktfakten zu fast 80 Citroën-Modellen sowie Fotos, historische Broschüren und die charakteristischen Motorengeräusche der Fahrzeuge. 

Bildergalerie: 100 Jahre Citroën