Nur vier Atlantic entstanden zwischen 1936 und 1938

Wollen Sie auf einen Schlag um 100 Millionen Dollar reicher werden? Nun, das geht. Zumindest theoretisch: Das Type 57 SC Atlantic Coupé ist nicht nur eine Legende der Marke Bugatti, sondern die vielleicht größte der Bugatti-Historie überhaupt. Nur vier Atlantic entstanden zwischen 1936 und 1938. Drei der außergewöhnlichen Coupés existieren noch. Sie gelten als die teuersten Automobile der Welt. Nach dem vierten Atlantic sucht die automobile Welt seit inzwischen mehr als 80 Jahren. Sein Verschwinden gilt als eines der größten automobilen Rätsel. Experten schätzen den Wert des Atlantics auf mehr als 100 Millionen Euro – wenn er jemals wieder auftaucht.

Werfen wir einen Blick zurück: Ettore Bugattis Sohn Jean begann um 1930 die Modellpolitik der Luxusmarke zu modernisieren. Statt mehrerer Modelle entwickelte er ein Grundmodell, aus dem er verschiedene Varianten ableitete. Bugatti konzipierte den Type 57 als Serienauto und als Rennsport-Variante. Dazu zählten unterschiedliche Motorvarianten und Karosserieformen wie Galibier (viertürige Limousine), Stelvio (Cabrio), Ventoux (Zweitürer) und Atalante (Coupé). Vom Type 57 verließen in den verschiedenen Versionen zwischen 1934 und dem Ende der Produktion 1940 etwa 800 Fahrzeuge die Werkshalle – die genaue Zahl ist nicht bekannt. 

Atemberaubend elegante Karosserie

Das komplette Gegenteil in Sachen Stückzahlen hingegen war die Variante Atlantic. Die Karosserie dieses Bugatti Type 57 war damals schon aufsehenerregend schön und exotisch. Die Räder setzen sich von der Karosserie ab, die Motorhaube streckt sich bei nur 3,70 Meter Gesamtlänge (!) weit nach vorne. Das Heck fließt wie ein Oval geformt weit nach unten, bis kurz über den Boden. Sechs dünne Auspuffendrohre schließen den Heckbereich ab. Als herausragendes Design-Merkmal dient ein aufgerichteter Kamm, der senkrecht vom Scharnier der teilbaren Motorhaube bis zum Heckende verläuft. Wie eine messerscharfe Finne teilt er mittig die Karosserie, Nieten halten die geteilten Bleche fest.

Die Atlantic-Modelle entwickelten sich aus dem Einzelstück Aérolithe, auch Coupé Special oder Coupé Aero genannt. Bei diesem Modell mit der Fahrgestell Nummer 57 104 verwendete Jean Bugatti Elektron-Blech aus dem Flugzeugbau für die Karosserie, eine Magnesium-Aluminium-Legierung, Elektron genannt. Elektron besteht aus 90 Prozent Magnesium und 10 Prozent Aluminium. Leicht und strapazierfähig, aber nur schwierig zu verarbeiten, denn es lässt sich nicht schweißen. Deshalb vernietete Bugatti die Karosserieteile – mit der berühmten Kammlinie. Beim Serien-Atlantic setzte Bugatti zwar auf Aluminium, behielt jedoch die Nieten auf der Finne. Den Namen erhielt das Modell zu Ehren von Bugattis Freund Jean Mermoz. Der Postflieger überquerte als erster den Südatlantik mit dem Flugzeug, 1936 kehrte er von einer anderen Südatlantiküberquerung nicht zurück.

Die oberen Türausschnitte verlaufen im Dach, um den Passagieren im niedrigen Coupé das Ein- und Aussteigen zu erleichtern. Bei den ersten beiden Modellen sitzen die Scheinwerfer in den Kotflügeln, die anderen beiden Modelle erhielten freistehende Scheinwerfergehäuse. Doch auch sie unterscheiden sich durch Details, was neben der extrem geringen Stückzahl die Preise treibt. Als Antrieb des Coupés diente ein laufruhiger und starker 3,3-Liter-Reihen-Achtzylinder mit bis zu etwa 200 PS, die Höchstgeschwindigkeit lag bei über 200 km/h.

Die verschollene Nummer Vier

Bugatti verkaufte nur drei der handgefertigten Atlantic-Fahrzeuge an Kunden. 1936 baute Bugatti das erste Modell für den britischen Bankier Victor Rothschild, noch ohne Kompressor, in Graublau. Heute ist das Fahrzeug als Rothschild-Atlantic mit der Nummer 57 374 bekannt. Den Holzschuh-Atlantic, der dritte gebaute mit der Fahrgestellnummer 57 473, lieferte Bugatti im Oktober 1936 an den Franzosen Jacques Holzschuh aus. Der zweite Besitzer des Autos, ein Sammler, verunglückte mit dem Atlantic an einem Bahnübergang, wobei der Fahrer starb und der Bugatti völlig zerfetzt wurde. Jahrzehnte später wurde der Atlantic aufwendig restauriert, der Motor konnte jedoch nicht mehr gerettet werden. Der Modeschöpfer Ralph Lauren besitzt den letzten gebauten Atlantic mit der Fahrgestellnummer 57 591, den im Mai 1938 fertiggestellten Pope-Atlantic – sein Erstbesitzer war der Brite R.B. Pope. Lauren erwarb sein Exemplar im Jahr 2010 auf einer Auktion für sagenhafte 40 Millionen Dollar.

Für sich persönlich ließ Jean Bugatti den zweiten Atlantic herstellen. Er allein sowie ab und an ein ausgewählter Freund, meist Rennfahrer des Hauses, durfte sich hinter das große Lenkrad des Coupés mit der Fahrgestellnummer 57 453 setzen. Bugatti nutzte den „La Voiture Noire“ – den schwarzen Wagen – mit einer vorderen Stoßstange und tieferen Türen als Modell für Prospektfotos und als Ausstellungsstück bei internationalen Fahrzeugmessen wie in Lyon und Nizza. Im Gegensatz zu den anderen Modellen verliert sich die Spur des Sportwagens nach 1938. Es ist nicht ganz klar, ob Jean Bugatti das Auto an einen befreundeten Rennfahrer verkaufte, oder ob es, was wahrscheinlicher ist, beim Einmarsch der deutschen Wehrmacht vom Elsass aus in eine sichere Region geschickt wurde. Falls Sie also einen schwarzen Bugatti Type 57 Atlantic entdecken: Herzlichen Glückwunsch!

Bildergalerie: Bugatti Type 57 SC Atlantic