Drei spannende Tage in sauberen Sternen

Ich stecke den Schlüssel ins Zündschloss und drehe ihn um – nichts, kein Laut! Der Mann mit der Flagge winkt. Ich drücke vorsichtig auf das Pedal. Energisch schiebt der Wagen voran. Fast lautlos, begleitet nur von einem sanften Singen wie von einer entfernten elektrischen Straßenbahn, geht es in die erste Etappe der Silvretta E-Rallye 2011.

290 Newtonmeter schieben voran
Ich sitze am Steuer eines Mercedes-Benz B-Klasse F-Cell mit Wasserstofftank und Brennstoffzelle und bändige die immerhin 290 Newtonmeter des Elektromotors. Mein Beifahrer ist heute Arwed Niestroj, Projektleiter des ,Mercedes-Benz F-Cell World Drive", der ersten Weltumrundung mit Brennstoffzellenfahrzeugen. Diese ging erst kürzlich nach mehr als 30.000 Kilometern zu Ende.

Ein Traktor, eine Baustelle, eine Kuh
Arwed Niestroj liest das Roadbook und sagt mir, wo es lang geht. Außerdem ist er mit einem Arsenal an Stoppuhren für die Zeitmessung zuständig: Wir müssen nicht schnell fahren, sondern gleichmäßig, um nach genau 97 Minuten die erste Zeitkontrolle zu passieren. Doch man weiß nie, was passiert – ein Traktor, eine Baustelle, eine Kuh –, also fahre ich erst mal schneller und warte lieber vor der Zeitkontrolle den richtigen Moment ab.

Jutta Benz löst Stromproduktion aus
Vor uns fährt eine andere B-Klasse F-Cell. Am Steuer: keine Geringere als Jutta Benz, Ur-Enkelin von Carl und Bertha Benz. Sie fährt mir etwas zu langsam, also setze ich zum Überholen an. Jetzt wird unsere B-Klasse lauter: Bei ,Vollgas" fährt das Brennstoffzellensystem hoch, um Strom zu produzieren. Ansonsten genügt der Batteriestrom, die Brennstoffzelle wird je nach Leistungsbedarf zugeschaltet und man hört nur Wind- und Reifengeräusche. Im Fahrbetrieb hält das Energiemanagement das F-Cell-System immer im optimalen Arbeitsbereich. Die Lithium-Ionen-Batterie gleicht Differenzen zur erforderlichen elektrischen Leistung im momentanen Fahrzustand dynamisch aus.

Gleichmäßigkeit als Herausforderung
Die erste Zwischenprüfung ist zu meistern. Wir müssen 150 Meter in exakt fünfzehn Sekunden zurücklegen – es kommt auf die hundertstel Sekunde an, gemessen wird mit Lichtschranken. Arwed Niestroj rechnet aus, dass ich mit durchschnittlich 36 km/h fahren muss. Beschleunigen und Bremsen ist erlaubt, Anhalten wird mit Strafpunkten belegt. Doch es geht in die Hose: Wir durchfahren die Lichtschranke 1,1 Sekunden zu spät und handeln uns 110 Strafpunkte ein.

Wir holen mit der B-Klasse einen Pokal
Bei der vierten Wertungsprüfung des Tages schlagen wir aber zu: 150 Meter in 18 Sekunden! An der Startlichtschranke habe ich 30 km/h auf dem Tacho, Arwed Niestroj zählt die Sekunden hoch. Auf der 18 überqueren wir das Ziel. Fünf Hundertstel Abweichung zeigt die Messuhr, das ist hier Bestwert, dafür bekommen wir am Ende sogar einen Pokal.

Die Rallye Silvretta E-Auto 2011
Nach einem erfolgreichen Auftakt im Vorjahr fand die zweite Silvretta E-Auto Rallye vom 7. bis 9. Juli 2011 im österreichischen Montafon statt. Die Daimler AG nahm dieses Mal mit sieben Elektrofahrzeugen der Marken Mercedes-Benz und smart teil.

Hohe Promidichte
Die E-Auto Rallye wird im Rahmen der Silvretta Classic Rallye 2011 durchgeführt, bei der 160 Oldtimer mit teils prominenten Fahrerteams an den Start gingen. So fuhr Fernsehkoch Johann Lafer in einem VW Samba Bus T1 mit, während Schauspieler Jürgen Vogel in einem Jaguar E das 50jährige Jubiläum dieses Fahrzeugs feierte. Kabarettist Urban Priol fuhr in einem Fiat 125 und Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger war Beifahrerin in einem Mercedes-Benz 230/8. Rennfahrer-Legende Hans-Joachim Stuck fuhr einen Porsche 914 und sein ehemaliger Konkurrent Klaus Ludwig pilotierte einen Mercedes-Benz 500 SL Rallye. Isolde Holderied auf einem 1982er Toyota Land Cruiser sollte später Gesamtsiegerin der Classic-Rallye werden. Christian Geisdörfer hingegen, der langjährige Beifahrer von Rallye-Ass Walter Röhrl, hatte sich wie ich für die Strom-Ausführung der Rallye entschieden und sorgte in dem Ampera von Opel-Pressesprecher Christof Birringer für den richtigen Weg.

Sieben E-Autos von Daimler am Start
Für Daimler waren bei der E-Silvretta zwei Smart fortwo electric drive und zwei mit Wasserstoff betriebene B-Klasse F-Cell unterwegs. Erstmals gingen auch zwei batterieelektrische A-Klasse E-Cell an den Start. Das Highlight stellte der Supersportwagen SLS AMG E-Cell dar, der 2013 auf den Markt kommen wird. Als prominenter Mitstreiter war neben Jutta Benz Andreas Jancke gekommen. Mit dem studierten Diplomkulturwissenschaftler, besser bekannt als Gregor von Waldenau, geb. Mann aus der TV-Serie ,Verbotene Liebe", als Michael Heisig aus der TV-Soap ,Hand aufs Herz" und nicht zuletzt als einer der drei ,Checker" in der aktuellen Staffel der gleichnamigen Erfolgsserie des TV-Senders DMAX legte ich eine entspannte zweite Tagesetappe in der B-Klasse F-Cell zurück.

E-Rallye doppelt so lang wie 2010
Die dreitägige Rallye durch die Vorarlberger Berglandschaft hatte eine Gesamtstrecke von 300 Kilometer, 5.500 Höhenmeter waren zu bewältigen. So war die E-Rallye fast doppelt so lang wie im Premierenjahr 2010. Im Vergleich waren auch die Strecken deutlich anspruchsvoller. Es galt, Steigungen von bis zu 14 Prozent zu bewältigen – nicht für jedes Elektroauto eine Leichtigkeit.

Modellregion Vorarlberg
Die Rallye führte 32 lokal emissionsfreie und geräuschlose Elektroautos zum Beispiel von Daimler, VW, Audi, Opel, Tesla, Toyota und auch einigen privaten Teams mit Eigenbauten und Prototypen durch die österreichischen Bundesländer Vorarlberg und Tirol. Vorarlberg ist eine der größten Modellregionen in Europa für die Einführung und Entwicklung von Elektromobilität. Das österreichische Energieunternehmen illwerke vkw, ein Partner der Silvretta E-Rallye, unterstützt die Modellregion unter dem Namen VLOTTE – ein Kunstwort aus Vorarlberg und Flotte. Die Illwerke vkw bauen kontinuierlich die nötige Infrastruktur für Elektrofahrzeuge in der Region aus und sorgten auch im Basislager für die Stromversorgung der Rallye-Autos.

Mercedes-Benz und smart elektrisch
Die für die Tour bereitgestellten Fahrzeuge zeigten die Vielfalt der Daimler-Modellpalette an Elektroautos mit Batterie und Brennstoffzelle. Die zwei smart fortwo electric drive sind batterieelektrisch betriebene Stadtautos. Die Mercedes-Benz B-Klasse F-Cell läuft mit Wasserstoff und hat eine lokal emissionsfreie Reichweite von rund 400 Kilometer. An den ersten beiden Rallyetagen konnte ich erstaunt feststellen, dass der Wagen auf bergigen Serpentinen geradezu in seinem Element ist. Speziell das Herausbeschleunigen aus engen Kehren gelingt stets mit Leichtigkeit, da konstant das bärige Drehmoment von 290 Newtonmeter anliegt. Verschalten oder nicht im richtigen Drehzahlbereich liegen – das kann einem mit dieser B-Klasse nicht passieren.

400 Kilometer Reichweite und mehr
Im Jahr 2014 wird die B-Klasse F-Cell in Serie auf den Markt kommen – dann schon in neuer Form, die auf der IAA im September 2011 Premiere hat. Das aktuelle Modell bietet eine Reichweite von rund 400 Kilometer. Bis zur Serie wollen die Daimler-Ingenieure das noch deutlich erhöhen, vielleicht sogar verdoppeln.

Ersteinsatz: Elektrische A-Klasse
Erstmalig nahmen auch zwei Modelle der A-Klasse E-Cell an der E-Rallye teil. Sie entspricht vom Antriebsstrang her der B-Klasse F-Cell, allerdings wurden der Wasserstofftank und die Brennstoffzelle weggelassen, so dass die Batterie an der Steckdose aufgeladen werden muss. In einem der Fahrzeuge fuhr ich die dritte Tagesetappe der Silvretta E-Rallye als Beifahrer mit. Die A-Klasse zeigte sich aufgrund des geringeren Gewichts noch agiler als die B-Klasse, denn der Elektromotor ist bei beiden Modellen der gleiche. Bei den erhöhten Anforderungen der Rallye an einem sehr heißen Sommertag lag die Reichweite des Autos bei zirka 150 Kilometer, während sie unter idealen Bedingungen 200 Kilometer beträgt, wie mir mein Fahrer Professor Herbert Kohler, Leiter E-Drive und Future Mobility sowie Umweltbevollmächtigter der Daimler AG, erklärte. Einmal schaltete sich der Antrieb allerdings ab und wir mussten es wie bei einem Computer machen: Aus- und wieder Anschalten löste das Problem.

E-Autos werden noch leiser
Während das aktuelle Modell vor allem beim Beschleunigen noch ein singendes Geräusch vernehmen lässt, werde die spätere Großserie absolut leise sein, versicherte mir Professor Kohler. Der Experte, der auch im Aufsichtsrat von Tesla sitzt (an dem kalifornischen Elektroauto-Pionier ist Daimler bekanntlich mit zehn Prozent beteiligt), zeigte sich überzeugt davon, dass den Brennstoffzellenfahrzeugen die Zukunft gehört, wenn es darum geht, längere Strecken zurückzulegen. Reine Elektroautos seien dagegen für den Einsatz in der Stadt prädestiniert.

Publikumsmagnet: SLS AMG E-Cell
Ein Highlight und Publikumsmagnet der Elektro-Rallye war bei der Silvretta E-Rallye der Mercedes-Benz SLS AMG E-Cell. Der Entwicklungsträger des Fahrzeugs, das 2013 für geschätzte 350.000 Euro auf den Markt kommt, bewies auf der kurvenreichen alpinen Streckenführung, dass dynamischer Fahrspaß in Kombination mit einem Elektroantrieb keineswegs ein Widerspruch ist. Der auffällige Flügeltürer mit emissionsfreiem Hightech-Antrieb ist mit einer Höchstleistung von 392 Kilowatt und einem maximalen Drehmoment von 880 Newtonmeter ein Wegweiser im Marktsegment der Supersportwagen, hatte bisweilen aber auch mit Ladeproblemen zu kämpfen.

Riesen-Gaudi: E-Auto fahren
Mein Fazit nach drei Tagen Silvretta E-Rallye 2011: Brennstoffzellen- und E-Autos zu fahren, ist eine Riesen-Gaudi. Da sie nur einen Gang haben, gibt es kein Schaltruckeln. Man kann man sich nicht verschalten, fährt stets im optimalen Drehzahlbereich und kann daher richtig schnell sein, wenn`s sein muss. Auf das Knattern, Fauchen und Blubbern der imposanten Oldtimer kann man verzichten, wenn auch gerade das den gewissen Reiz ausmacht. Der Tag wird kommen, an dem wir die guten alten Verbrennungsmaschinen nur noch bei Oldtimer-Rallyes ausführen.

Gallery: Silvretta Rallye E-Auto 2011