Wir sahen als Erste das meistdiskutierte Auto der letzten Jahre
Exklusiver Blick in Balocco: Das Shooting des Ferrari Luce vor Premiere – mit Leclerc und Hamilton!
Es ist heiß in Balocco. Auch wenn der Kalender ein streng geheimes Datum Ende April zeigt. Der Ort ist wichtig, denn genau dort hatte ich vor Jahren die offizielle Präsentation des Alfa Romeo 4C erlebt.
Heute ist der Tag potenziell noch historischer. Denn ich werde als Erster den neuen Ferrari Luce sehen. Eine einmalige Gelegenheit, wenn man bedenkt, dass bis zur offiziellen Premiere noch rund 30 Tage fehlen.
Bildergalerie: Ferrari Luce (2026)
Der Luce sollte am 25. Mai vorgestellt werden. Genau an jenem Tag, an dem die Marke Ferrari 79 Jahre zuvor beim Großen Preis von Rom an den Thermen des Caracalla den ersten Rennsieg errang. Ich halte mich im Hintergrund und schweige, weil das Videoproduktionsteam auch den emotionalen Film mit den Fahrern dreht.
Charles Leclerc und Lewis Hamilton haben das Auto noch nicht gesehen, sind aber bereits in den Prototypen gestiegen, um ihn auf die Probe zu stellen. Und als sie losfahren, schaut mich Maranellos Cheftestfahrer Raffaele De Simone (ein Mensch, wie er selbst sagt, aufgewachsen mit "Brot und Benzin") an und fragt mich, was ich von einem elektrischen Ferrari halte.
Ferrari Luce mit Leclerc und Hamilton
Ach ja, ich habe von diesem Tag keinerlei eigene fotografische Belege. Natürlich war mein Smartphone an jeder Kamera mit Stickern abgeklebt. Keine Fotos, keine Videos, und in unserer Nähe steht immer ein ebenso aufmerksamer wie höflicher Polizist. Es bleiben nur die Eindrücke, die sich in Worte fassen lassen.
Ich gebe es zu: Ich bin offen dafür, sogar fasziniert von dem Gedanken, dass Maranello, das Cavallino Rampante, versucht hat, analoge Konzepte in eine so digitale Welt zu übertragen, zu übersetzen und neu zu deuten.
Fast Forward.
Der Ferrari Luce ist inzwischen vorgestellt worden, und es steht außer Frage, dass er das meistdiskutierte und auch polarisierendste Auto der letzten Jahre ist. Das Ausmaß des Shitstorms hat Ferrari unterschätzt, wie man später zugibt. Wegen der radikalen Optik (und wir haben auch erklärt, warum er genau so gestaltet wurde), wegen der Idee eines Fünfsitzers, wegen er hinteren Türen, wegen des Elektroantriebs.
Ferrari Luce Tailor Made "Chassis 0"
Den Ferrari Luce hat man nämlich noch nicht in Aktion gesehen. Genauer gesagt: Noch niemand außerhalb von Ferrari hat dieses Auto auf der Straße erlebt, wie es fährt, wie schnell es ist oder ganz banal, wie sein Design in Bewegung wirkt.
Kurz gesagt: Uns fehlt heute noch ein Stück des Puzzles. Das wichtigste Merkmal eines Autos, das Fahren. Und natürlich: Wer sich bereits eine Meinung gebildet hat, wird sie wahrscheinlich nicht mehr ändern. Ich habe an jenem Tag etwas gesehen – und es wurde mir auch erklärt ...
Ein Blick hinter die Kulissen in Maranello
Der erste Blick mit Newson
Hinter einem Zelt in Balocco, unter einer roten Plane verborgen, steht der Ferrari Luce. Neben mir ist Marc Newson. Wir sind nur sehr wenige Menschen, und man muss sagen: Die Anspannung ist groß. Als die Hülle heruntergezogen wird, war ich, ich gebe es zu, überrascht.
Denn der Luce ist, das wissen wir inzwischen alle, etwas völlig anderes. Schön? Hässlich? Darüber will ich nicht urteilen. Ich gebe zu: Der erste Eindruck hat mich ein wenig verblüfft. Man spürt diese "vollen" Formen, die ein wenig an einige Prototypen der Carrozzeria Bertone aus den 1970er-Jahren erinnern.
Ferrari Luce, Leclerc und Hamilton haben das endgültige Modell zusammen mit uns von Motor1.com zum ersten Mal gesehen
Die Linien wirken sicher weicher, während Marc Newson, der mir auch von seiner Leidenschaft für klassische Automobile erzählt, einige Schlüsselpunkte erklärt, die wir heute bereits kennen. Ein Luftwiderstandsbeiwert von 0,254 ohne aktive Aerodynamik (eine bewusste Entscheidung, um das Auto nicht schwerer zu machen und die Klarheit der Linien nicht zu unterbrechen).
Dazu eine schwarze Fahrgastzelle in Tropfenform mit davon abgesetzter Aluminiumkarosserie, aus der der vordere Kotflügel entsteht; neu entwickelte und patentierte Scheibenwischer, die Mikrowirbel an den A-Säulen erzeugen; 23- und 24-Zoll-Räder, die größten, die je serienmäßig auf einer Ferrari montiert wurden; runde Scheinwerfer.
Er wirkt wie ein kauerndes Raubtier, und heute kann ich es bestätigen: In natura erscheint er deutlich "größer" und satter auf der Straße stehend, als man es auf Videos wahrnimmt. Das Heck, aus der Dreiviertelperspektive betrachtet, wird allerdings Diskussionen auslösen. Das ahne ich sofort.
Ferrari Luce: Innenraum
Im Innenraum wiederum schätze ich – jenseits jeder subjektiven Sichtweise – das, was man tatsächlich anfassen kann, und diese Idee einer in die digitale Welt übertragenen analogen Mechanik. Genau diese Fülle an Hebeln, Instrumenten, Glasflächen und das Lenkrad gefallen mir vorbehaltlos.
Und wissen Sie was? Als ich am nächsten Tag in die Redaktion zurückkam, war es interessant zu sehen, wie mich praktisch alle fragten, was ich gesehen hatte. Ich erinnere mich nur an einen Satz: "Kennt ihr all die Zeichnungen, all die Renderings, mit denen man versucht hat, dieses Auto zu erahnen? Nun, keines davon lag auch nur annähernd richtig."
Die Ferrari-Stars am Steuer
Im Mittelpunkt dieses heißen Tages steht nicht nur das serienreife Auto. Da ist auch jener Prototyp, bestückt mit einer ganzen Reihe von Kameras und Actioncams, um die Emotionen der Fahrer und Techniker einzufangen. Ja, heute fahren Charles und Lewis ihn ... und das ist letztlich der Schlüssel zu jedem Auto.
Ferrari Luce, die Behind-the-Scenes mit Leclerc und Hamilton
Und still das Geschehen hinter den Kulissen der Video-Crew zu beobachten, ist ein weiteres Spektakel. Wer vom Fach ist, kennt diese Art von Arbeit. Bei Motor1 haben wir großartige Profis, die Videos drehen und schneiden. Und nicht nur das. Hier ist die Crew allerdings noch größer, vermutlich eher mit einem Filmset als mit einer gewöhnlichen Produktion vergleichbar.
Genug geredet. Schauen wir, was passiert ...
Leclerc steigt als Erster selbst ans Steuer. Der Luce schießt los, ich kann aus der Entfernung gerade noch ein paar schnell gefahrene Kurven erspähen, und nach einigen Minuten kehrt er zurück. Lewis, auf dem Beifahrersitz, deutet ein Lächeln an. Aber es wirkt leicht angespannt. Offenbar bleibt jenes Versprechen unter Fahrern "wir fahren nicht zu schnell" ein typisches Seemannsgarn. Charles ahnt noch nicht, was ihn erwartet ...
Ferrari Luce, die Behind-the-Scenes mit Leclerc und Hamilton
Währenddessen spreche ich ein wenig mit den Technikern. Ich sehe Raffaele De Simone, der mich fragt, was ich über Elektroantriebe denke ...
Die Technik: Gewicht ist der Teufel
"Ich bin mit Brot und Benzin aufgewachsen, daher war der Zweifel daran, was wir da eigentlich tun, nur legitim. Dann habe ich verstanden, dass die Prototypen ein gigantisches Potenzial zeigen." Das sagt Raffaele De Simone, Cheftestfahrer in Maranello: Wenn sich ausgerechnet der erste Skeptiker bekehren lässt und dieser Mann jeden Ferrari vor allen anderen fährt, dann will das etwas heißen.
In Maranello wird das Projekt anhand von fünf Emotionsgeneratoren erklärt. Längsbeschleunigung, Querbeschleunigung, Verzögerung, Drehzahlwechsel und Klang. Die perfekt integriert werden müssen. Denn ein Auto zu bauen, das auf der Geraden schnell ist, ist einfach, das kann jeder; eines zu bauen, das versucht, diese digitalen Reize in "analoge" Emotionen zu übersetzen, ist deutlich schwieriger.
"Gewicht ist in einem Sportwagen der Teufel", sagt Gianmaria Fulgenzi. "Wir sehen die Abmessungen und den Radstand und lassen uns täuschen. Der Luce widerspricht dieser Erwartung: Er schreibt die dynamischen Proportionen komplett neu, und das ließ sich nur durch Elektrifizierung erreichen."
Ferrari Luce, Leclerc und Hamilton in dem Moment, als sie das Auto enthüllen und es zum ersten Mal sehen
Die in Maranello entwickelte und montierte Batterie mit 800 Volt-Technik und 122 kWh Kapazität ist ein strukturelles Element des Chassis und senkt den Schwerpunkt im Vergleich zum Purosangue um fast 95 Millimeter. Der wahrgenommene Effekt soll dem eines um 400 Kilogramm leichteren Autos entsprechen.
Mit Torque Vectoring über vier unabhängige Elektromotoren, aktiver Federung, Hinterachslenkung und Side Slip Control in Version X kursiert in Maranello der anspruchsvollste aller Vergleiche: ein Fahrverhalten nahe an dem eines 296 GTB. In einem Fünfsitzer mit 2.260 Kilogramm.Leergewicht.
Bremsen und Schaltwippen: Das Analoge bleibt
Die Verzögerung ist das erste Feld, auf dem der Luce die Elektroauto-Welt herausfordert: Die Rekuperation arbeitet nahtlos mit den Carbon-Keramik-Bremsen mit 390 und 372 Millimetern Durchmesser zusammen. Ein doppeltes Bremssystem aus elektrischer und mechanischer Verzögerung, das andere Elektroautos laut Ferrari schlicht nicht bieten.
Das eigentliche Highlight sitzt jedoch hinter dem Lenkrad. Die ikonischen Schaltwippen bleiben erhalten, obwohl es keine Gänge mehr zu wechseln gibt: Das System heißt Torque Shift Engagement und ist ein neuartiges Konzept. Mit der rechten Wippe wählt man fünf Stufen der Drehmomentabgabe, mit der linken fünf Stufen der Motorbremswirkung: Beim Einlenken in die Kurve wird das negative Drehmoment moduliert, beim Herausbeschleunigen die Leistung an Grip und Kurvenradius angepasst.
All das folgt einem weiteren Ziel: einen Klang zu bieten, der nicht künstlich wirkt. Beim Luce erfasst ein Beschleunigungssensor die realen Vibrationen von Antriebsstrang und hinterem Hilfsrahmen; ein Algorithmus filtert unangenehme Frequenzen heraus und gibt innen wie außen nur die edelsten Komponenten wieder. Keine Samples, keine Synthese. Und die endgültige Entscheidung bleibt dem Fahrer überlassen: in einigen Fahrmodi aktiv, in anderen deaktivierbar.
Das fehlende Puzzleteil
Inzwischen sind Wochen vergangen. Der Luce hat für Diskussionen gesorgt wie nur wenige andere, neue Autos, etwa den Jaguar Type 01. Er hat Puristen und Neugierige gespalten, jene, die im Luce einen Verrat sehen, und jene, die ihn als notwendiges Wagnis verstehen. Alles legitim, alles schon gehört. Aber von jenem Tag Ende April sind mir zwei Dinge besonders im Kopf geblieben.
Das Erste sind die Worte, die ich mit Raffaele De Simone gewechselt habe, der zugibt, gezweifelt und seine Meinung geändert zu haben, als er die Prototypen erlebte. Denn der Luce ist, so sagt er mir, nicht nur ein neues Auto: Er eröffnet Entwicklungsszenarien, die es zuvor nicht gab, eine andere Art, die Fahrdynamik eines Sportwagens zu denken.
Das Zweite ist, dass ihn bis heute noch niemand in Bewegung gesehen hat. Alle haben ein Foto, ein Rendering, eine Idee, ein Video beurteilt. Aber alles statisch. Das wahre Urteil, jenes, das mit den Händen am Lenkrad geschrieben wird und nicht mit den Daumen auf dem Smartphone, steht noch aus.
Ferrari Luce, der Blick hinter die Kulissen mit Leclerc und Hamilton
Und vielleicht wird es die Meinung vieler nicht ändern. Aber an einem Grundsatz führt kein Weg vorbei. Über die Optik kann man urteilen, doch Autos muss man fahren.
Ich hatte an jenem Tag einen visuellen Vorgeschmack. Eigentlich sogar noch weniger, denn ich konnte nur ein paar Kurven erahnen. Aber ich konnte auch mit den Ohren gewisse Dinge erspüren und aus der Ferne, in ehrfürchtiger Stille, die Worte der Fahrer aufschnappen.
Finaler Akt: Der Prototyp kehrt an die Box zurück, Hamilton steigt mit einem halben Lächeln aus, diesmal deutlich weniger angespannt. Und Leclerc, zwar ebenfalls lächelnd, aber verschwitzt und leicht blass im Gesicht, verlangt nach einem Glas Wasser. Man sollte Fahrern nie trauen, wenn sie sagen: "Wir gehen es vorsichtig an."
Bildergalerie: Ferrari Luce: Blick hinter die Kulissen mit Leclerc und Hamilton
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