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Porsche 911 Carrera S: Was können 480 PS auf dem Laguna Seca Raceway?

Wir fuhren die Porsche-Legende auf einer der legendärsten Rennstrecken der Welt

Porsche 911 Carrera S (992) auf dem Laguna Seca Raceway
Bild von: Porsche AG

Es ist frisch an diesem Montagmorgen, wie eigentlich fast immer. Man mag Kalifornien mit Trockenheit, Sonnenschein satt und Waldbränden verbinden, doch Hitze ist dank der kühlenden Wirkung des Pazifiks selten. 14 Grad Celsius begrüßen uns am Montag nach dem IMSA-Rennen auf dem Laguna Seca Raceway bei Monterey.

Wir dürfen die brandneue Porsche Driving Experience in Angriff nehmen. Nach dem Barber Motorsports Park hat Porsche North America nun in Kalifornien ein zweites Standbein eröffnet. Irgendwie fragt man sich: Warum eigentlich erst jetzt?

Bildergalerie: Porsche 911 Carrera S (992) auf dem Laguna Seca Raceway

Denn er ist eine Legende, der Laguna Seca Raceway. Nur 3,6 Kilometer lang, aber wie eine Mini-Nordschleife. Weltberühmtes Aushängeschild: die Corkscrew, die völlig verrückte Links-Rechts-Schikane, in der man förmlich in ein Loch fällt. Und Porsche klotzt, statt zu kleckern: Für den Einsteigerkurs gibt es gleich den 480 PS starken 911 Carrera S statt der Einstiegsvariante T mit 394 PS. Das macht auch Sinn, denn kein Modell der 992er-Baureihe verkauft sich besser - hüben wie drüben.

Trotzdem: 480 PS, das sind mehr als beim 996 GT2, der damals ein echtes Fahrmonster war. Aber keine Sorge, die 480 PS fühlen sich wirklich handzahm an. Das PSM (Porsche Stability Management) hält die Power verlässlich unter Kontrolle, ohne aufdringlich zu wirken, die sich zudem fast wie bei einem Saugmotor entfaltet. Es gibt Autos mit wesentlich weniger Leistung, die schwerer zu fahren sind als der Carrera S.

Erst die Theorie, dann die Praxis

Der Kurs beginnt mit einem Theorieteil, in dem die Grunddynamiken des dynamischen Fahrens durchgegangen werden. Da unsere Journalistentruppe bereits größtenteils über Track-Erfahrung verfügte, ging es recht schnell. Es ist in jedem Fall empfehlenswert, sich im Vorfeld mit dem Thema Fahrdynamik schon mal auseinanderzusetzen, sodass der Unterricht, der sich von Über- und Untersteuern bis hin zum kammschen Kreis zieht, eher eine Auffrischung ist als neues Lernen.

Es geht um Basics - etwa, dass im Falle von Untersteuern mehr Lenken nur zu noch mehr Untersteuern führt - aber auch schon um fortgeschrittene Techniken wie verspätetes Setzen von Scheitelpunkten, um mehr Schwung am Kurvenausgang mitzunehmen, oder das Trail Braking, also das Reinbremsen in die Kurve. Und das ist auf dem Laguna Seca Raceway äußerst wichtig.

Eigentlich würde als Nächstes ein Training mit einfachen Fahrübungen im Fahrerlager auf dem Programm stehen. Weil die Abbauarbeiten nach dem IMSA-Rennen aber noch in vollem Gange waren und die ganze Truppe bereits Erfahrung hatte, ging es gleich auf die Strecke. In vier Gruppen natürlich, hinter dem jeweiligen Gruppenleiter, einem erfahrenen Instruktor. Also, Sportmodus rein, Getriebe bleibt im Automatikmodus und raus auf die Strecke.

Porsche 911 Carrera S (992) auf dem Laguna Seca Raceway

Porsche 911 Carrera S (992) auf dem Laguna Seca Raceway

Bild von: Porsche AG

Zunächst geht es in gemächlichem Tempo voran. "Muscle Memory" ist das Schlagwort der ersten Runden. Das Ziel: Der Teilnehmer soll einen Automatismus aufbauen. Dabei helfen Pylonen, die, wie bei solchen Anlässen üblich, Brems- und Einlenkpunkte anzeigen.

"Diesen Buchstaben in der Werbetafel anvisieren", "diesen Telegrafenmasten anvisieren", "dieses Karree in der leeren Werbebrücke anvisieren" - die Orientierungspunkte sind erstaunlich kreativ und detailliert. Hier geht es direkt ans Eingemachte. Das Tempo wird schnell erhöht, bleibt aber noch vom Limit weg. Randsteine am Kurvenausgang sind tabu. Am Ende des Tages sind wir bei ungefähr 90% des Limits - für einen Einsteigerkurs eine steile Lernkurve.

Kritischster Punkt gleich am Rundenbeginn

Wie fühlt es sich an? Wie so oft am Steuer, merkt man die fast 500 PS nicht so spürbar wie auf dem Beifahrersitz. Ein kritischer Moment lauert gleich zu Beginn der Runde: Der Linksknick direkt nach der Ziellinie führt über eine Kuppe. Mit Abtriebsautos kein Problem, doch der ausfahrende Heckspoiler des Carrera kreiert nur bedingt Downforce.

Porsche 911 Carrera S (992) auf dem Laguna Seca Raceway

Porsche 911 Carrera S (992) auf dem Laguna Seca Raceway

Bild von: Porsche AG

Das Auto wird also sehr leicht. Gerade, wenn in der Schlange der Vordermann unvermittelt bremst, kann es hier kritisch werden. Aber gut, das ist Laguna Seca, dafür lieben Fans und Fahrer diese Strecke. Und das ist bereits auch schon die gefährlichste Stelle.

Direkt danach Anbremsen für Andretti Hairpin, und hier lauert gleich eine ordentliche Challenge. "Heiko, Scheitelpunkt verpasst." "Heiko, das war sehr aggressiv auf der Bremse." "Ich habe die kleine Korrektur gesehen, gut gemacht, Heiko." Dem Instruktor entgeht nichts, die Stimme bleibt aber immer freundlich. Ja, die langgezogene Andretti Hairpin war mein persönlicher Frustpunkt. Bis fast zur Hälfte wird in die Spitzkehre reingebremst.

Die Herausforderung liegt dann am Kurvenausgang. Der Porsche geht hier ins Untersteuern, wenn man zu früh ans Gas geht. Es sind Pirelli P Zero Straßenreifen montiert, keine Semislicks. Das Limit kündigt sich langsam durch das "Rubbeln" im Lenkrad an, die Vorderachse ist der begrenzende Faktor. Etwas frustrierend für Fortgeschrittene, genau das Richtige für Einsteiger. Denn hier lässt sich die Theorie direkt in der Praxis erproben: Wenn das Auto anfängt zu schieben, muss die Lenkung gegen den eigenen Instinkt geöffnet werden.

Porsche 911 Carrera S (992) auf dem Laguna Seca Raceway

Porsche 911 Carrera S (992) auf dem Laguna Seca Raceway

Bild von: Porsche AG

Jedenfalls erfordert der 911 Carrera S in dieser Kurve viel Geduld, was generell seine Charakteristik ist. Nur nichts mit Krawall erzwingen. Zu früh am Gas? Untersteuern. Zu früh Richtung Scheitelpunkt gelenkt? Dann geht einem die Straße am Kurvenausgang aus. Zu spät auf der Bremse? Der Grip neben der Ideallinie ist sehr gering und man untersteuert raus.

Es folgen zwei Linkskurven, die einige Kollegen an ihre Grenzen brachten. Innen voll über den Kerb, aber nicht den dahinter befindlichen Baguette-Randstein treffen - und das mit der Beifahrerseite. Wer schon etwas fortgeschritten ist, kann hier auch ein wenig das Heck in die Kurve "reinwerfen". Der erste Einlenkpunkt ist schwer zu treffen, da man sich in der Mitte der Strecke befindet, die nächste, schnellere Rechts ist bereits eine Mutkurve, aus der heraus es Schwung mitzunehmen gilt - später Scheitelpunkt! Die äußeren Kerbs sind leider im Einsteigerkurs tabu, also fernhalten.

Fünf, sechs und immer weiter ...

Kurve 5 macht Spaß, denn sie ist überhöht. Der Porsche reagiert messerscharf beim Bremsen, das Einlenken fällt subjektiv etwas flinker aus als in der Andretti Hairpin. Beim Rausbeschleunigen ist Untersteuern wieder der Feind, aber es gibt großzügigen Asphalt jenseits des Randsteines. Das richtige Öffnen der Lenkung steht im Vordergrund.

Porsche 911 Carrera S (992) auf dem Laguna Seca Raceway

Porsche 911 Carrera S (992) auf dem Laguna Seca Raceway

Bild von: Porsche AG

Durchgeschnauft wird nicht, denn schon winkt das Bremsschild für Kurve 6, eine weitere größere Challenge auf der Strecke. Die Bremse wird nur kurz angetippt, dann gilt es, jede Umdrehung pro Minute mitzunehmen, da ein enormer Anstieg bevorsteht. Diese Kurve bringt selbst Profis an die Grenzen. Der Porsche macht hier richtig Spaß.

Da der Einlenkpunkt auf einer kleinen Kuppe liegt, lässt sich hier das leicht werdende Heck beim Einlenken ausnutzen. Das macht sehr viel Spaß, aber wehe, dabei geht was schief. Leicht zu spät eingelenkt? Dann ist die Runde komplett verloren, da man raus untersteuert und den Schwung für das Bergaufstück "Rahal Straight" verliert. Zu früh eingelenkt? Dann lauert wieder ein fieser Baguette-Randstein. Doch wer die Kurve richtig trifft, wird mit Endorphinen belohnt.

Die Corkscrew geht ganz schnell

Vor der Corkscrew geht es weit nach links, um den Bremspunkt gerade zu machen. Den Helden-Move von Alex Zanardi aus dem Jahr 1996 replizieren wir hier natürlich nicht, stattdessen lenken wir überraschend spät in die Corkscrew ein. Der wilde Ritt ist wirklich schnell vorbei. Am Anfang liegt der Fokus darauf, den Einlenkpunkt zu treffen.

Kaum ins Loch gefallen, muss die Linie für die anschließende Rainey Curve gefunden werden. Die größte Challenge ist, die Hinterräder möglichst auf dem Asphalt zu lassen. Verliert das rechte Hinterrad den Bodenkontakt, regelt die Traktionskontrolle die Leistung komplett weg und man verliert viel Schwung.

Porsche 911 Carrera S (992) auf dem Laguna Seca Raceway

Porsche 911 Carrera S (992) auf dem Laguna Seca Raceway

Bild von: Porsche AG

Die langgezogene Rainey Curve ist im Sim-Racing äußerst frustrierend, weil man hier wegen des starken Gefälles immer Untersteuern hat. In der Realität macht die Kurve deutlich mehr Spaß, wenn man die Linie richtig trifft, denn hier begeistert der Porsche mit einer erstaunlichen Lenkwilligkeit, sobald das Gewicht nach vorn verlagert wird. Klasse! Mittig einlenken und dann so auskommen, dass man den Randstein am Ende der Kurve trifft. Kriegt man das hin, ist es erstaunlich befriedigend.

Voll auf die Zehn

Allerdings gilt es sofort, den nächsten Einlenkpunkt anzuvisieren, denn es folgt meine persönliche Lieblingskurve, die überhöhte Kurve 10. Wieder lässt sich der Porsche schön in die Kurve werfen und das macht richtig Spaß. Aber der Lenkwinkel muss stimmen, denn wer in dieser Kurve ans Limit geht, droht immer, nach links rauszurutschen, trotz der Überhöhung.

Zum Schluss steht noch die enge Zieleingangskurve an, und die ist komplizierter, als sie aussieht. Man will immer zu früh einlenken. Auch hier heißt es wieder: Geduld bewahren und wirklich erst einlenken, wo es die Pylone anzeigt. Denn hier gilt es, den Schwung auf die Zielgerade mitzunehmen. Jede Umdrehung zählt. Hier wird der verspätete Scheitelpunkt wieder in die Tat umgesetzt. Und dann ist die Runde auch schon wieder vorbei. "Toll gemacht von der Corkscrew bis zum Ende!", heißt es mehrfach vom Instruktor. Ja, es gibt auch Lob.

Porsche 911 Carrera S (992) auf dem Laguna Seca Raceway

Porsche 911 Carrera S (992) auf dem Laguna Seca Raceway

Bild von: Porsche AG

Die Stints dauern 15-20 Minuten. Eine gute Zeit, die auch für weniger sportliche Fahrer zu meistern ist, zumal es eine Klimaanlage inklusive Rückenbelüftung gibt. Aber Vorsicht: Neben der Sitzbelüftung befindet sich der Button für die Sitzheizung. Ein Kollege warf diese versehentlich an und hatte dadurch einen etwas "heißen" Stint. Es ist physische Arbeit.

Jeder, der diese Experience mitmachen will, sollte zumindest vorher einmal einen Stint von zehn bis 15 Minuten auf einer Kartbahn gefahren sein. Denn sobald es schneller wird, gerät man ins Schwitzen. Für die Allermeisten sollten die 15 bis 20 Minuten aber kein Problem darstellen - auch dank der Komfortfeatures an Bord.

Zwischen den Stints gibt es angeregte Gespräche über den gerade absolvierten Stint, dazu stellt der Veranstalter kostenloses Trinkwasser und ein Mittagessen zur Verfügung. Gegebenenfalls werden Fahrer in den Gruppen getauscht, sollte jemand Schwierigkeiten haben, in seiner aktuellen Gruppe mitzuhalten.

Am Ende des Tages steht dann noch eine Taxifahrt im 520 PS starken Porsche 911 GT3 an der Seite des Instruktors auf dem Programm. Mit Flügel und vor allem mit Semislicks, die den größten Unterschied machen. Es gibt einen Vorgeschmack auf das, was in den weiteren Kursen ansteht, kann aber auch etwas deprimierend wirken, weil es zeigt, wie weit man noch von dem weg ist, was wirklich geht. Der GT3 und ein 718 Cayman GTS 4.0 winken in den weiteren Kursen. Am Ende werden Urkunden und Fotos für jeden Teilnehmer verteilt. Die Stimmung ist gut und alle fahren mit einem Lächeln nach Hause.

Fazit:

Mit dem Porsche 911 Carrera S hat die Porsche Driving Experience für Beginner absolut ins Schwarze getroffen. Die Leistung entfaltet sich handzahm, die Klimaanlage hält einen schön kühl und die Sitzbelüftung ist Gold wert. Die leichte Untersteuertendenz ist für Einsteiger genau richtig. So zahm, wie sich der 911 Carrera S bewegen lässt, können selbst absolute Einsteiger ihre erste Erfahrung auf einer permanenten Rennstrecke mit einem potenten Boliden auf einer der legendärsten Strecken der Welt genießen. Es macht Spaß, ohne zu überfordern, obschon der Theorieteil für manchen Einsteiger sehr schnell ist.

Wie gesagt, am besten ist es, mit etwas Vorwissen und zumindest dem einen oder anderen Kartstint an die Strecke zu kommen, es geht aber auch ohne Vorerfahrung. Bleibt einzig der Kostenpunkt: 3.500 Dollar plus Anreise sind natürlich eine Ansage. Aber mit ein bisschen Ansparen sind sie durchaus für normale Angestellte erreichbar. Denn der Porsche 911 Carrera S schlägt mit mindestens 156.500 Euro zu Buche. Da rückt sich der Preis schnell wieder gerade.