Nach 100 km ist der Akku leer, aber wirklich komplett leer ... (Teil 2)

Der Smart hält an der Ampel direkt neben mir, seine Stoßstange ist provozierend nah, nur 10 Zentimeter von meinem linken Schienbein entfernt. "Sie ham an Radlweg!", ruft die Fahrerin. Ja, antworte ich, aber da darf ich mit dem Ding nicht drauf! Ich deute nach hinten unten auf mein gelbes Versicherungskennzeichen. "Ah so, Sie ham a ..."

Ja, habe ich. S-Pedelec nennt man das. Das Stromer ST1 fährt 45 km/h, ist so schnell wie ein Roller, und der Radweg ist daher tabu. Nach meiner Halbtagestour von München ins Voralpenland hätte ich es beinahe bis nach Hause geschafft, ohne angemosert zu werden, aber auf den letzten Metern musste es dann doch noch passieren! Egal, die Ausfahrt war toll, lesen Sie hier, wie es mir ergangen ist.

Es ist Samstag früh, und kaum eine Wolke steht am Himmel. Mein Plan: Eine Ausfahrt, bei der ich die Reichweite testen kann. Ich habe den Akku am Vorabend voll aufgeladen. Nach den Herstellerangaben und meinen ersten Erfahrungen glaube ich, dass ich 100 Kilometer mit einer Ladung schaffen könnte. Aber nur, wenn ich in Stufe 1 fahre, das heißt: mit der minimalen Unterstützung.

Tempo 45 sind auf Stufe 3 schnell erreicht, aber nicht in Stufe 1. Aber ich radle locker mit 28 bis 32 km/h dahin, und das ist ja auch schon ganz schön flott. Im Nu habe ich das noch menschenleere München durchquert und fahre auf einer Teerstraße in den Wald hinein.

Mit der elektrischen Unterstützung bin ich natürlich so etwas wie ein Betrüger, weil ich nicht viel tun muss für Tempo 30. Aber kein Mensch regt sich auf. Einmal fährt sogar ein entgegenkommender Rennradler direkt auf mich zu und grüßt vergnügt! Unglaublich. 

Je weiter ich nach Süden fahre, desto hügeliger wird es. Um Strom zu sparen, trete ich bergab nicht, denn wo nicht getreten wird, wird auch nicht unterstützt. Bergauf probiere ich die Achtgang-Schaltung aus. Mein Eindruck ist: Die Unterstützung ist in den kleinen Gängen geringer. Also eine weitere Stromsparmöglichkeit. Allerdings reibt irgendetwas in den drei kleinsten Gängen. Es klingt, als würde die Kette an dem Plastikummantelung des Motors schleifen. Ich steige ab und gucke nach, aber da ist kein Fehler erkennbar.

Stromer ST1 (2020) im Test, Teil 2

Mein Ziel ist Kloster Reutberg, ein wunderbarer Biergarten mit Blick aufs Gebirge, 45 Kilometer südlich von München. Aber ach, Kloster Reutberg kommt immer näher, und ich habe keinen Durst. Mir fehlt das Gefühl: Jetzt hab ich mir eine Radlermaß verdient! Auch in den nahe Kirchsee zu springen, ergibt keinen Sinn, ich habe ja kaum geschwitzt.

Das zweite Problem: Wenn ich auf den Tacho gucke, schwindet die Reichweite. Losgefahren bin ich mit 100%, inzwischen bin ich bei 69%. Kein Problem eigentlich, noch genug Saft drin, aber andererseits: Bei 50% muss ich umkehren!

Stromer ST1 (2020) im Test, Teil 2
Der Point of Return: 50% sind nach 46 km erreicht

Als ich in Kirchbichl den Wegweiser zum Biergarten sehe, zeigt mein Tacho 50% an. Zeit, umzukehren. 45 Kilometer sind geschafft, wenn es zurück genauso läuft, dann müsste ich mit dem Akku auf 90 km gerade so hinkommen.

Zurück geht es eine ganze Weile lang eine ziemlich stark befahrene Staatsstraße entlang, ich werde immer wieder von Autos im Landstraßentempo überholt, aber seltsamerweise bekomme ich es nicht mit der Angst zu tun. Ich radle entspannter dahin als sonst. Vermutlich kommt das von der geringen körperlichen Anstrengung, ich bin einfach weniger gestresst ...

Inzwischen bin ich allerdings akkumäßig im roten Bereich angelangt. Der beginnt unterhalb von 30%. Kein Problem für mich, München ist nahe, es sind noch 20 km. Und da bei meinem ST1 die Prozentzahlen etwa den Restkilometern entsprechen, denke ich: Alles richtig gemacht, Stefan!

Nach 88 Kilometern mache ich Pause, das Display zeigt noch 13% an. Ich schalte das System ab, genehmige mir ein Mittagessen. Der Schock kommt, als ich das Rad wieder anschalte. Nun zeigt das Display plötzlich nur noch 1%! Und ich habe noch rund 10 km nach Hause. Egal, denke ich mir, ich habe Pedale, liegen bleiben werde ich also nicht.

Stromer ST1 (2020) im Test, Teil 2
Fast leer: Nur noch 1%!

Die letzte Etappe gestaltet sich dann doch noch recht erfreulich. Der Akku zeigt längst 0% an, aber ab und zu findet sich offenbar noch das eine oder andere Elektron im Stromspeicher. Manchmal gehen noch 27 km/h, dann bremst mich das Rad wieder auf 20 km/h herunter. Offenbar rekuperiert das System, wenn es glaubt, das wäre gerade passend. Das Umschalten geschieht für mich allerdings manchmal etwas überraschend.

So oder so, ich erreiche auch mit flachem Akku problemlos mein Zuhause. Wie gesagt, nicht ohne ganz am Schluss doch noch angemosert zu werden. Aber die Ausfahrt ist gelungen. Bis zu meiner Pause habe ich 88,5 km geschafft. Und danach war wohl auch noch Strom für ein paar wenige Kilometer im Akku. 90 km sind also realistisch, wenn man in Stufe 1 bleibt.

Fazit der Ausfahrt

Auf meinem nicht-elektrifizierten Trekkingrad dauert eine 100-km-Tour einen ganzen Tag und danach bin ich platt. Mit dem Stromer ST1 wird eine lockere Halbtagestour daraus. Aber gerade deswegen ist mir die Reichweite zu klein. Der bei meiner Version verbaute Akku mit 618 Wattstunden reicht für 90 km in Unterstützungsstufe 1. Dass damit nur 30 km/h möglich sind, würde mich weniger stören, aber nach einer Halbtagestour bin ich noch nicht zufrieden.

Sollte man als Käufer also einfach einen größeren Akku ordern? Vielleicht. Ich könnte dann in Gegenden fahren, die ich mit meinem normalen Rad nicht per Tagestour erreiche. Aber für mich stellt sich auch eine Sinnfrage: Warum radle ich überhaupt? Doch auch, damit das Bier besser schmeckt und sich der Sprung in einen kühlen See lohnt. Und damit ich abends das Gefühl habe, dass ich was geschafft habe. Ob das nach 200 km mit dem ST1 der Fall wäre? Ich weiß nicht, da bin ich skeptisch.

Ansonsten war die Ausfahrt eine runde Sache. Die Reichweite lässt sich zuverlässig vorausberechnen, sogar besser als bei vielen Elektroautos. Mein Schock nach der Pause, als sich die Restladung plötzlich von 13 auf 1% verringert hatte, bleibt allerdings rätselhaft.

Bildergalerie: Stromer ST1 (2020) im Test, Teil 2