Als "Stig" mit Monster-Helm und Berner Nummernschild quer durch München

Wenn ein Autojournalist "Stromer" schreibt, meint er normalerweise ein Elektroauto, und davon gibt es derzeit eine Menge neue Modelle zu fahren. Doch diesmal teste ich einen echten Stromer, das S-Pedelec ST1 von der gleichnamigen Schweizer Firma.

Sie wissen nicht, was ein S-Pedelec ist? Ganz einfach, das ist ein E-Bike, das bis zu 45 km/h schnell wird. Richtig gelesen: 45 km/h, wie ein Roller. Wie bei einem normalen E-Bike (oder Pedelec) gibt es keinen Gashebel, sondern man muss treten, wenn auch viel weniger als auf dem normalen Fahrrad. Auf Letzterem bin ich zu Hause, und normale Pedelecs habe ich auch schon etliche gefahren, aber auf dem S-Pedelec bin ich völliger Neuling. Umso gespannter bin ich, wie sich sowas fährt.

Mein Test-Rad wird per Lkw geliefert, in einer riesigen Holzkiste. Angesichts der perfektionistischen Verpackung denke ich sofort: typisch schweizerisch. Ich rolle das Ding ins Büro und schalte es zum ersten Mal an - mit einem Button, den die Ingenieure an der Unterseite des Oberrohrs versteckt haben.

Stromer ST1 (2020) im Test, Teil 1
Das Stromer kommt in einer riesigen Holzkiste. Das Stromer? Nein, man sagt 'der Stromer'.

Der Scheinwerfer geht an, und prompt beschwert sich mein Kollege, der in locker zwanzig Meter Entfernung am anderen Ende des Büros sitzt, dass ich ihn blende. Eine Funzel ist das also beileibe nicht. Ich stelle den Scheinwerfer gleich mal ein paar Grad nach unten. 10 Meter vor einem soll der Lichtkegel auftreffen, das kenn' ich vom normalen Fahrrad.

Stromer ST1 (2020)
Mein Stromer hat ein Berner Nummernschild - der Hersteller kommt aus der Schweiz

Das Bike ist vollgeladen, das Display meldet 100 Kilometer Reichweite. Ich hatte von zu Hause Inbus-Schlüssel mitgenommen, aber das Rad ist perfekt eingestellt für mich. Ich hatte eine Luftpumpe dabei, aber die Reifen sind aufgepumpt. Ich könnte eigentlich sofort losfahren. Nur dass ich nicht an meinen Radhelm gedacht habe. Also muss unser "Stig"-Helm dran glauben, ein vollwertiger Motorrad-Integralhelm mit schwarzem Visier, der ein wenig monstermäßig aussieht, wie bei dem berühmten Stig aus Topgear halt. Ein Helm ist nun mal Vorschrift auf einem S-Pedelec.

Nach einer Viertelstunde Schwerstarbeit habe ich meinen Schädel in den Helm gezwängt und mir zuletzt auch noch die Brille durch das geöffnete Visier aufgesetzt. Jetzt kann es losgehen. Zu allererst machen wir ein paar Bilder. Sie zeigen den Tester mit dem monströsen Helm bei lockerer Fahrt mit 20 km/h. Dass es so dynamisch aussieht, hat unser Fotograf gemacht.

Stromer ST1 (2020)

Schnell merke ich aber schon bei diesen ersten Fahrten, dass das Rad sehr handlich ist, das Wenden auf der schmalen Seitenstraße gelingt auf Anhieb. Und der Vortrieb ist gigantisch, wie Fotograf Fabi bestätigt, der es sich nicht nehmen lässt, auch mal eine Runde zu drehen.

Damit er mir den Stromer nicht gleich wegnimmt, beschließe ich, möglichst schnell abzuhauen. Normalerweise würde ich vom Büro aus auf dem Fahrradweg an einer vierspurigen Ausfallstraße nach München hinein fahren. Aber mit dem S-Pedelec darf ich nicht auf den Radweg, ich muss auf der Straße fahren. Aber gleich am Anfang auf so eine große Straße? Lieber fahre ich erstmal kleine Seitenstraßen parallel dazu.

Mein Zutrauen zu dem ST1 wächst schnell. Zum Anfahren nimmt man am besten einen nicht allzu großen Gang (der Stromer ST1 hat neun) und aktiviert die maximale Unterstützung (Stufe 3 von 3), dann geht es zügig voran. Die Unterstützung wird mit zwei Tasten am linken Griff gewählt:

Stromer ST1 (2020)
Links neben den Tasten: Die Hupe! Vorsicht, die ist laut.

Später muss ich dann doch im Autoverkehr mitschwimmen. Ich hatte befürchtet, dauernd angehupt oder angemosert zu werden, weil ich nicht den Radweg benutze. Aber nichts da: Vielleicht sind die Münchner ausnahmsweise mal entspannt? Oder es liegt daran, dass jetzt mittags weniger Verkehr ist? Oder merken die Autofahrer an meinem Motorradhelm, was Sache ist? Keine Ahnung.

Aber ich kann ja auch einigermaßen mithalten, fahre oft 45 oder 48 km/h laut Tacho. Ach ja, den Tacho hatte ich noch nicht erwähnt.

Stromer ST1 (2020)

Der Tacho ist schön ins Oberrohr integriert. Nachteil: Ich muss nach unten schauen, um das Tempo zu checken. Das ist besonders schwierig, wenn man einen monströsen Motorradhelm aufhat. Das Sichtfeld mit dem Helm ist klein. Ich kann mich damit auch schlecht umgucken. Der eigentlich vorgeschriebene Rückspiegel wäre vielleicht eine Hilfe gewesen, doch den hat Stromer weggelassen.

Trotz großzügiger Umwege komme ich in Rekordzeit zuhause an. Das Display, das beim Losfahren auf 100 km stand, meldet nach den gefahrenen 17 Kilometern nicht 83 km, sondern nur noch 61 km Restreichweite. Das kommt daher, dass ich fast immer auf Stufe 3 gefahren bin, und dass mein Geschwindigkeitsprofil aussieht wie ein Sägeblatt. Kein Wunder, wenn man nach jedem Ampelstopp mit voller Kraft losfährt, weil man die wartenden Autos im Rücken hat:

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Jedenfalls komme ich heil an meiner Wohnung in der Münchner Innenstadt an. Ich bin am Rücken durchgeschwitzt, sie Haare sind klatschnass. Beim Losfahren habe ich doch etwas Kraft investiert, aber der Hauptteil des Schweißes ist wohl dem verdammten Helm zuzuschreiben. Ich schwöre: Beim nächstes Mal fahre ich garantiert mit Fahrradhelm!

Mein erstes Fazit

Der Stromer bietet einen gigantischen Vortrieb, das Fahren macht Spaß, zumal, wenn man sieht, dass man beim Ampelstart zumindest mit Kleinstwagen und LKW ganz gut mithalten kann. Und bisher hat noch kein Autofahrer hinter mir gehupt - davor hatte ich etwas Angst.

Wenn man auf schlecht geteerten Nebenstraßen bei rund 35 km/h über eine Schwachstelle im Asphalt donnert, ist der Stromer bisweilen etwas hart. Das Ding hat schließlich keine Federung, und Die Reifen sind zwar ganz schön breit (54 Millimeter), aber vielleicht kann man etwas Luft ablassen? Ich werde das demnächst ausprobieren.

Stromer ST1 (2020)
Ordentlich breit: Die Reifen

Wie es weitergeht

Dies waren meine ersten Kilometer mit dem Stromer ST1, aber sicher nicht die letzten. Die erste Begegnung war ein kleines Abenteuer für einen Autojournalisten, der sonst fast immer nur Dinge mit vier Rädern testet. Wenn Sie Lust haben, dann begleiten Sie mich auch auf den nächsten Fahrten. Demnächst ist eine Ausfahrt aufs Land geplant. Ich bin gespannt, wie weit ich mit dem Akku komme. Dann schreibe ich auch ein wenig mehr über das Aufladen sowie Varianten und Preise des Stromer ST1.

Bildergalerie: Stromer ST1 (2020) im Test, Teil 1

Bild von: Fabian Grass