Ohne echte Geländeambition: Drei kompakte Fronttriebler-SUVs im Vergleich

Die automobile Unvernunft hat viele Namen. Einer davon lautet ,Sport Utility Vehicle", oder kurz: SUV. Vor rund zehn Jahren begann die Welle der Pseudo-Offroader nach Europa überzuschwappen. Und wie das mit unvernünftigen Trends oft ist, startete auch dieser seinen Siegeszug jenseits des großen Teichs. Während Uncle Sams Vorliebe für die wuchtigen Soft-Roader angesichts endloser Freeways und wüstengroßer Parkplätze verständlich erscheint, ziehen große Allradler in der alten Welt mehr und mehr den heiligen Zorn der Umweltschützer auf sich. Denn eins ist klar: Ein Mitteleuropäer braucht keinen Geländewagen mit V8-Motor und Allradantrieb, um die statistischen 1,5 Kinder zur Schule zu bringen.

Unvernünftig vernünftig
Insofern sind unsere drei Kandidaten nicht weniger als die konsequente Anpassung eines Fahrzeugkonzepts an die tatsächlichen Bedürfnisse der Kunden. So unterschiedlich Nissan Qashqai, Fiat Sedici und Hyundai Tucson nämlich auch sein mögen, in einem Punkt sind sie gleich: Alle drei tragen das Kürzel ,2WD" im Namen, verzichten also auf Allradantrieb und schicken ihre Motorkraft an die Vorderräder. Klar: Für die Fahrt über unwegsame Dschungelpisten scheiden sie damit aus. Da aber rund 95 Prozent aller SUV-Fahrer die Offroadfähigkeiten ihrer Fahrzeuge sowieso nie nutzen, dürfte dieses Manko die Marktchancen der drei Pseudo-Naturburschen nicht wesentlich schmälern.

KAROSSERIE / INNENRAUM
Unterschiedliche Ansätze beim Aufbau: Der Tucson spielt mit seiner wuchtigen Front, der langen Motorhaube sowie einer hohen Fahrgastzelle und mit viel Luft zwischen Reifen und Radlauf den knorrigen Geländewagen alter Schule. So kastenförmig wie der Koreaner dasteht, erinnert er an die kernigen Modelle der frühen Zeit, als SUVs noch Offroader hießen. Der kompakte Fiat Sedici hingegen wirkt eher wie ein Hochdachkombi. Daran ändern auch die seitlichen Prallplatten aus Kunststoff und der angedeutete Unterfahrschutz am Heck nichts: Was die Optik angeht, ähnelt der Italiener in diesem Trio sicherlich am ehesten einem ,normalen" PKW. Ganz im Gegensatz zum Verkaufsschlager Qashqai, den Nissan nicht zu unrecht einen ,Crossover" nennt. Lang gestreckt und mit flacher Dachlinie liegt der Japaner optisch ziemlich genau zwischen dem kastigen Tucson und dem PKW-ähnlichen Sedici. Beim Thema Styling hingegen ist der Nissan in diesem Testumfeld alles andere als ,middle of the road": Er wirkt eindeutig am modernsten und sticht mit seiner coolen Optik Sedici und Tucson im Schönheitswettbewerb locker aus.

Platz für alle
Ein Hauptargument für SUVs ist ihr Platzangebot. Die Besatzung jedenfalls hat in keinem der drei Fronttriebler Anlass zur Beschwerde. Der Tucson vermittelt zwar das großzügigste Raumgefühl, aber auch Fiat und Nissan bieten vorne wie hinten genug Platz für längere Etappen. Allerdings: Der Qash-qai verwöhnt mit dem eindeutig schicksten Passagierabteil. Dazu protzt der Asiate mit guter Komfortausstattung: Ein CD-Radio hat er grundsätzlich an Bord, in unserem Testwagen ist zusätzlich ein Bildschirm-Navi mit CD-Wechsler, MP3-Funktion und Rückfahrkamera montiert. Das nennt sich ,Executive-Paket Acenta" und kostet 2.200 Euro extra. Das durchgestylte Interieur des Japaners mit den Nissan-typischen Stoffbezügen im Netzhemd-Look, angenehm weichen Oberflächen und sportlichen Rundinstrumenten verströmt ein Flair von Technik und cooler Modernität. So in etwa stellt man sich ein Auto vor, mit dem adrenalinsüchtige Extremsportler zum Kitesurfen oder Base-Jumping fahren. Dazu passt der geräumige Kofferraum, der mit einer Basisgröße von 410 Liter genug Platz für das eine oder andere Bungeeseil bietet.

Etwas altbacken
Gedanken an coole Trendsportarten dürften der Tucson-Besatzung spontan kaum kommen. Innenraum-Materialien und -Styling des Koreaners gehen zwar in Ordnung, erreichen aber nicht annähernd den hohen Standard des Nissan. Zudem liegt der Hyundai in Details nicht wirklich auf der Höhe der Zeit. Statt eines integrierten Entertainmentsystems sitzt etwa ein Nachrüst-Naviradio von Becker im Armaturenbrett (Aufpreis: 636 Euro). Auch die Anzeige für die rückwärtige Einparkhilfe (ab 133 Euro) wirkt wie eine Nachrüstlösung: Ein Plastik-Ufo auf der Innenverkleidung der C-Säule piepst lautstark und blinkt rot, sobald ein Objekt hinterm Heck ausgemacht wird. Eine Sitzheizung oder einen intelligenten Gurtwarner suchen wir vergebens. Bei der Bedienung gibt's hingegen nichts zu meckern und dank separat öffnender Heckscheibe lässt sich das Gepäckabteil schnell mit Kleinkram beladen.

Italienischer Japaner
Das Fiat-Logo auf dem Lenkrad kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir es hier eigentlich mit einem Japaner zu tun haben. Schließlich ist der Sedici nichts anderes als ein Suzuki SX4 mit Fiat-Emblemen. Wenig japanisch, eher spartanisch wirkt allerdings die Ausstattung des Italieners. Ein CD-Radio ist an Bord, MP3-Dateien liest der Südländer aber nur gegen 100 Euro Aufpreis. Ein Navi ist in der Basisausstattung ,Dynamic" generell nicht lieferbar. Immerhin ist unser Fiat mit dem Winterpaket für 410 Euro ausgestattet, bietet also Annehmlichkeiten wie eine Sitzheizung oder Lüftungsdüsen im Fond. Trotz Heizung: Auf den nicht-höhenverstellbaren Sedici-Sesseln kann es leicht ungemütlich werden. Die Polsterung ist reichlich dünn, und Unebenheiten auf der Sitzfläche drücken unangenehm in den Allerwertesten des Fahrers. Ähnlich wie im Hyundai gehen Materialien und Verarbeitung im Inneren in Ordnung – uns haben sie einen Tick besser als im Koreaner gefallen. An den coolen Look und das sorgfältige Finish des Qashqai kommt aber auch der Fiat nicht heran.

MOTOR / GETRIEBE
Gerade in dieser Klasse lautet die zentrale Frage: Diesel oder Benziner? Daher tritt der Fiat mit dem kräftigen 1,9-Liter-Turbodiesel mit 120 munteren PS an. Qashqai und Tucson hingegen rollen mit ihren jeweiligen Minimalmotorisierungen an den Start. In beiden Fällen sind das Ottomotoren ohne Zwangsbeatmung. Im Qashqai werkelt ein 1,6-Liter-Vierzylinder mit bescheidenen 114 PS. Der Tucson gibt mit seiner 2,0-Liter-Maschine den Kraftmeier und wirft 141 PS in die Waagschale. Schon nach den ersten Metern mit dem Fiat wird klar, warum Dieselmotoren in dieser Klasse so beliebt sind. Auf der großen Drehmomentwelle reitend, schiebt der Italiener munter nach vorne. Dank serienmäßigem Sechsgang-Getriebe fällt es zudem leicht, den Selbstzünder im idealen Drehzahlbereich zu halten. Gerade im kalten Zustand gibt sich die Schaltbox mit den kurzen Hebelwegen aber etwas knorpelig. Und Laufkultur und Schalldämmung des Fiat sind auch nicht up-to-date. Sein Turbodiesel ist akustisch stets präsent und macht gerade bei höheren Geschwindigkeiten nachdrücklich auf sich aufmerksam.

Gerade ausreichend motorisiert
Im direkten Vergleich gibt sich der kleine Benziner des Nissan dagegen flüsterleise. Allerdings merkt man ihm sein Manko bei Hubraum, Leistung und Drehmoment deutlich an. In der Stadt fühlt sich der Crossover noch ausreichend spritzig und lebendig an, sobald aber die Tachonadel die 100-km/h-Marke passiert, wirkt der Motor angestrengt und zugeschnürt. Qashqai-Interessenten, die oft mit hoher Zuladung unterwegs sind, sollten ernsthaft über den nächststärkeren Motor nachdenken. Sobald zu den 1,4 Tonnen Leergewicht die Masse von vier Erwachsenen hinzukommt, hat der kleine 1,6-Liter-Benziner nämlich seine liebe Müh' mit dem Japaner. Im Gegensatz zum Fiat gibt's bei Nissan zudem nur ein Fünfgang-Getriebe. Das schaltet sich knackig, allerdings fehlt ihm die letzte Präzision. Der Rückwärtsgang verlangt außerdem ungewöhnlich viel Nachdruck und rutscht ab und an wieder heraus, wenn er nicht genau genug eingelegt wird.

Ausgeglichene Verhältnisse
Das 2,0-Liter-Aggregat des Tucson schließlich ist nicht ganz so kultiviert wie der Qashqai-Motor, aber immer noch deutlich ruhiger als der Fiat-Diesel. Obwohl sich der Koreaner nicht wirklich sportlich anfühlt, kann er dem Nissan auf der Autobahn das Endrohr zeigen. Allerdings fährt ihm der Fiat bei Vollgas mit 190 km/h knapp davon. Die maximal 175 km/h des Qashqai hingegen kann der Hyundai gerade noch kontern: Mit etwas Anlauf langt's bei ihm zu 180 Sachen. Bei diesem Tempo erhebt der Koreaner deutlich die Stimme, denn auch er hat nur fünf Gänge. Die Hyundai-Schaltung fühlt sich zudem recht weich an und hat lange Wege. Trotzdem flutschen die Gänge präzise hinein und auch die Abstufung geht in Ordnung.

Dick und durstig?
Zusammen mit dem hohen, kantigen Aufbau und der großen Stirnfläche ist sicherlich auch das Fehlen der sechsten Fahrstufe verantwortlich für die wenig zurückhaltenden Trinksitten des Tucson. Auf unserer Verbrauchsrunde genehmigte sich der Koreaner mit 9,6 Liter auf 100 Kilometer deutlich mehr als der Qashqai. Der Nissan wirkt zwar oft angestrengt, kippte sich aber trotzdem nur 8,2 Liter Super je 100 Kilometer hinter die Binde. Für einen Diesel seiner Größe gab sich der Fiat auf unserer Standard-Tour hingegen erstaunlich durstig: 6,9 Liter je 100 Kilometer generierten zwar das subjektiv spritzigste Fahrerlebnis – für einen Diesel dieser Leistungsklasse ist das aber sicher kein rekordverdächtiger Wert.

FAHRWERK / LENKUNG
Hoher Schwerpunkt und lange Federwege: Ein SUV – und sei es nur ein kleines – ist kein Sportwagen. So gesehen kann die Leistung der Nissan-Ingenieure gar nicht hoch genug bewertet werden, denn starkes Wanken steht im Qashqai nicht auf dem Programm. Der Japaner geht fast, aber eben nicht ganz so flach durch schnelle Kurven wie ein klassischer PKW. Sportlich direkt fühlt sich auch die Lenkung an, und die fein dosierbare Bremse hat den kleinen Soft-Roader gut im Griff. Klar: Durch den relativ schlappen Motor fällt es schwer, das exzellente Chassis überhaupt an seine Leistungsgrenze zu bringen. Wer es dennoch darauf anlegt, wird untersteuernd auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Zusätzlich wacht das serienmäßige ESP.

Unzeitgemäß
Den elektronischen Schutzengel gibt's im 2WD-Sedici weder für Geld noch für gute Worte. Erst ab der Ausstattungslinie ,Emotion" steht ESP für 500 Euro in der Fiat-Aufpreisliste. Um Leib und Leben muss deshalb zwar niemand fürchten – weshalb in dieser Preisklasse aber noch nicht einmal die Option auf ESP besteht, ist ein Rätsel. Insgesamt fährt sich der kleine Italiener undramatisch: Der schwere Dieselmotor auf der Vorderachse sorgt für eine deutliche Untersteuerneigung, macht den Fiat aber nicht zum Kurvenmuffel. Die Lenkung ist präzise genug, könnte aber beim Einparken mehr Unterstützung bieten. Auch die Bremsen verrichten ihre Arbeit klaglos: Hinten sind im Fiat zwar nur Trommeln verbaut, trotzdem gehen Bremsleistung und Dosierbarkeit in Ordnung.

Nicht zu schnell, bitte
Beim Tucson passt das rustikale Äußere zum Fahrwerk. Das schluckt zwar ordentlich was weg, Kurven sind allerdings nicht der bevorzugte Aufenthaltsort des Koreaners. Er wankt deutlich und untersteuert heftig, sobald es der Fahrer mit dem Tempo übertreibt. In solchen Extremsituationen greift zudem das serienmäßige ESP hart regelnd ein und mahnt zur Zurückhaltung. Ebenfalls wenig sportlich ist die weiche Lenkung, die nicht frei von Antriebseinflüssen agiert und zudem ab etwa 120 km/h ein leichtes Zittern ins Volant überträgt. Zur Vernichtung von Bewegungsenergie setzt der 1,5-Tonner auf Scheibenbremsen rundum, die mit dieser Aufgabe problemlos klar kommen.

AUSSTATTUNG / PREIS
Preislich liegen scheinbar Welten zwischen den Testkandidaten. Immerhin gibt's den Sedici schon ab 18.690 Euro, während der Qashqai als Acenta mit 21.240 Euro zu Buche schlägt. Allerdings: Der Nissan kommt mit zahlreichen Goodies daher, die es für den Italiener nur als Extra oder gar nicht gibt. Mit 19.890 Euro liegt der Grundpreis des Hyundai ziemlich genau zwischen dem des Fiat und des Nissan. Dafür gibt's im Koreaner aber keine kühle Luft im Sommer. Einzige Option im 2WD-Tucson ist die manuelle Klimaanlage für 1.290 Euro. Ansonsten jedoch steht der Hyundai besser als der Fiat da, denn Dinge wie ESP, höhenverstellbare Sitze oder elektrische Fensterheber rundum sind bei ihm serienmäßig.

Wertung

  • ☆☆☆☆☆☆☆☆☆☆
  • Am deutlichen Sieg des Qashqai kann es keinen Zweifel geben. Der Nissan wirkt mit Abstand am modernsten, bietet das schickste Interieur, die beste Verarbeitung und ein exzellentes Fahrverhalten. Einziger Schwachpunkt des Asiaten ist der Motor, der gerade bei beladenem Fahrzeug und bei höheren Geschwindigkeiten reichlich angestrengt wirkt.

    Im Vergleich zum Hyundai kann der Sedici zwar mit dem besseren Fahrwerk und dem kräftigen Turbodiesel punkten. Mit seiner kargen Ausstattung, die auch gegen Aufpreis nicht wesentlich aufgepeppt werden kann, wirkt er jedoch nicht wirklich wie ein Auto, das an der 20.000-Euro-Schallmauer kratzt. Hinzu kommt die unverständliche Politik, ESP erst ab der zweitteuersten Ausstattungslinie anzubieten.

    Bei Hyundai gibt's hingegen für etwas unter 20.000 Euro (plus 1.300 Euro für die Klimaanlage) deutlich mehr Auto fürs Geld. Das etwas grobschlächtige Äußere, das weiche Fahrwerk und der durstige Motor sind zwar nicht wirklich zeitgemäß, aber wenigstens hat der Tucson so etwas wie Charakter – wenigstens ansatzweise. Das allerdings ist nicht der Grund, warum der Fiat hier nur den letzten Platz einheimst. Gäbe es den Italiener mit ESP, hätte er sich Platz zwei mit dem Hyundai geteilt.

  • Fiat Sedici 1.9 JTD 4x2
    70%
    muntere Fahrleistungen, gutes Fahrwerk
    ESP nicht lieferbar, recht karges Interieur
  • Hyundai Tucson 2.0 2WD GLS
    80%
    viel Auto fürs Geld, großzügiges Raumgefühl
    wankendes Fahrwerk, durstiger Motor, einfaches Interieur
  • Nissan Qashqai 1.6 2WD
    85%
    bester Innenraum, erstaunlich sportliches Fahrwerk
    relativ schlapper Motor, höchster Grundpreis

Ich wär` so gern ein SUV