Bringen kleine Vierzylinder-Diesel die obere Mittelklasse ordentlich voran?

Der Fünfer-BMW und die Mercedes E-Klasse sind klassische Sechszylinder-Träger. So zumindest sieht es Otto-Normalautofahrer und träumt sich eine der Nobellimousinen mit sattem Sechser herbei. Oder gar mit einem noch viel satteren V8. ,Einen BMW-Fünfer mit Vierzylinder? Nein danke, sowas kommt mir nicht ins Auto. Viel zu laut und zu lasch, da kann ich ja gleich laufen!" Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass die Vierzylinder nicht besonders leise sind und auch nicht die Wurst vom Teller ziehen. Dass Hersteller überhaupt die kleinen Motoren in den größeren Klassen anbieten, so die Volksmeinung, sei dem Marketing geschuldet: Man will ein preiswertes Einstiegsmodell haben, um auf Werbeanzeigen stolz einen niedrigen Startpreis zu verkünden.

Spar-Brenner im Rampenlicht
Doch seit ,Downsizing" zum Modewort geworden ist und alle vor dem Geldautomaten einen Gang runterschalten, rücken die Vierzylinder als Spar-Brenner wieder mehr ins Rampenlicht. Wir haben uns mit den kleinen Motoren in den Einstiegsmodellen beschäftigt und den BMW 520d gegen den Mercedes E 220 CDI antreten lassen.

KAROSSERIE/INNENRAUM Die beiden deutschen Nobel-Autos stehen elegant und selbstbewusst auf der Straße, wenngleich auch jedes auf eine andere Weise schick ist. Der Fünfer-BMW ist traditionell das markante Gesicht in der Menge. Trotz seiner eher zeitlosen Form sieht man ihm aber an, dass er langsam in die Jahre kommt und 2010 auch folgerichtig abgelöst wird. Diesen Generationswechsel hat die E-Klasse bereits vor wenigen Monaten erfolgreich hinter sich gebracht und kommt entsprechend modern gewandet daher. Der Stuttgarter sieht schnittiger aus als der Münchner, der eher einen bodenständigen Eindruck hinterlässt. Ein auffälliges Merkmal an unserem Test-Benz sind die hakenförmigen Tagfahr-LED, die der Limousine noch mehr Respekt verleihen. Beim BMW wird das Tages-Licht mit Corona-Ringen gebildet. Das wirkt eleganter als das gleißende Weiß aus Stuttgart.

Mercedes: Niedrigere Ladekante
Dafür gehen die Punkte wieder in Richtung Schwaben, wenn es um den Kofferraum und die Stauqualitäten der Limousinen geht. Der Mercedes hat eine niedrigere Ladekante als der BMW und bietet auch durch eine breitere Öffnung bessere Möglichkeiten, das Gepäck zu verstauen. Bei den Ladevolumina nehmen sich die beiden nicht viel, obwohl auch hier der Mercedes die spitze Nase vorn hat: 540 Liter schluckt der Mercedes, 520 Liter passen in den BMW. Bei beiden Vergleichskandidaten können wir vom Kofferraum aus im Handumdrehen die Rücklehnen entriegeln, um Sperriges verstauen. Der Rückbau funktioniert beim Mercedes einfacher: Da der Sicherheitsgurt des mittleren Sitzes in die Lehne integriert ist, stört das Rückhalteband beim Wiederaufrichten der Lehne nicht. Wir machen gleich den Dienstwagentest und platzieren uns in die zweite Reihe. Im Mercedes sind wir tiefer gebettet als im BMW, haben dennoch gefühlt weniger Kopffreiheit. Beide verwöhnen uns aber mit einer ausklappbaren Mittelarmlehne. Ebenfalls beide unterstützen beim Aussteigen die örtlichen Schnellreinigungen: An den weit nach vorn gezogenen Radkästen kann man sich schnell die Kleidung beschmutzen.

Mercedes mit Super-Sesseln
Hinter den Lenkrädern sind wir bei beiden Nobelkarossen standesgemäß untergebracht. Das Münchner Kindl bietet ausziehbare Oberschenkelauflagen und recht bequeme Sportsitze mit ausreichend Seitenhalt. Unser Test-Mercedes schöpft aus dem Vollen und schmeichelt uns mit aufpreispflichtigen Fahrdynamik-Sitzen samt Massagefunktion, Heizung und Lüftung. Wofür der Stuttgarter allerdings ein richtig dickes Lob verdient, sind die Tasten der Sitzverstellung an der Tür in Höhe der Schulter. Besser zu erreichen geht es kaum.

MOTOR/GETRIEBE Die Vierzylinder-Diesel in unserem Duo haben zwei Liter (BMW) und 2,1 Liter Hubraum. Im Weiß-Blauen liefert die Maschine 177 PS, im Sternenauto 170 Pferdestärken. Die Kraft wird beim BMW via Sechsstufen-Automatik auf die Hinterräder übertragen, im Benz nimmt die Kraft den Weg ebenfalls nach hinten, muss aber nur fünf Stufen überwinden. Während die Mercedes-Box die Stufen butterweich wechselt, ist im BMW manchmal ein leichter Ruck zu spüren. Das Getriebe schaltet auch hin und wieder etwas unharmonisch. Im Benz können wir auf Knopfdruck die Schaltcharakteristik zwischen komfortabel und sportlich variieren. Nach dem Kaltstart sind beide Maschinen nicht besonders leise, der BMW ist deutlicher herauszuhören. Der Motor im Mercedes läuft weicher und ist bei höheren Touren das akustisch dezentere der beiden Aggregate. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum sich der Benz gefühlt viel weniger spritzig in Bewegung setzt als sein Konkurrent. Eine Gedenksekunde brauchen beide beim Anfahren. Betrachtet man die reinen Dynamikwerte, ist der Mercedes mit 8,8 Sekunden auf Tempo 100 aber nur vier Zehntel Sekunden langsamer als der BMW. Für den Alltag reicht die Beschleunigung beider Autos völlig aus. Dafür liegt dieseltypisch in den unteren und mittleren Drehzahlbereichen jede Menge Kraft an, bei beiden ist der Vortrieb spürbar druckvoll. Immerhin wummert im Mercedes ein Drehmoment von 400 Newtonmeter bei 1.400 Umdrehungen, im BMW prasseln 340 Newtonmeter bei 1.750 Touren auf die Kurbelwelle.

Mercedes: Höherer Verbrauch
Doch die Entscheidung für einen Vierzylinder fällt sicherlich nicht nur wegen eines niedrigeren Einstiegspreises, auch die Verbrauchswerte spielen eine nicht unwichtige Rolle. Betrachten wir also den Durst der eleganten Viertürer: Hersteller Mercedes nennt einen Schnitt von 6,0 Liter Diesel, der BMW nimmt sich laut Werksdatenblatt 5,6 Liter Selbstzünder-Öl aus dem Tank. Bei unserem Test im Alltagsbetrieb durch die Stadt, über Land und auf der Autobahn haben wir diese Werte nicht erreicht, vor allem der Mercedes weicht doch ordentlich von der Fabrikanangabe ab. 8,9 Liter haben wir mit ihm verbraucht, der BMW nahm sich im Schnitt 7,7 Liter Dieselkraftstoff. Diese Werte kann man aber bei einer bewussten Fahrweise sicherlich kleiner bekommen.

FAHRWERK/LENKUNG ,BMW sind sportliche Autos, straff gefedert und in Kurven kaum zu schlagen!" sagt der Volksmund und schiebt hinterher: ,Mercedes sind weich und sänftenartig, das war schon immer so!" Nun, meist hat des Volkes Stimme recht. So auch in diesem Vergleich: Der Oberbayer liegt zwar satt und relativ gut gefedert auf der Straße, meldet allerdings kleinere Unebenheiten spürbar an die Passagiere weiter. Dafür liegt der Fünfer aber auch bei Tempo 200 noch wie verschweißt auf dem Asphalt. Der Schwabe wird da schon leicht unruhig. Bei langsamerer Fahrt, etwa in der Stadt oder auf der Landstraße, gleitet der Benz dafür so sanft dahin, wie es seinem Klischee entspricht. Der Abrollkomfort ist hervorragend und macht Lust auf lange Reisen.

Direkte Lenkung im BMW
Ähnliche Eigenschaften stellen wir auch bei den Lenkeigenschaften der beiden Kandidaten fest. Direkt und sportlich lässt sich der 520d zirkeln, exakt und leichtgängig werden Serpentinenstrecken zu Spaßbahnen. Der Benz ist da nicht ganz so knackig. Die Lenkung reagiert indirekter auf Bewegungen am Volant, die Karosserie neigt sich etwas mehr. Zwar lassen sich Kurven rasch durchwedeln, es gibt aber dickere Freunde als dynamische Wegbiegungen und den Mercedes. Manche Dinge ändern sich eben nie.

AUSSTATTUNG/PREIS Schauen wir auf die Preisliste. Der Mercedes E 220 CDI Automatik kostet 43.793 Euro, der BMW 520d Automatic ist ab 40.890 Euro zu haben. Unsere beiden Testkandidaten sind aufgrund vieler Extras teurer. Der Mercedes kostet 68.003 Euro. Vor allem Features wie das DVD-Navigationssystem, die Multikontursitze, die Lederausstattung und das Schiebedach haben neben vielen anderen Annehmlichkeiten den Preis nach oben getrieben. Zur Serienausstattung gehören dafür unter anderem das aktive Kurvenlicht, der neue Aufmerksamkeitsassistent und der Fernlichtassistent. Intelligente Technik macht die E-Klasse zu einem der momentan sichersten Autos überhaupt. Dazu gehören ein Nachtsicht-Assistent, der Brems-Assistent Plus, ein Spurhalte- und Totwinkel-Assistent und eine aktive Motorhaube, die dem Fußgängerschutz dient. Die Haube ist sogar serienmäßig dabei.

Teures Multimediasystem
Unser Test-BMW zieht mit 56.507 Euro den Kontostand ebenfalls ein ganzes Stückchen tiefer. Den kräftigen Aufschlag haben vor allem das Multimediasystem mit Internetzugang, die Sportsitze, die Holzausstattung und das Xenonlicht verursacht. Wer auf das Luxus-Zubehör verzichten kann, wird aber sicherlich den Preis bei beiden auf unter 50.000 Euro drücken können.

Wertung

  • ☆☆☆☆☆☆☆☆☆☆
  • Unser Vergleich zeigt, dass Vierzylinder-Diesel eine gute Einstiegsmöglichkeit in die obere Mittelklasse sind. Beide Limousinen wirken nicht untermotorisiert, sind flott unterwegs und verursachen auch an der Tankstelle keinen Aufschrei. Im direkten Vergleich empfinden wir den Mercedes als das harmonischere Fahrzeug, das der vernünftigen Motorisierung entsprechend gar nicht erst einen Sport-Anspruch vermitteln will und angemessen gut gefedert über den Asphalt gleitet. Dass er der teurere von beiden ist und mehr verbraucht, sollte man bei der Kaufentscheidung berücksichtigen.

  • BMW 520d
    95%
    sportliche Abstimmung, direkte Lenkung
    Unterbau hart abgestimmt, etwas zu rauer Sound
  • Mercedes E 220 CDI
    100%
    viel Sicherheitstechnik, gut gefedert, leiser Antrieb
    hoher Anschaffungspreis, hoher Testverbrauch

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