Angetestet: Kia Soul EV

Zu den Ländern mit den höchsten Selbstmordraten gehören Finnland und Südkorea. Die Finnen bringen sich wegen des langen Winters um, die Südkoreaner wegen des gesellschaftlichen Erfolgsdrucks – beides zumindest nachvollziehbare Gründe. Den Deutschen bleiben höchstens die Frisur von Angela Merkel oder ,German Angst". Damit uns die Ängste nicht ausgehen, wurde kürzlich die Reichweitenangst hinzuerfunden, sie ist bei fast allen Elektroautos serienmäßig: Mit einer Ladung kommt man nie besonders weit. So ist es auch beim Kia Soul EV, der in der zweiten Hälfte des Jahres 2014 nach Deutschland kommt. Wir haben bereits einen Prototypen gefahren.

Der erste Elektro-Kia – und auch wieder nicht
Aus deutscher Sicht ist der Soul EV das erste Elektroauto von Kia. In Korea allerdings kam bereits Ende 2011 der Kia Ray EV auf den Markt, ein Minivan mit elektrischem Antrieb. Das Fahrzeug hat in etwa das Aussehen einer Schrankwand und bietet viel Innenraum auf wenig Grundfläche. Es ist also praktisch, aber das Design sagt von vornherein: Mich fährst du nur, um von A nach B zu kommen. Der Ray EV jedenfalls wurde als Elektrovariante eines konventionell angetriebenen Serienmodells in einer Auflage von etwa 700 Stück produziert. Das Auto wurde an Behörden und Stadtverwaltungen vergeben. Die gewonnenen Erfahrungen kamen dem Soul EV zugute.

LiPoly-Akkus
Wie der Ray EV besitzt auch der Elektro-Soul Lithium-Polymerakkus – eine wirkliche Besonderheit. Der Unterschied zu Lithium-Ionen-Akkus ist, dass hier statt eines flüssigen Elektrolyten ein meist gelartiger auf Kunststoffbasis verwendet wird. Laut Kia sind LiPoly-Akkus langlebiger, bei einer geringfügig kleineren Energieabgabe und vergleichbaren Kosten. Den Hersteller der verwendeten Zellen nennt Kia nicht, da die Verträge noch nicht unterzeichnet sind.

Wahnwitzige Ladeleistung
Eine weitere Spezialität des Soul EV ist das Aufladen: Der Akku soll sich auch mit einer geradezu wahnwitzigen Ladeleistung von 100 Kilowatt betanken lassen. Zum Vergleich: Die 230-Volt-Haushaltssteckdose schafft gerade mal 3,7 Kilowatt und selbst größere Wallboxen mit 400 Volt Spannung erreichen nur 44 Kilowatt. Tesla allerdings will in Deutschland demnächst etliche 135-Kilowatt-Supercharger aufstellen. Bei 100 Kilowatt jedenfalls soll sich der Soul EV in nur 25 Minuten zu 80 Prozent aufladen lassen. Eine solche Ladestation wird allerdings auch mehrere Zehntausend Euro kosten, also nur für öffentliche Tankstellen in Frage kommen. An der Haushaltssteckdose soll eine Komplettladung fünf Stunden dauern – auch das ist vergleichsweise schnell. Da bei sehr niedrigen Temperaturen das Aufladen normalerweise deutlich länger dauert, besitzt der Soul EV eine Batterieheizung.

Über 200 Kilometer Reichweite
Die Akkus des Soul EV speichern 27 Kilowattstunden. Das soll für eine üppige Reichweite von über 200 Kilometer genügen, der genaue Wert steht noch nicht fest. Für den Vortrieb sorgt ein 81 Kilowatt (111 PS) starker Elektromotor, der über ein Eingang-Getriebe mit fester Übersetzung die Vorderräder antreibt. Das Drehmoment von 285 Newtonmeter bringt ein gutes Beschleunigungsgefühl mit sich, etwa wie bei einem guten Turbodiesel. Auch die Fahrdaten sind annehmbar: In unter zwölf Sekunden soll es von null auf 100 km/h gehen, die Höchstgeschwindigkeit ist bei 145 km/h erreicht.

Einstellbare Rekuperationsstärke
Was im Vergleich zum unlängst gefahrenen BMW i3 auffällt, ist die deutlich geringere Bremswirkung bei der Energierückgewinnung. Bei Kia lässt sich die Rekuperationswirkung allerdings beeinflussen – wie etwa auch im VW e-Up. So kann man mit dem Wahlhebel in der Mittelkonsole einen B-Modus wählen. Damit ruft man die stärkste Rekuperation ab. Etwas schwächer ist die Bremswirkung im Eco-Modus, in dem auch das Fahrpedal weniger stark anspricht. Die Unterschiede sind spürbar, aber nicht groß. Egal in welchem Modus – meist muss man das Bremspedal bemühen. Dessen Wirkung ist noch recht unberechenbar: Bremst man nach Gefühl, ist die Wirkung anfangs zu gering. Wenn's knapp wird, tritt man dann nochmal richtig drauf. Bei der Zusammenarbeit zwischen elektromagnetischer und mechanischer Bremse sollte Kia also nochmal nacharbeiten.

Blaugrüne Spezialoptik
Der Soul EV basiert auf der neuen Generation des Modells, die im September 2013 auf der IAA in Frankfurt vorgestellt wurde. Er ist nun 4,14 Meter lang und beruht auf einer Plattform, die sich an den Cee`d anlehnt – man darf ihn also als Kompaktvan bezeichnen. Da die Batterien im Boden liegen, bleiben Innen- und Kofferraum unverändert. So bietet auch der elektrische Soul Platz für fünf Personen und 354 Liter Gepäck. Die Optik des Soul EV konnten wir bereits begutachten. Etliche Karosserieteile sind bei der Elektroversion in Türkis gehalten, so das Dach, die Außenspiegel und der Grillrahmen. Auch finden sich türkise Querstreifen an den vorderen und hinteren Stoßfängern. Hinzu kommen spezielle 16-Zoll-Alufelgen, die weniger Luftwiderstand bieten, elektrotypische Instrumente sowie ein Acht-Zoll-Display in der Mittelkonsole. Außerdem besitzt der Soul EV ein LED-Tagfahrlicht sowie LED-Rückleuchten, während die Scheinwerfer mit normaler Technik arbeiten. Eine Besonderheit ist das automatisch unterhalb von 20 km/h erzeugte, künstliche Fahrgeräusch: Eine kleine Melodie soll Fußgänger vor dem ansonsten fast geräuschlos fahrenden Elektroauto warnen. Beim Zurückstoßen piepst der Soul EV.

Preis? Wohl um die 30.000 Euro
Was der Soul EV kosten wird, sagt Kia noch nicht. Es ist aber kaum anzunehmen, dass der Soul EV teurer wird als der 170 PS starke BMW i3 für 35.000 Euro. Andererseits bietet der Kia deutlich mehr Nutzwert als der viel kleinere VW e-Up, den es ab etwa 27.000 Euro gibt. So darf man von einem Preis um die 30.000 Euro ausgehen. Damit wäre er etwa doppelt so teuer wie das aktuelle Einstiegsmodell des Soul mit 140-PS-Benziner.

Auch Brennstoffzellen- und Plug-in-Technik
Der reine Elektroantrieb ist für Kia nicht das allein selig machende Zukunftskonzept. Für größere Strecken empfehlen sich Plug-in-Hybride, sagen die Kia-Ingenieure. Auch den Soul EV könnte man mit einem Range-Extender-Motor aufrüsten – Platz genug wäre vorhanden, so die Fachleute. Doch geplant ist das nicht. Stattdessen dürfte die Range-Extender-Technik in eine Mittelklasselimousine hineinkommen, wird hinter vorgehaltener Hand verraten. Für noch längere Strecken halten die Koreaner die Brennstoffzelle für das Mittel der Wahl. 2015 will man deshalb eine Kleinserie von einem Wasserstoffauto auflegen.

Fazit
Mit über 200 Kilometer bietet der Kia Soul EV zwar etwas mehr Reichweite als ein durchschnittliches E-Mobil, kann aber mit einem konventionellen Wagen nicht mithalten. Auch sonst hat das Fahrzeug die typischen Stärken und Schwächen eines Elektroautos: Es bietet ein gutes Beschleunigungsgefühl und hat den Vorteil, dass es lokal emissionsfrei und praktisch lautlos fährt. Auf der Negativseite steht neben der Reichweite vor allem der hohe Preis, auch wenn der noch nicht genau bekannt ist. Die Besonderheiten des Elektro-Kia – die Möglichkeit des schnellen Aufladens mit 100 Kilowatt und die Verwendung eines Lithium-Polymerakkus – dürften für den Käufer wenig relevant sein. Denn in Deutschland gibt es bisher kaum Schnellladestationen, geschweige denn welche mit 100 Kilowatt. Und für die verwendete Akkutechnik interessieren sich Elektro-Fahrer wohl auch nicht mehr, als Besitzer konventioneller Autos über die Art der Ventilsteuerung nachdenken.

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