Legendär: Mercedes 300 SLS trifft SLR Stirling Moss zum Fahrtermin
Der eine entstand zweimal, der andere nur 75 Mal. Beide zu fahren gehört zu den seltensten Erlebnissen, die ein Autojournalist haben kann
Es gibt Termine, die vergisst man als Autojournalist nie. Nicht wegen einer spektakulären Weltpremiere oder einer besonders exotischen Rennstrecke. Sondern weil plötzlich zwei Automobile vor einem stehen, die man sonst nur aus Museen, Büchern oder alten Werksfotos kennt. Im Mercedes-Benz Classic Center warten der 300 SLS und der SLR McLaren Stirling Moss. Mehr als fünf Jahrzehnte liegen zwischen ihnen. Und doch erzählen beide dieselbe Geschichte.
Schon bevor sich der erste Motor rührt, ist klar, dass dieser Tag anders wird. Zwischen den Hallen von Mercedes-Benz Classic stehen zwei der kompromisslosesten offenen Sportwagen, die der Hersteller jemals gebaut hat. Der Gedanke, sie gleich selbst fahren zu dürfen, löst Vorfreude und Ehrfurcht zugleich aus. Schließlich bewegt man hier keine gewöhnlichen Oldtimer oder Sammlerstücke, sondern Fahrzeuge mit einem kaum zu beziffernden historischen Wert.
Bildergalerie: Mercedes-Benz Classic 300 SLS und SLR Stirling Moss im Fahrbericht
Das obligatorische Papier für Versicherung und Fahrzeugübernahme beruhigt zwar ein wenig. Eine Vollkasko ohne Selbstbeteiligung nimmt den größten finanziellen Druck. Trotzdem bleibt das Gefühl, dass man hier nichts falsch machen möchte. Diese Autos sind weit mehr als Blech und Technik. Sie erzählen Motorsportgeschichte. Manche Bauteile lassen sich heute schlicht nicht mehr ersetzen.
Der fast vergessene Vorfahre
Beginnen darf ich mit dem älteren der beiden. Dem Mercedes-Benz 300 SLS. Obwohl selbst viele Mercedes Fans seinen Namen kaum kennen, gehört er zu den außergewöhnlichsten Fahrzeugen der Markengeschichte.
1957 baut Mercedes lediglich zwei Exemplare des offenen Rennsportwagens. Grundlage ist der damals neue 300 SL Roadster. Weil der Sports Car Club of America den Serienroadster nicht in der gewünschten Klasse zulässt, entwickelt Mercedes eine kompromisslose Rennversion. Stoßfänger verschwinden, Gewicht wird konsequent reduziert, eine kleine Rennscheibe ersetzt die Windschutzscheibe. Am Ende bringt der 300 SLS rund 360 Kilogramm weniger auf die Waage als der Roadster und leistet gleichzeitig mehr. Paul O’Shea gewinnt damit souverän die amerikanische Sportwagenmeisterschaft der Klasse D.
Von diesen beiden Originalen gilt heute keines als frei zugänglich. Mercedes-Benz Classic hat deshalb anhand der historischen Unterlagen ein Fahrzeug aufgebaut, das den Charakter des damaligen Rennwagens möglichst originalgetreu vermittelt. Genau dieses Auto steht jetzt vor mir.
Die ultimative Zeitreise
Schon das Einsteigen fühlt sich wie eine extreme Zeitreise an. Keine Assistenzsysteme. Keine Displays. Keine Fahrprogramme. Nur ein großes Lenkrad, ein paar Instrumente und zwei Sportsitze. Der Reihensechszylinder springt bereits beim ersten Dreh des Schlüssels an, als wäre er gestern erst abgestellt worden.
Im Stand wirkt alles erwartbar rustikal. Das Getriebe hakt zunächst etwas und die Lenkung verlangt ordentlich Kraft. Ich frage mich kurz, ob das auf den nächsten Kilometern anstrengend werden könnte. Doch kaum rollt der Wagen, verschwinden diese Zweifel fast vollständig.
Plötzlich fährt sich der 300 SLS erstaunlich leichtfüßig. Das große Lenkrad vermittelt ein wunderbar direktes Gefühl für die Vorderachse. Jede kleine Bewegung landet unmittelbar auf der Straße. Gleichzeitig verlangt der Wagen Aufmerksamkeit. Die schmalen Reifen setzen den physikalischen Möglichkeiten früh Grenzen und die Bremsanlage erinnert daran, dass wir uns im Jahr 1957 bewegen.
Genau das macht aber seinen Reiz aus. Der Fahrer arbeitet mit dem Auto. Jede Kurve, jeder Schaltvorgang und jede Bremsung wollen bewusst ausgeführt werden. Nichts geschieht nebenbei. Alles fühlt sich mechanisch, ehrlich und unmittelbar an. Dazu der harte Fahrtwind mitten im Gesicht, mit allem, was da so rumfliegt, und das ist mehr, als man vermutet ...
Soundcheck bestanden!
Fast noch beeindruckender als das Fahrverhalten ist allerdings der Klang. Rechts neben dem Fahrzeug ragt der praktisch ungedämpfte Auspuff aus dem Schweller. Schon im Leerlauf klingt der Sechszylinder kernig. Beim Beschleunigen entwickelt sich daraus eine Klangkulisse, die modernen Sportwagen beinahe fremd geworden ist. Noch schöner wird es beim Lupfen des Gaspedals. Dann knallt und sprotzelt der Auspuff ganz von allein. Das, was heute viele Hersteller elektronisch nachbilden, entsteht hier völlig natürlich.
Da man komplett im Freien sitzt, kommt man in den ungefilterten Genuss dieses Spektakels. Das gilt auch für den Geruch, den man längst vergessen hat. Warmes Öl, unverbrannter Kraftstoff und heiße Mechanik liegen ständig in der Luft. Genau so muss Motorsport in den fünfziger Jahren gerochen haben. Hinterherfahren ist allerdings nicht ansatzweise so lustig, haben wir später gelernt.
Eine komplett andere Welt und trotzdem ähnlich
Der Wechsel in den SLR McLaren Stirling Moss könnte größer kaum sein. Und gleichzeitig fühlt er sich erstaunlich vertraut an. Zwischen beiden Autos liegen 52 Jahre Entwicklung. Stahl weicht Carbon, ein frei atmender Reihensechszylinder einem brachialen Kompressor V8. Die Leistung steigt von 235 auf 650 PS.
Doch die Grundidee bleibt verblüffend ähnlich. Zwei kompromisslose Roadster, die alles dem Fahrerlebnis unterordnen. Kein Dach. Keine echte Windschutzscheibe. Möglichst wenig Ballast. Dafür maximaler Fahrspaß. Der Stirling Moss versteht sich als Hommage an den legendären Rennfahrer und dessen Mille Miglia Sieg im Mercedes 300 SLR von 1955.
Der Stirling Moss hat mich schon 2009 begeistert. Damals stand er auf den Messeständen wie ein Auto aus einer anderen Welt. Ich konnte mich kaum sattsehen an dieser endlos langen Motorhaube, den seitlich austretenden Auspuffrohren und der radikalen Form ohne Dach. Dass ich dieses Auto viele Jahre später tatsächlich selbst fahren würde, hätte ich damals nie erwartet.
Schon das Einsteigen macht klar, dass hier nichts gewöhnlich ist. Man steigt über die extrem breiten Carbonschweller in den tief montierten Schalensitz. Die Sitzposition erinnert eher an einen Formelrenner als an einen Straßenwagen. Das Lenkrad lässt sich perfekt anpassen, obwohl der Sitz selbst nur begrenzt verstellbar ist. Vor einem befindet sich keine Windschutzscheibe im klassischen Sinn. Eigentlich ist es nur ein kleines Windleitblech.
Helm? Lieber pur genießen!
Die Mitarbeiter von Mercedes-Benz Classic empfehlen vorsorglich einen Helm. Ich entscheide mich dagegen. Rückblickend war das vielleicht etwas mutig. Also muss die Sonnenbrille reichen, um Fliegen und kleine Steinchen abzuhalten, wie auch schon beim 300 SLS. Genau dieses unmittelbare Erleben macht schließlich den Reiz dieses Autos aus.
Ein Druck auf den Startknopf genügt und der aufgeladene V8 erwacht mit einem tiefen Fauchen. Die seitlich aus den Schwellern ragenden Auspuffrohre gehören bis heute zu den schönsten Details dieses Autos. Sie wirken wie ein Designobjekt und gleichzeitig kündigen sie unmissverständlich an, was gleich passieren wird.
Ein echter Typ!
Schon auf den ersten Metern verlangt der SLR Konzentration. Die Lenkung ist extrem direkt und erstaunlich schwer. Das Fahrwerk kennt kaum Nachgiebigkeit. Trotzdem wirkt nichts nervös. Alles fühlt sich präzise und hochwertig an. Man sitzt tief, fast auf Höhe der Hinterachse, während sich die riesige Motorhaube scheinbar bis zum Horizont erstreckt. Beim Rangieren helfen weder Kamera noch Parksensoren. Da bin ich dann doch froh, dass beim Rangieren ein hilfreicher MB-Mitarbeiter als Einweiser bereit steht.
Im normalen Stadtverkehr überrascht der Stirling Moss dann mit einer völlig anderen Seite. Im Automatikmodus fährt er beinahe brav. Fast könnte man vergessen, dass unter der langen Haube 650 PS warten. Erst wenn man das Gaspedal etwas entschlossener betätigt, meldet sich der Kompressor mit seiner unverwechselbaren Stimme zurück.
Der eigentliche Zauber beginnt aber auf freier Strecke. Ein Zug an der linken Schaltwippe, zwei Gänge herunter und Vollgas. Zuerst hört man das sirrende Kreischen des Kompressors, der ohne jede Verzögerung Druck aufbaut. Einen kurzen Moment später übernimmt der V8 die Hauptrolle. Was dann aus den seitlichen Endrohren strömt, lässt sich kaum beschreiben.
Es ist kein dumpfes Grollen, sondern ein metallisches, helles Brüllen, das mit steigender Drehzahl immer intensiver wird. Jeder Tunnel wird plötzlich zur Bühne. Jeder Lastwechsel zum kleinen Konzert. Man erwischt sich dabei, dieselbe Beschleunigung immer wieder zu wiederholen, teilweise animiert von begeisterten Zaungästen im MB Sprinter auf der rechten Spur. Die SoKo Autoposer hätte ihre wahre Freude daran ...
Zwei Ikonen unter sich
Genau hier wird deutlich, warum sich beide Autos trotz ihres Altersunterschieds so ähnlich anfühlen. Beide sprechen alle Sinne an. Der 300 SLS begeistert mit Geruch (darf ich es "Duft" nennen), Vibrationen und seiner rohen Mechanik. Der Stirling Moss ergänzt diese Mischung um schier grenzenlose Leistung und moderne Fahrdynamik. Keiner der beiden versucht, seinen Fahrer zu isolieren. Im Gegenteil. Beide holen ihn mitten hinein ins Geschehen.
Vielleicht ist genau das das größte Kompliment, das man diesen beiden Mercedes machen kann. Sie wirken trotz ihrer historischen Bedeutung nicht wie Museumsstücke. Sie wollen gefahren werden. Genau dafür wurden sie gebaut. Das merkt man mit jeder Kurve, jedem Schaltvorgang und jedem kräftigen Tritt aufs Gaspedal.
Für mich war dieser Tag weit mehr als eine Probefahrt mit zwei außergewöhnlichen Automobilen. Er war eine Reise durch zwei Epochen der Mercedes Sportwagengeschichte. Der 300 SLS zeigt, wie kompromisslos die Marke bereits in den fünfziger Jahren dachte. Der SLR McLaren Stirling Moss übersetzt diese Philosophie in das 21. Jahrhundert, radikaler als kaum ein anderes Serienfahrzeug.
Bei den Fahrten im Stuttgarter Raum, also dem ursprünglichen Geläuf dieser Autos, schlug uns vom durchaus fachkundigen und sicher etwas verwöhnten Passanten-Publikum nur offene Begeisterung entgegen. Wenn MB Classic solche Schätze rausholt, laufen die Handykameras naturgemäß heiß.
Als ich am Ende des Tages beide Schlüssel wieder abgebe, bleibt vor allem Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, dass Mercedes-Benz Classic diese Automobile nicht nur bewahrt, sondern regelmäßig bewegt. Geschichte lebt nicht hinter Absperrbändern. Sie lebt erst dann, wenn sich ein großes Bakelitlenkrad in Bewegung setzt, ein Reihensechszylinder nach heißem Öl riecht oder ein Kompressor V8 mit voller Wucht Richtung Drehzahlbegrenzer stürmt. Viel näher kann man der Seele einer Marke kaum kommen.
Auch interessant
Dieser Luxus-Liner ist fast ein Hotelzimmer auf Rädern
Volvo EX30 Cross Country im Dauertest (3): Trotzdem geliebt
Bürstner Habiton 6.1 (2026): Mercedes-Camper jetzt auch mit Querbett
Citroën Berlingo XL (2026) im Test: Lohnt sich der Diesel noch?
Hymer CrossOver und Xperience: Mehr Abenteuer auf Sprinter-Basis
Abarth-Alfa Romeo 1300 Berlinetta (1959): Colani der Zeit voraus
Mercedes GLA (2026): Der Innenraum des kleinsten SUV im Detail