Jubiläum: Der Fiat 124 Sport Spider wird 60 Jahre alt
Er zielte besonders auf den Geschmack amerikanischer Kunden
Wer in den 1960er-Jahren in den USA ein kompaktes und sportliches Cabriolet sucht, hat bei den einheimischen Marken nur wenig Glück. In diese Lücke stoßen europäische Hersteller wie Fiat oder Alfa Romeo, aber auch die britischen Roadster oder der VW Karmann-Ghia. Nicht nur in den Familien italienischer Einwanderer erfreuen sich Fiat 500, Fiat 1100 und Fiat 1300 einer gewissen Beliebtheit.
Auch der 1966 auf dem Turiner Automobilsalon präsentierte Fiat 124 Sport Spider zielt von Anfang an auf den Geschmack der amerikanischen Kunden. Im Gegensatz zur ebenfalls 1966 vorgestellten 124 Limousine ist die Optik deutlich aufregender. Das Karosseriedesign entsteht bei Pininfarina unter der Leitung von Tom Tjaarda. Der Amerikaner mit niederländischen Wurzeln verpasst dem 2+2-Sitzer eine markante Front mit flach auslaufender Motorhaube, die von ausgeprägten Kotflügeln mit runden Scheinwerfern eingerahmt wird.
Bildergalerie: 60 Jahre Fiat 124 Sport Spider
Auch der elegante Hüftschwung der hinteren Kotflügel und der Knick zur Kofferraumkante sind unverwechselbar. Pininfarina übernimmt auch die Fertigung der Karosserien, die bei Fiat im Werk Turin-Mirafiori komplettiert werden. Das Chassis inklusive Einzelradaufhängungen an der Vorderachse und hinterer Starrachse stammt von der Fiat 124 Limousine, ist allerdings um 14 Zentimeter gekürzt und außerdem verstärkt. Die Kraftübertragung zwischen Getriebe und Differential übernimmt ein Drehmomentrohr.
Der Motor ist eine Konstruktion von Ex-Ferrari-Techniker Aurelio Lampredi. Der Vierzylinder besitzt einen Zylinderkopf aus Leichtmetall. Die beiden obenliegenden Nockenwellen werden auf eine für diese Zeit revolutionäre Weise angetrieben, nämlich von einem Zahnriemen aus Kunststoff. 90 PS aus etwas mehr als 1,4 Litern Hubraum sind Ende der 1960er-Jahre eine Ansage. Auch ein serienmäßiges Fünfganggetriebe und Scheibenbremsen an allen vier Rädern sind damals alles andere als selbstverständlich.
60 Jahre Fiat 124 Sport Spider
Mit bis zu 170 km/h gehört der rund 930 Kilogramm leichte Fiat 124 Sport Spider zu den sportlichsten Fahrzeugen in seinem Segment. Auch die einfache Handhabung begeistert Publikum wie Fachpresse. Das Stoffverdeck lässt sich mit wenigen Handgriffen innerhalb von Sekunden öffnen. Hinter dem Lenkrad mit zwei sportlich gelochten Metallspeichen informieren fünf Rundinstrumente über die wichtigsten Betriebsdaten. Die Strategie geht auf. Schon von der ersten Modellgeneration AS (1966 bis 1970) werden rund zwei Drittel in den USA verkauft.
Schrittweise mehr Leistung und modernere Technik
Noch während die zweite Serie BS (1969 bis 1970) gebaut wird, läuft bereits die optisch leicht überarbeitete Baureihe BS1 (1970 bis 1972) vom Band. Kennzeichen sind unter anderem die analoge Zeituhr, die Mittelkonsole, geänderte Rückleuchten mit Rückfahrscheinwerfern, seitliche Chrom-Zierleisten sowie der Kühlergrill in Wabenstruktur mit mittig platziertem Markenemblem statt der bisher verbauten Variante mit drei Chromstreben.
Die auf Zweikreis-System geänderte Bremsanlage erhöht ebenso die Sicherheit wie Kopfstützen an den vorderen Sitzen und die überarbeitete Hinterachse, die nun von vier Längslenkern und Panhardstab geführt wird.
60 Jahre Fiat 124 Sport Spider
1971 erhält der Motor des Fiat 124 Sport Spider mehr Hubraum. Der 1,6-Liter-Vierzylinder leistet nun mit zwei Doppel-Fallstromvergasern (Weber oder Solex) beeindruckende 110 PS. Das etwas größere Triebwerk erfordert eine Modifikation der Motorhaube. Eigentlich ist eine Hutze nur auf der linken Seite nötig, wo der größere, beinahe rechteckige Luftfilter platziert ist. Aus Symmetriegründen erhält die Haube aber gleich zwei markante Wölbungen. Von der Serie BS1 werden sogar rund drei Viertel in den USA verkauft, hier aufgrund strengerer Abgasgesetze allerdings mit gedrosseltem Motor.
Schon ein Jahr später wird die Motorisierung erneut geändert. Mit geringfügig kleinerem Hubraum und nur einem Doppelvergaser produziert der 1,6-Liter-Vierzylinder nur noch 108 PS in Kombination mit dem Fünfganggetriebe beziehungsweise 104 PS, wenn das Fahrzeug mit dem Vierganggetriebe ausgerüstet ist. Der Baureihencode lautet nun CS.
Fiat 124 Sport Spider (1972)
Nach weniger als einem Jahr Bauzeit erhält der Fiat 124 Sport Spider mit der Serie CS1 wieder einen neuen Motor, den 1,8-Liter-Vierzylinder aus dem zu dieser Zeit neuen Fiat 132. Die Leistung steigt wie bei der Europa-Version auf 118 PS mit Fünfgang-Getriebe. Ebenfalls im Jahr 1972 präsentiert Fiat eine Abarth-Version des Spider, die als Homologationsmodell für den Rallyesport konzipiert ist (Code CSA).
Der 1,8-Liter-Motor leistet 128 PS, eine Einzelradaufhängung ersetzt die Starrachse hinten. Das Stoffverdeck ist durch ein Hardtop aus Kunststoff ersetzt. Auch Motor- und Kofferraumhaube bestehen aus GFK, die Türen werden aus Aluminium gefertigt. Innerhalb von drei Jahren laufen rund 1.000 Exemplare vom Band.
Aus in Europa, Boom in den USA
Doch trotz nun stärkeren Motors verkauft sich der Spider in Europa nur noch schleppend. Ab Herbst 1974 wird das Cabriolet offiziell nur noch in den USA angeboten. Äußere Kennzeichen des Fiat 124 Spider America sind vor allem die ebenfalls den US-Vorschriften geschuldeten überdimensionalen Stoßfänger. Als Option wird eine Dreigang-Automatik angeboten.
Fiat 124 Sport Spider (1980)
Der 1,8-Liter-Motor muss allerdings an die dortigen Emissionsbestimmungen und das bleifreie Benzin angepasst werden. Dadurch sinkt die Leistung zunächst auf 93 PS. Ab 1976 ist eine aufwändige Abgasreinigungsanlage nötig, durch die noch einmal sechs PS verloren gehen. Ab Juli 1978 treibt ein Zweiliter-Motor mit 83 PS in Vergaserversion (CS2) beziehungsweise 102 PS mit Einspritzung (CS0) den Spider an. Eine Variante mit Turbolader leistet 120 PS, wird allerdings nur rund 700 Mal verkauft.
Nachdem 1981 zunächst einige wenige Exemplare als Fiat 124 Spider 2000 i.e. mit Benzineinspritzung und Katalysator auch in Europa verkauft worden sind, kehrt das Cabriolet 1982 offiziell auf den alten Kontinent zurück. Der neue Name Pininfarina Spidereuropa (DS0) verrät: Pininfarina übernimmt nun die komplette Produktion. Ohne Katalysator leistet der Zweiliter-Motor 105 PS, mit Abgasreinigung (zum Beispiel in Deutschland) bleiben 103 PS übrig.
Fiat 124 Spider (1982)
Im April 1982 ergänzt der Pininfarina Spidereuropa Volumex das Angebot. Ein mechanischer Roots-Kompressor steigert die Leistung auf 135 PS. Aufgrund der nun erreichbaren Höchstgeschwindigkeit von 190 km/h spendiert Pininfarina ein Sportfahrwerk und Breitreifen auf speziellen Leichtmetallfelgen. Weitere optische Merkmale des Volumex-Modells sind Kotflügelverbreiterungen, die mit Leder bezogene Innenausstattung, Abarth-Lederlenkrad und Ladedruckanzeige in der Mittelkonsole. Preis in Italien: 14 Millionen Lire.
Rund 500 Exemplare fertigt Pininfarina ausschließlich in Rot oder Schwarz. Die meisten davon gehen zum Basispreis von 29.600 D-Mark nach Deutschland. 1985 endet die Produktion des Spider endgültig. Innerhalb von 19 Jahren werden (inklusive Baureihe CSA) rund 198.000 Stück gefertigt. Mehr als 80 Prozent gehen in die USA. Zwischen 2016 und 2020 gibt es wieder einen Fiat 124 Spider, er basiert nun auf dem Mazda MX-5.
Fiat 124 Spider (2016)
Der Fiat 124 Sport Spider im Motorsport
Mit der Einführung der Baureihe BS1 wird der Fiat 124 Sport Spider auch für Rallyefahrer interessant. Mit kräftiger Unterstützung der Fiat-Kundensportabteilung "Squadra Clienti" etabliert sich der Spider bald neben der Limousinenvariante des 124 als ernsthafter Siegkandidat. Neben der Leistungssteigerung auf bis zu 155 PS bei 7.500 Touren sind ein eng abgestuftes Colotti-Renngetriebe, Sperrdifferenzial und Leichtbauteile eine unwiderstehliche Kombination. Wo erlaubt, senken außerdem Türen und Hauben aus Kunststoff das Gewicht auf weniger als 900 Kilogramm.
Fiat 124 Sport Spider Rally (1972)
Die Konkurrenz nennt die natürlich stets mit geschlossenem Verdeck antretenden Fiat 124 Sport Spider respektvoll "Fetzendachbomber". Erst ab 1971 gibt es ein Hardtop aus Kunststoff. Schon 1970 holen sich Alcide Paganelli und Beifahrer Ninni Russo im Fiat 124 Sport Spider den Titel in der Italienischen Rallyemeisterschaft. Im Januar 1971 lassen Håkan Lindberg und Beifahrer Sölve Andreasson mit Rang sieben bei der berühmten Rallye Monte Carlo aufhorchen.
Ein Jahr später gewinnt Lindberg (jetzt mit Copilot Helmut Eisendle) sogar die Rallye Akropolis und die Österreichische Alpenfahrt. Am Jahresende belegt Fiat Rang zwei in der Markenmeisterschaft hinter der hauseigenen Konkurrenz von Lancia. Ebenfalls 1972 wird Fiat-Pilot Raffaele Pinto Rallye-Europameister. Mit Beginn der Saison 1973 löst der anfangs 165 PS, später bis zu 210 PS starke Fiat Abarth 124 Rallye in Gruppe-4-Version den 1600er Spider auf den Rallyepisten der Welt ab.
Der Fiat 124 Sport Spider heute
Europäische Versionen des Fiat 124 Sport Spider der ersten Baureihen sind inzwischen seltene Klassiker. Deutlich häufiger sind aus den USA reimportierte Exemplare. In Deutschland bewahren vor allem der Fiat 124 Spider Club Deutschland e.V. (www.fiat-spider.de) und der Fiat 124 Spider Club e.V. (www.fiatspider.de) das Erbe des charismatischen Cabriolets.
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