Kanzler-Auto: Unterwegs im Opel Kadett GSi von Helmut Schmidt
Das Modell von 1991 mit 115 PS war sein letzter Privatwagen
Manchmal schreibt die Automobilgeschichte ganz besondere Anekdoten. Wer an den legendären Altbundeskanzler Helmut Schmidt denkt, dem kommen sofort Assoziationen wie hanseatische Noblesse, das Hamburger Reihenhaus in Langenhorn samt Kellerbar, eine stets präsente Mentholzigarette und messerscharfe politische Analysen in den Sinn.
Ein gediegener Omega, ein Senator oder vielleicht eine klassische Mercedes S-Klasse passen perfekt in dieses Bild. Doch weit gefehlt: Schmidt wurde zwar als Kanzler im 350 SE und 450 SE transportiert. Aber privat setzte der SPD-Politiker ganz volksnah auf Opel. Meist war es der Rekord. Mit einer Ausnahme: Der letzte Privatwagen des großen Staatsmannes ist ein waschechter, unvernünftiger Kompaktsportler aus Rüsselsheim. Ein tiefschwarzer Opel Kadett E GSi aus dem Jahr 1991.
Bildergalerie: Opel Kadett E GSi (1991) "Helmut Schmidt"
Schrecken der Golf-Klasse mit Windkanal-Abitur
Die letzte Generation des Kadett erblickt Anfang 1984 das Licht der Welt. Die Opel-Ingenieure verfolgen bei der Entwicklung des Typs E zwei extrem ehrgeizige Ziele: konsequenten Leichtbau und eine überragende, strömungsgünstige Aerodynamik. Nach mehr als 1.200 Stunden Feinschliff im Windkanal besitzt der neue Kompakte eine fließende, fast tropfenförmige Karosserie, die es in dieser aerodynamischen Qualität im Segment der Kompaktwagen bis dahin schlichtweg nicht gibt.
Bereits das brave Basismodell stößt mit einem sensationellen Luftwiderstandsbeiwert (cW-Wert) von 0,32 in Bereiche vor, die davor rein futuristischen Konzeptstudien vorbehalten sind. Der sportliche GSi setzt dem Ganzen die Krone auf: Durch gezielte aerodynamische Modifikationen wie spezielle Stoßfänger, Schweller und einen Heckspoiler erreicht er einen cW-Wert von 0,30. Die Fachpresse zeigt sich begeistert, und eine internationale Jury aus Motorjournalisten kürt den Kadett E völlig folgerichtig zum "Auto des Jahres 1985".
Opel Kadett E GSi (1991) "Helmut Schmidt"
Ein Hamburger Original auf schnellen Sohlen
Welcher Impuls den damals 72-jährigen Altbundeskanzler im letzten Kadett-E-Baujahr 1991 genau dazu bewegt, sich ausgerechnet dieses sportliche Spitzenmodell der Baureihe anzuschaffen, bleibt ein charmantes Geheimnis. Schmidt erwirbt das schwarz-metallicfarbene Exemplar nagelneu in seiner Heimatstadt Hamburg. Es handelt sich dabei um das Sondermodell "Champion", das serienmäßig mit schicken Sportsitzen und einer gehobenen Ausstattung glänzt. Preis eines normalen GSI damals ohne Extras: 27.235 Mark.
Unter der Haube des Kanzler-GSi arbeitet der bewährte Reihen-Vierzylinder mit 1.998 Kubikzentimetern Hubraum. Das Triebwerk leistet 115 PS (85 kW) bei einem maximalen Drehmoment von 170 Newtonmeter. Was heute nach eher bescheidenen Werten klingt, ist 1991 noch ein Wort. Da der Kadett GSi lediglich rund 965 Kilogramm auf die Waage bringt, sprintet der Rüsselsheimer agil voran. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei stolzen 200 km/h – wer noch mehr Leistung sucht, muss damals zum legendären GSi 16V mit Vierventiltechnik greifen, der sogar 220 km/h schafft.
Zwischen Langenhorn und Brahmsee
Gemeinsam mit seiner Ehefrau Loki nutzt Helmut Schmidt den flotten Kompaktwagen volle fünf Jahre lang als privaten Alltagsbegleiter. Die beiden Hamburger setzen das Auto vor allem für die regelmäßigen Fahrten von ihrem Wohnsitz in Hamburg-Langenhorn zum geliebten schleswig-holsteinischen Feriendomizil am Brahmsee ein. Am Steuer sitzt dabei meist der Kanzler selbst, stilecht mit der traditionellen Elblotsenmütze auf dem Kopf, einer brennenden Zigarette in der Hand und Loki auf dem Beifahrersitz.
Der Kadett GSi passt perfekt zum bodenständigen, aber charakterstarken Auftreten des Ehepaars. Es braucht keinen dicken Direktionswagen, um stilvoll und zügig durch den Norden zu gleiten. Ein agiler, windschlüpfiger Opel tut es auch. Zumal sich der Schmidt-Opel seine Agilität über die Jahre bewahrt hat. Nach dem Einsteigen fällt sofort das Digitalcockpit auf, hinzu kommen eher plüschige Sportsitze.
Und der typische Klang des 2,0-Liter-Motors. Seine 170 Newtonmeter maximales Drehmoment klingen in heutigen Turbo-Elektro-Protz-Zeiten nicht nach viel. Doch sie liegen schon bei 2.600 Umdrehungen an. Tatsächlich kommt der exakt vier Meter lange Wagen erst dann so richtig in Fahrt, wenn der digitale Balken des Drehzahlmessers bei 3.000 steht. Exakt neun Sekunden nennen damalige Testwerte für den Sprint von 0-100 km/h, damit kann man heute noch gut mitschwimmen.
Endstation Rüsselsheim
In der Opel-Stadt Rüsselsheim sorgt der schöne Kadett GSi für Aufsehen. An der Ampel erzählt mein Nachbar stolz, er habe alle Versionen des E-GSi gehabt, auch den 16V. Dass dieser Wagen einmal Helmut Schmidt gehörte, überrascht ihn deutlich.
Heute ist dieses ganz besondere Stück Zeitgeschichte hervorragend aufgearbeitet und befindet sich als stolzer Bestandteil in der Sammlung von Opel Classic. Gelegentlich verlässt der schwarze Kanzler-Kadett die heiligen Hallen für klassische Events und begeistert Oldtimer-Fans. Wer einen Blick ins Interieur wirft, stellt übrigens erstaunt fest: Trotz Schmidts unverkennbarem Tabakkonsum riecht der Innenraum heute absolut neutral und frisch. Ein wahres automobiles Denkmal hanseatischer Gelassenheit.
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