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Fiat 600 Multipla (1956-1967): Genialer Geniestreich

Der erste Minivan der Geschichte wird 70 Jahre alt und bekommt eine Sonderausstellung

Fiat 600 Multipla (1956-1967)
Bild von: Fiat

Wenn in der heutigen Automobilwelt von Großraumlimousinen, Vans oder sogenannten "Monovolumen"-Modellen die Rede ist, haben viele den Renault Espace oder VW Sharan im Sinn. Doch die Wiege dieser Fahrzeugklasse liegt weit in der Vergangenheit. Als eines der ungewöhnlichsten und zugleich einflussreichsten Konzepte der italienischen Nachkriegszeit gilt der Fiat 600 Multipla.

Multipla? Da denken die meisten wohl an den optisch kontroversen Van von 1999. Doch sein Namensspender wird nun 70 Jahre alt. Der Fiat 600 Multipla feiert seine Premiere im Jahr 1956 auf dem Automobilsalon in Brüssel. Dort überrascht er mit seiner völlig neuartigen Karosserieform und setzt mit dem außergewöhnlich großzügigen Innenraum sofort neue Maßstäbe im Bereich kompakter Familien- und Nutzfahrzeuge.

Bildergalerie: Fiat 600 Multipla (1956-1967)

Die radikale Neuinterpretation des Raumes

Technisch basiert das wegweisende Modell auf dem klassischen Fiat 600, dessen Geschichte bereits 1955 beginnt. Mit dieser kompakten, von Konstrukteur Dante Giacosa entwickelten Limousine treibt Fiat die Massenmotorisierung Italiens entscheidend voran. Kurz vor der Präsentation der Multipla sorgt der 600 noch für großes Aufsehen, als sie bei einer Langstreckenfahrt von Rom nach Kalkutta mehr als 12.000 Kilometer in nur elf Tagen meistert.

Doch während der normale 600 beim Platzangebot überschaubar bleibt, entsteht schon in der Entwicklungsphase die Idee für eine besonders geräumige Variante. Giacosa nutzt die technische Basis mit Heckmotor und Hinterradantrieb, organisiert den verfügbaren Raum jedoch radikal effizienter. Statt einer klassischen Frontpartie mit Kofferraum und Reserverad platziert er ganz vorne eine zweisitzige Sitzbank.

Fiat 600 Multipla (1956-1967)

Fiat 600 Multipla (1956-1967)

Bild von: Fiat

Das Resultat ist eine nahezu senkrechte Front, die eher an einen kleinen Bus als an einen Pkw erinnert. Diese ungewöhnlichen Proportionen ermöglichen auf einer minimalen Fahrzeuglänge von gerade einmal 3,53 Meter einen Innenraum mit drei Sitzreihen, der bis zu sechs Personen Platz bietet. Ein wenig erinnert das alles an spätere Mini-Transporter aus Japan wie den Suzuki Carry. Roberto Giolito, Leiter des Heritage Hub Italy (und Designer des 1999er-Multipla!), beschreibt den 600 Multipla rückblickend deshalb nicht als bloße Ableitung des Fiat 600, sondern als Beginn einer völlig neuen Fahrzeuggattung. 

Vielseitigkeit als Schlüssel zum Erfolg

Die Karosserie verfügt über vier Türen, darunter vorne gegenläufig angeschlagene Türen, die den Einstieg erleichtern. Die wahre Stärke des Modells liegt jedoch in seiner enormen Variabilität: Die hinteren Sitzreihen lassen sich komplett umklappen, wodurch eine fast zwei Meter lange, vollkommen ebene Ladefläche entsteht.

Fiat 600 Multipla (1956-1967)

Fiat 600 Multipla (1956-1967)

Bild von: Fiat

Fiat bewirbt das Fahrzeug damals sogar als eine Art Mini-Camper mit "Doppelbett". Diese Vielseitigkeit macht den Wagen in Italien schnell extrem beliebt. Großfamilien schätzen den üppigen Platz, während die Multipla im gewerblichen Bereich als Servicefahrzeug für zahlreiche Unternehmen zum Einsatz kommt – selbst die Tuning-Schmiede Abarth nutzt das Modell für Werbezwecke.

Später bildet die praktische Konstruktion zudem die direkte Basis für den Transporter Fiat 600 T sowie den späteren 850 T. Darüber hinaus entstehen auf dieser Plattform vielfältige Sonderbauten wie Lieferwagen, Pick-ups, Krankenwagen, Kleinbusse und sogar luftige Strandfahrzeuge.

Fiat 600 Multipla (1956-1967)

Fiat 600 T

Bild von: Fiat

Ikonisches Gesicht des italienischen Wirtschaftsbooms

Besonders tief prägt das Modell jedoch das öffentliche Transportwesen. Als Taxi entwickelt sich die Multipla in den großen italienischen Metropolen rasch zu einem unübersehbaren Symbol des wirtschaftlichen Aufschwungs der 1950er- und 1960er-Jahre. Für den Taxibetrieb modifiziert Fiat das Innenleben: Der vordere Beifahrersitz weicht einer praktischen Gepäckablage, während auf dem Armaturenbrett ein Taxameter montiert wird.

Typisch für die italienischen Taxis jener Ära ist die markante zweifarbige Lackierung mit einem schwarzen Oberteil und einer dunkelgrünen unteren Karosseriehälfte. Angetrieben wird die erste Serie von einem Vierzylindermotor mit 633 Kubikzentimeter Hubraum und 22 PS. Im Jahr 1960 modernisiert Fiat die Baureihe mit der Einführung der Version 600 D Multipla.

Fiat 600 Multipla (1956-1967)

Fiat 600 Multipla Taxi

Bild von: Fiat

Der Hubraum wächst auf 767 Kubikzentimeter, die Leistung steigt auf 29 PS und die Höchstgeschwindigkeit klettert auf 105 km/h. Da trotz der verbesserten Fahrleistungen die Betriebskosten und der Verbrauch niedrig bleiben, festigt die Version D den Status des Modells als robustes und wirtschaftliches Alltagsfahrzeug. Bis 1967 entstehen rund 240.000 Multipla.

Lebendige Geschichte und weltweite Abenteuer

Wie langlebig und widerstandsfähig die Konstruktion ist, beweisen die historischen Fahrzeuge bis heute. Ein restauriertes Taxi aus Privatbesitz absolviert nach seinem aktiven Dienst im öffentlichen Verkehr mehrere spektakuläre Langstreckenreisen. Dazu gehören Fahrten entlang der legendären Marco-Polo-Route über mehr als 37.000 Kilometer, zwei Reisen zum Nordkap sowie eine winterliche Durchquerung der Transsibirischen Route von Moskau bis Wladiwostok.

Auch der Automobilkonzern selbst pflegt das Erbe dieses Meilensteins intensiv. Ein historisches Exemplar aus der Sammlung von FCA Heritage befindet sich normalerweise im Centro Storico Fiat in Turin, reist zu besonderen Anlässen jedoch auch als Botschafter der Marke nach London.

Große Sonderausstellung im Heritage Hub

Anlässlich des bevorstehenden 70. Geburtstags des 600 Multipla widmet der Heritage Hub dem wegweisenden Modell nun eine umfassende Sonderausstellung. Diese findet in der ehemaligen Officina 81 im Turiner Stadtteil Mirafiori statt. In dieser historischen Industriehalle sind dauerhaft mehr als 300 geschichtsträchtige Fahrzeuge der italienischen Stellantis-Marken zu bewundern, wobei die Sammlung inzwischen durch die renommierte ASI-Bertone-Kollektion bereichert wird.

Fiat 600 Multipla (1956-1967)
Bild von: Fiat

Die Ausstellung zeigt neben historischen Zeichnungen und technischen Unterlagen auch ein äußerst seltenes Kontrollmodell aus edlem Mahagoniholz, das damals im Produktionsprozess zur Überprüfung der exakten Karosserieabmessungen diente. Besucher können vor Ort verschiedene Facetten des Klassikers bestaunen: Neben einer frühen Serienversion aus dem eigenen Sammlungsbestand des Heritage Hubs und dem weitgereisten Privattaxi zieht vor allem eine originalgetreue Multipla im Dienste der italienischen Carabinieri die Blicke auf sich.

So bleibt der Fiat 600 Multipla auch Jahrzehnte nach seiner Produktion das, was er von Anfang an war: ein zeitloses Meisterwerk der automobilen Raumökonomie.