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Die ungewöhnliche Geschichte des VW Scirocco mit zwei Motoren

Ausgestattet mit zwei 1,8-Liter-Vierzylindern für 360 PS blieb der Scirocco Bi-Motor eines der verrücktesten Experimente der 80er-Jahre

Volkswagen Scirocco Bimotor 360/4 (1983)
Bild von: Volkswagen

Es gibt Automobile, die eine Ära nacherzählen – und andere, die ihrer Zeit weit voraus zu sein scheinen. Der Volkswagen Scirocco Bi-Motor 360/4 gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Als extremes Prototypenfahrzeug aus den frühen 1980er-Jahren kombiniert er zwei Motoren mit einem gewissermaßen „handgestrickten“ Allradantrieb und realisiert damit Fahrleistungen, die damals auf Supersportwagen-Niveau lagen.

Es handelt sich um ein visionäres Projekt von Volkswagen Motorsport, das zu einer Zeit entwickelt wurde, als leistungsstarke Allradkonzepte gerade erst am Anfang ihrer Evolution standen. Alles begann mit einer außergewöhnlichen Herausforderung. Klaus Peter Rosorius, der damalige Chef von Volkswagen Motorsport, beauftragte den Wiener Konstrukteur Kurt Bergmann mit einem radikalen Projekt.

Ein Jetta als Tarnung

Das Ziel war die Entwicklung eines Allradantriebs ohne die damals übliche, schwere Kardanwelle. Als erster Versuchsträger diente ein unscheinbarer VW Jetta. In dieses Fahrzeug implantierte Bergmann zwei GTI-Motoren – einer im Bug, einer im Heck –, die jeweils ihre eigene Achse antrieben. Die ersten Probefahrten verliefen so vielversprechend, dass die Entscheidung fiel, das Konzept auf die große Bühne des Motorsports zu heben.

Das nächste Kapitel führte das Team in die USA, zum legendären Bergrennen am Pikes Peak in Colorado. Auf Basis des VW Golf entstand ein neuer Prototyp für das „Race to the Clouds“. Die 19,9 Kilometer lange Naturstraße, die bis auf 4.700 Meter Höhe führt, diente als ultimatives Testlabor. Zu diesem Zeitpunkt war das Projekt zwar noch nicht voll ausgereift, doch die in den Eifelbergen und den Rocky Mountains gesammelten Erfahrungen waren essenziell für die weitere Entwicklung.

1983: Das Experiment Scirocco 360/4

Parallel zu den Einsätzen am Berg entstanden in Deutschland weitere Prototypen, um die Technologie für eine mögliche Kleinserie oder technologische Technologieträger zu prüfen. Unter der Leitung von Dr. Ulrich Seiffert entstand 1983 auf Basis des Scirocco II der spektakuläre 360/4. Die Bezeichnung war Programm: 360 PS Gesamtleistung und der Antrieb aller vier Räder.

Bildergalerie: Volkswagen Scirocco Bi-Motor 360/4 (1983)

Technisch glich der Wagen einem "Frankenstein-Projekt" mit zwei Herzen. Zwei 1,8-Liter-Vierzylinder-Saugmotoren des Tuners Eckart Berg trieben den Wagen an. Auch optisch spiegelte sich dieser experimentelle Charakter wider: Die Karosserie wurde deutlich verbreitert, um 15-Zoll-Leichtmetallräder vom Typ Centra Type 6 aufzunehmen. Markante Radhäuser und seitliche Lufteinlässe dienten dem notwendigen Wärmemanagement des Heckmotors, während zwei Endrohre am Heck die mechanische Komplexität andeuteten.

Die Steuerung dieser doppelten Kraftquelle stellte die Ingenieure vor große Herausforderungen. Der erste Prototyp nutzte zwei synchronisierte Fünfgang-Schaltgetriebe, was beim Fahrer ein hohes Maß an Präzision erforderte. In einem späteren, zweiten Prototyp (dem 280/4 mit Oettinger-Motoren) wurde sogar ein Setup mit zwei Dreistufen-Automatikgetrieben erprobt, um die Synchronisation zu vereinfachen. 

Volkswagen Scirocco Bimotor 360/4 (1983)

Volkswagen Scirocco Bimotor 360/4 (1983)

Bild von: Volkswagen

Im Innenraum wurde der technische Ansatz konsequent fortgeführt. Ein von VDO entwickeltes Kombiinstrument integrierte zwei separate Drehzahlmesser sowie doppelt ausgeführte Temperaturanzeigen, flankiert von einem zentralen digitalen Tachometer. Trotz dieser außergewöhnlichen Qualitäten und der beachtlichen Ingenieursleistung blieb das Projekt im Experimentalstadium. Die enorme technische Komplexität, das Fehlen von Alltagsnutzen und die hohen Kosten verhinderten jede industrielle Weiterentwicklung. So blieb es bei nur zwei gebauten Exemplaren.

1987: Fast der Sieg am Pikes Peak

Den radikalen Höhepunkt erreichte die Bi-Motor-Ära im Jahr 1987. Kurt Bergmann konstruierte für Jochi Kleint den ultimativen Golf. Dieser Wagen besaß ein Aluminium-Monocoque und eine Kunststoffkarosserie, die 20 Zentimeter breiter war als das Serienmodell. Zwei längs eingebaute 1,8-Liter-Turbomotoren mobilisierten zusammen rund 650 PS, die über Hewland-Formel-2-Getriebe übertragen wurden.

Volkswagen Golf II Pikes Peak (1987)

Volkswagen Golf II Pikes Peak (1987)

Der Sieg beim prestigeträchtigen Bergrennen war zum Greifen nah, doch das Schicksal schlug grausam zu: Nur eine Meile vor dem Ziel brach ein Gelenk der vorderen Radaufhängung. Jochi Kleint musste aufgeben, und Walter Röhrl sicherte sich im Audi Sport Quattro den Triumph.

Insgesamt wurden nur fünf dieser außergewöhnlichen Fahrzeuge hergestellt: der ursprüngliche Jetta-Versuchsträger, zwei Pikes-Peak-Golf aus der Schmiede von Kurt Bergmann sowie ein Scirocco und ein weiterer Golf in Deutschland. Trotz der beeindruckenden Fahrleistungen verhinderten die enorme Komplexität und die hohen Kosten jede industrielle Weiterentwicklung. Heute stehen diese faszinierenden Zeugen einer mutigen Epoche im AutoMuseum Volkswagen und erinnern an eine Zeit, in der Ingenieursgeist keine Grenzen kannte.