Werksbesichtigung bei Bentley: Hier entstehen die Edelkarossen
Wir haben das Werk in Crewe besucht, wo Automatisierung auf traditionelle Handwerkskunst trifft
In Crewe, südwestlich von Manchester, entwickelte sich im 19. Jahrhundert infolge guter Anbindungen an das Eisenbahnnetz ein aufstrebender Wirtschaftspunkt. Genau hier stellt Bentley seine edlen Karossen her, die von der englischen Provinz raus in die Welt geliefert werden. Dieser Standort gehört zur Identität der Briten, wie das beflügelte B.
Anlässlich des Goodwood Festival of Speed war unser italienischer Kollege Francesco in Crewe, um die Produktionshallen, das Symbol Bentleys, in Ruhe erkunden zu können. Auf Tuchfühlung mit dem Geburtsort der Marke. Wir wagten einen genauen Blick in das Design Center und durften die Designstudie EXP 15 aus der Nähe betrachten. Eine Limousine, die historische Merkmale vergangener Bentley-Modelle futuristisch neu interpretiert.
Traditionelles Handwerks trifft deutsche Ingenieurskunst
Die im Jahr 1946 gegründete Bentley-Fabrik in Crewe erstreckt sich heute über eine Fläche von etwa 520.000 Quadratmetern mit über 4.000 Mitarbeitern. Von der Produktion über die Ingenieurtechnik bis hin zu Design und Logistik verteilen sich die Leute auf die verschiedenen Abteilungen. Es ist das einzige Bentley-Werk weltweit! Alle Autos werden hier in England produziert und von hier aus in alle Ecken der Welt verschifft.
Die Produktionslinie der Bentayga
Im Laufe der Jahre hat sich die Fabrik gewandelt. Vor allem 1998, als Bentley Teil der Volkswagen-Gruppe wurde. Massive Investitionen in die Infrastruktur, die Technologie und die Ausbildung der Mitarbeitenden haben den Standort radikal modernisiert. Doch noch immer steht die Handwerkskunst hier im Mittelpunkt.
Das Know-how der Deutschen hat zwar frischen Wind in die britischen Hallen geweht, die Tradition zur detailreichen Fertigung ist jedoch geblieben. Vielmehr herrscht nun ein hybrides System: Volkswagen liefert Technologien und Qualitätskontrollen, die mit der weitgehend manuellen Fertigung verschmelzen. Die Produktionslinien von Continental und Bentayga sind das perfekte Beispiel dafür.
Hier ist alles akribisch geordnet und leise. Ich war beeindruckt, wie gut die industrielle Produktion mit der handwerklichen Sorgfalt harmoniert: Während die Karosserie und große Teile von hochpräzisen Maschinen montiert werden, blitzt die "Atelier-Seele" in den Innenräumen der Bentleys hervor. Jeder Sitz, jedes Paneel und jede Oberfläche ist individuell anpassbar und wird von Spezialisten ihres Fachs mit größter Sorgfalt verbaut.
Die Hautfarbe ist vollständig anpassbar
Hölzer aus der ganzen Welt
Es fängt schon bei der Außenfarbe an: Falls die Lieblingsfarbe nicht unter den über 300 verfügbaren gefunden werden kann, wird sie erstellt. Genauso verfahren die Briten bei den weiteren Teilen und Materialien während der Produktion. Die Farbe für die Innenverkleidungen aus Leder passt nicht? Sie wird angepasst!
Zudem kommen verschiedene Techniken zum Einsatz: gesteppt, perforiert, mit kontrastierenden Fäden von Hand genäht oder mit Motiven auf Anfrage bestickt? Kein Problem! Auch die Wahl des Holzes folgt der gleichen Logik: Das Armaturenbrett kann aus glänzendem Wurzelholz oder modernen Essenzen wie satiniertem Nussbaum oder schwarzem Eukalyptus gefertigt und mit den unterschiedlichsten Oberflächen veredelt werden.
Das neue Reich der Designer
Aber wo werden die neuen Bentleys entworfen? Natürlich ebenfalls in Crewe. Erst vor einigen Wochen wurde das neue Design Center eröffnet. Dreh- und Angelpunkt ist immer das historische Gebäude "Front of House" von 1939. Es wurde restauriert und mit großen Fensterfronten ausgestattet. Dadurch entsteht fast eine neue Architektur, die mit dem natürlichen Licht spielt.
Das neue Designzentrum von Bentley
In genau diesem Gebäude arbeiten etwa 50 Personen. Darunter Designer, Experten für Farben und Oberflächen und UX/UI-Spezialisten. Auch die spezielle Mulliner-Abteilung für die Personalisierung findet hier ihr Zuhause. In diesem Gebäude werden die Bentleys der Zukunft geformt. Zunächst digital über Zeichen- und Designprogramme, in der Folge nehmen sie dann auch physische Formen an. Noch immer klassisch als Tonmodell, später dann als erste Designstudie.
Ein markantes Merkmal ist das Dach des Gebäudes, das in eine Terrasse verwandelt wurde. Auf ihr finden drei Autos auf drei beweglichen Plattformen Platz, um sie im natürlichen Licht von allen Seiten begutachten zu können. So können die Designer genau nachvollziehen, wie die Sonne mit den Linien in der Karosserie und der Lackierung interagiert. Wie mir die Designer erklärten, spiegelt diese Einrichtung den Detailgrad der Bentley-Philosophie wider. Hier wird nichts dem Zufall überlassen. Alles muss im realen Kontext überprüft werden.
Der Heritage-Bereich des Werks in Crewe
Es gibt jedoch keine Zukunft ohne Vergangenheit. Bei der jüngsten Restaurierung des Werks wurde ebenfalls ein Heritage-Bereich eingerichtet. Dieser ist der Geschichte der Marke gewidmet. Einige der schönsten Bentleys stehen hier: perfekt restauriert und fürsorglich beherbergt. Dabei handelt es sich nicht nur um einen Ort, der der historischen Erinnerung dient, sondern um einen Raum, in dem Vergangenheit und Gegenwart zusammenkommen. Die Designer sollen sich hier bei der Gestaltung der zukünftigen Bentleys von den vergangenen inspirieren lassen.
EXP 15: ein retrofuturistischer, elektrischer Bentley
Zu den Neuheiten, die im neuen Design Center vorgestellt wurden, gehört auch der EXP 15. Es handelt sich um eine kürzlich vorgestellte Konzeptstudie, die den Weg in die elektrische Zukunft von Bentley weisen soll. Klassische Gran-Turismo-Proportionen (wie die lange Motorhaube und das zurückgesetzte Cockpit) treffen auf eine ultramoderne Designsprache. Eine gewisse Nähe zum Jaguar Type 00 lässt sich jedoch nicht wegreden.
Bentley EXP 15 und 1930 Speed Six "Blue Train"
Ein kleiner Fun-Fact zum Schluss? Sie erinnern sich an die Vergangenheit, die die Zukunft inspiriert? Ich hatte hier im Werk ebenfalls die Gelegenheit, den legendären "Blue Train" zu bewundern. Das Bentley Coupé aus den 1930er Jahren wurde berühmt, weil es den schnellsten Zug Frankreichs in einem historischen Straßenrennen von Calais an die Côte d'Azur besiegte. Ein Unikat, das heute auf einen geschätzten Wert von etwa 20 Millionen Euro kommt. Die Straßen waren sicher nicht so voll wie heutzutage.
Die Proportionen des EXP 15 sind direkt von diesem Modell inspiriert: die lange Motorhaube, das fließende Heck, die muskulöse Haltung und die gleichen dreisitzigen Sitzreihen. All das lässt sich auch in der Neuinterpretation zumindest erahnen, wenngleich viele Jahrzehnte zwischen den beiden Modellen liegen. Es bleibt die Vergangenheit, die die Zukunft Bentleys belebt.
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