Was ist das Vermächtnis von Carlos Tavares?
Stellantis geht es nicht gut, wir beleuchten die Höhen und Tiefen des Managements von Ex-Chef Tavares
Stellantis ist auf der Suche nach einem neuen Chef. Carlos Tavares, der das Konglomerat seit seiner Gründung im Jahr 2021 leitete, hat das Unternehmen nach monatelangen Spannungen mit dem Vorstand, den Gewerkschaften, den Händlern und der italienischen Regierung verlassen.
Stellantis hatte bereits im Oktober verkündet, dass Tavares nach Ablauf seines Vertrags im Jahr 2026 zurücktreten werde. Solche Ankündigungen sind nicht üblich. Nun hat der Boss deutlich früher einen Schlussstrich gezogen.
Der portugiesische Manager verlässt Stellantis zu einer Zeit, in der es für den 14 Marken umfassenden Automobilkonzern nicht gut läuft. Obwohl Stellantis sicher nicht der einzige Automobilkonzern ist, der mit den heiklen Herausforderungen der Branche konfrontiert ist, befindet man sich in einer schwierigeren Situation als viele Konkurrenten.
Der Übergang vom Verbrenner zur reinen Elektromobilität und der Aufstieg Chinas sind zwei Themen, denen sich die gesamte Branche stellen muss. Im Fall von Stellantis kommt erschwerend hinzu, dass es zu wenig frische Produkte gibt.
Carlos Tavares' erster Erfolg war seine Beteiligung an den Verhandlungen zwischen PSA und FCA. Später wurde er CEO des fusionierten Großunternehmens, das nun plötzlich 14 verschiedenen Marken beinhaltete. Stellantis begann sein erstes Jahr als drittgrößter Automobilhersteller der Welt hinter Toyota und Volkswagen.
Und die Synergieeffekte setzten schnell ein. Die europäischen Marken der neuen Gruppe begannen, miteinander zu kooperieren, um Kosten und Entwicklungszeit zu sparen. Langjährige Rivalen wie Peugeot, Citroen, Opel und Fiat begannen, an gemeinsamen Projekten und Plattformen zu arbeiten. So entstand die neueste Generation des Lancia Ypsilon auf der Basis des Peugeot 208/Opel Corsa. Der kommende Fiat Grande Panda wird die Basis des aktuellen Citroen C3 nutzen. Und das nächste B-SUV von Fiat wird voraussichtlich auf der zweiten Generation des Citroen C3 Aircross/Opel Frontera basieren.
Weniger verkaufte Autos
| Umsatz (Euro) | Auslieferungen | Umsatz pro verkauftem Auto (Euro) | |
| 2019 (FCA+PSA) | 182.838.000.000 | 8.080.476 | 22.627 |
| 2020 (FCA+PSA) | 133.882.000.000 | 6.338.166 | 21.123 |
| 2021 | 152.119.000.000 | 6.583.269 | 23.107 |
| 2022 | 179.592.000.000 | 5.842.000 | 30.742 |
| 2023 | 189.544.000.000 | 6.175.000 | 30.695 |
| Januar-September 2023 | 143.504.000.000 | 4.805.000 | 29.866 |
| Januar-September 2024 | 117.977.000.000 | 4.105.000 | 28.740 |
Weltweiter Absatz und Umsatz von Stellantis (Quelle: FCA, PSA, Stellantis)
Es ist durchaus anerkennenswert, dass man ein solches Niveau der Zusammenarbeit in weniger als vier Jahren erreicht hat. Und auch die finanzielle Entwicklung kann sich eigentlich sehen lassen: Die Betriebsmarge des Unternehmens hat sich zwischen 2020 und 2023 mehr als verdoppelt. Das gemeinsame Betriebsergebnis von PSA und FCA im Jahr 2020 beläuft sich auf 7,75 Milliarden Euro bei einem Gesamtumsatz von 182,84 Milliarden Euro. Das entspricht einer operativen Marge von 5,3 %. Im vergangenen Jahr lag die Marge von Stellantis bei 11,8 %. Interessanterweise hat das Unternehmen zwar mehr Geld verdient als je zuvor, aber weniger Autos verkauft.
Operativer Gewinn von Stellantis
Das Ende der Party
Die Betriebsstillstände während der Pandemie und die anschließende Halbleiterknappheit zwangen alle westlichen Automobilhersteller, die Preise für ihre Fahrzeuge zu erhöhen. Zudem mussten die Kunden länger auf die Autos warten. Dann schlug die Inflation zu und die Preise stiegen weiter. Auch wenn die Werksschließungen und Engpässe nun weitgehend beendet waren, waren die Autopreise immer noch zu hoch. Letzten Endes waren den Autoherstellern die Absatzzahlen egal, solange ihre Gewinne weiter stiegen.
Der Aufstieg der chinesischen Hersteller veränderte jedoch alles. Als sie begannen, mit ihren inzwischen doch recht wettbewerbsfähigen Autos weltweit zu expandieren, begann die solide Position der traditionellen Automobilhersteller zu bröckeln. Die Formel „geringere Stückzahlen - höhere Preise“ war für sie nicht mehr sicher. Dies erklärt einen Großteil der Probleme, mit denen die westliche Industrie derzeit zu kämpfen hat.
Es besteht ein Bedarf an neuen Produkten
Durchschnittsalter der aktuellen Produktpalette in Europa ohne Transporter
Obwohl die neue Realität alle betrifft, befand sich Stellantis in einer noch schwierigeren Situation. Acht der 14 Marken des Unternehmens benötigen dringend neue Produkte. Fiats Pkw-Portfolio in Europa (ohne Lieferwagen) hat etwa nur sechs Modelle mit einem Durchschnittsalter von 6,4 Jahren. Im Gegensatz dazu bietet Volkswagen in Europa 18 Modelle mit einem Durchschnittsalter von 4,2 Jahren an.
Lancia ist immer noch eine Marke mit nur einem Modell. DS bietet vier Modelle an, von denen das letzte im Februar 2021 vorgestellt wurde. Alfa Romeo bietet vier Modelle an, von denen zwei über acht Jahre alt sind. Maserati hat den Ghibli, den Quattroporte und den Levante aufgegeben, so dass die Marke nur noch den Grecale, den Granturismo/Grancabrio und den MC20 anbietet. Und Abarth ist auf zwei Modelle angewiesen. In Nordamerika hat Chrysler nur ein Modell im Programm, und Dodge wartet auf den kommenden Charger, der den Hornet und den alten Durango (eingeführt 2010 !) ergänzen wird.
Auch in den Vereinigten Staaten
Durchschnittsalter der aktuellen Modellpalette in den USA, ohne Transporter
Die strikte Kostensenkungsstrategie ermöglichte es Stellantis, viel Geld zu verdienen. Dafür nahm man auf der anderen Seite alternde Anlagen und Modellpaletten in Kauf und steigerte die Preise, was sich negativ auf den Marktanteil der Gruppe in Nordamerika und Europa auswirkte. Tavares hat dies zu verantworten. Nun ist es an der Zeit, das Blatt zu wenden.
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