Grund ist eine zu starke Einmischung des französischen Staates

Diese Nachricht war ein echter Paukenschlag in der Automobilbranche: FCA, der Mutterkonzern von Marken wie Fiat und Jeep, strebt eine Fusion mit Renault an. Seitens Renault hieß es bislang lediglich, dass der Aufsichtsrat die Gelegenheit einer solchen "Business Combination" mit Interesse prüfen wird. In der Nacht des 6. Juni kam die faustdicke Überraschung: FCA zieht sein Angebot zurück. Damit sind die Fusionspläne erst einmal vom Tisch.

Hier die Verlautbarung von FCA im Originalton:

"FCA ist nach wie vor fest von der überzeugenden, transformativen Begründung eines Vorschlags überzeugt, der seit seiner Vorlage weithin geschätzt wird und dessen Struktur und Bedingungen sorgfältig ausgewogen sind, um allen Beteiligten erhebliche Vorteile zu bringen. Es hat sich jedoch gezeigt, dass die politischen Bedingungen in Frankreich derzeit nicht gegeben sind, damit eine solche Kombination erfolgreich verlaufen kann.

FCA dankt der Groupe Renault, insbesondere ihrem Vorsitzenden und ihrem Chief Executive Officer, sowie den Alliance-Partnern der Nissan Motor Company und der Mitsubishi Motors Corporation herzlich für ihr konstruktives Engagement in allen Aspekten des Vorschlags.

FCA wird seine Verpflichtungen durch die Umsetzung seiner unabhängigen Strategie weiterhin erfüllen."

Grundlage für die angedachte Fusion war eine 50:50-Aufteilung zwischen den Aktionären von FCA und der Renault-Gruppe. Der FCA-Vorschlag folgte auf operative Gespräche, die zwischen beiden Konzernen geführt wurden, um Produkte und Regionen auszumachen, in denen gemeinsame Entwicklungen und ein gemeinsamer Vertrieb Sinn ergeben könnten. Im Laufe dieser Gespräche kristallisierte sich heraus, dass eine Fusion für noch mehr finanzielle Effizienz sowie schnellere Produktentwicklungen sorgen könnte.

Laut Aussage von FCA würde man im Verbund mit Renault, Nissan und Mitsubishi mehr als 15 Millionen Fahrzeuge pro Jahr (ohne die Japaner 8,7 Millionen) weltweit verkaufen. Der so entstehende Industrieriese wäre die Nummer vier in Nordamerika, Nummer zwei im sogenannten EMEA-Markt (Europa, Nahost und Afrika) und die Nummer eins in Lateinamerika. Auf die 2018er-Bilanzen hochgerechnet ergäben sich jährliche Einnahmen von 170 Milliarden Euro, ein Betriebsgewinn von mehr als 10 Milliarden Euro und ein Reingewinn von mehr als acht Milliarden Euro.

Zu möglichen Werksschließungen äußerte man sich aber bislang nicht. Das Marken-Portfolio des neuen Konzerns wäre breit gefächert gewesen: Maserati, Alfa Romeo, Datsun, Dacia und Lada. Dazu natürlich Fiat, Renault, Nissan, Jeep und RAM. (Als fast tote Restposten kämen noch Chrysler und Lancia hinzu ...)

Vorteile hätte eine Fusion für beide Seiten gehabt: FCA ist stark in den USA und könnte dort Renault zum Neustart verhelfen. Stark sind beide Konzerne in Lateinamerika, während Renault FCA in Europa und Indien pushen könnte. Gas geben müssten beide hingegen in China. 

In Sachen Zukunftstechnologie ist FCA kräftig beim autonomen Fahren involviert und kooperiert diesbezüglich mit Waymo, BMW und Aptiv. Renault ist hingegen in Sachen Elektroauto sehr erfolgreich, der Zoe verkauft sich blendend, während FCA bei Stromern recht blank dasteht. Hiervon könnte insbesondere Fiat profitieren, um künftige strenge Grenzwerte beim CO2-Ausstoß zu erreichen. Denkbar ist etwa eine gemeinsame Elektroauto-Entwicklung, an deren Ende ein Zoe-Nachfolger und ein E-500 respektive die Serienversion des im Frühjahr 2019 in Genf gezeigten Centoventi Concept stehen könnte.

Auch die Kleinstwagen beider Konzerne hätten von einer Fusion profitieren können. Der Fiat 500 ist bereits seit 2007 auf dem Markt, der Panda kommt ebenso in die Jahre. Renault hingegen muss einen möglichen Twingo-Nachfolger ohne Smart konzipieren. Mit Blick auf die beliebte Kategorie der SUVs sind ebenfalls Synergieeffekte denkbar.

FCA zufolge würden sich alleine in der Forschung und Entwicklung Synergieeffekte von 30 Prozent realisieren lassen, im Maschinen- und Werkzeugbau um die 20 Prozent. Die Anzahl an Fahrzeugplattformen würde um 20 Prozent sinken, die der Motorenfamilien um 30 Prozent. Allerdings rechnet man mit diesen Zahlen erst nach sechs Jahren, nach vier Jahren könnte man aber schon 80 Prozent der geplanten Effekte erreichen, so FCA. 

Wie es weitergeht, sollten die Aufsichtsräte beider Konzerne entscheiden. Erst sie können grünes Licht für eine Fusion geben. Hier hatten aber Vertreter des französischen Staates, der mit 15 Prozent an Renault beteiligt ist, eine Abstimmung verzögert. Dieser Aspekt führte nun zur Rücknahme des Fusionsangebots seitens FCA.