Spezieller Nothalteassistent und kapazitives Lenkrad

2018 stand der Passat in der VW-Verkaufsstatistik nur mehr an Platz vier, nach Golf, Tiguan und Polo. Außerdem sollen im bisherigen Passat-Werk Emden künftig Elektroautos hergestellt werden. Endet also demnächst die Ära des Mittelklässlers, den es schon seit 1973 gibt? Mitnichten, sagt VW-Sprecher Martin Hube. Er ist und bleibt ein tragender Pfeiler der Modellpalette. Die achte Generation, intern B8 genannt, erhält nun ein Facelift, vor allem aber etliche bemerkenswerte Technik-Updates. Bestellstart ist im Mai 2019. Wir geben Ihnen den Überblick über die interessantesten Features – in Reihenfolge absteigender Coolness.

Am beeindruckendsten und neuesten ist vielleicht der Nothalteassistent: Hat der Fahrer zum Beispiel einen Herz- oder Schlaganfall und reagiert nicht mehr auf Warnungen, dann bringt das System das Auto nicht nur zum Stillstand, sondern lenkt es auf der Autobahn sogar auf die Standspur. Das setzt eine ausgefeilte Sensorik voraus, die vor dem Lenkmanöver checkt, ob dies auch gefahrlos möglich ist. Ein ähnliches System wurde bislang unseres Wissens nur für den BMW X5 angekündigt. Dort muss allerdings im Fall des Falles die Taste für die elektrische Parkbremse gedrückt werden. Im neuen X7 wird diese Funktion ebenfalls angeboten, aber ausdrücklich nicht in Europa.

Sonst noch nie gesehen haben wir auch das so genannte kapazitive Lenkrad. Dabei handelt es sich um eine neue Technik für die „Hands-off-Detection“, die feststellt, ob der Fahrer die Hände noch am Lenkrad hat – ähnlich wie beim kapazitiven Touchscreen zum Beispiel eines Handys. Bisher musste man im teilautonomen Modus des Autos ab und zu am Steuer ruckeln, nun reicht eine Berührung aus. Dem Lenkrad sieht man das nicht an, es sieht also nicht etwa aus wie ein Bildschirm. Mögliche Nachteile der Technik: Wenn Ihnen beim Herzinfarkt das Gesicht aufs Lenkrad knallt, könnte das System dies als bewusste Fahreraktion missverstehen. Außerdem könnte es sein, dass das Lenkrad die Finger nicht spürt, wenn sie in dicken Handschuhen stecken – bei kapazitiven Handybildschirmen ist das nämlich der Fall. [Update: VW sagt, das sollte funktionieren, aber man habe natürlich nicht jeden Handschuh testen können.]

VW Passat Variante 2020
R-Line von 2019
VW Passat Variant 2014
R-Line von 2014

Neu ist auch, dass der Spurhalteassistent nun lernfähig ist: Hält man sich zum Beispiel in der Spur gewohnheitsmäßig immer etwas weiter rechts, dann adaptiert sich der Assistent daran. Durch eine verbesserte Kamera wurde auch ein Baustellenassistent möglich: Er erkennt nicht nur weiße, sondern auch gelbe Fahrbahnlinien und die für Autobahn-Baustellen typischen Betonpoller und Plastikbaken. Neu für den Passat ist auch der prädiktive Abstandstempomat (pACC) – eine geniale Erfindung, zumindest für diejenigen, die sich für moderne Technik begeistern. Das System ist allerdings zum Beispiel vom Audi A4 und Q7 bekannt. Dabei übernehmen Spurhalteassistent und Abstandstempomat die Quer- und Längsführung (wie die Ingenieure sagen). Das heißt, das System hält einen auf der Spur und sorgt für den nötigen Abstand zum Vordermann. Die Besonderheit: Auch Tempolimits, Ortsschilder, Steigungen, Kurven, Kreisverkehre und Kreuzungen werden berücksichtigt. So bremst es einen vor dem Kreisverkehr automatisch herunter und beschleunigt nach dem Verlassen automatisch wieder auf das Tempolimit. Die teilautonomen Fahrfunktionen (Level 2) sind nun von null bis 210 km/h aktivierbar. Und für alle VW-Nerds, die sich für Terminologie interessieren: Die Assistenzsysteme heißen nun „IQ.Drive“, während die teilautonomen Systeme auf den Namen „Travel Assist“ hören.

VW Passat Facelift (2019)

Auch beim Instrumentendisplay (das es beim gelifteten Passat nur optional gibt) hat sich die Terminologie geändert: Statt Active Info Display heißt es nun Digital Cockpit. Wenn man sich die Karte ins Instrumentendisplay legt, kann man dort künftig (per Lenkradtasten) auch ein- und auszoomen. Bei der Bedienlogik nähert sich das Infotainmentsystem an den Touareg an. So lässt sich das Infotainmentdisplay in der Mitte nun nach individuellem Geschmack mit Kacheln belegen.

Auch Licht wird bei VW immer wichtiger. Das hat Design- und Sicherheitsgründe: Die Tagfahrlicht-Signatur gibt dem Wagen nun einen aggressiveren Blick, die Rückleuchten im Stil des Touareg verbessern sowohl die Zuordnung zur Marke als auch die Sicherheit, weil die Leuchtgrafik beim Wechsel zwischen Brems- und Rücklicht umspringt, was VW-intern Klick-Klack-Funktion heißt.

VW Evolution des Lichts
VW Evolution des Lichts

Ein neues Highlight ist das IQ.Light: Das ist ein Matrix-LED-Scheinwerfer, der hier ein paar LEDs weniger hat als das System im Touareg, aber zahlreiche Funktionen bietet, darunter längst bekannte Systeme wie die Ausblendung des Gegenverkehrs, das lenkwinkelsynchrone Schwenken des Lichts in die Kurve hinein aber auch neuere Features wie eine Schild-Entblendung oder verschiedene Lichtverteilungen für Stadt, Landstraße und Autobahn. Jeder Scheinwerfer besteht aus einer Leuchteinheit für das stets gleiche Basislicht (7 LEDs fürs Abblendlicht und 5 LEDs fürs Fernlicht) und einer Einheit für die Matrixfunktionen (32 LEDs in zwei Zeilen), die sich je nach Verkehrssituation ändert. In der Stadt werden die weit außen liegenden Bereiche, in denen sich die Radfahrer tummeln, besonders hell beleuchtet. Ähnlich auf der Landstraße, wo Wild am Straßenrand lauern kann. Auf der Autobahn (ab Tempo 140 oder wenn man länger schneller als 110 km/h fährt), wird dagegen die Leuchtweite gesteigert, sie erreicht bis zu 450 Meter.

Cool ist auch die Linksverkehr-Funktion: Man wählt sie über den Touchscreen an und braucht dann nicht mehr aussteigen wie anno dunnemals, um irgendwelche Keile auf die Scheinwerfer zu kleben. Der Scheinwerfer sorgt dann selbst dafür, dass das Licht eher links als rechts auf der Straße landet. Ist das nun das Non plus ultra in Sachen Licht? Natürlich nicht. Der Touareg hat zum Beispiel auch noch ein Night-Vision-System, das Fußgänger oder Rehe erkennt und anstrahlt. Außerdem gibt es noch keine Lösung für das Nebelproblem: Bei Nacht braucht man mit dem IQ.Light nicht mehr auf- oder abblenden, kann das System machen lassen. Aber bei Nebel tagsüber muss nach wie vor aktiv eingegriffen werden, weil das Auto die schlechte Sicht noch nicht detektieren kann.

Gibt es beim neuen Passat denn nur neue Elektronik-Funktionen? Nein, auch Fahrwerk und Motoren werden weiterentwickelt. Beim Fahrwerk hat aber auch das wieder mit Elektronik zu tun. Neu ist die Funktionsweise der adaptiven Stoßdämpfer (DCC). Der Passat übernimmt das System des Arteon. Die Dämpfer lassen sich nicht mehr nur in drei Stufen (Sport, Normal und Comfort) einstellen, sondern es gibt Zwischenstufen – insgesamt 15 Einstellungen. Außerdem wird die Spreizung erhöht: Jenseits von „Comfort“ gibt es nun noch zwei weitere Einstellungspunkte, bei denen das Auto extrem weich wird – gewissermaßen ein Fischkutter-Modus, bei dem sich der Passat in Kurven auch mal löst von der Parallelität zur Straße. Genauso auf der harten Seite: Die zwei Endpunkte jenseits von Sport sind für Leute, denen es nicht dynamisch genug sein kann.

VW Passat Facelift (2019)
VW Passat Facelift (2019)
VW Passat Facelift (2019)

Letzter Punkt: Die Motoren. Beim neuen Passat GTE (dem Plug-in-Hybrid-Modell) wurde der Akku verbessert. Bei gleichem Volumen speichert er nun 13,0 statt 9,9 kWh, so dass sich die rein elektrische Reichweite von 50 auf 70 Kilometer nach NEFZ (nach WLTP auf 55 Kilometer) erhöht. Außerdem wurde die Hybridmodi-Auswahl vereinfacht. Man hat nun die Wahl wischen dem reinen Elektromodus, einem sportlichen GTE-Modus mit der vollen Systemleistung von 218 PS und einem Hybridmodus. In Letzterem kann man noch zwei weitere Optionen anwählen: Man kann die Batterie laden oder sich eine gewisse elektrische Reichweite (zum Beispiel für die Innenstadt) reservieren. Überraschend für uns: Nach wie vor wird der alte 1.4 TSI eingesetzt, noch nicht der neuere 1.5 TSI.

Ähnlich wie beim Plug-in-Antrieb gibt es bei den konventionellen Motoren nur eine Evolution, keine Revolution. Also kein Mildhybridsystem zum Beispiel. Neu im Passat sind aber der 2.0 TDI Evo mit 150 PS und der 1.5 TSI ebenfalls mit 150 PS. Beim weiterentwickelten Diesel sorgen nun zwei SCR-Katalysatoren (ein motornaher und ein Unterboden-Kat) und zwei Adblue-Einspritzungen für niedrige NOx-Emissionen. Einen Speicherkat (wie zum Beispiel Audi beim 3.0 TDI des A8) baut VW aber nicht ein. Hohe Stickoxid-Werte nach einem Kaltstart möchte man lieber per Abgasrückführung verhindern. Ebenfalls neu ist das größere Katalysatorvolumen – mehr Katalysatormaterial sorgt natürlich für mehr Sauberkeit. Der Adblue-Tank fasst allerdings unverändert 18 Liter.

Plug-in-Hybrid Benziner Diesel
GTE 218 PS 1.5 TSI 150 PS 1.6 TDI 120 PS
  2.0 TSI 190 PS 2.0 TDI Evo 150 PS
  2.0 TSI 272 PS 2.0 TDI 190 PS
    2.0 TDI 240 PS

Insgesamt bietet der weiterentwickelte Passat natürlich nicht so viel Technik wie der Touareg, der aber auch eine Klasse höher spielt. Außerdem sind die Käufer des Passat (die allermeisten kaufen den Variant) zu 80 Prozent Geschäftskunden. Der Passat ist und bleibt ein Auto für Profis, für Vielfahrer, die schon mal an einem einzigen Tag einen ganzen Tank leerfahren. Und da kommt es mehr auf die Costs of Ownership und auf Sicherheit an als auf riesige Displays oder gepunktetes Ambientelicht. Als Innovationen in Erinnerung bleiben werden uns aber der Nothalteassistent, der den Passat auf die Standspur lenkt und das kapazitive Lenkrad.

Bildergalerie: Volkswagen Passat Facelift (2019)