So wurde 1968 Sportlichkeit definiert

Wir schreiben das Jahr 1968. Noch hat kein Mensch seinen Fuß auf den Mond gesetzt und auch die Concorde wartet als erstes Überschall-Passagierflugzeug auf ihren Premierenflug. Europas Studenten mischen das Establishment auf und zeigen, wie sehr die Jugend nach Veränderung drängt. Auch bei Ford Europa, als selbständige Organisation gerade neu gegründet, stehen die Zeichen auf Sturm. Allerdings eher in Sachen Leistung: Man möchte weg vom biederen Hutträger-Image und lässt das erste RS-Modell zu Kunden rollen. Es basiert auf dem 15M der Baureihe P6, der zuvor noch Taunus hieß, und schöpft zunächst 70 PS aus einem 1,7 Liter großen Vierzylinder-V-Motor.

Dies beflügelt das zweitürige, serienmäßig mit Gürtelreifen, schwarzen Rallye-Streifen, Zusatzinstrumenten und -scheinwerfern ausgestattete Coupé immerhin zu einer Höchstgeschwindigkeit von 153 km/h, was zu seiner Zeit schon als ziemlich flott galt. Als der 15M RS im Frühjahr 1968 auf den Markt kommt, kostet er 7.760 Mark und ist bereits Teil einer kleinen RS-Modellfamilie, denn Ford schickt fast zeitgleich auch die P7-Modelle 17M RS und 20M RS an den Start. Ein eigenes RS-Logo gab es indes noch nicht.

50 Jahre später steht vor mir ein 17M RS als zweitüriges Hardtop-Coupé mit rahmenlosen Seitenscheiben. 4,72 Meter lang bei 2,70 Meter Radstand, aber äußerlich eher maßvoll sportlich. Einerseits 14-Zoll-Sportfelgen und besagte schwarze Streifen, andererseits ein Vinyldach. Als "Formel RS" preist Ford 1968 seine RS-Flotte an und verspricht vollmundig: "Die Motoren der Formel RS sorgen schon dafür, dass Sie auf den Sitzen der Formel RS nicht einschlafen." Nun ja. Im konkreten Beispiel bedeutet das einen Zweiliter-V6 mit 90 PS, Solex-Doppelvergaser und eine härtere Fahrwerksabstimmung. Allerdings sind nur die Vorderräder einzeln aufgehängt, hinten montiert Ford eine rustikale Starrachse. Eine Rakete ist der 17M RS nicht gerade: 14,2 Sekunden auf 100 und 160 km/h Spitze waren aber vor 50 Jahren hurtige Eckdaten.

Sechszylinder als Sahnestück

Und heute? Ich sinke ins Gestühl eines der wenigen überlebenden 17M RS und blicke mich um: drei Zusatzinstrumente in der Mittelkonsole und ein riesiges Lenkrad mit Holzkranz reichten früher für sportliche Gefühle. Der enorme Durchmesser des Lenkrads hat seine Berechtigung, weil es keine Servolenkung gibt. Im Stand bedeutet das Kuuuuuuuurbelei ohne Ende. Auch eine Art von Sport.

Ein echtes Sahnestück ist der Sechszylinder unter der Haube: Bullig holt er seine Kraft aus dem Drehzahlkeller, bleibt dabei aber stets laufruhig. Im dritten Gang langsam um die Ecke? Kein Thema, obwohl der Schaltknüppel des Viergang-Getriebes knackig einrastet. Ich merke schnell, dass der V6 eher in Richtung Komfort konzipiert wurde. Immerhin: Wer damals noch mehr Leistungshunger hatte, bekam für 360 Mark Aufpreis den 2,3-Liter-HC-V6 mit 108 PS. Im noch etwas prestigeträchtigen 20M RS gab es sogar bis zu 125 PS. Und sogar erste Erfolge im Motorsport: Im April 1969 siegte ein 20M RS bei der knüppelharten "East African Safari"-Rallye. Simple Technik kann auch ihren Vorteil haben ...

Vom 17M RS zum RS200 und Cossie-Sierra

Zurück zum Ford 17M RS: Er stand im September 1968 mit 9.180 DM für die zweitürige Limousine in der Preisliste. Exakt 9.513 DM kostete der Viertürer, unser Hardtop-Coupé war mit 9.402 Mark etwas günstiger. Schnäppchen waren die RS-Modelle damals nicht: Zwischen 1.000 und 1.500 DM betrugen die Aufpreise gegenüber dem normalen 17M, seinerzeit ein mehr als guter Monatslohn.

Erst 1970 sollte Ford in Sachen so richtig aufdrehen: Mit dem Escort RS 1600 erschien das erste wirklich dynamische RS-Modell aus europäischer Fertigung. Er steigt zum Stammgast in den Siegerlisten aller wichtigen Rennsport-Wettbewerbe auf, gewinnt zum Beispiel 1972 die East African Safari und 1974 die Tourenwagen-Europameisterschaft.

Auch die sportlichen Topmodelle des Ford Capri, der RS 2600 (1970) und der RS 3100 (1973), fahren von Triumph zu Triumph – darunter etwa die Tourenwagen-EM-Titel 1971 und 1972. Ab Mitte der 70er Jahre übernimmt ein anderer RS die Rolle des unangefochtenen Seriensiegers: der auf dem Escort der zweiten Generation („Mark II“) basierende RS2000 mit seinen vier Hauptscheinwerfern, bis heute einer der meistverkauften Ford RS aller Zeiten.

Besonders legendär ist der Ford RS200: Konzipiert als kompromissloser Mittelmotor-Allradler für das damals in der Rallye-WM noch gültige Gruppe-B-Reglement, wurde dieser von Ghia mit einem  Kunststoffkleid versehene Supersportwagen zwischen 1984 und 1986 in streng begrenzter Stückzahl von lediglich 200 Einheiten hergestellt.

Den Antrieb übernimmt ein gut 1,8 Liter großer Vierventil-Turbomotor von Cosworth, das besonders verwindungssteife Monocoque-Chassis entspricht mit seiner Aluminium-Honigwaben-Struktur reinster Rennsport-Technologie. Im Wettbewerb über 370 PS stark, darf der RS200 sein volles Potenzial im Rallye-Sport jedoch nicht mehr ausspielen: Ende 1986 endet die heute legendäre Gruppe B-Ära aus Sicherheitsgründen vorzeitig. Doch es folgen weitere RS-Kultautos: Sierra RS Cosworth mit Mega-Heckspoiler, Escort RS Cosworth und die RS-Varianten des Focus.

Bildergalerie: Ford 17M RS (1968)