Audi siegt bei den 24 Stunden von Le Mans 2011

Gemütlich fährt die Kehrmaschine über den legendären Rennkurs in Le Mans. Angesichts der Ruhe und Beschaulichkeit fällt es schwer zu glauben, dass hier in den nächsten beiden Tagen eines der spektakulärsten Rennen der letzten Jahre über die Bühne gehen wird.

Tradition verpflichtet
Seit 1923 findet in der Nähe von Le Mans, einer Stadt mit heute etwa 150.000 Einwohnern, das berühmte 24-Stunden-Rennen statt. Hier spielten sich Tragödien wie der 1955er-Crash mit 84 Toten ab, gleichzeitig diente der Kurs als Kulisse für den legendären Spielfilm ,Le Mans" mit Steve McQueen aus dem Jahr 1971. Die rund 13,5 Kilometer lange Strecke besteht teilweise aus öffentlichen Straßen, die extra für das Großereignis gesperrt werden. Die Gesamtdistanz ist übrigens länger als die aller Formel-1-Rennen der Saison zusammengenommen. Seit jeher ist Le Mans Schauplatz großer Duelle wie beispielsweise Porsche gegen Ferrari. In der jüngsten Zeit war der Zweikampf zwischen Audi und Peugeot dominierend, so auch in diesem Jahr. Rund 250.000 Zuschauer kamen 2011 zur Strecke, besonders bei britischen Fans sind die 24 Stunden äußerst beliebt. Viele von ihnen unterstützen das Team von Aston Martin, doch vergeblich: Die beiden Autos mit den Nummern 007 und 009 schaffen zusammen gerade einmal sechs Runden.

Spannung vom Start weg
Bereits beim fliegenden Start am Samstag um exakt 15:00 Uhr am Samstag zeigt sich, dass sich der Ausgang des Rennens zwischen den beiden Marken entscheiden wird. Insgesamt sind 56 Fahrzeuge am Start, die sich auf vier Klassen verteilen: LMP1 ist gewissermaßen die Königsklasse, hier sind Benziner bis sechs Liter Hubraum und Dieselmotoren bis 5,5 Liter Hubraum erlaubt. Audi tritt hier mit dem R18 an, bei dem viel Wert auf Leichtbau gesetzt wurde. Angetrieben wird der Renner mit den böse blickenden LED-Augen von einem 3,7-Liter-V6-TDI mit 540 PS. Die Bezeichnung ,Audi ultra" auf der markanten Heckfinne weist auf die großzügige Verwendung von Kohlefaser hin, die das Fahrzeug gegenüber dem Vorgänger um 25 Prozent leichter macht. Trotzdem wiegt der R18 wie vorgeschrieben mindestens 900 Kilogramm. Die weiteren Fahrzeugklassen sind LMP2 (Prototypen mit kleinen Hubräumen), LM GTE Pro (seriennahe GT-Sportwagen mit Profi-Fahrern) und LM GTE Am (seriennahe GT-Sportwagen mit Amateurpiloten).

Unfall-Schock
Schon früh im Rennverlauf fallen die LM GTE Am-Fahrzeuge zurück. Die Audi- und Peugeot-Piloten müssen stets aufmerksam sein, um Kollisionen mit den reichen ,Gentleman Drivern" zu vermeiden. Trotzdem kommt es fast zur Katastrophe: Gegen 22.45 Uhr beobachten wir das Rennen in Höhe der Dunlop-Schikane nach Start und Ziel, als das Safety Car vorbeirast. Auf den Monitoren sehen wir, was passiert ist: Ein riesiges Trümmerfeld erstreckt sich über die Hunaudieres-Gerade. Bald wird klar, dass das die Reste des Audi mit der Startnummer 1 sind, der von Mike Rockenfeller gesteuert wurde. Ein Raunen geht durch die Menge, als die Bilder aus dem Audi-Cockpit kommen: Bei gut 300 km/h will ,Rocky" einen Amateur-Ferrari überholen, als dieser leicht nach rechts zieht und den Audi touchiert. Praktisch ungebremst schlägt Rockenfeller mit rund 270 Sachen in die Streckenbegrenzung ein. Weitere Aufnahmen zeigen, mit welcher Wucht die Trümmerteile davonfliegen. Die vorherrschende Frage der Anwesenden: Hat Rockenfeller diesen Horror-Unfall überlebt? Schon in der Frühphase des Rennens gab es einen Schockmoment für Audi, als Allan McNish an Bord der Nummer 3 einen heftigen Abflug hinlegte und nur knapp Fotografen und Zuschauer verfehlte. Umso größer war die Erleichterung, als McNish unverletzt aus dem Auto krabbelt.

Das doppelte Wunder
Doch was ist mit Rockenfeller? Rund zwei Stunden legt sich lähmende Ungewißheit über den Kurs an der Sarthe, es ist schwer, an Informationen zu kommen. Mit bangem Blick schaut Audi-Motorsportchef Wolfgang Ullrich auf die Monitore in der Box, doch bald ist klar: Es gibt ein doppeltes Wunder. Auch Rockenfeller hat beinahe unverletzt überlebt. Zu verdanken hat er dies dem Kohlefaser-Aufbau des R18. Zudem waren die Audis im Jahr 2011 geschlossene Modelle. Wer weiß, wie die Unfälle von McNish und Rockenfeller mit offenen Wagen ausgegangen wären. Scharfe Kritik übt Rockenfeller später an den Amateurfahrern: ,Man muss sich überlegen, ob man für die Amateurfahrer nicht eine andere Lösung finden kann. Es ist einfach zu gefährlich. Es war für mich mehrmals gefährlich, als ich fuhr."

Nervenkitzel pur
Nach der Erleichterung über den Zustand der Piloten kommt der Blick nach vorne. Gut 16 Stunden vor Ende des Rennens hat Audi nur noch einen Wagen auf der Strecke, der von einer Peugeot-Armada gejagt wird. Die Spannung steigert sich, je näher das Rennende rückt. Die Zuschauer in der Audi-Lounge an Start und Ziel klatschen frenetisch, als in den letzten Rennrunden der R18 mit André Lotterer an Bord vorbeirast. Beim letzten Tankstopp wird es nochmal eng, doch Lotterer schafft es, mit sieben Sekunden Vorsprung auf den Peugeot die Box zu verlassen. Der Extrahalt wurde notwendig, weil nicht die vollständigen 65 Liter Tankinhalt genutzt werden konnten. Hinzu kam ein schleichender Plattfuß, der zudem einen Reifenwechsel notwendig machte. Audi-Pilot Lotterer dazu: ,Ich hatte keine Langeweile im Auto". Sein Teamkollege Marcel Fässler bringt den Nervenkitzel auf den Punkt: ,Die letzten sechs Stunden waren unglaublich, sie wollten einfach nicht vorbeigehen. Als ich auf die Zeit schaute, dachte ich immer, sie bliebe stehen. Man fängt wieder an zu zittern: Wird der Traum wirklich wahr? Aber dann wurde er wahr", so der 35-jährige Schweizer.

Aus Stunden werden Sekunden
Kurz nach 15 Uhr am Sonntag, den 12. Juni 2011, ist es schließlich geschafft: Audi siegt zum zehnten Mal bei den 24 Stunden von Le Mans. Für das Fahrertrio Marcel Fässler, André Lotterer und Benoît Tréluyer ist es ein Premieren-Sieg. Selten war ein Rennausgang in Le Mans knapper: Nach einem kompletten Tag und insgesamt 355 Runden lag der Audi gerade einmal 13,42 Sekunden vor dem zweitplatzierten Peugeot mit den Fahrern Pagenaud, Lamy und Bourdais. Entsprechend bewegt war Motorsportchef Ullrich: ,2011 war sicherlich das schwierigste Le-Mans-Rennen, das wir je bestritten haben aber am Ende mit dem süßesten Ergebnis, das wir je hatten."

Sieger ihrer Klasse
Insgesamt kamen 27 Fahrzeuge ins Ziel, drei Teams durften sich über Klassensiege freuen. In der LMP2-Klasse siegte der Zytek-Nissan des Teams Greaves Motorsport (Ojjeh/Kimber-Smith/Lombard), bei den LM GTE Pro-Fahrzeugen die Corvette ZR1 von Corvette Racing (Beretta/Milner/Garcia). Nummer eins bei den Amateuren wurde ebenfalls eine Corvette ZR1: Das Trio Bornhauser/Canal/Gardel gewann für das Team Larbre Competition. Sie haben bewiesen, was Allan McNish über seinen Renner sagt: ,You can push it hard and it's fast."

Bildergalerie: Knapper gehts kaum