Während der BMW M3 immer hässlicher wird, wird die Giulia immer besser

Das "immer besser" bezieht sich nicht auf das Aussehen. Das lässt sich ohnehin kaum verbessern. Das Vor-Facelift-Modell der Giulia Quadrifoglio war jedoch nicht frei von der ein oder anderen Schwäche. In Alfa-Tradition musste der geneigte Kunde darüber hinweg sehen. Doch jetzt? Hat Alfa womöglich ein rundum brillantes Auto gebaut?

Zuerst wäre da das Navi: es funktioniert! Im neuen Modell setzt Alfa auf TomTom als Ausrüster, wie es schon andere Marken von FCA tun. Eine hervorragende Entscheidung, denn nun geht die Bedienung einfach von der Hand, das Ziel wird erreicht, die Kartendarstellung ist unmissverständlich und sogar Echtzeit-Stau-Infos werden verarbeitet. Eine deutliche Verbesserung.

Alfa Romeo Giulia Quadrifoglio (2020) im Test

Überhaupt scheint es, als hätten sich die Alfa-Entwickler nochmal intensiv mit Software und Infotainment beschäftigt. Bis zu acht Geräte können mit der Giulia gekoppelt werden, sobald man sie in einen Wifi-Hot-Spot verwandelt. Optisch haben sich Mittelkonsole und Lenkrad verändert. Beides aufgrund der neuen Technik. In der Mitte liegt es am Infotainment, beim Lenkrad an der Bedienung der Fahrassistenzsysteme.

Sogar dieses Fahrassistenz-Zeug ist an Bord

Ja, die gibt es nun auch! Spurhalteassistent, Totwinkelwarner, aktive Geschwindigkeitsregelung mit Stop-and-go im Stau sowie Verkehrszeichenerkennung und Müdigkeitswarner. Bei diesen Systemen kooperiert Alfa mit Bosch. Das ist erwähnenswert, da es in der Vergangenheit oft schien als wären die Alfisti zu stolz.

So viel wie möglich selbst machen, schien die Devise. So ehrenwert das ist, es kann einem guten Produkt im Weg stehen. Alfa hat nun eine bemerkenswerte Balance gefunden. Die Frage, die dennoch vielen auf den Lippen brennt, bleibt: Wie sieht es mit der Zuverlässigkeit aus? Elektronik-Mätzchen waren in der Vergangenheit leider keine Seltenheit. Weil wir die Giulia nur für einen kurzen Zeitraum testen konnten, sind wir dahingehend leider auch nicht schlauer. Die Verarbeitung wirkt jedenfalls top!

Alfa Romeo Giulia Quadrifoglio (2020) im Test

All das ist aber beinahe bedeutungslos, wenn man hinter dem Steuer sitzt und erlebt wie gut dieses Auto fährt! Natürlich beschleunigt es lächerlich schnell: 3,9 Sekunden auf 100 km/h. Der V6 leistet 510 PS und produziert mächtige 600 Newtonmeter Drehmoment. Jetzt das Erstaunliche: Die Giulia könnte 200 PS weniger haben und sie wäre genauso überragend.

Konstruiert von Fahrwerksmagiern

Leistung ist schön und gut, doch viele Hersteller beherrschen es, gewaltige Kraft an die Räder zu leiten. Die Giulia begeistert dagegen zusätzlich mit all den Details, von denen Sportfahrer träumen: Eine leichtgängige und gefühlvolle Lenkung, sehr direktes Einlenkverhalten, ein geschmeidiger Übergang von Haft- zu Gleitreibung sowie eine Fahrwerksabstimmung, die ihres gleichen sucht!

Was besonders erstaunt: das agile Einlenken wurde nicht durch extremen Sturz an der Vorderachse erzwungen. Die Vorderräder neigen sich lediglich um den Standard-Wert von 0,5 Grad. Beim AMG GT Viertürer sind es beispielsweise 1,9 Grad. Subjektiv lenken aber beide Autos ähnlich gut ein. Die Fahrwerksmagier von Alfa haben ganze Arbeit geleistet! Insbesondere, weil das Gewicht von 1.695 Kilo in Kurven und selbst auf der Bremse (Brembo-sechs-Kolben 360 Millimeter vorne; vier Kolben 350 Millimeter hinten) kaum negativ auffällt.

Alfa Romeo Giulia Quadrifoglio (2020) im Test

Selten konnte eine Limousine dieser Art so deutlich die Persönlichkeit verändern. Alles was es braucht, ist das Drehen am DNA-Schalter (Dynamic, Natural, Advanced Efficiency). Auf Wunsch fährt die Giulia außergewöhnlich bequem und leise. Sie wippt sogar leicht über Bodenwellen nach. Wählt man den sportlichsten Modus Race, explodiert alles um einen herum. Obwohl sich das Fahrwerk strafft, hält es geschmeidig den Fahrbahnkontakt. Hier wird keine falsche Sportlichkeit durch unnötige Härte vorgegaukelt.

Schwächen? Wenn man länger nachdenkt… ja

Das klingt nun nach etwas Lobhudelei, ich weiß. Deshalb etwas Negatives. Wie vor dem Facelift kann die ESP-Einstellung nicht unabhängig von den Fahrmodi vorgenommen werden. Lediglich im Race-Modus ist das elektronische Sicherheitsnetz deaktiviert. Eine ESP-Zwischenstufe gibt es leider nicht.

Was von manchen vielleicht auch als Nachteil empfunden wird: Der Auspuff röhrt nicht wie ein paarungswilliger Hirsch. Grundsätzlich hört man das Trompeten des V6 erst deutlich, wenn die Drehzahlnadel 3.500 Umdrehungen überschreitet. Das liegt vor allem an den nun geltenden EU-Geräuschvorschriften. Auch die Akrapovic-Auspuffanlage für 4.873,95 Euro extra ändert daran wenig - zumindest bei niedrigem Tempo.

Alfa Romeo Giulia Quadrifoglio (2020) im Test

Das war es dann aber mit den Nachteilen. Die Giulia Quadrifoglio erzeugt beim Fahrer ein irrationales Gefühl des Haben-wollens, das sich bei jedem Gangwechsel der ZF-Achtgang-Automatik erneuert. Dabei wechseln die Gänge in 150 Millisekunden. Das mechanische Sperrdifferenzial regelt ebenfalls mit fantastischer Geschwindigkeit, wodurch das Heck kontrolliert über die Haftgrenze gleitet, ohne gemein zu zucken.

Fazit: 9/10

Von Marktstart 2016 bis Mitte 2020 wurden nur rund 1.200 Exemplare der Giulia Quadrifoglio in Deutschland verkauft. Für ein Auto, das so fährt und so aussieht, ist das erstaunlich wenig – auch wenn der Basispreis bei 80.420,17 Euro liegt. Vielleicht ändert sich das mit dem Facelift. Dieses Auto ist nämlich sehr, sehr gut!

Bildergalerie: Alfa Romeo Giulia Quadrifoglio (2020) im Test

Bild von: Fabian Grass

Alfa Romeo Giulia

Motor 2,9-Liter-V6
Leistung 510 PS (6.500 U/min)
Max. Drehmoment 600 Nm (ab 2.500 U/min)
Leergewicht 1.695 kg
Höchstgeschwindigkeit 307 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h 3,9 Sekunden
Verbrauch 7,3 - 12,1 Liter / 100 km
Getriebeart Achtgang-Automatik
Länge 4.639 mm
Breite 1.874 mm
Höhe 1.437
Antrieb Hinterradantrieb
Kofferraumvolumen 480 Liter
Basispreis 80.420,17 Euro
Preis des Testwagens 98.405,05 Euro