Zum Firmenjubiläum gibt es bei Westfield einen Nachfolger des Lotus XI

Ich komme mir vor, als würde ich in einem Ufo sitzen. Ich gucke ab Brusthöhe vollkommen ungeschützt aus einer gelben Plastikscheibe. Mein Westfield XI ist ein originalgetreuer Nachbau des Lotus XI. Mit diesem Fahrzeug begann für Westfield vor genau 25 Jahren alles. Die Jubiläumsedition ist zwar auf mehrere Chargen limitiert, aber Simon Westwood, Sales Manager bei Westfield, versichert uns, jeder der einen Westfield XI haben will, bekommt auch einen. Und diese eher locker gehandhabte Limitierung ist bei weitem nicht das einzige Komische an dem Wagen.

Spenderteile
Der Westfield XI wird in guter alter Kit-Car-Manier auf ein so genanntes Donor Car aufgebaut. Dieses Spenderauto ist im Allgemeinen ein Sprite oder ein MG-B – der MGB wurde von 1962 bis 1980 von MG gebaut. Dieser läuft mit einem uralten Rover-Motor und einem nicht vollständig synchronisierten Getriebe. Die Karosserie entsteht vollständig bei Westfield. Als uns eine gut im Silikon stehende Blondine mit ihrem riesigen Muskelfreund auf dem Parkplatz begegnet, fängt der junge Mann unversehens an, um unser Gefährt zu tanzen. Dabei lacht er fröhlich und versucht sich hinter dem gerade mal kniehohen Wagen zu verstecken. Seine Freundin ruft uns zu, dass wir ihn gar nicht beachten sollen, aber irgendwie freut sie sich mit ihm. Selbst im in Sachen skurriler Autos abgeklärten England erregt der Westfield XI Aufsehen.

Klein, eng, witzig
Um in den Westfield XI zu kommen, greife ich zur Innenwand der Tür, schiebe einen winzigen Gartentor-Riegel auf, löse die zwei Zentimeter lange Metall-Klappverbindung zwischen der Pseudo-Frontscheibe und der nicht runterkurbelbaren Seitenscheibe, und klappe die gesamte Tür nach unten auf. Mit einem beherzten Schritt steige ich über die Tür und trete vorsichtig auf die mit Filz bezogene Fieberglasschwelle, die genauso breit ist wie mein Fuß lang. Beim Setzen merke ich: Die Sitze sind etwas enger als im Westfield 1600 und der Fußraum reicht auch nicht mehr, um noch die Beine auszustrecken. Vom Polsterungskomfort sind die Sportsitze mit denen des Westfield 1600 vergleichbar – und mir ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar, dass dieses kleine bisschen Weichheit der einzige Komfort sein wird, den ich in den nächsten Stunden erfahren werde.

Kein Dach, kein Kofferraum, keine Frontscheibe
Erst mal im Auto mit den Vierpunktgurten festgezurrt, sind wir auf Gedeih und Verderb dem Wetter ausgeliefert. Ein Notverdeck, wie es Seven-Style-Cars vom Schlage eines Caterham CSR200 oder eben Westfield 1600 mitbringen, gibt es im Westfield XI nicht. Hinter dem Fahrer beult sich das Heck monströs aus. Aber diese Beule ist sinnlos und leer, sie wurde einfach vom originalen Lotus XI übernommen. So bietet der geschlossene Heckkorpus keinen Kofferraum. Auch sonst glänzt der Wagen durch die komplette Abwesenheit jeglicher Ablagen – natürlich gibt es auch kein Handschuhfach. Der Blick in die runden, mit einem aufwendigen Gestänge befestigten Chromspiegel macht mir richtig Spaß. Aber es gibt nur zwei davon. Einen Außenspiegel an der Beifahrerseite suche ich vergebens. Die Frontscheibe ist ein absoluter Witz.

Unablässiger Tränenstrahl
Als ich im Auto sitze, muss ich merken, dass das, was von außen wie eine Frontscheibe aussah, in Wirklichkeit eine Art Windabweiser ist, der genau auf mein Gesicht zielt. Diese Scheibe reicht mir gerade mal bis zur Brust, alles, was da rüberliegt, legt sich kräftig mit der Luft an. Meine Brille mit –0,75 Dioptrien auf beiden Seiten hilft mir beim Schreiben von Auto-Tests, ab zirka 60 km/h im Westfield XI hilft sie mir gar nicht. Der Wind schiebt sich in meine Augen, welche mit heftigem Tränenfluss reagieren. Ich spüre, wie das Wasser direkt aus meinen Augenwinkeln über meine Schläfen zu den Ohren gedrückt wird. Eine Ski- oder Motorradbrille wäre hier die richtige Wahl. Und wer ganz sicher gehen möchte, dass ihm nicht der nächste LKW-Zwillingsreifen eine Hand voll Schotter auf den Kopf wirft, der zieht sich einen Helm über. Der Wagen liegt nämlich so tief, dass alles, was hochfliegt, eine gute Chance hat, im Wagen zu landen.

Ein Brett geht auf Reisen
Ich habe keine Ahnung, ob die Jungs von Westfield beim Bau des Wagens die Federung mit eingebaut haben. Rein gefühlsmäßig haben sie das einfach vergessen. Aber sowohl der Westfield XI als auch der Westfield 1600 machen auf uns einen hochwertigen Eindruck. Sieht also ganz so aus, als sei es vollkommen normal, dass ein heftiger Ruck durch den Wagen geht, wenn wir über ein bleistiftgroßes Stöckchen fahren. Der Vorteil der Geschichte: Die Karosserie neigt sich in keine Richtung. Der Nachteil: Als Ungeübter bin ich bereits nach einer Stunde Fahrt vollkommen fertig. Ein Land mit sanften, glatt gefegten Straßen ist genau das Richtige für den Westfield XI. Die Bremsen funktionieren genauso ,modellgerecht" wie die Lenkung: äußerst schwergängig und direkt. Weit vorausschauen und rechtzeitig aufs Bremspedal treten sind absolute Notwendigkeiten.

Laut und sehr speziell
Als Motor fungiert in unserem Westfield XI das bereits erwähnte antike Rover-Aggregat. Der 1,2-Liter-Vierzylinder leistet 65 PS. Dem historischen Triebwerk merke ich seine fehlende Jugend sofort an. Alleine schon der Sound klingt wie von vorgestern. Aber die paar Pferde reichen, um den 560 Kilogramm leichten Wagen zügig durch die Stadt zu ziehen. Dabei verwandeln wir jede Kreuzung soundmäßig in eine Mopedansammlung und auch die Gerüche aus unserem seitlich austretenden Endrohr müffeln nach blauem Dunst. Im Wagen selbst erfrischt mich starker Benzingeruch. Auf der Landstraße verliert das Triebwerk bei höheren Geschwindigkeiten deutlich an Zugkraft, was aber nicht weiter schlimm ist. Im Westfield XI kommt mir sowieso jede Geschwindigkeit um 40 km/h schneller vor als in einem ,normalen" Fahrzeug, 60 wirken also locker wie 100 km/h. Echte 100 Kilometer in der Stunde sind in 8,8 Sekunden erreicht, die in England auf öffentlichen Straßen illegale Höchstgeschwindigkeit von 183 km/h lässt mich schaudern.

Bitte mit Zwischengas
Das ebenfalls museumsreife manuelle Viergang-Schaltgetriebe wird mit einem ganz besonderen technischen Extra versehen: Der erste Gang ist nicht synchronisiert. Da ich meine Fahrerlaubnis in den 80ern auf einem LKW namens W50 gemacht habe, kenne ich mich noch ein bisschen mit Zwischengas und Zwischenkuppeln aus. Und wer hier beim Runterschalten in den Ersten versucht, die Zahnradmannschaft um ihre zusätzlichen Umdrehungen per Zwischengas zu betrügen, wird mit heftigstem Zähneputzen bestraft. Den Klang der nicht greifenden Zähne hört man meilenweit. Also trete ich die Kupplung, ziehe den Gangwahlhebel mit einem kräftigen Ruck in den Leerlauf, lasse die Kupplung kommen, verpasse dem Antrieb einen kräftigen Gasstoß, trete wieder die Kupplung und flugs flutscht der erste Gang rein wie durch Butter. Leute, die genau das mögen und sich genau damit von der Masse unterscheiden wollen, kaufen sich einen Westfield XI.

Wertung

  • ★★★★★★☆☆☆☆
  • Der Westfield XI ist eine ganz spezielle Erfahrung. Alles ist modellgerecht auf den alten Lotus XI zugeschnitten. Der enge, unkomfortable Innenraum, der vom Lauf der Zeit längst überholte Motor und das Getriebe mit nicht synchronisiertem ersten Gang sind was für nostalgische Liebhaber des Besonderen. Der Wagen ist eine herbe, karge Schmerzmaschine aus einer Zeit, in der Tachometer, elektrische Benzinpumpe und Scheibenwischer zur Sonderausstattung gehörten.

    Die mehr als auffällige Karosserie reicht hier nicht, der Fahrer muss die gesamte Kröte schlucken. Bei aller Liebe zu den mit großem Enthusiasmus gebauten englischen Automobilen: Die Kopie ist hier wie das Original – nur Freunde der oberen Ligen des Skurrilen werden am Westfield XI dauerhaft Freude haben.

  • Antrieb
    40%
    echtes Oldtimer-Aggregat
    unsaubere Verbrennung
  • Fahrwerk
    50%
    für 50er-Jahre-Rennen geeignet
    superhart
  • Karosserie
    45%
    originalgetreu, extremer Aufmerksamkeitsfaktor
    eng, kein Verdeck, keine echte Frontscheibe
  • Kosten
    70%
    günstig für so ein seltenes Stück
    Unterhaltskosten halten sich in Grenzen

Preisliste


Westfield XI

Grundpreis:  Euro
Modell Preis in Euro
Westfield XI (fertig montiert) 33.800
Westfield XI (Kit) 15.827

Datenblatt

Motor und Antrieb
Motorart Motor der BMC "A" Serie 
Zylinder
Ventile
Hubraum in ccm 1.275 
Leistung in PS 65 
Leistung in kW 48 
bei U/min 3.000 
Drehmoment in Nm 93 
Gänge
Getriebe Schaltgetriebe mit unsynchronisiertem 1. Gang 
Fahrwerk
Radaufhängung vorn Einzelradaufhängung 
Radaufhängung hinten Panhard-Starrachse 
Bremsen vorn Scheibenbremsen, 330 x 127 mm 
Bremsen hinten Scheibenbremsen, 330 x 127 mm 
Lenkung Zahnstangenlenkung 
Maße und Gewichte
Länge in mm 3.535 
Breite in mm 1.510 
Höhe in mm 975 
Leergewicht in kg 560 
Zuladung in kg 340 
Tankinhalt in Liter 22 
Kraftstoffart Super 
Fahrleistungen / Verbrauch
Höchstgeschwindigkeit in km/h 183 
Beschleunigung 0-100 km/h in Sekunden 8,8 
EG-Gesamtverbrauch in Liter/100 km 9,7 

Die etwas andere Härte