No more Retro: Der coole Jaguar XF bricht mit Konvention und Tradition

Trendsetter haben es nicht leicht: Schon auf den ersten Blick sieht man dem XF das Potenzial an, die Jaguar-Gemeinde zu spalten. Gerade die konservative Fraktion – nach dem Klischee wohl Anwälte, Notare oder ähnlich seriöse Herren reiferen Alters – könnte sich von dieser modernen Neuinterpretation vor den Kopf gestoßen fühlen. Männer also wie der gut gekleidete französische Herr, der mich in einem einsamen Bergdorf im Hinterland der Côte d'Azur anspricht. ,Ahh ... das ist doch der neue Jaguar XF, n'est-ce pas? . Gibt's den jetzt also schon zu kaufen?" ,Nein, nein, der gehört leider nicht mir, das ist ein Pressewagen." radebreche ich auf der Suche nach längst vergessenem Französisch-Vokabular zurück. Ein Blick ins Innere, und die Miene von Monsieur hellt sich auf. ,Nicht schlecht! Der sieht ja richtig modern aus!" verkündet er zu meinem Erstaunen. ,Na, dann sollten Sie erst das hier sehen", gebe ich zurück, öffne die Fahrertür und lasse mich in den bequemen Ledersessel sinken.

Aufwachen, bitte!
Der Starterknopf auf der Mittelkonsole pulsiert rot. Da mir das französische Wort für ,Herzschlag" fehlt, weise ich den Franzosen mit einem Fingerzeig darauf hin. ,Ahhh ... sieht ja aus wie ein Herzschlag". Sein Grinsen wird breiter. Ich drücke den Knopf und der XF erwacht zum Leben: Der 4,2-Liter-Kompressor-V8 feuert seine kraftvolle Bassnote aus den beiden glänzenden Endrohren, die Lüftungsdüsen im lederbezogenen Armaturenbrett rotieren um 180 Grad in ihre Arbeitsposition und hinterm Startknopf erhebt sich der silbrig glänzende ,Drive Selector", also die Jaguar-Version eines Automatikwählhebels, aus der breiten Mittelkonsole. Die Raubkatze ist sprungbereit. Ich schaue zu meinem Gesprächspartner, dessen Grinsen nun von einem Ohr zum anderen reicht. ,Erstaunlich. Wer hätte gedacht, dass Jaguar so etwas Modernes auf die Räder stellt?". ,Stimmt genau", denke ich, verabschiede mich artig und trete den Rückweg nach Monaco an.

Kein Retro
Ungewöhnlich ist es ja schon, dass hier – entgegen dem Klischee – ausgerechnet ein Vertreter der älteren Generation dem kühlen Charme des XF erlegen ist. Einer, der den neuen Jaguar und seinen ,Cool Britannia"-Look eigentlich als übertrieben modernen Schnickschnack verdammen sollte. Und die konservativsten Hardliner unter den Jaguar-Fans werden denn auch wahrscheinlich ablehnend auf den progressiven Innenraum reagieren. Das weiß auch Alister Whelan, seines Zeichens Innenraumdesigner bei Jaguar. Trotzdem zählt er ein Who-is-Who der britischen Klassiker auf, wenn er von den Inspirationsquellen bei der XF-Entwicklung spricht. Der breite Chromgrill: eine Hommage an den ersten XJ6. Die Linien und die schmalen Leuchten des Hecks: Das soll an die Coupéversion des E-Type erinnern. Allerdings: Im Gegensatz zu diesen Design-Ikonen ist der neue Jaguar kein Auto, in das ich mich Hals über Kopf verliebe. An den Look des XF muss man sich gewöhnen, ihn in Bewegung und von allen Seiten sehen.

Souveräne Leistung
Fest steht aber, dass das XF-Design in dieser Klasse heraussticht. Gerade im Vergleich zu den eher sachlich gezeichneten Alternativen aus deutschen Landen – etwa 5er BMW oder Audi A6 – hebt sich der Jaguar XF mit seiner kraftvoll eleganten Form merklich ab. Wie um diesen Eindruck zu untermauern, liefert Whelan auch gleich die passende Anekdote: Rein zufällig habe man während der Entwicklung festgestellt, dass die Winkel von Front- und Heckscheibe in der Seitenansicht bei XF und dem Sportcoupé XK identisch sind. Und tatsächlich: In einigen Ansichten erinnert die Luxuslimousine entfernt an den sportlichen Stallgefährten mit der langen Schnauze und dem kurzen Heck. Für zusätzliche Sportoptik sorgen bei meinem Testwagen die massiven 20-Zoll-Alufelgen. Zusammen mit dem ,SV8"-Schriftzug am Heck sind sie übrigens der einzige optische Hinweis darauf, dass ich mit der derzeitigen Top-Motorisierung die Serpentinenstraßen der Riviera unsicher mache – die XF-R-Sportversion mit geschätzten 500 PS will Jaguar zu einem späteren Zeitpunkt nachreichen. Aber warum eigentlich? Das ,S" steht nämlich für ,Supercharged" – der 4,2-Liter-V8 wird also von einem Kompressor zwangsbeatmet. Genau wie im XKR leistet also schon diese Ausbaustufe des Motors stramme 416 PS. Damit sprintet die britische Raubkatze in 5,6 Sekunden auf 100 km/h und rennt bei 250 Sachen in den elektronischen Begrenzer.

Einfach nur schnell
Motorisch ist das mehr als genug, um aus Jaguars Schlagwort vom ,Sports Saloon" keine hohle Phrase werden zu lassen. Der große V8 hängt sehr gut am Gas und beherrscht die 1,8 Tonnen des XF jederzeit souverän. Da – ganz entgegen dem Klischee – inzwischen auch bei Jaguar die moderne Elektronik Einzug gehalten hat, passe ich mit zwei unauffälligen Tasten auf der stylischen Mittelkonsole den Wagen meiner aktuellen Fahrlaune an. Da ist zum einen der Drücker mit der karierten Flagge. Der schaltet das adaptive Fahrwerk ,CATS" in den Sportmodus und stellt den Wagen generell auf Sport ein: Die Gasannahme wird direkter, das ESP schreitet später ein und der Motor lässt sich höher drehen. Besonders cool: Wenn ich zudem noch die Automatik mit dem Drehwähler von ,D" auf ,S" schalte, bin ich alleine für die Gangwechsel zuständig. Sprich: Ich kann den Motor bis in den Begrenzer drehen, ohne dass die Automatik sich einmischt. Erst ein Zug am rechten Schaltpaddel legt die nächste Fahrstufe ein.

Der Edelmann als Rabauke
Als letzte Sportmaßnahme bleibt schließlich noch die DSC-Taste. Mit der schalte ich das Jaguar-ESP restlos ab, falls ich – wenig Gentleman-like – mit qualmenden Reifen aus der Kurve herausbeschleunigen will. Auch diese Art der Fortbewegung beherrscht der XF, allerdings ist dies nicht seine bevorzugte Gangart. Die Elektronik analysiert nämlich kontinuierlich meinen Fahrstil und passt die variablen Dämpfer entsprechend an. Und dafür muss ich mich nicht durch zig Untermenüs klicken oder Handbücher im Telefonbuchformat studieren. Wie ein guter Butler arbeitet der Jaguar fleißig im Hintergrund, und ich erfreue mich am Resultat. Und das ist ebenso beeindruckend wie simpel: Auf Wunsch geht es im XF SV8 brutal schnell voran. Die Quittung für so viel Spaß gibt's wie immer an der Tankstelle: Nach einigen schnellen Kurvenjagden zeigt der Bordcomputer einen Schnitt von rund 20 Liter pro 100 Kilometer.

Gentleman-Raser
Wie es sich für einen Jaguar gehört, dringt selbst während der pubertärsten Fahrmanöver nie mehr als ein angenehmes Donnergrollen vom Motor- in den Innenraum. Und ja: Die coole Nachtbeleuchtung in eisigem Blau dürfte nicht jedermanns Sache sein, trotzdem bietet aber auch der XF den typischen Jaguar-Mix aus Bequemlichkeit und Sportlichkeit. Die Designer haben tatsächlich Recht: Man sitzt im XF, nicht auf ihm. Diesen Eindruck verstärkt das nach unten gezogene Armaturenbrett, das mit einem Materialmix aus vernähtem Leder und kühlem Aluminium für ein edles Ambiente sorgt. Nicht ganz so edel sind lediglich die Lenkstockhebel, die zum einen mit Drehreglern überfrachtet sind und sich zum anderen für dieses Umfeld einen Tick zu billig anfühlen. Geschmacksache hingegen sind die Hochglanzpanele aus Eichenholz auf der Mittelkonsole und am Instrumentenbrett. Die Ledersessel schließlich lassen sich dank zahlreicher Stellmotoren in fast jede beliebige Position bringen. Obwohl sie nicht so aussehen, bieten sie auch bei schneller Fahrt ausreichend Seitenhalt. Entgegen dem aktuellen Trend ist übrigens die Motorhaube vom Fahrersitz aus einsehbar. Das sorgt für gute Übersicht nach vorne. Hinten ist die weniger rosig, denn das Heckfenster ist erstens zu klein und die dritte Bremsleuchte beschneidet mir das Sichtfeld zusätzlich.

Innovationen im Inneren
Technisches Gimmick: die berührungslose Bedienung von Handschuhfach und Innenbeleuchtung. Beide funktionieren tadellos und tragen zum edlen Lounge-Feeling bei. Ganz konventionell über Tasten in der Mittelkonsole laufen dagegen die Steuerungen der serienmäßigen Klimaautomatik und der Grundfunktionen des Audiosystems. Zusätzliche Features wie die Sitzheizung und -belüftung lassen sich allerdings nur über den zentralen Touchscreen steuern. Das sorgt zwar für ein aufgeräumtes Armaturenbrett, ist aber keine perfekte Lösung: Einerseits lenkt der Blick auf den Monitor beim Fahren zu sehr ab, und andererseits reagiert der Bildschirm auf die Kommandos eine Spur zu träge.

Alternativen
Übrigens: Wer die gut 80.000 Euro für den SV8 gerade nicht flüssig hat, der muss nicht verzweifeln. Am unteren Ende der Preisskala etwa bietet Jaguar den 2,7-Liter Diesel-V6 mit Twin Turbo an. Der kostet in üppiger Basisausstattung knapp unter 50.000 Euro und überzeugt im Fahrbetrieb durch ultraleisen Motorlauf, kräftigen Durchzug und moderaten Verbrauch. Das CATS-Fahrwerk bleibt zwar dem Topmodell vorbehalten, aber auch das Diesel-Chassis hinterlässt auf Autobahn und Landstraße einen kompetenten Eindruck. Zudem passt die entspannte Motorcharakteristik gut zum XF und macht aus ihm einen exzellenten Langstreckentourer.

Wertung

  • ★★★★★★★★★☆
  • Well done, Jaguar: Dass ein derart traditioneller Hersteller ein derart progressives Auto bringt, verdient einfach Respekt. Man merkt dem XF an, dass ein junges Design-Team mit vielen Freiheiten am Werk war. Der Lohn der Mühe ist das wohl unkonventionellste Interieur der Firmengeschichte. Das straff gezeichnete, coupéhafte Äußere ist ebenso gelungen. Der Look des XF ist zwar gewöhnungsbedürftig, wirkt dafür aber besser, je öfter ich den Briten betrachte – ein gutes Zeichen. Und auch der Tod der Holz- und Ledertradition muss nicht betrauert werden, denn bei aller Modernität und Coolness bleibt der XF unverwechselbar und bis ins Mark britisch. Stimmt: Die Technik ist nicht wirklich neu und grundsätzlich aus dem Konzern bekannt. In ihrer für den XF feingetunten Form überzeugt sie aber dort, wo es darauf ankommt: auf der Straße.

  • Antrieb
    90%
    kräftiger, kultivierter Motor, beeindruckender Sound
    hoher Benzindurst
  • Fahrwerk
    100%
    super Kompromiss aus Sportlichkeit und Komfort
    direkte, gefühlvolle Lenkung, starke Bremsen
  • Karosserie
    90%
    schickes Styling, riesiger Kofferraum, edles Interieur
    Übersicht nach hinten eingeschränkt
  • Kosten
    80%
    üppige Basisausstattung, kurze Aufpreisliste
    hoher Verbrauch

Preisliste


Jaguar XF 4.2 V8 S/C

Grundpreis: 80.820 Euro
Ausstattungen Preis in Euro
ABS Serie
ESP Serie
ASR Serie
Airbag Fahrer Serie
Airbag Beifahrer Serie
Seitenairbags vorn Serie
Kopfairbags vorn Serie
Kopfairbags hinten Serie
elektr. Fensterheber vorn Serie
elektr. Fensterheber hinten Serie
elektr. verstellbare Außenspiegel Serie
Klimaautomatik Serie
Zentralverriegelung mit Fernbed. Serie
Automatikgetriebe Serie
Bildschirmnavigation 2.060 (inkl. Spracheingabe)
CD-Radio Serie
MP3 Serie
elektr. Schiebedach 1.310
Metalliclackierung 880
Leichtmetallfelgen Serie
Sitzhöheneinstellung Serie
Tempomat Serie
Lederausstattung Serie
Xenonlicht Serie
Kurvenlicht Serie

Datenblatt

Motor und Antrieb
Motorart Otto-V-Motor mit Kompressor 
Zylinder
Ventile
Hubraum in ccm 4.196 
Leistung in PS 416 
Leistung in kW 306 
bei U/min 4.000 
Drehmoment in Nm 560 
Antrieb Heckantrieb 
Gänge
Getriebe Automatik 
Fahrwerk
Spurweite vorn in mm 1.559 
Spurweite hinten in mm 1.559 
Radaufhängung vorn Einzelradaufhängung mit Doppelquerlenker u. Federbein 
Radaufhängung hinten Einzelradaufhängung mit Doppelquerlenker u. Federbein 
Bremsen vorn innenbelüftete Scheibenbremsen, 355 x 32 mm 
Bremsen hinten innenbelüftete Scheibenbremsen, 326 x 20 mm 
Wendekreis in m 11,5 
Räder, Reifen vorn 255/35 R20 auf 8,5 J x 20 Alufelgen 
Räder, Reifen hinten 285/30 R20 auf 9,5 J x 20 Alufelgen 
Lenkung ZF Servotronic 2 / Zahnstange / Hydraulisch 
Maße und Gewichte
Länge in mm 4.961 
Breite in mm 1.877 
Höhe in mm 1.460 
Radstand in mm 2.909 
Leergewicht in kg 1.842 
Zuladung in kg 488 
Kofferraumvolumen in Liter 540 
Tankinhalt in Liter 68,5 
Kraftstoffart Super 
Fahrleistungen / Verbrauch
Höchstgeschwindigkeit in km/h 250 
Beschleunigung 0-100 km/h in Sekunden 5,6 
EG-Gesamtverbrauch in Liter/100 km 12,6 
EG-Verbrauch innerorts in Liter/100 km 18,7 
EG-Verbrauch außerorts in Liter/100 km 9,1 
CO2-Emission in g/km 299 
Schadstoffklasse Euro 4 
Fixkosten
Garantie 3 Jahre / ohne Kilometerbegrenzung, 6 Jahre gegen Durchrosten 

Test: Jaguar XF SV8