Test VW e-Golf 2017

Mit dem VW e-Golf ist das ja so eine Sache. Unter all den halbwegs bezahlbaren Elektroautos ist er sicher das normalste, unauffälligste, geschliffenste. Wenn Sie also nicht wollen, dass Ihr E-Mobil aussieht, wie die verschrobene Zukunftsvision eines japanischen Zeichentrick-Nerds, dann sind Sie hier gar nicht so verkehrt. Ein Elektromotor ist für viele schließlich schon Experiment genug. Wie angenehm, wenn der ganze Rest dann einfach ganz gewohnt golfig ist. So möchte man zumindest meinen. Aber selbst eines der meistverkauften Autos der Welt zieht in seiner batteriebetriebenen Variante kaum Kunden an Land. Seit dem Start des e-Golf im Jahr 2014 wurden in etwa 30.000 Stück verkauft. Bedenkt man, dass pro Jahr gut eine Million Golf verkauft werden, ein doch eher … ähem ... überschaubarer Anteil. Mit dem jüngsten Facelift darf das natürlich gerne besser werden. Anreize kommen in Form von mehr Leistung und einer deutlich gesteigerten Reichweite.

Deutlich mehr Reichweite
Überfliegen wir aber zuerst die sichtbaren Modellpflege-Maßnahmen. Ja, auch der e-Golf ist jetzt neu beschürzt, blinzelt serienmäßig aus LED-Scheinwerfern und kriegt das feine Facelift-Interieur mit 12,3-Zoll-Active-Info-Display und riesigem, gestengesteuertem 9,2-Zoll-Infotainmentsystem. Letzteres ist sogar serienmäßig an Bord. Das ist alles schön und gut, aber damit endlich mehr Menschen wie du und ich so einen elektrischen Golf auch tatsächlich kaufen, musste vor allem in puncto Reichweite nachgelegt werden. Weiß man bei VW natürlich auch und spendet dem e-Golf nun eine Batterie mit wesentlich mehr Kapazität. 35,8 anstatt 24,2 kWh, um genau zu sein. Wesentlich mehr bringt Ihnen wahrscheinlich die Info, dass der Strom-Golf laut NEFZ-Zyklus nun 300 statt wie bisher 190 Kilometer weit kommen soll. Jetzt weiß jeder, der über etwas ähnliches wie ein Gehirn verfügt, dass man sich den NEFZ-Wert auch getrost in die Haare schmieren kann. Freundlicherweise versorgt uns VW höchstselbst mit einem viel brauchbareren Wert (mit dem wundervollen Namen ,kundenrelevantes Jahresmittel"). Der liegt je nach Fahrweise, Witterung und Klima-/Heizungseinsatz bei rund 200 Kilometer.

Macht durchaus Spass
Nach einer ersten, knapp 100 Kilometer langen Testfahrt ohne Kälte, aber mit etwas Klimaanlage, ein wenig Bergauf und ein paar ,Tests", was die neue E-Maschine denn so hergibt, wenn man das Gas komplett in der Fußmatte versenkt, kann ich sagen: 200 Kilometer, hätte ich so nicht geschafft. 180 aber vermutlich schon. Das Problem ist nur: Es macht leider ziemlich viel Spass, die volle E-Beschleunigung ein ums andere Mal auszukosten. Dieses jederzeitige Ansatzlose hat schon was. Vor allem hat es spürbar mehr als vorher. VW hat die Leistung von 115 auf 136 PS gesteigert. 0-80 km/h gehen jetzt in 6,9 Sekunden, 0-100 km/h in 9,6 Sekunden. Damit ist auch der neue e-Golf kein BMW i3, aber Landstrassen-Überholvorgänge schüttelt er ziemlich lustvoll aus dem Ärmel, wirkt jederzeit mehr als schnell genug. Und weil die 290 Newtonmeter Drehmoment ab ganz genau null Umdrehungen anliegen, wirkt er auch deutlich spritziger als gleichstarke Verbrenner. Schluss ist halt bei relativ überschaubaren 150 km/h. Einfach, weil bei höheren Geschwindigkeiten der Stromverbrauch exorbitant ansteigen würde. Ich vermute, man kann sich damit arrangieren.

Fährt sehr ausgewogen
Vor allem, weil einem der e-Golf das Leben auf der Strasse im Allgemeinen ziemlich leicht macht. Mit knapp 1.600 Kilo ist er alles andere als schlank, aber die korpulenten Batterien senken den Schwerpunkt und geben der stromernden Ikone tatsächlich sowas wie ein Handling. Dieser Golf geht überraschend behände ums Eck. Und er federt absolut großartig. Schalten Sie den Automatikhebel auf ,B" und der e-Golf rekuperiert. Er rekuperiert so stark, dass Sie kaum noch bremsen müssen vor Kurve, Kreisverkehr et cetera. Gut für faule Menschen, nicht ganz so gut für die Betriebsstrategie, denn eigentlich bringt es auch für die Reichweite mehr, wenn man das Auto einfach laufen lässt.

Neue Reichweiten-Verlängerer
Apropos Reichweite: Hier hilft jetzt auch das Navi mit. Und zwar, mit dem schlauen Einsatz von Streckendaten. Kommt zum Beispiel eine Kurve, eine Abzweigung, ein Kreisverkehr oder ein neues Tempolimit, erscheint im Display der Hinweis ,Runter vom Gas", schon bevor Sie das neue Verkehrsszenario erkannt hätten. Ein leidlich bekannter Stromverbrauchs-Booster ist auch die Heizung. Gerade im Winter. VW reagiert mit einer neuentwickelten Wärmepumpe, die sowohl die Wärme aus der Umgebungsluft als auch die Abwärme der Antriebskomponenten nutzt. Bis zu 30 Prozent mehr Reichweite sollen so im Vergleich zu einem konventionellen Heizsystem drin sein.

Lange Ladezeit
Irgendwann ist aber trotzdem mal Schluss und der e-Golf muss an die Dose. Wenn Sie den Ladevorgang an einem gewöhnlichen Haushaltsanschluss mit 2,3 kW abwickeln müssen, dann sind Sie ziemlich arm dran, denn so dauert die ganze Nummer über 13 Stunden. An öffentlichen Ladesäulen, die bis zu 40 kW Gleichstrom in den Akku jagen, ist das Auto in einer Dreiviertelstunde zu 80 Prozent voll und in knapp über einer Stunde komplett aufgeladen. Sie fahren in den Urlaub und haben überhaupt gar keine Lust auf so viel Warterei? Macht nichts, denn Volkswagen ist überaus nett zu seinen E-Auto-Kunden und schenkt Ihnen bis zwei Jahre nach dem Kauf bis zu 30 Tage im Jahr einen Mietwagen aus dem kompletten Modellportfolio (Touareg ausgenommen). 4.000 Freikilometer sind dabei, sprich: Wenn Sie nicht unbedingt nach Usbekistan verreisen, sollten Sie damit ganz gut hinkommen.

Preis ist relativ
Bleibt noch der Preis. Der liegt bei 35.900 Euro und damit ziemlich genau zwischen Golf GTI und Golf R. Klingt nach recht viel, wird aber dadurch relativiert, dass der e-Golf verflucht gut ausgestattet ist. Großes Navi, Klimaautomatik, LED-Scheinwerfer: alles ab Werk dabei. Zum Vergleich: Der BMW i3 startet bei 34.950 Euro, der Opel Ampera-e wird – dann jedoch mit deutlich mehr Reichweite von nahezu 400 Kilometer – irgendwo zwischen 35.000 und 40.000 Euro aufschlagen.

Wertung

  • ★★★★★★★★★☆
  • Der überarbeitete e-Golf macht vieles besser als bisher. Die E-Maschine hat spürbar mehr Druck und die angegebenen 200 Kilometer Real-Reichweite scheinen fast machbar. Ansonsten ist der e-Golf durch und durch Golf. Ein größeres Kompliment kann man ihm kaum machen. Fahrwerk, Bedienung, Anmutung, alles richtig großartig. Ein Problem sind die horrenden Ladezeiten an der heimischen Steckdose. Außerdem bietet die Konkurrenz teilweise deutlich mehr Reichweite. Der Preis wirkt noch immer relativ hoch, wird aber durch die hervorragende Ausstattung ein wenig relativiert.

    + elastischer, flotter Antrieb; gutes Fahrverhalten; ordentliche Reichweite; ein vollwertiger Golf

    - lange Ladezeiten; andere bieten mehr Reichweite; relativ hoher Preis

  • Antrieb
    90%
  • Fahrwerk
    90%
  • Karosserie
    100%
  • Kosten
    90%

Preisliste


VW e-Golf

Grundpreis: 35.900 Euro
Ausstattungen Preis in Euro
ABS Serie
ESP Serie
ASR Serie
Airbag Fahrer Serie
Airbag Beifahrer Serie
Seitenairbags vorn Serie
Kopfairbags vorn Serie
Kopfairbags hinten Serie
elektr. Fensterheber vorn Serie
elektr. Fensterheber hinten Serie
elektr. verstellbare Außenspiegel Serie
Klimaautomatik Serie
Zentralverriegelung mit Fernbed. Serie
Automatikgetriebe Serie
Bildschirmnavigation Serie
Leichtmetallfelgen Serie (16 Zoll)
LED-Scheinwerfer Serie

Datenblatt

Motor und Antrieb
Motorart Permanentmagneterregte Synchronmaschine 
Leistung in PS 136 
Leistung in kW 100 
bei U/min 0-3.000 
Drehmoment in Nm 290 
Antrieb Vorderradantrieb 
Gänge
Getriebe Automatik 
Maße und Gewichte
Länge in mm 4.270 
Breite in mm 1.799 
Höhe in mm 1.482 
Radstand in mm 2.629 
Leergewicht in kg 1.615 
Zuladung in kg 480 
Kofferraumvolumen in Liter 341 
Kofferraumvolumen, variabel in Liter 1.231 
Fahrleistungen / Verbrauch
Höchstgeschwindigkeit in km/h 150 
Beschleunigung 0-100 km/h in Sekunden 9,6 


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