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Mercedes-Chef Källenius befürchtet "Kollaps" der europäischen Autoindustrie

Wenn die EU ihre Meinung nicht ändert, fahren die Autohersteller "mit Vollgas an die Wand".

2024 Mercedes-AMG S63 E Performance Review
Bild von: Jeff Perez / Motor1

Noch vor wenigen Jahren war Mercedes fest entschlossen, in Europa vollständig auf Elektrofahrzeuge zu setzen. 2021 kündigte der Hersteller an, bis zum Ende des Jahrzehnts den Verkauf von Autos mit Verbrennungsmotoren einzustellen – „wo es die Marktbedingungen erlauben“. Von diesem ehrgeizigen Ziel ist inzwischen keine Rede mehr.

Stattdessen vollzieht der Stuttgarter Premiumhersteller eine Kehrtwende um 180 Grad. Ohne Verbrenner, so der Vorstandschef, werde die heimische Autoindustrie "kollabieren“. In einem Interview mit dem Handelsblatt warnte Ola Källenius, dass die europäische Automobilindustrie implodieren werde, falls das EU-Verbot für neue Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor ab 2035 bestehen bleibt:

„Wir brauchen einen Realitätscheck. Sonst rasen wir mit voller Geschwindigkeit gegen die Wand. Natürlich müssen wir dekarbonisieren, aber technologieoffen. Wir dürfen unsere Wirtschaft nicht aus den Augen verlieren.“

Bild von: Motor1.com

Sollten die Aufsichtsbehörden neue Verbrenner-Fahrzeuge verbieten, werden sich die Kunden laut Källenius geradezu auf Benzin- und Dieselautos stürzen, bevor der Stichtag in neuneinhalb Jahren in Kraft tritt, was "dem Klima überhaupt nicht hilft".

Elektrofahrzeuge sind noch weit von dem 100-prozentigen Marktanteil entfernt, den die EU durchsetzen will. In der ersten Jahreshälfte machten Autos ohne Verbrennungsmotor nur 17,5 Prozent des Gesamtabsatzes in den EU-Ländern, dem Vereinigten Königreich und den Ländern der Europäischen Freihandelsassoziation EFTA (Island, Liechtenstein, Norwegen, Schweiz) aus. Die ACEA-Daten zeigen auch, dass Plug-in-Hybride lediglich für 8,7 Prozent der Gesamtauslieferungen verantwortlich waren. Herkömmliche Hybride machten 35 Prozent aus, aber diese Zahl beinhaltet auch Mild-Hybride, die nach Ansicht vieler keine "echten" Hybride sind.

Das EU-Verbot für 2035 ist noch nicht in Stein gemeißelt, in den kommenden Monaten soll es nochmal überprüft werden. Allerdings hat die Europäische Kommission, die Exekutive der EU, erst im März ihre Verpflichtung bekräftigt, ab Mitte des nächsten Jahrzehnts CO₂-Emissionen von 0 g/km für verkaufte Neuwagen zu erreichen.

Damals erklärte die Kommission, sie werde "die Vorbereitungen für die vorgesehene Überarbeitung der Verordnung über CO₂-Normen für Personenkraftwagen und Lieferwagen beschleunigen", was auf eine mögliche frühere Neubewertung des Verbots hindeutet.

Bild von: Mercedes-Benz

Mercedes hat Grund, sich über die möglichen Auswirkungen auf sein Geschäft Sorgen zu machen. Der Anteil der EV-Verkäufe an den weltweiten Auslieferungen lag in der ersten Hälfte des Jahres 2025 bei nur 8,4 Prozent, gegenüber 9,7 Prozent im gleichen Zeitraum 2024. Selbst wenn man die PHEVs mit einbezieht, machten elektrifizierte Modelle nur 20,1 Prozent der Gesamtauslieferungen in den ersten sechs Monaten des Jahres aus.

Ob sich die Vernunft durchsetzen wird, bleibt abzuwarten, aber angesichts des starken Widerstands dem sich die EU schon seit längerem ausgesetzt sieht, besteht Hoffnung, dass das Verbot gelockert werden könnte. Es würde uns nicht überraschen, wenn zumindest Plug-in-Hybride und vielleicht auch Vollhybride über das Jahr 2034 hinaus verkauft werden dürfen.