Bei allem Respekt vor den Ausrichtern: Die Begeisterung für die bald startende Fußball-WM 2022 in Katar ist überschaubar. Nicht wenige Fans denken da sehnsuchtsvoll an frühere Weltmeisterschaften ohne Kommerz-Explosion. Mercedes nimmt uns jetzt mit zur WM 1974 in der Bundesrepublik Deutschland.

Damals stellte Mercedes die mit den Nationalflaggen lackierten Teambusse vom Typ O 302, in denen die Stars wie Lato, Cruyff oder Müller unterwegs waren. Die markante Gestaltung mit dem Logo "WM 74", der Aufschrift "BR Deutschland" und den aufgebrachten Landesfarben Schwarz, Rot und Gold gibt den Hinweis auf den einstigen Einsatz. Es ist der Bus der westdeutschen Mannschaft während der zehnten Auflage der Fußballweltmeisterschaft vor 48 Jahren.

Mercedes O 302 für die Fußball-WM 1974

Das Turnier findet vom 13. Juni bis 7. Juli 1974 in Westdeutschland und West-Berlin statt. Sechzehn Nationen (ab 2026 werden es 48 sein!) nehmen teil, und allen steht für sämtliche Fahrten jeweils ein O 302 zur Verfügung, mit den Landesnamen und -farben versehen. Oben auf dem Dach flattern außerdem Fähnchen der jeweiligen Mannschaft im Wind.

Ein Gang durch den Bus gleicht einer Zeitreise zum Buskomfort der 1970er-Jahre. Farbenfroh leuchtet der rot-orange Sitzbezugstoff. Oben an jedem Fauteuil ist ein Kopfstützenschoner angebracht. Zur Individualausstattung gehören außerdem Aschenbecher an jedem Sitz, ein bordeigenes WC und sogar eine Zapfanlage für frisches Bier. Andere Zeiten – alkoholfreier Gerstensaft findet erst viel später Verbreitung, und Rauchen ist selbst für Leistungssportler noch gesellschaftsfähig.

Auf seinem gut gefederten Sitz kurbelt der Fahrer am großen schwarzen Lenkrad und nimmt durch die breite Panoramascheibe die nächste Spielstätte ins Visier. Auf dem Platz neben ihm: vermutlich Bundestrainer Helmut Schön, vielleicht auch Co-Trainer Jupp Derwall oder der Kapitän Franz Beckenbauer.

Mercedes O 302 für die Fußball-WM 1974
Mercedes O 302 für die Fußball-WM 1974

Überliefert ist, dass jeder Spieler seinen festen Sitzplatz hat. Möglicherweise ertönt aus dem Stereokassettenradio von Blaupunkt das WM-Lied "Fußball ist unser Leben". Die Spieler der A-Nationalmannschaft des Deutschen Fußballbunds (DFB) haben es höchstpersönlich vor dem Turnier im Tonstudio eingesungen.

Das Logo der WM 74 außen auf dem Bus stellt einen stilisierten rollenden Fußball dar. Vom Heck grüßen die WM-Maskottchen: Tip und Tap, zwei lachende Jungen mit roten Bäckchen im schwarz-weißen DFB-Dress. Sie stammen vom Saarbrücker Grafiker Horst Schäfer. Es gibt die Maskottchen unter anderem als Plüschfiguren, Schlüsselanhänger, auf Krawatten, Kinderschlafanzügen, Bierkrügen und Senfgläsern.

Warum außen "BR Deutschland" auf dem Bus steht? Damals ist Deutschland noch geteilt, und die Mannschaft der Deutschen Demokratischen Republik von der anderen Seite des Eisernen Vorhangs nimmt ebenfalls am Turnier teil. Auf ihrem Bus steht "DDR". Sie scheidet in der zweiten Finalrunde aus, siegt aber im einzigen Länderspiel ihrer Geschichte gegen die BRD mit 1:0.

Mercedes O 302 für die Fußball-WM 1974

Der Omnibus O 302 wird ab Frühjahr 1965 gebaut. Mit ihm erfüllt Mercedes-Benz hohe Ansprüche bei Geschwindigkeit sowie Federungs- und Bedienkomfort. Erstmals als Sonderausstattung erhältlich: eine Klimaanlage. Die WM-Busse von 1974 sind damit ausgestattet, die "Thermo King"-Anlage ist hinten auf dem Dach untergebracht.

Bis 1976 stellt Mercedes-Benz mehr als 32.000 Exemplare des O 302 her. Die Luftfederung, zunächst eine Sonderausstattung, ist ab 1971 serienmäßig an Bord. Es gibt den Bus mit vier verschiedenen Reihensechszylinder-Saugdieseln und einem Leistungsspektrum von 93 kW bis 176 kW (126 PS bis 240 PS). Bereits 1974 geht die Nachfolgegeneration in Produktion, der O 303.

Dreieinhalb Wochen sind die Fußballer mit "ihrem" O 302 zu den Spielorten in ganz Westdeutschland unterwegs. Im Endspiel am 7. Juli 1974 in München trifft die DFB-Mannschaft auf die Niederlande. 25 Minuten nach Anpfiff steht es 1:1. Gerd Müller erzielt mit einem gekonnten Drehschuss kurz vor der Pause nach Vorarbeit durch Rainer Bonhof das 2:1, ein drittes Tor wird später wegen vermeintlichem Abseits nicht gegeben.

Deutschland ist nach 1954 zum zweiten Mal Fußballweltmeister und jubelt. Die Vermutung liegt nahe, dass schon auf dem Weg ins Mannschaftshotel kräftig Feierbier aus dem Zapfhahn im Bus fließt. Beim späteren Dinner gibt es Zoff, da die Spielerfrauen ausgeschlossen bleiben. Neben der Titelprämie spendiert unter anderem VW jedem deutschen Spieler ein Käfer Cabrio in besonderer grün-schwarzer Lackierung.

Nach der WM werden die Reisebusse der sechzehn Mannschaften im normalen Reisebetrieb verwendet, nun ohne die besondere Außengestaltung. Irgendwann verlieren sich ihre Spuren, auch vom O 302 der westdeutschen Kicker. Das Ausstellungsstück im Werksmuseum ist ein originalgetreuer Nachbau.

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