Er stand häufig intern in der Kritik, doch seine Position schien zuletzt gefestigt zu sein. Umso überraschender kommt nun die Nachricht, dass Vorstandschef Herbert Diess schon bald den Volkswagen-Konzern verlassen wird. 

Offiziell heißt es: "Der Aufsichtsrat der Volkswagen AG hat in seiner heutigen Sitzung Oliver Blume zum neuen Vorstandsvorsitzenden des Konzerns ernannt. Er wird diese Position mit Wirkung zum 1. September 2022 in Personalunion zu seiner Tätigkeit als Vorstandsvorsitzender der Dr. Ing. h. c. F. Porsche AG übernehmen und wird diese auch nach einem möglichen IPO weiter ausüben. Herbert Diess scheidet im gegenseitigen Einvernehmen zum selben Zeitpunkt als Vorstandsvorsitzender aus."

Diess hat aus Sicht des Aufsichtsrates vor allem zahlreiche Produktimpulse gesetzt, Produktportfolios neu ausgerichtet und die klare Ausrichtung auf Elektromobilität auf den Weg gebracht. Hier wurden wegweisende Technologie-Plattform-Konzepte wie beispielsweise zuletzt bei der Batteriezelle ebenso initiiert wie für Mobilitäts-Dienstleistungen.

Oliver Blume, Vorstandsvorsitzender Porsche AG
Bleibt Porsche-Chef: Diess-Nachfolger Oliver Blume

Die organisatorische Neuausrichtung des Konzerns mit selbständigeren Regionen, die Einführung von Markengruppen und Baureihen ist ihm ebenso zuzuschreiben wie die personelle Neuausrichtung des Top-Managements und der Markenvorstände. Zudem wurde die Kapitalmarktausrichtung des Konzerns vorangetrieben und die Zukunftsfähigkeit zentraler Standorte des Konzerns gesichert.

Herbert Diess, Jahrgang 1958, arbeitete seit 1996 bei BMW, wo er zuletzt Entwicklungsvorstand war. 2015 wurde er Chef der Marke VW, 2018 schließlich Vorstandsvorsitzender des Gesamtkonzerns. Er steht für eine radikale Transformation von VW respektive der Volkswagen AG nach "Dieselgate" hin zu Elektroautos auf eigener Plattform im großen Maßstab.

Ungefähr zeitgleich stoppte Diess die serienreife zweite Generation des VW Phaeton und startete die Entwicklung des MEB. Unverhohlen sah er Tesla und Elon Musk als Vorbild an. Doch mit seinem Tempo und der Radikalität in Richtung Elektromobilität eckte Diess beim mächtigen Volkswagen-Betriebsrat an. Zugleich gab es andauernde Software-Probleme, beginnend beim Golf 8, der wie auch der ID.3 für die mäßige Qualitätsanmutung im Innenraum und eine schlechte Bedienung kritisiert wurde. Ehemalige VW-Ingenieure lassen durchblicken, dass der Golf 8 so unter Winterkorn nicht auf den Markt gekommen wäre. 

Volkswagen Phaeton D2
2016 gestoppt: Volkswagen Phaeton D2

In der heutigen Sitzung hat der Aufsichtsrat ebenso beschlossen, dass Konzern-Finanzvorstand Arno Antlitz zusätzlich die Funktion eines Chief Operating Officer (COO) ausüben und damit Blume im operativen Tagesgeschäft unterstützen wird.

Der gebürtige Braunschweiger Oliver Blume (54) trat 1994 in den Volkswagen-Konzern ein und war seitdem in führenden Funktionen der Marken Audi, Seat, Volkswagen und Porsche tätig. Seit 2015 ist er Vorstandsvorsitzender bei Porsche und seit 2018 Mitglied des Konzernvorstands.

"Oliver Blume hat in verschiedenen Funktionen im Konzern und mehreren Marken seine operativen und strategischen Fähigkeiten unter Beweis gestellt und führt die Porsche AG seit sieben Jahren wirtschaftlich, technologisch und kulturell mit großem Erfolg. Er ist aus Sicht des gesamten Aufsichtsrates jetzt die richtige Person an der Spitze, um die Kundenorientierung sowie die Positionierung der Marken und Produkte weiter zu schärfen", erklärte Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch.

Interessant ist aber eine Formulierung aus der offiziellen Pressemittteilung, die als Seitenhieb auf Diess verstanden werden kann. Dort heißt es: "Blume soll zudem mit dem gesamten Vorstand die Transformation weiter vorantreiben - mit einer Führungskultur, die den Teamgedanken in den Mittelpunkt stellt."

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