Was vor 30 Jahren pure Zukunft war, ist heute teilweise Realität

Name: Mercedes-Benz F 100
Premiere: North American International Auto Show (NAIAS) 1991
Technische Daten: Frontantrieb, diverse Motorenkonzepte, unter anderem Verbrenner mit Wasserstoff

Hintergrund:

Im Rückblick ist es verblüffend, wie viel Zukunft das Forschungsfahrzeug Mercedes F 100 bereits im Jahr 1991 an Bord hat. Ob Telefonbedienung mit Lenkradtasten, Abstandsregeltempomat oder elektronische Reifendruckkontrolle sowie viele Attribute des vernetzten Automobils: Was vor drei Jahrzehnten utopisch anmutet, gehört heute zum gewohnten Ausstattungsumfang von Personenwagen und Nutzfahrzeugen.

Vorgestellt wird das Forschungsfahrzeug am 12. Januar 1991 auf der North American International Auto Show (NAIAS) in Detroit. Im F 100 haben Ingenieure und Designer mehr wegweisende Technik untergebracht als in jedem Forschungsfahrzeug der Marke vor ihm.

Von den Systemen des Mercedes F 100 haben besonders viele den Weg in die Serie gefunden. Das betrifft die passive wie aktive Sicherheit, den Bedienungskomfort und die Raumökonomie. Beispiele: Telefonbedienung mit Lenkradtasten – umgesetzt 1998 in der S-Klasse (Baureihe 220); Gasentladungsleuchten – eingeführt 1995 als Xenonscheinwerfer in der E-Klasse (Baureihe 210); Telefonspracherkennung – vorgestellt 1996 unter dem Namen LINGUATRONIC in der S-Klasse (Baureihe 140).

Die elektronische Reifendruckkontrolle – präsentiert 1999 im Luxuscoupé CL (C215); Keyless-Go – die Chipkarte statt Autoschlüssel ist 1999 eine Ausstattungsoption der S-Klasse (Baureihe 220); Regensensor – serienmäßig 1996 im CL-Coupé (C 140); Sandwichboden – Konstruktionsprinzip in der A-Klasse (W 168).

Mercedes-Benz F 100 (1991)

Der F 100 weist viele Details auf, die gleichermaßen der Sicherheit wie dem Komfort dienen. Mit dem Kenntnisstand von 1991 interpretieren Ingenieure und Designer dabei weitsichtig, wie sich künftige gesetzliche Vorgaben an die Sicherheit auf Fahrzeugtechnik und Konstruktion von Automobilen auswirken könnten.

Für die Entwicklung des F 100 berücksichtigen sie nicht nur Ergebnisse aus der Unfallforschung, sondern auch aus der Sozialforschung. Ein Beispiel: Nach diesen Daten ist ein Personenwagen im alltäglichen Verkehr durchschnittlich nur mit 1,2 bis 1,7 Personen besetzt. Diese Zahl verändert sich im Lauf der Jahrzehnte kaum. Laut einer Mitteilung des Deutschen Bundestags aus dem Jahr 2018 sind die Personenwagen auf deutschen Straßen im Durchschnitt aller Fahrten mit 1,46 Insassen unterwegs.

Weil der Fahrer stets an Bord ist, steht ihm der sicherste Platz im Wagen zu, daher sitzt er im F 100 mittig in der Fahrgastzelle. Es ist in den meisten der denkbaren Crashsituationen die am wenigsten gefährdete Position im Fahrzeug. Neuartige Drehschwenktüren nehmen beim Öffnen einen Teil von Fahrzeugboden sowie Dach mit. So kann der Fahrer mühelos ein- oder aussteigen – und dies auf der jeweils dem Verkehr abgewandten Seite.

Mercedes-Benz F 100 (1991)

Zwei Passagiere sitzen rechts wie links versetzt hinter dem Fahrer. Die Distanz zum Armaturenbrett erhöht ihre Sicherheit. Die Sitze der Mitfahrer in der hinteren Reihe sind zur Mitte hin versetzt und von stabilen hinteren Radhäusern geschützt. Weil es keine B-Säule gibt und sich die platzsparenden Schwenk- und Schiebetüren weit öffnen, gestaltet sich auch das Platznehmen auf den hinteren Sitzen komfortabel.

Ein weiteres Komfortmerkmal ist seiner Zeit voraus, alle vier Türen werden zum Schließen nur angelehnt und dann von Servomotoren ins Schloss gezogen.

Zum Pionier des vernetzten Automobils wird der F 100 durch zahlreiche Innovationen, die sich ebenfalls erst Jahrzehnte später durchsetzen. Ein Zentralbildschirm hinter dem Lenkrad liefert nach Prioritäten gestaffelte Informationen ins Blickfeld des Fahrers. Das kann bei freier Fahrt die aktuelle Geschwindigkeit sein, angezeigt werden aber auch Warnhinweise auf drohende Gefahrensituationen.

Zahlreiche Elektronikkomponenten wie Abstandsregeltempomat (Serieneinführung in der S-Klasse der Baureihe 220 unter dem Namen DISTRONIC, 1998), Totwinkelassistent (2007) und die Rückfahrkamera (2005 in der S-Klasse der Baureihe 221) stellen Daten und Bilder für die sichere Fahrt bereit. Sogar die automatische Spurhaltung ist schon vor drei Jahrzehnten möglich.

Zur weiteren Ausstattung gehört ein Mobilfax ebenso wie ein fest installierter Personal Computer. Solarzellen nehmen zwei Quadratmeter der Dachfläche ein und tragen bis zu 100 Watt Leistung zur Energieversorgung bei.

Mercedes-Benz F 100 (1991)

Die erstmals bei Mercedes verwendeten Gasentladungsleuchten führen zu einer sehr guten Fahrbahnausleuchtung trotz kompakter Frontscheinwerfer. Die Technik kommt unter dem Namen Xenon in die Serie. Weil die Heckleuchten aus transparenten Prismenstäben bestehen, lassen sie sich von einer zentralen Lichtquelle ansteuern. Je nach Funktionen erstrahlen sie in der entsprechenden Farbe.

Der Heckscheibenwischer ist bei klarer Sicht unauffällig unter dem Dachspoiler verborgen und reinigt im Bedarfsfall nicht nur die Scheibe, sondern auch die Heckleuchten. Der vordere Scheibenwischer wird in ganzer Breite über die Frontscheibe geführt und wischt sie nahezu vollständig. Der Sensor hinter der Scheibe löst den Wischer bei Regen automatisch aus.

Ungewohnt für Mercedes ist vor 30 Jahren der Frontantrieb. Er gelangt erstmals 1997 in der A-Klasse (W 168) in ein Serienfahrzeug der Marke. Als Antriebsquelle werden im F 100 diverse Motorenkonzepte untersucht. Darunter auch ein Verbrennungsmotor, der mit Wasserstoff betrieben wird. Schon vor 30 Jahren strebt Mercedes so das Fahren mit lokal emissionsfreien Automobilen an.

Der Mercedes F 100 begründet die Tradition einer ganzen Reihe von Forschungsfahrzeugen der Marke, die sich durch ein F im Namen auszeichnen. Dazu gehören F 200 Imagination (1996), F 300 Life Jet (1997), F 400 Carving (2002), F 500 Mind (2003), F 600 HYGENIUS (2005), F 700 (2007), F 800 Style (2010), F 125! (2011) und F 015 Luxury in Motion (2015).

Bildergalerie: Mercedes-Benz F 100 (1991)