Die Liste der angeblichen Nachteile ist lang

Laut heutigen Medienberichten macht Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer den Weg für die Hardware-Nachrüstung älterer Diesel-Pkw zur Reduzierung des Stickoxid-Ausstoßes frei. Wie die Bild-Zeitung und der Bayerische Rundfunk berichten, würden in einem 30-seitigen Papier die technischen Anforderungen für die "Allgemeine Betriebserlaubnis" (ABE) festgeschrieben, die für die Zulassung der Hardware-Bausätze durch das Kraftfahrtbundesamt (KBA) nötig seien. 

Damit scheint es jetzt also ernst zu werden für die Autohersteller. Und es überrascht nicht, dass Volkswagen ausgerechnet heute mit einer Warnung vor Hardware-Nachrüstungen älterer Diesel-PKW an die Öffentlichkeit geht. Man sehe die geplante Umrüstung von Diesel-Pkw der Abgasnorm Euro 5 weiterhin kritisch und rate seinen Kunden von einer Hardware-Nachrüstung durch Drittanbieter ab, heißt es in einer aktuellen Pressemitteilung. „Alle uns bisher bekannten Konzepte weisen Nachteile für unsere Kunden auf, etwa Mehrverbrauch und damit erhöhte CO2-Emission, zum Teil auch Leistungsreduzierung“, warnt Volkswagen Entwicklungsvorstand Frank Welsch. 

Komisch daran: Erst Anfang November hatte sich Volkswagen (wie auch Daimler) bereiterklärt, ältere Diesel für bis zu 3.000 Euro mit Katalysatoren nachrüsten zu lassen - wenn auch nur in besonders mit Stickoxid belasteten Regionen.

Um zu verstehen, was den Wolfsburgern (neben den vermutlich immensen Kosten) bei den bevorstehenden Umrüstungen Kopfzerbrechen bereitet, hier kurz die vom KBA festgeschriebenen Richtlinien für einen Umbau:

- Von den Nachrüstern wird unter anderem eine Garantie verlangt, dass das nachträglich eingebaute technische System zur Abgasreinigung bei Diesel-Pkw der Schadstoffklassen Euro 4 und 5 "bis Minimaltemperaturen von -7 Grad (...) wirksam und funktionsfähig" ist.

- Die entsprechend spezialisierten Unternehmen müssen zusichern, dass für ihre Anlagen "eine Kilometerleistung von 100 000 km oder eine Lebensdauer von bis zu fünf Jahren (...) gewährleistet ist".

- Der Pkw darf nach der Nachrüstung nicht lauter sein als vorher.

- Der Stickoxid-Ausstoß (NOx) nachgerüsteter Diesel-Fahrzeuge darf nicht über dem Grenzwert von 270 Mikrogramm pro Kilometer liegen.

VW zweifelt mit seinem neuesten Statement an, dass Umrüstungen von Drittanbietern all das gewährleisten können und warnt gleichzeitig vor den Langzeit-Folgeschäden. Ein Euro 5-Fahrzeug mit einer elf Jahre alten Motorengeneration auf den Stand eines modernen Euro 6-Fahrzeugs aufzurüsten, sei aus technischer Sicht nicht möglich. Darüber hinaus gäbe es bis jetzt keine gesicherten Erkenntnisse, wie sich nachträgliche Eingriffe in das Steuerungssystem, die Komponenten und die Fahrzeugarchitektur im Dauerbetrieb langfristig auswirken. Vor allem bei kompakten Fahrzeugen stehe auch der entsprechend notwendige Bauraum für Hardware-Nachrüstlösungen gar nicht oder nur mit Einschränkungen im Innenraum zur Verfügung.

Auch der Mehrverbrauch wird von Volkswagen thematisiert. Bisher seien keine serienreifen Systeme am Markt verfügbar, die entsprechende Hersteller-Anforderungen hinsichtlich Entwicklung, Erprobung und Freigabe durchlaufen haben. Zudem könnten entsprechende Umbauten nach unabhängigen Untersuchungen einen Mehrverbrauch von bis zu sechs Prozent bewirken. Ein dadurch steigender CO2-Ausstoß stehe im massiven Widerspruch zu den verschärften Klimaschutzvorgaben.

"Eine technisch nicht ausgereifte Nachrüstlösung kann wichtige Fahrzeugeigenschaften zum Nachteil unserer Kunden verändern", sagt Entwicklungsvorstand Welsch. "Das Fahrzeug wird sehr wahrscheinlich mehr verbrauchen, an Leistung verlieren und auch lauter werden. Eine Umrüstung, die einen enormen technischen und zeitlichen Aufwand bedeutet, kann zu massiven Problemen bei der Zuverlässigkeit und damit bei der Kundenzufriedenheit sorgen. Dies können wir als Automobilhersteller im Sinne unsere Kunden weder befürworten noch dafür haften. Deshalb raten wir von Hardware-Nachrüstungen ab.“

Ob und wie Volkswagen für die scharf kritisierten Hardware-Nachrüstungen zur Kasse gebeten werden kann, ist derzeit noch unklar. Die Verhandlungen der Bundesregierung mit den Autoherstellern sind noch nicht abgeschlossen.

Unterdessen warnt der Verband der deutschen Autombilindustrie (VDA), dass Besitzer älterer Diesel bei technischen Problemen nach einer Umrüstung nicht mit der Unterstützung der Autohersteller rechnen könnten. Wenn ein Kunde sein Fahrzeug umbauen lasse, dann trügen er und der Nachrüster auch die Verantwortung für mögliche Folgeschäden

Bildergalerie: VW rät von Hardware-Nachrüstung für Euro-5-Diesel ab