Ingenieure verpflanzen modernen Selbstzünder in den Baby-Benz

Ich befinde mich auf einer Veranstaltung, auf der Mercedes seine Autos für die Zukunft vorstellt. Doch plötzlich fällt mir inmitten der rundlichen Modelle ein alter 190er auf. Die Freude ist groß, einen alten Bekannten zu treffen, umso mehr, als ich mitfahren darf: Unter der Haube nagelt es fröhlich, also dürfte es eher gemächlich vorangehen.

Der Dynamit-Diesel
Allerdings scheint irgendetwas faul zu sein: Tacho und Drehzahlmesser funktionieren nicht, stattdessen gibt es eine digitale Anzeige und auf dem modernen Schalthebel sind sechs Gänge vermerkt. Doch bevor ich zum Nachdenken komme, presst es mich in die Sitze, denn der Baby-Benz beschleunigt in rabiaten 6,2 Sekunden auf Tempo 100. Beim späteren Blick unter die Motorhaube bestätigt sich die Ahnung: Dieses Aggregat gab es vor rund 20 Jahren nicht zu kaufen, denn es handelt sich um den im Werksjargon ,OM 651" genannten Selbstzünder. Auf deutsch: Jener Biturbo-Diesel mit Common-Rail-System, der normalerweise den aktuellen C 250 CDI antreibt. Mit dem gegenüber der modernen C-Klasse um 385 Kilogramm leichteren 190er hat der Motor leichtes Spiel, zugleich beträgt der Verbrauch nur 4,9 Liter statt 7,3 Liter im 190 D des Jahres 1988 – trotz gut 130 PS mehr.

Vom Benziner zum Diesel
Die Idee für den Super-190er entstand bei einer abendlichen Diskussion über die enorme Entwicklung der Dieseltechnik in den letzten 20 Jahren. Basierend auf der Frage, wie man diesen Fortschritt erlebbar machen könnte, kam man auf den ,Baby-Benz". Zunächst mal musste aber ein passendes Fahrzeug gefunden werden, was als schwierig erwies, denn wirklich gute 190er sind mittlerweile selten. Fündig wurde man bei einer Mercedes-Benz-Niederlassung. Die Wahl fiel auf einen 190 E 2.6, der im Originalzustand einen Sechszylinder-Benziner mit 160 PS beherbergt. Hintergrund für diese Wahl: Beim Zwo-Sechser wurde seinerzeit der Motorraum modifiziert, um den großen Ottomotor unterbringen zu können. Auch das moderne OM 651-Aggregat ist nicht eben klein, es wirkt wie mit dem Schuhlöffel hineingezwängt.

Teures Einzelstück
Doch mit der reinen Motortransplantation war es nicht genug. Um das maximale Drehmoment von 500 Newtonmeter auf die Straße zu bringen, kommt das Sechsgang-Schaltgetriebe aus dem C 250 CDI zum Einsatz. Einziger Nachteil: Die mit Holz umrahmte Schaltkulisse weist nun größere Spaltmaße als bislang auf. Alle klassischen Instrumente wurden zugunsten einer Digitalanzeige stillgelegt, da die Motorsteuerung elektronisch erfolgt, zu Lebzeiten des 190ers geschah das noch mechanisch: auch das ein Fortschritt der letzten Jahrzehnte. Nach dem Umbau stehen 204 PS zu Buche. Davon konnten 190er-Piloten früher nur träumen: Das Dieselmaximum waren seinerzeit 126 PS beim 190 D 2.5 Turbo, und selbst der brachiale 190 E 2.5-16 Evo II mit Monster-Heckflügel und 235 PS schaffte mit 245 Newtonmeter knapp die Hälfte des OM 651-Drehmoments von 500 Newtonmeter. Nostalgiker, die bereits vom modernisierten 190er träumen, seien jedoch gewarnt: Laut Mercedes-Angaben lagen die Kosten für den Umbau bei rund 60.000 Euro. Für diese Summe bekommt man auch einen gut ausgestatteten C 250 CDI.

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