Wie viel verbraucht der Diesel im Alltag und was hat es mit der Geschwindigkeitsbegrenzung auf sich?

Den ersten Teil habe ich mit dem Thema Motor beendet und genau da möchte ich nun anknüpfen. Volvo investiert nicht mehr in die Entwicklung neuer Verbrennungsmotoren und strebt, wie viele andere Hersteller, eine elektrische Zukunft an. Soweit so gut. In der Gegenwart bedeutet das: Der V90 bekommt einen Vierzylinder, der über die Volvo-Modellpalette hinweg zum Einsatz kommt. Ein Motor für alles, um Kosten zu sparen.

Das Aggregat muss jedoch ein ausreichendes Maß an Leistung mit Sparsamkeit verbinden. Eine ziemliche Herausforderung. Wo in der Vergangenheit ein Sechszylinder gedieselt hätte, werkelt heute der Vierzylinder. Das muss nicht schlecht sein, doch kleine Turbomotoren und schwere Autos führen gerne zu hohem Verbrauch.

Um ehrlich zu sein habe ich damit gerechnet, dass unser Testverbrauch die WLTP-Angaben überschreiten würde – vor allem weil der ein oder andere in der Redaktion gerne mit Bleifuß unterwegs ist. Das Ergebnis überrascht: 7,2 Liter Durchschnittsverbrauch auf 100 Kilometern. Das ist zum Teil dem 48-Volt-Mild-Hybrid-System zu verdanken, dass den Verbrauch drückt. Unser Fahrprofil besteht aus unterschiedlichen Fahrern und unterschiedlichen Strecken, wobei der Autobahnanteil überwiegt. Zum Vergleich: die WLTP-Spanne liegt zwischen 6,5 und 7,2 Litern.

Volvo V90 (2021) im Dauertest, Teil 2

Es geht noch sparsamer

Auf einer bewusst sparsamen Autobahnfahrt über 435 Kilometer habe ich sogar einen Verbrauch von 6,4 Litern erzielt. Also unter der WLTP-Angabe. Auf einer Strecke mit weniger Höhenunterschieden ginge es sicherlich noch besser.

In Anbetracht seiner Größe, seiner Leistung und seines Gewichts von 1.890 Kilo ist der Volvo V90 B5 angemessen sparsam. Diese Sparsamkeit hat jedoch ihren Preis. Die Leistungsentfaltung des Vierzylinders fühlt sich nicht nach 235 PS an. Zur Einordnung: von Null auf Hundert geht es in 7,2 Sekunden. Das spielt im Alltag zwar keine Rolle, illustriert jedoch die Behäbigkeit des Kombi. Das maximale Drehmoment von 480 Newtonmetern liegt nur zwischen 1.750 und 2.250 Umdrehungen in Gänze an. Ausreichend um einen Anhänger zu ziehen, aber wenig für druckvolle Überholvorgänge.

Volvo V90 (2021) im Dauertest, Teil 2
Volvo V90 (2021) im Dauertest, Teil 2

Darum sollte man sich grundsätzlich die Frage stellen, ob die B4-Variante mit 197 PS nicht völlig ausreicht. Das Achtgang-Automatikgetriebe harmoniert größtenteils geschmeidig mit dem Motor, die automatische Schaltstrategie zwingt den Vierzylinder jedoch immer wieder in Drehzahlen, die er mit rauem Knurren quittiert. Wie gesagt: dem Verbrauch schadet es allerdings nicht.

Sänftengleich und blattgefedert

Schaltwippen am Lenkrad gibt es nicht. Volvo vermittelt den Eindruck, dass solche „sportlichen“ Späße ohnehin nicht zum V90 passen. Auch wenn ich selbst gerne Schaltwippen hätte, ist der Mangel kaum der Kritik wert, da der V90 konsequent bequemes und nicht sportliches Fahren anstrebt. Er besitzt zwar einen Sportmodus, aber der erzürnt lediglich Motor und Getriebe, ohne dem sänftengleichen Gleiten einen Abbruch zu tun.

Heutzutage ungewöhnlich: die Integralhinterachse ist blattgefedert, wird aber dennoch mit einer Luftfederung kombiniert. Insgesamt schwappt die Karosserie dadurch mehr als bei der deutschen Konkurrenz. Auch das Einlenkverhalten wirkt schwerfälliger, was auch an der ungewohnt indirekt übersetzten Lenkung liegt (3,0 Umdrehungen von Anschlag zu Anschlag). Insgesamt passt es jedoch zum entspannten Fahrverhalten. Man kann auf jeden Fall sagen: alles von Volvo beabsichtigt, ein ausgewogenes Gesamtpaket.

Volvo V90 (2021) im Dauertest, Teil 2

Nur maximal 180 km/h. Warum?

Ebenfalls beabsichtigt: die Geschwindigkeitsbegrenzung auf 180 km/h. Ein Kuriosum in der Automobilentwicklung. Nicht weil, die Geschwindigkeit begrenzt wird, sondern weil die Marketingabteilung ein Ziel definiert hat, das Entwickler umsetzen mussten. Ein willkürliches Ziel obendrein. Volvo hat sich natürlich der Sicherheit verschrieben, doch wer mit 160 km/h gegen ein Hindernis rast, ist genauso tot wie mit 180. Oder mit 150, 140 – sogar mit 130. Selbst bei 100 km/h sind die Überlebenschancen nicht wirklich toll. Das muss jedem Autofahrer klar sein!

Warum also 180? Meine Vermutung: Die Zielgruppe dieser Kampagne sind Menschen, die nicht viel vom Autofahren halten und sich weniger dafür interessieren als für die Schleudergeschwindigkeit ihrer Waschmaschine. Das Limit wurde niedrig genug gewählt, um Pseudosicherheit zu vermitteln, aber nicht zu niedrig, um möglichst keine Kunden zu verschrecken. Hier ein Beispiel für die Werbekampagne, die den Zeigefinger kaum höher hätte heben können.

Polestar, der Elektro-Ableger von Volvo beschränkt seine Fahrzeuge beispielsweise nicht. Dabei würde es aus Reichweitengründen sogar technisch Sinn ergeben. Aber vielleicht passt es dort nicht zum Marketing-Konzept?

In der Praxis ist die Beschränkung ebenso unerheblich wie sinnlos. Sie macht den V90 nicht sicherer und vergrault lediglich die Kunden, die sich nicht bevormunden lassen wollen. Obendrein scheint Volvo in einer Identitätskrise zu stecken, in der der Wechsel zur elektrisch, nachhaltigen Mobilität noch nicht vollführt ist, was den Eindruck erweckt: der Hersteller schämt sich für die eigenen Modelle. Ein Gefühl, das Volvo wohl auch bei potenziellen Kunden vermutet.

Eigentlich müssten diese aus moralischen Gründen Bahn und Fahrrad fahren, doch gegen besseres Wissen und Gewissen kaufen sie ein Auto. Das führt zu "Autoscham". Die aufgezwungene Geißelung bei der Höchstgeschwindigkeit lindert diese womöglich, während der Kaufpreis von 85.510 Euro einem Ablasshandel mit Volvo, zur Wiedergutmachung der eigenen Sünden, gleich kommt.

Volvo V90 (2021) im Dauertest, Teil 2

Vielleicht sagt all das mehr über meine fragwürdige Gedankenwelt und weniger über die Qualität des Autos? Solche Gedanken spuken mir jedenfalls durch den Kopf, während ich im V90 vor mich hin gleite. Zumindest sind die Gedanken noch frei – auch wenn es die Höchstgeschwindigkeit nicht mehr ist. Etwas zu melodramatisch!?

Im dritten und letzten Teil geht es schließlich um die Praktikabilität, Qualität und leider auch um die technischen Probleme, die wir hatten.

Bildergalerie: Volvo V90 (2021) im Dauertest, Teil 2

Bild von: Fabian Grass

Volvo V90 B5 AWD

Motor 2,0-Liter-Vierzylinder-Biturbo-Diesel (48-Volt-Mild-Hybrid)
Leistung 235 PS (bei 4.000 U/min)
Max. Drehmoment 480 Nm (1.750 - 2.250 U/min)
Leergewicht 1.890 kg
Höchstgeschwindigkeit 180 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h 7,2 sek.
Verbrauch 6,5 - 7,2 l (WLTP)
Getriebeart Achtgang-Automatik
Länge 4.945 mm
Breite 1.895 mm
Höhe 1.475 mm
Kofferraumvolumen 560 - 1.526 l
Zuladung 510 kg
Bodenfreiheit 15,6 cm
Wattiefe 25 cm
Anhängelast 2.200 kg
Antrieb Permanenter Allradantrieb
Anzahl der Sitze 5
Basispreis 66.450 Euro
Preis des Testwagens 85.510 Euro