Der hipste BMW aller Zeiten fährt großartig. Aber reicht das?

Ich habe schon ein bisschen nachdenken müssen. Darüber, was der neue X2 eigentlich ist. BMW hat ihn bei der offiziellen Fahrpräsentation so knallig krachig bunt und coole-junge-Leute-geil präsentiert, dass selbst die Mini-Marketingabteilung neidvoll den Hut ziehen würde. Der X2 ist ein fahrender Instagram-Account. Ein Auto für Menschen, die nicht einkaufen gehen, sondern shoppen. Für Menschen, die keinen Ausflug machen, sondern den #bestroadtripever. Ganz nüchtern betrachtet, ist er allerdings ein kürzerer, flacherer, unpraktischerer X1 mit angespitztem Fahrwerk und einem Design, das die Augen ganz schön auf Trab hält.

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Neue Ausstattung M Sport X
Überall passiert irgendwas an diesem Auto. Gerade bei der gülden-grauen Version, die Sie auf den Bildern sehen. Sie nennt sich M-Sport X, ist ganz neu im BMW-Ausstattungspool und soll sportliche M-Gene möglichst spektakulär mit hemdsärmeliger X-DNA verschmelzen. Sie kriegen also dicke Schürzen/Lufteinlässe/Diffusoren, gigantöse Räder und dazu einen Haufen gräulich abgesetzter Gelände-Kernigkeit. Sollte Ihnen dieser laute Sportroader-Mix ein wenig zu trendy daherkommen, baut Ihnen BMW den X2 aber auch als normalen „M-Sport“ (gleiche Draufgänger-Optik, aber alles komplett in Wagenfarbe lackiert) oder als „Basis“ mit konservativerer Bespoilerung und schwarz abgesetzten Offroad-Look-Zierteilen. Der X2 ist acht Zentimeter kürzer als der X1. Außerdem hat man ihm für adäquate SUV-Coupé-Schneidigkeit das Dach um ganze sieben Zentimeter heruntergechoppt. Er hat leicht eckige, leicht vorwärtsgewandte Kotflügel, seine riesige BMW-Niere steht auf dem Kopf und er hat ein BMW-Logo in der C-Säule wie die legendären Sportcoupés aus den 70ern. Das Problem: Irgendwie will er alles auf einmal sein – Sportler, SUV, urbaner Rebell – und übernimmt sich damit optisch ein wenig. Er sieht unglaublich bullig und gedrungen aus (gerade in der Seitenansicht) aber eben auch ein wenig anstrengend.

Die Motoren
Und jetzt endlich Schluß mit der persönlichen Designkritik. Lassen Sie uns lieber über Motoren reden: Natürlich kriegt auch der X2 die soeben aufwendig gelifteten Drei- und Vierzylinder aus dem „Fronttriebler“-Konzernregal. Zum Marktstart im März 2018 gibt es den sDrive20i-Benziner mit 192 PS und Siebengang-Doppelkupplung sowie die beiden großen Allrad-Diesel xDrive20d (190 PS) und xDrive25d (231 PS) mit Achtgang-Automatik. Etwas später folgen die Allradversion des 20i, der dreizylindrige Benziner sDrive18i mit 140 PS sowie der 150-PS-Basis-Diesel 18d mit Front- oder Allradantrieb. Alles, was eine 18 vorne hat, kommt serienmäßig mit Sechsgang-Handschalter.

Nicht das erwartete Agilitätswunder
Zum Fahrtermin machte es BMW der schreibenden Zunft extrem leicht. Man schickte den X2 in exakt einer (!) Konfiguration. Einer Konfiguration mit dem absurd x-igen Namen X2 xDrive20d M-Sport X. Dieses Auto hat mehr X im Namen als ein durchschnittliches Bahnhofskino. Viel verblüffender aber: Auch im Lifestyle-affinen Kompakt-Crossover-Segment mit seinem großen Privatkundenanteil und trotz der aktuellen Diesel-Thematik sieht BMW den mittleren Selbstzünder nach wie vor als Stückzahlen-König. Umwelttechnisch haben die Münchner ihre Hausaufgaben auf jeden Fall erledigt. Der Zweiliter-Diesel verfügt jetzt über Biturbo-Aufladung (spart ein wenig im Zyklus und ermöglicht eine bessere Abgasnachbehandlung), einen Partikelfilter, einen Nox-Speicherkat, ein SCR-System sowie einen 12,5 Liter großen Ad-Blue-Tank. Der Normverbrauch beträgt 4,8 Liter, nach einer Bergstraßen-reichen 150-Kilometer-Tour zeigte der Bordcomputer letztlich 7,2 Liter an. Eine Sechs mit kleiner Zahl hinter dem Komma sollte im täglichen Betrieb aber locker drin sein.

Sehr angenehmer Diesel
Auf der Straße gibt sich der 20d so angenehm, wie man es sich derzeit bei einem Vierzylinder-Diesel nur vorstellen kann. Den typischen, bockig-überfallartigen Diesel-Bumms gibt es hier nicht. Die 400 Newtonmeter prasseln erfreulich gleichmäßig über einen herein. Alles wirkt extrem geschliffen, unaufdringlich. Lediglich beim Ausdrehen knurrnagelt er ein wenig deftiger. Auch die Aisin-Achtgangbox (jawohl, bei den quer eingebauten Aggregaten heißt der Lieferant nicht ZF) macht einen hervorragenden Eindruck. Sanft, sauber, schnell. Und deutlich schöner ist sie geworden, weil sie nun elektronisch funktioniert und daher kein ultraklobiger Monster-Schaltknauf mehr sein Unwesen in der Mittelkonsole treibt.

Man wünscht sich mehr
Der Vortrieb des X2 xDrive20d ist sehr in Ordnung, ohne dass er Sie vor Inbrunst vom Schemel ziehen wird. Der Spurt von 0-100 km/h dauert 7,7 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 221 km/h. Mehr werden Sie im Alltag selten brauchen und doch ist da hin und wieder der Wunsch nach etwas mehr Zug. BMW ist dahingehend übrigens komplett selber Schuld. Erstens, weil der Allrad-Diesel-X2 mit einem Leergewicht von 1.600 Kilo ein veritabler Brocken geworden ist und zweitens, weil er so beeindruckend talentiert ums Eck pfeift, dass man umgehend einen potenten Sechszylinder-Benziner herbeisehnt. Der Hemmschuh für ausgelassene Kurven-Orgien ist also definitiv nicht das Fahrwerk. Ganz im Gegenteil verfügt der X2 wohl über den fahrspaßigsten Unterbau, den man derzeit in einem kompakten Crossover finden wird.

Steifer, strammer, beherzter
Und dafür haben die lieben Chassis-Entwickler auch ordentlich geschwitzt. Gegenüber dem X1 ist der X2 zehn Prozent steifer. Mehr Steifigkeit bedeutet mehr Freiraum bei der Fahrwerksabstimmung, ohne dass der Bock gleich durch die Gegend hoppelt wie ein verwirrtes Känguruh. Entsprechend gibt es neue Federn und Dämpfer mit strafferer Grundauslegung. Auch die Stabilisatoren und deren Lager durften steifer ausfallen. Weitere Versportlichungsmaßnahmen: Mehr Negativ-Sturz an der Vorderachse und eine direkter übersetzte Lenkung (eine noch spitzere Sportlenkung gibt es gegen Aufpreis). Zu guter Letzt hat man dem X2 eine geänderte Software verpasst, die Lenkung, Allradsystem und Stabilitätsprogramm an die neuen, sportlicheren Grundvoraussetzungen anpasst.

Leider schon verdammt dynamisch
Es klingt abgedroschen, aber: Das Ergebnis ist ein SUV (naja, irgendwie zumindest), das so ganz und gar nicht mehr fährt wie ein SUV. Der X1 bewegt sich für seine Form ja schon recht geschickt. Der X2 aber (zumindest der M-Sport X mit seinem zehn Millimeter tieferen Sportfahrwerk) würde vermutlich auch bei einem Hot-Hatch-Vergleich sehr ordentlich mitgeigen. Sie merken es bereits an der Sitzposition: Zwei Zentimeter tiefer als im X1, sehr eingebaut, ungewohnt fokussiert das Ganze. Die Lenkung fleischig und verblüffend schwer. Das Einlenkverhalten agil und sehr bestimmt. Dieses Auto lädt in der Tat zu ziemlich unreifem Fahr-Gebaren ein. Ich meine, wer schmeißt ein vor Urbanität triefendes Crossover schon gerne mit unsozialem Karacho von einer Kurve in die nächste? Mit dem X2 geht das leider ziemlich gut. Wie er so wankt, neigt und seine Karosserie bewegt (oder eher, wie er es nicht tut), das ist schon fast auf Kompaktsportler-Niveau.

Sehr sehr gut gefedert
Währenddessen arbeitet der liebe Herr xDrive unter Ihnen wie ein Bekloppter, damit Sie schön neutral in die Kurve rein und genauso auch wieder rausfahren. Dass es hier tendenziell fronttrieblerisch zugeht, merkt man dabei kaum. Selbst wer die Gattung der ultrahippen „Gelände“-Coupés nicht ausstehen kann, wird zugeben müssen, dass das hier erschütternd gut fährt. Vor allem auch, weil die BMW-Ingenieure nicht den Fehler machen, sich hochbeinige Sportlichkeit mit Zahnersatz-gefährdender Härte zu erkaufen (schönen Gruß an den Jaguar E-Pace). Der X2 federt spürbar straffer als ein X1, tut dies aber einfach sehr sauber und kompetent. Alles gut also? Ähm … nicht ganz.

Etwas eng
Warum? Die Vordersitze sind – zumindest im X2 M-Sport X mit seinem wirklich scharfen, gelb abgesteppten Alcantara-Interieur – toll anzusehen, aber doch etwas arg geizig geformt (sprich: für alles über 1,85 Meter eigentlich zu klein). Außerdem ist dieses Auto bei aller Crossover-Romantik einfach deutlich unpraktischer als ein X1. Die Kopffreiheit hinten passt, aber für die Beine wird es schnell eng. Der Kofferraum bietet mit 470 bis 1.355 Liter immerhin 35 beziehungsweise 195 Liter weniger und hat eine Ladekante, die gefühlt drei Stockwerke weiter oben wohnt.

Hui, teuer
Da könnte man doch eigentlich auch zum kompakten 1er greifen? Ich als offenbar wenig trendbewusster Zeitgenosse würde wohl zustimmen. Der 1er fährt noch einen Tick knackiger, hat im Fond auch nicht weniger Platz und kostet im Falle des 20d mit Allrad monumentale 6.500 Euro weniger. Vorteil X2: Mehr Körner im Gelände (angeblich ist er dem X1 offroad ebenbürtig, ich konnte es leider nicht ausprobieren) und anscheinend deutlich mehr Coolness. Los geht‘s bei 34.050 Euro für den X2 sDrive18i. Der X2 xDrive 20d startet bei 43.800 Euro. „Mein“ xDrive20d M-Sport X kostet mindestens 50.200 Euro. Und die Konkurrenz? BMW sieht hauptsächlich den Mercedes GLA. Der fährt deutlich behäbiger und ist weniger modebewusst. Dafür kostet er viel weniger. Der Benz-Einsteig mit 122-PS-Benziner liegt bei 28.941 Euro, der 177-PS-4Matic-Diesel mit Automatik startet bei 40.686.

Wertung

    • ★★★★★★★★★☆

Der neue BMW X2 wird sicher nicht jedem gefallen. Seine abstrakte Optik ist gewöhnungsbedürftig und grundsätzlich droht ihm das Schicksal eines jeden SUV-Coupés: Dass nämlich keiner so genau weiß, für was man das Ding überhaupt braucht. Wer nach praktischen Lösungen Ausschau hält oder aufs Geld achten muss, ist hier sicher völlig Fehl am Platz. Allerdings ist der X2 (zumindest ein bisschen) geräumiger als ein 1er, kapituliert nicht beim erstbesten Forstweg und er schießt für ein Crossover wirklich beeindruckend scharf ums Eck. Außerdem wird man in diesem Auto wirklich ständig angeglotzt. Wer all das mag, darf ab März 2018 zum BMW-Händler rennen und laut „X2“ rufen.

+ auffällige Optik; bemerkenswerte Fahrdynamik; sauberer, angenehmer Diesel

- auffällige Optik; unpraktischer als ein X1; sehr teuer

  • Antrieb
    90%  
  • Fahrwerk
    95%  
  • Karosserie
    85%  
  • Kosten
    80%  

 

Datenblatt

Motor und Antrieb
Motorart Reihen-Dieselmotor, Biturbo 
Zylinder
Ventile
Hubraum in ccm 1.995 
Leistung in PS 190 
Leistung in kW 140 
bei U/min 1.750 
Drehmoment in Nm 400 
Antrieb Allradantrieb 
Gänge
Getriebe Automatik 
Kraftverteilung variabel 
Fahrwerk
Spurweite vorn in mm 1.563 
Spurweite hinten in mm 1.562 
Radaufhängung vorn Eingelenk-Federbeinachse 
Radaufhängung hinten Mehrlenkerachse 
Wendekreis in m 11,3 
Räder, Reifen vorn 225/55 R17 
Räder, Reifen hinten 225/55 R17 
Lenkung elektromechanische Servolenkung 
Geländekompetenz
Bodenfreiheit in mm 182 
Maße und Gewichte
Länge in mm 4.360 
Breite in mm 1.824 
Höhe in mm 1.526 
Radstand in mm 2.670 
Leergewicht in kg 1.675 
Zuladung in kg 590 
Kofferraumvolumen in Liter 470 
Kofferraumvolumen, variabel in Liter 1.355 
Anhängelast, gebremst in kg 2.000 
Dachlast in kg 75 
Tankinhalt in Liter 51 
Fahrleistungen / Verbrauch
Höchstgeschwindigkeit in km/h 221 
Beschleunigung 0-100 km/h in Sekunden 7,7 
EG-Gesamtverbrauch in Liter/100 km 4,8 
EG-Verbrauch innerorts in Liter/100 km 5,4 
EG-Verbrauch außerorts in Liter/100 km 4,5 
Testverbrauch Gesamt in Liter/100 km 7,5 
CO2-Emission in g/km 126 
Schadstoffklasse Euro 6 



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