Oberklasse-Schiff mit Science-Fiction-Sicherheitstechnik und 380 PS im Test

Auto fahren oder einfach schweben, das ist hier die Frage. So könnte Hamlet seinen Dialog beginnen, nachdem er dem neuen Lexus-Topmodell entstiegen ist. Denn im LS 460 ist Auto fahren kaum mehr eine körperliche Tätigkeit. Was früher mal richtig Arbeit war – schalten, lenken, bremsen, Gas geben – übernimmt hier oft schon die Elektronik. Wir haben die neue, 380 PS starke S-Klasse-Alternative für Sie getestet, um zu sehen, was dem Menschen noch zu tun bleibt.

Sicherheit hat Prio eins
Lexus stellt beim komplett neu entwickelten Nachfolger des LS 430 die Sicherheit ganz in den Vordergrund. Hier wirkt das Vorbild Mercedes: Die S-Klasse war lange Zeit Vorreiter in Sachen Sicherheit, mit Hightech-Innovationen wie dem Crashsicherheitssystem Pre-Safe und ähnlichem. Doch Lexus hat nicht nur aufgeholt, sondern überholt. Gleich vier neue Sicherheitssysteme erleben im LS 460 ihre Weltpremiere. Die Basis für diese Innovationen bildet das Pre-Crash-Safety-System PCS, das schon im Vorgänger arbeitete und in etwa dem Pre-Safe-System der S-Klasse entspricht. Mit einem Mikrowellen-Radarsensor im Kühlergrill erfasst es Hindernisse vor dem Fahrzeug. Wenn eine Kollision bevorsteht, aktiviert das System die Gurtstraffer, den Bremsassistenten und erhöht die Dämpferhärte der vorderen Stoßdämpfer, um ein starkes Eintauchen der Fahrzeugfront zu vermeiden.

Objekterkennung auch mittels Infrarotkamera
Beim neuen LS und seinem Advanced-PCS geht Lexus aber einen Schritt weiter – nein, mehrere Schritte. Die erste Weltneuheit ist die Objekterkennung via Infrarotkamera. Hintergrund: Der Radarstrahl des PCS erkennt zwar harte Hindernisse wie Autos oder Mauern gut, wird aber von Fußgängern und Tieren kaum reflektiert wird. Die Wärmebildkamera identifiziert auch diese ,weichen" Hindernisse. Wird eine Gefahr erkannt, warnt das System den Fahrer akustisch und optisch. Darauf aufbauend wäre eine Nachtsichtfunktion wie bei Mercedes oder BMW möglich; diese wird aber von Lexus vorerst nicht angeboten. Die Beschränkung auf eine Warnung erscheint aber sinnvoll, denn ein zusätzliches Bild könnte den Fahrer leicht ablenken.

Weltneuheit 2: Notfall-Lenkassistent
Neuheit Numero zwo ist der Notfall-Lenkassistent. Was bei den Bremsen schon länger Standard ist (Stichwort Notbremsassistent), kommt nun auch bei der Lenkung. Hintergrund: In Notsituationen bremsen viele Fahrer zu schwach, und sie weichen auch nicht beherzt genug aus. So unterstützt nun der Lenkassistent den Fahrer aktiv bei Ausweichmanövern. Im Notfall wählt er die für blitzschnelles Ausweichmanöver optimale Lenkübersetzung, sodass auch zaghafte Fahrer einem Hindernis schnell und sicher ausweichen können.

Weltneuheit 3 hilft bei Ablenkung
Mit Neuheit Nummer 3, dem Gesichtsfeldmonitor, kommt weltweit erstmals ein System zum Einsatz, das abgelenkte Fahrer warnt. Eine auf der Lenksäulenabdeckung montierte Kamera mit Infrarotsensoren erfasst die Blickrichtung des Fahrers. Wenn er den Kopf zur Seite dreht und die Objekterkennung gleichzeitig ein Hindernis feststellt, wird der Fahrer akustisch und optisch sowie mit einem leichten Bremsimpuls gewarnt. Anschließend werden Brems- und Lenkassistenten aktiviert und die Dämpferhärte erhöht. Wenn der Fahrer nicht reagiert und ein Aufprall unvermeidlich ist, strafft das System die Sicherheitsgurte und leitet eine Notbremsung ein – wohlgemerkt eine Notbremsung, keine Vollbremsung. Denn Lexus befürchtet Schadensersatzansprüche, falls das System einmal mit einer Entscheidung für eine Vollbremsung falsch liegen sollte.

Weltneuheit 4: Heck-Pre-Crash-Safety-System
Eine weitere Novität: Das Sicherheitssystem erfasst mit einem Mikrowellenradar am Heck erstmals auch die Situation hinter dem Fahrzeug. Erkennt das System einen drohenden Auffahrunfall, nehmen die vorderen Kopfstützen automatisch die optimale Position zum Hinterkopf ein, um die Gefahr eines Halswirbelschleudertraumas zu minimieren. Die ideale Position der Kopfstütze wird durch einen speziellen Sensor in der Kopfstütze erfasst.

Besonders dezentes Sicherheitssystem
Der aktiven Sicherheit dient das Fahrdynamik-Management VDIM (Vehicle Dynamics Integrated Management). Das System vernetzt die Bremsen, das ABS, die elektronische Bremskraftverteilung und die Antriebsschlupfregelung sowie das ESP mit dem adaptiven variablen Fahrwerk AVS, der elektrischen Servolenkung und der variablen Lenkübersetzung VGRS (Variable Gear Ratio Steering). VDIM soll früher eingreifen als herkömmliche ESP-Systeme. Der Eingriff muss deswegen dann auch nicht so brutal erfolgen. Es nimmt nicht nur Einfluss auf die Kraftübertragung, sondern auch auf die Leistungsabgabe des Motors und sogar das Automatikgetriebe.

Abstandshalter
Auch die adaptive Geschwindigkeitsregelanlage ACC trägt zur Sicherheit bei: Ist das System eingeschaltet, wird automatisch der Abstand zum Vordermann eingehalten. Folgt man seinem Vordermann allerdings in eine Kurve und bremst dieser, muss man doch selber eingreifen. Denn naturgemäß kann das Radarsystem nicht um die Ecke gucken. Weiterer Nachteil: Das System wird bei etwa 40 km/h deaktiviert – das Bremsen bis zum Stand bleibt also dem Fahrer überlassen. Und nicht nur die Abstandsfunktion wird bei niedrigem Tempo deaktiviert, sondern auch der Tempomat. Er lässt sich also nicht für Tempo-30-Zonen einsetzen.

Lenken aus rechtlichen Gründen?
Ein weiteres Sicherheitssystem ist der Spurhalteassistent. Zwischen 45 und 170 km/h gibt er ein Warnsignal ab, wenn der LS 460 die Fahrspur verlässt, ohne dass der Blinker gesetzt ist. Zusätzlich alarmiert ein Lenkimpuls den Fahrer. Dass das Auto aus der Bahn kommt, stellt es mithilfe von Kameras fest, welche die Markierungen am Fahrbahnrand beobachten. Ist der Abstandshalte-Tempomat eingeschaltet, lenkt sich der LS sogar aktiv wieder in die Spur zurück. Man kann also auf der Geraden die Hände vom Lenkrad nehmen. In der nächsten Kurve kurbelt das System selbstständig am Lenkrad – Lenken überflüssig. Grundsätzlich freihändig fahren kann man aber nicht, denn das System schaltet sich nach wenigen Eingriffen mit einem Warnton ab. Dennoch: Als Fahrer hat man fast den Eindruck, nur noch aus Gründen der rechtlichen Haftung bei Unfällen lenken zu müssen. Technisch käme der LS auch ohne Fahrer ganz gut zurecht.

Elektronik en masse
Auch sonst hat der Lexus jede Menge Elektronik an Bord. Beim Einparken unterstützt die serienmäßige Einparkhilfe oder auf Wunsch ein automatisches Einparksystem. Es wurde gegenüber dem System im Prius von Konzernmutter Toyota verbessert. Allerdings muss die Parklücke immer noch gigantisch groß sein, um es nutzen zu können. Zur Demonstration wählte Lexus einen Parkplatz, der zwei Meter länger war als der LS, also sieben Meter – so große Parklücken sind in den meisten Innenstädten extrem selten. Zu den weiteren Sicherheitsmerkmalen zählen Bi-Xenonscheinwerfer mit dynamischem Kurvenlicht und eine Reifenluftdruck-Überwachung – auch für das Ersatzrad.

Neuer 4,6-Liter-V8 mit Achtstufenautomatik
Aber auch unter der Motorhaube hat der neue LS einiges zu bieten. Er wird von einem komplett neu konstruierten 4,6-Liter-V8 angetrieben. Zu den Besonderheiten zählen die kombinierte Saugrohr- und Direkteinspritzung D-4S, die im GS 450h Premiere hatte, sowie die duale variable Ventilsteuerung Dual VVT-i. Letztere variiert stufenlos die Steuerzeiten der Ein- und Auslassventile. Mit einer Spitzenleistung von 380 PS bei 6.400 U/min und einem Drehmomentmaximum von 493 Newtonmetern bei 4.100 Touren übertrifft der Achtzylinder das bisherige 4,3-Liter-Aggregat in der Leistung um 35 und beim Drehmoment um 18 Prozent. Für den Sprint von null auf 100 km/h benötigt der LS 460 genau 5,7 Sekunden. Für die Praxis wichtiger ist wohl die auffallende Laufruhe des Aggregats: Man hört den Motor im Leerlauf kaum. Der für den Sommer 2007 angekündigte LS 600h mit Hybridantrieb kann kaum mehr leiser sein. Auch während der Fahrt bleibt der Lexus sehr leise.

Beim Verbrauch gleichauf mit Mercedes
Den Durchschnittsverbrauch gibt Lexus mit 11,1 Litern Super auf 100 Kilometer an. Damit wurde der Durst gegenüber dem Vorgänger LS 430 (12,1 Liter) deutlich gesenkt, obwohl die Leistung um rund 100 PS stieg. Der Wert ist realistisch, denn unser Bordcomputer zeigte auf der Testfahrt Werte zwischen 11,5 und 12,5 Litern an. Mit diesen Werten liegt Lexus etwa gleichauf mit Mercedes, denn der etwa gleich starke S 500 braucht 11,7 Liter. Die Nase vorn hat Lexus beim Getriebe, denn während der S-500-Motor mit einer Siebengang-Automatik gekoppelt wird, ist der LS 460 das erste Serienfahrzeug mit Achtstufenautomatik. Die zusätzlichen Getriebestufen sollen die Beschleunigung in den unteren Gängen verbessern und in den oberen Fahrstufen Sprit sparen. In der Praxis spürt man die Gangwechsel im LS 460 kaum mehr. Wer will, kann aber auch manuell am Wahlhebel herauf- oder herunterschalten.

Luftfederung mit Niveauautomatik
Die Luftfederung mit automatischer Niveauregulierung und das adaptive variable Fahrwerk AVS passen die Fahrwerksabstimmung stufenlos an die Fahrsituation an. Der Fahrer kann zwischen Normal-, Komfort- und Sportmodus wählen. Im Sportmodus wirkt das Auto schön straff – das war unser Lieblingseinstellung. Die variable Lenkübersetzung VGRS passt die Lenkübersetzung stufenlos der Geschwindigkeit an. Das System arbeitet unauffällig, und die Lenkung überzeugt. Als eines der ersten Serienfahrzeuge in der Oberklasse verfügt der LS 460 außerdem über ein besonders schnell ansprechendes "by-wire"-Bremssystem. Der Innenraum des Lexus bietet viel Leder und rötliches, lackiertes Holz. Auf Letzteres würden wir gerne verzichten, da die glatten Oberflächen uns zu sehr an Plastik erinnern. Das jedoch ist kein Lexus-spezifischer Kritikpunkt, sondern eine Frage des Geschmacks. Die Instrumente gefallen ebenso wie die Sitze. Im Fond ist enorm viel Platz und der Kofferraum bietet mit rund 500 Litern das klassenübliche Volumen.

CD-Wechsler und Navi serienmäßig
Zum Öffnen, Starten und Schließen des LS 460 ist lediglich der elektronische Schlüssel nötig. Die Türen ver- und entriegeln bei Berührung, und der Motor startet per Tastendruck. Das lederbezogene und elektrisch justierbare Multifunktionslenkrad schwenkt beim Ein- und Aussteigen automatisch ein und wieder aus. Mit dem Touchscreen in der Mittelkonsole lassen sich Audioanlage, Klima und das DVD-Navigationssystem steuern. Serienmäßig hat der LS 460 einen Sechsfach-CD-Wechsler. Wem die Serienausstattung nicht ausreicht, der kann sich für die Ausstattungslinien Ambience oder Impression entscheiden.

10.000 Euro billiger als entsprechende S-Klasse
Der LS 460 ist für 82.000 zu haben, wobei die erhöhte Mehrwertsteuer berücksichtigt ist. Denn der Marktstart ist Anfang 2007, auch wenn ausgewählte Kunden schon jetzt den Oberklasse-Lexus fahren können. Lexus vergleicht den LS mit dem hubraumgleichen Mercedes S 450, der schon für etwa 79.000 Euro zu haben ist. Der ist allerdings 40 PS und 33 Newtonmeter schwächer als der LS. Ein passenderer Vergleich ist aus unserer Sicht der gleich starke S 500, und der kostet inklusive 19 Prozent Mehrwertsteuer runde 92.000 Euro, ist also glatt 10.000 Euro teurer. Und das, obwohl der Lexus ähnlich ausgestattet und technisch mindestens auf dem gleichen Niveau liegt.

Wertung

  • ★★★★★★★★★★
  • Dass Lexus den LS mit dem günstigeren, aber nicht ganz gleichwertigen S 450 vergleicht, zeigt, dass die Marke nicht als Billigheimer gelten mag. Dann lieber teurer als Mercedes sein. Doch im Vergleich mit dem gleich starken S-Klasse-Modell zeigt sich, dass der Lexus ein günstiges Angebot ist. Vom technischen Niveau ist der Lexus dem Auto mit dem Stern gewachsen. Besonders die Laufruhe des Motors beeindruckt; das Fahrwerk gibt ebenfalls keinen Ansatzpunkt für Kritik. Auch die Ausstattung ist vergleichbar. Nur vom Bekanntheitsgrad kann Lexus nicht mithalten. So will die Marke gerade mal 300 Stück pro Jahr vom LS 460 verkaufen, dazu sollen nochmal so viele Hybrid-LS kommen. Von der S-Klasse wurden von Januar bis November 2006 fast 10.000 Stück verkauft. Lexus hat also Aufholpotenzial. Unter anderem angesichts des Preises spricht einiges für die fernöstliche Alternative.

  • Antrieb
    100%
    Motor sehr laufruhig
    Verbrauch gegenüber schwächerem Vorgänger gesenkt
  • Fahrwerk
    95%
    geringe Wankneigung, kaum Erschütterungen
    verstellbares Luftfahrwerk
  • Karosserie
    95%
    viel Platz im Fond
    Design der Front nicht vollständig überzeugend
  • Kosten
    100%
    10.000 Euro günstiger als S 500
    gute Serienausstattung

Preisliste


Lexus LS 460

Grundpreis: 82.000 Euro
Ausstattungen Preis in Euro
ABS Serie
ESP Serie
ASR Serie
Airbag Fahrer Serie
Airbag Beifahrer Serie (mit Deaktivierung)
Seitenairbags vorn Serie
Kopfairbags vorn Serie
Kopfairbags hinten Serie
elektr. Fensterheber vorn Serie
elektr. Fensterheber hinten Serie
elektr. verstellbare Außenspiegel Serie (beheizbar)
Klimaautomatik Serie
Zentralverriegelung mit Fernbed. Serie
Automatikgetriebe Serie
Bildschirmnavigation Serie
elektr. Schiebedach 1.300
Metalliclackierung 1.000
Leichtmetallfelgen 18 Zoll Serie
Sitzhöheneinstellung Serie (Vordersitze, elektrisch)
Lederausstattung Serie
Xenonlicht Serie
Kurvenlicht Serie
Nebelscheinwerfer Serie
Sechsfach-CD-Wechsler Serie
DVD-Navigationssystem mit 8-Zoll-Display Serie
Abstands-Tempomat, Pre-Crash-Sicherheitssystem (PCS) 3.500
Erweitertes Pre-Crash-System (APCS) 2.600
Entertainmentsystem für Fondpassagiere mit 9-Zoll-Monitor 4.000

Datenblatt

Motor und Antrieb
Motorart Otto-V-Motor, 90 Grad 
Zylinder
Ventile
Hubraum in ccm 4.608 
Leistung in PS 380 
Leistung in kW 280 
bei U/min 4.100 
Drehmoment in Nm 493 
Antrieb Heckantrieb 
Gänge
Getriebe Automatik 
Fahrwerk
Spurweite vorn in mm 1.615 
Spurweite hinten in mm 1.620 
Radaufhängung vorn Mehrlenkerachse, Luftfederung mit Niveauregulierung, adaptives variables Fahrwerk 
Radaufhängung hinten Mehrlenkerachse, Luftfederung mit Niveauregulierung, adaptives variables Fahrwerk 
Bremsen vorn innen belüftete Scheiben 
Bremsen hinten innen belüftete Scheiben 
Wendekreis in m 10,8 
Räder, Reifen vorn 7,5Jx18, 235/50 R18 
Räder, Reifen hinten 7,5Jx18, 235/50 R18 
Lenkung Zahnstangenlenkung mit elektrischer, geschwindigkeitsabhängiger Servounterstützung, variable Lenkübersetzung 
Maße und Gewichte
Länge in mm 5.030 
Breite in mm 1.875 
Höhe in mm 1.465 
Radstand in mm 2.970 
Leergewicht in kg 2.020 
Zuladung in kg 475 
Kofferraumvolumen in Liter 505 
Anhängelast, gebremst in kg 2.000 
Dachlast in kg 100 
Tankinhalt in Liter 84 
Kraftstoffart Super 
Fahrleistungen / Verbrauch
Höchstgeschwindigkeit in km/h 250 
Beschleunigung 0-100 km/h in Sekunden 5,7 
EG-Gesamtverbrauch in Liter/100 km 11,1 
EG-Verbrauch innerorts in Liter/100 km 16,5 
EG-Verbrauch außerorts in Liter/100 km 7,9 
CO2-Emission in g/km 261 
Schadstoffklasse Euro IV 

Bildergalerie: Der Luxus-Lexus