Jetzt mit mehr Sex-Appeal? Unterwegs mit der 84-PS-Basisversion

Das soll ein Chevrolet sein? Wer mit Bildern eines typisch amerikanischen Straßenkreuzers im Kopf an den Aveo herantritt, muss zwangsläufig enttäuscht werden. Eingeweihte wissen: General Motors hat den koreanischen Autoriesen Daewoo geschluckt und vertreibt dessen Produkte bereits seit 2005 und in diversen Märkten unter dem traditionsreichen Namen Chevrolet. Bisher gab's unter dem Namen Aveo nur eine Stufenhecklimousine. Ab sofort prangt dieser Name aber auch am Schrägheck des Kalos-Nachfolgers, und genau den haben wir uns im Süden Frankreichs näher angeschaut. Und, nein: Ein chromblitzender Amischlitten mit V8-Motor ist der kleine Ex-Kalos/Aveo sicher nicht. Auch nicht nach der umfassenden optischen und technischen Auffrischung, die Chevrolet ihm fürs Modelljahr 2008 spendiert hat.

Übertragbares Image?
Und so kann ich mir beim Erstkontakt mit dem US-Koreaner ein Grinsen nicht verkneifen, als ich den Zündschlüssel umdrehe. Im serienmäßigen MP3-Radio nämlich hat ein wohlmeinender PR-Mitarbeiter eine CD mit Rocksongs hinterlassen, die allesamt den Mythos Chevy besingen oder wenigstens erwähnen. Los geht's mit dem Klassiker ,American Pie" von Don McLean, der aber sicher nicht an Autos wie den Aveo dachte, als er die Zeile ,drove my Chevy to the levee, but the levee was dry" dichtete.

Ost-West-Achse
Ein Lustauto ist er also nicht, der kleine Asia-Ami, der in der Basisausstattung mit Radkappen im Baumarkt-Stil daherkommt. Was er genau ist, das teilen uns die Chevy-Mannen auf der Pressekonferenz mit: Ein sparsames, preiswertes Vernunftsauto für urbane Menschen. Ein Wagen, den sich westeuropäische Familien gerne als Zweitwagen, osteuropäische als Erstwagen kaufen. Und diesen Kaufinteressenten dürfte im Vergleich zum Kalos zunächst das neue Gesicht auffallen, das nun den aktuellen Familienlook von Chevrolet zeigt: Ein großer Kühlergrill, geteilt von einem lackierten Querbalken, auf dem mittig ein übergroßes Chevrolet-Kreuz prangt. Seitlich hochgezogene Frontscheinwerfer sorgen für einen freundlichen Blick und funktionslose Lüftungsschlitze in den Frontkotflügeln sollen Sportlichkeit suggerieren. Mit der allerdings ist es beim Aveo objektiv nicht weit her – sein überarbeitetes Heck mit den neuen Leuchten jedenfalls kann er anderen Verkehrsteilnehmern nicht nach Belieben präsentieren.

Hechel, Japps, Keuch!
Im Motorabteil unseres roten Testwagens schlägt ein recht lethargisches Herz. Halbwegs drehfreudig ist er ja schon, der neue 1,2-Liter-Basisbenziner und seine 84 PS sollten mit den rund 1.030 Kilo Leergewicht eigentlich leichtes Spiel haben. Trotzdem hinterlässt der Chevy einen eher schlappen Gesamteindruck. Das liegt einerseits daran, dass die Höchstleistung des Motors erst bei Schwindel erregenden 6.000 Touren anfällt, sowie an der bescheidenen Drehmomentausbeute von nur 114 Newtonmeter. Die Hauptschuldigen sind aber die Gänge vier und fünf. Wohl aus Rücksicht auf Verbrauch und CO2-Ausstoß sind die nämlich ellenlang übersetzt. Schon leichte Steigungen auf der Autobahn nötigen mich dazu, nach dem Schaltknauf aus unappetitlichem Weichplastik zu greifen, der zu weit hinten montiert ist und sich nur unwillig durch die Gassen schieben lässt. Doppelt unangenehm also, dass ich nicht nur ein-, sondern gleich zweimal zurückschalten muss, wenn ich bei knapp über 110 km/h meine Geschwindigkeit halten oder gar vergrößern will. Auf der Landstraße und in der Stadt – und solange es in den ersten drei Gängen voran geht – ist hingegen ausreichend Temperament vorhanden. Beim Testwagen auffällig ist die Kupplung, die keinen sauberen Schleifpunkt hat und beim Loslassen des Pedals erst sehr spät für endgültigen Kraftschluss sorgt. Wer darauf nicht achtet, dessen Gangwechsel können sich im Aveo schon mal wie die eines ungeübten Fahranfängers anhören.

Ganz und gar nicht Premium
Der Antriebsstrang ist kein Quell der Freude, vielleicht kann ja der Innenraum überzeugen? Die Antwort lautet: nicht wirklich. Der Fahrer schaut auf eine wenig attraktive, eintönige Plastikwüste von Armaturenbrett. Dort kauert in der Mitte einsam und verloren eine grüne Digitaluhr, die auch aus einem Datsun Laurel der 80er-Jahre stammen könnte. Um es kurz und schmerzlos zu machen: Man merkt dem Aveo einfach an, dass er hauptsächlich für Kunden aus Einstiegsmärkten gemacht wird. Für Kunden, die einfach nur ein günstiges Auto wollen und deren Ansprüche deutlich niedriger liegen, als die eines durchschnittlich verwöhnten Mitteleuropäers. Aber immerhin: Auf der Mittelkonsole prangt stolz das Display eines sauber integrierten CD-Radios mit MP3-Funktion, für das es am Lenkrad sogar eine Fernbedienung gibt. Trotzdem kommt kein Frohsinn auf, denn ich finde hinterm Steuer einfach keine ideale Sitzposition. Da das Lenkrad nur in der Höhe verstellbar ist, muss ich den Sitz so weit nach vorne schieben, dass mein rechtes Knie einen innigen Dauerkontakt zum schwarzen Hartplastik des Cockpits pflegt.

Guter Alltagsnutzen
Unter der schlechten Sitzposition leidet vor allem der Langstreckenkomfort, der anderweitig in Ordnung ginge: Das Fahrwerk ist nicht sensationell, aber ausreichend bequem und die Sitze sind straff genug gepolstert. Allerdings bieten sie nicht annähernd so viel Seitenhalt wie ihre dicken Seitenwangen vermuten lassen. In schnellen Kurven bin ich der Querbeschleunigung ziemlich schutzlos ausgeliefert und rutsche lustig auf der Sitzfläche hin und her. Ansonsten glänzt der Aveo-Innenraum mit Durchschnittlichkeit: Die Platzverhältnisse hinten gehen in Ordnung, der rund 20 Zentimeter kürzere Opel Agila hat hier allerdings deutlich mehr Raum zu bieten. Das Gepäckabteil schließlich ist einen Tick größer als im Agila und mit umgeklappter Rückenlehne passen 735 Liter in den Wagen. Eine ebene Ladefläche kann der kleine Chevy in diesem Zustand aber nicht bieten.

Sicherheitslücken
Schnelle Kurven sind zwar nicht die Domäne des Aveo, er hat mit ihnen aber auch keine großen Probleme. Wenn es ihm zu viel wird, schiebt er gleichmäßig über die Vorderräder – typisch Fronttriebler eben. Das Fahrwerk ist ausreichend straff gefedert, die Seitenneigung hält sich in Grenzen. Die Bremsen verrichten ihren Dienst unauffällig und zuverlässig. Vorne sitzen belüftete Scheiben, hinten verzögert der koreanische Mini nur mit Trommelbremsen. Finster wird es beim Thema elektronische Sicherheitsmaßnahmen. ESP hat unser Testwagen nicht zu bieten. Noch unerfreulicher: Das elektronische Rettungsnetz ist für den Aveo generell nicht lieferbar. Kein beruhigender Gedanke bei einem Auto, das im Euro-NCAP-Crashtest von 2006 mit Ach und Krach drei Sterne geholt hat. Chevrolet verspricht zwar Besserung, ESP wird es aber wohl erst für die nächste Generation des Aveo geben.

Ein Sonderangebot?
Bleibt zur Ehrenrettung des US-Koreaners eigentlich nur noch eines – der Preis. Das triste Interieur, die mäßige Verarbeitung und die nicht gerade attraktiven Materialien, ja sogar die Abwesenheit von ESP könnte man dem Chevy verzeihen, wenn er dafür einen Kampfpreis à la Dacia Logan zu bieten hätte. Hat er aber nicht. Schon unser Basismodell kostet als Fünftürer 11.090 Euro, für den stärkeren und luxuriöseren 1.4 LT mit 101 PS sind 13.890 Euro fällig. Auf dem Papier mag sich das dank relativ umfangreicher Ausstattungsliste und den nominell kräftigen Motoren verlockend ausnehmen. Wer aber etwa den Konzernbruder Opel Agila betrachtet, muss ins Stutzen kommen. Der ist deutlich moderner, pfiffiger und geräumiger, kostet als Basismodell aber nur 9.990 Euro und ist mit 65 PS auch recht flott unterwegs. Und bei den größeren Motoren ist die Wahl noch klarer: Für 13.700 Euro nämlich gibt's den Agila mit 86 PS, dem umfangreichen Ausstattungspaket ,Edition" und – für 360 Euro Aufpreis – auch mit ESP.

Wertung

  • ★★★★★★★☆☆☆
  • Mein erster Eindruck vom neuen Aveo-Exterieur: durchaus positiv. Die wuchtige Front und das Chevy-Gesicht stehen dem City-Zwerg wirklich gut und machen Lust aufs Einsteigen. Innendrin ist's allerdings vorbei mit den guten Gefühlen. Hier sitze ich in der automobilen Holzklasse, und das freudlose Aveo-Cockpit lässt mich das auch zu jeder Zeit spüren. Der schlappe Motor, die unattraktiven Materialien, die unangenehme Sitzposition: Hier versüßt mir nichts meinen Alltag hinterm Steuer. Auch über den Preis reißt es der Chevrolet nicht heraus, denn als Sonderangebot geht er für 11.090 Euro in dieser Klasse wahrhaftig nicht durch. Ja: Er ist ein brauchbares Auto mit einem durchaus ansprechenden Äußeren. Im Vergleich mit etablierten Größen wie dem VW Polo, Renault Clio oder Dacia Logan ist das aber einfach nicht genug.

  • Antrieb
    60%
    niedriger Verbrauch und CO2-Ausstoß
    schlapper, lustloser Motor, obere Gänge zu lang
  • Fahrwerk
    65%
    gutmütiges Handling, Bremsen und Lenkung ok
    kein ESP lieferbar
  • Karosserie
    65%
    ausreichend Platz für Passagiere und Gepäck
    Innenraum unattraktiv, schlechte Sitzposition
  • Kosten
    70%
    geringer Verbrauch, günstige Steuerklasse
    für die gebotene Qualität zu teuer

Preisliste


Chevrolet Aveo 1.2, Fünftürer

Grundpreis: 11.090 Euro
Modell Preis in Euro
1.2, Fünftürer 11.090
1.2 LS, Fünftürer 12.090
1.4 LT, Fünftürer 13.890
Ausstattungen Preis in Euro
ABS Serie
ESP -
ASR -
Airbag Fahrer Serie
Airbag Beifahrer Serie
Seitenairbags vorn Serie
elektr. Fensterheber vorn Serie
elektr. verstellbare Außenspiegel Serie
Klimaanlage -
Klimaautomatik -
Zentralverriegelung mit Fernbed. Serie
Automatikgetriebe -
CD-Radio Serie
MP3 Serie
elektr. Schiebedach -
Metalliclackierung 400
Sitzhöheneinstellung Serie

Datenblatt

Motor und Antrieb
Motorart Otto-Reihenmotor, DOHC 
Zylinder
Ventile
Hubraum in ccm 1.206 
Leistung in PS 84 
Leistung in kW 62 
bei U/min 3.800 
Drehmoment in Nm 114 
Antrieb Frontantrieb 
Gänge
Getriebe Schaltgetriebe 
Fahrwerk
Spurweite vorn in mm 1.450 
Spurweite hinten in mm 1.410 
Radaufhängung vorn McPherson-Radaufhängung 
Radaufhängung hinten Torsionslenkerachse 
Bremsen vorn belüftete Scheiben, 236 mm 
Bremsen hinten Trommeln, 200 mm 
Räder, Reifen vorn 185/60 R14 auf 5,5 J Alufelgen 
Räder, Reifen hinten 185/60 R14 auf 5,5 J Alufelgen 
Lenkung hydraulisch unterstützte Zahnstangenlenkung 
Maße und Gewichte
Länge in mm 3.920 
Breite in mm 1.680 
Höhe in mm 1.505 
Radstand in mm 2.480 
Leergewicht in kg 1.030 
Zuladung in kg 470 
Kofferraumvolumen in Liter 220 
Kofferraumvolumen, variabel in Liter 735 
Anhängelast, gebremst in kg 800 
Dachlast in kg 100 
Tankinhalt in Liter 45 
Kraftstoffart Normalbenzin 
Fahrleistungen / Verbrauch
Höchstgeschwindigkeit in km/h 172 
Beschleunigung 0-100 km/h in Sekunden 13 
Elastizität von 60-100 km/h in Sekunden 13,6 
Elastizität von 80-120 km/h in Sekunden 23,9 
EG-Gesamtverbrauch in Liter/100 km 5,5 
CO2-Emission in g/km 132 
Schadstoffklasse Euro 4 

Test: Chevrolet Aveo