Fiat 500L Living im Test

Als ,Großraumlimousine mit beinahe magischen Fähigkeiten" und als ,kompaktesten Siebensitzer auf dem Markt" rühmt Fiat seinen nagelneuen 500L Living. Starke Worte. Aber ist es überhaupt möglich, auf nur 4,35 Meter Länge Raum für sieben Reisende zu schaffen? Oder bedeutet das Prädikat Siebensitzer eher eine theoretische Möglichkeit? Wir haben den Mitte September 2013 startenden Minivan bereits getestet.

Der 500L als Kuckucksei
Die Modellfamilie des Fiat 500 wächst. Nach dem 500, dem 500C und dem 500L ergänzen nun der 500L Living sowie der 500L Trekking die Baureihe. Für Mitte 2014 ist dann noch ein 500X zu erwarten, ein Geländewagen mit optionalem Allradantrieb, der den Sedici ablösen soll. Allerdings ist die Benennung der neueren Modelle fragwürdig, denn der 500L in allen seinen Varianten wie auch der geplante 500X basieren auf der modernisierten Punto-Plattform, nicht auf dem 500. In Wirklichkeit sind der 500L und der 500X also Kuckuckseier – dem 500 ins Nest gelegt, damit die Neulinge genauso prächtig gedeihen wie der erfolgreiche 500. Dabei sollen neben dem Namen auch die offensichtlichen Optikanleihen helfen. Doch zum Thema Design schweigt des Sängers Höflichkeit. Sehen Sie sich einfach die Bilder des 500L Living an.

Wer hat den Kleinsten?
Der 500L Living ist mit 4,35 Meter immerhin 20 Zentimeter länger als der normale 500L. Er soll wie erwähnt der kompakteste Siebensitzer auf dem Markt sein. Am nächsten kommen ihm der Citroën Berlingo Multispace mit 4,38 Meter sowie der Peugeot Partner Tepée mit exakt der gleichen Länge und ebenfalls bis zu sieben Sitzen. Das Prädikat kompaktester Siebensitzer hat der Living also verdient, auch wenn die geringen Längenunterschiede für den Fahrer kaum relevant sein dürften.

Fünf oder 5+2 Sitze
Und was ist mit der ,Großraumlimousine mit beinahe magischen Fähigkeiten"? Öffnet man die Kofferraumklappe, so ist der Anblick in der Tat beeindruckend. Der Kofferraum bietet bei zwei- oder fünfsitziger Konfiguration 560 beziehungsweise 1.708 Liter. Damit hat der Living mehr Platz als Kompaktkombis, die typischerweise 500 bis 1.500 Liter Stauraum aufweisen. Lange Gegenstände lassen sich im Living verstauen, indem man die Beifahrersitzlehne umklappt, was serienmäßig möglich ist. Ein Einlegeboden egalisiert die Ladeschwelle und macht den Kofferraum gut nutzbar. Die optionalen Zusatzsitze, die das Auto zum Siebensitzer werden lassen, lassen sich leicht aufklappen. Dahinter bleibt dann allerdings kaum mehr Platz für Koffer – 168 Liter sind nicht viel.

Viel Platz im Fond, wenig in Reihe drei
Aber was bedeutet Siebensitzer? Genauer gesagt handelt es sich beim Living um einen 5+2-Sitzer mit fünf normalen und zwei Notsitzen. Die zweite Reihe ist durchaus ein angenehmes Plätzchen. Schiebt man die asymmetrisch geteilte Bank in die hinterste Position, ist die Kniefreiheit sehr gut: Bei unserer mittelgroßen Testperson bleiben etwa zwölf Zentimeter zwischen Kniescheibe und Vordersitzlehne, über dem Kopf sind es etwa vier Zentimeter. Anders sieht es mit Reihe drei aus. Vor dem Einsteigen in die dritte Reihe muss die Fondbank wieder ganz nach vorne geschoben werden, dann löst man die Lehnenverriegelung in Reihe zwei und – schwupp – wickelt sich der ganze Sitz um seine eigene Achse, klappt im Ganzen nach vorne. Der Einstieg klappt so, doch ganz hinten fristet man als Erwachsener ein bemitleidenswertes Dasein: Die Knie stoßen fast ans Kinn, man ist so eingeklemmt, dass ein Gurt beinah entbehrlich scheint. Die letzte Reihe eignet sich also nur, um gelegentlich die Nachbarsgören in den Kindergarten mitzunehmen.

Unglückliche Sitzsituation
Auch auf dem Fahrersitz wird man als Mittelgroßer nicht glücklich: Die Position ist unangenehm hoch. Das ist umso schlimmer, als einen der Sitz nicht wirklich festhält. Die Beinauflagefläche ist zu kurz, der Seitenhalt gering. Auch die Materialverarbeitung fällt negativ auf, vor allem gibt es üble Grate an mehreren Stellen. Ansonsten sind große Teile des Cockpits in Hartplastik mit Pseudo-Lederoptik ausgeführt, was nicht mehr zeitgemäß ist. Die näher an den Insassen liegenden Armaturenbrett-Teile werden bei der Topversion Lounge mit Wildleder bezogen. Besser sieht die Grundvariante Pop-Star aus, wo glatte, glänzende Dash-Pads – beim Testwagen in Schwarz – das Auge erfreuen. Dazu passt die Klavierlackoptik des optionalen Navigationsgeräts. Auch die großen Drehregler mit ihrer stufigen Rastung für die Klimaeinstellungen gefallen. Für die schlecht beleuchteten Rundinstrumente und die altbackenen orangefarbenen Zusatzanzeigen gilt das Gegenteil.

Fahrwerk: Komfortabel, aber schwammig
Das Fahrwerk passt zu einem Familienauto: Es ist ausreichend komfortabel, sodass die Insassen bei Unebenheiten keine Bandscheibenvorfälle bekommen. In Kurven neigt sich das Auto jedoch stark nach außen, sodass man Kreisverkehre besser mit verhaltenem Tempo nimmt. Mutet man dem 500L Living bei mittlerem Tempo kleine Rechts-Links-Lenkbewegungen zu, wirkt das Auto regelrecht schwammig. Für scharfe Kurven ist der 500L Living eben weniger gemacht – wer schnell in die Biege fährt, ist mit einem genauso geräumigen Kombi wegen des niedrigeren Schwerpunkts besser bedient.

Ein Benziner, zwei Diesel
Drei Motoren werden für den 500L Living angeboten. Neben dem Zweizylinder-Turbobenziner mit 105 PS sind das ein 1,3-Liter-Diesel mit 85 PS sowie ein 1,6-Liter-Selbstzünder mit 105 PS. Den Letztgenannten suchten wir für unsere Testfahrt aus. Eine gute Wahl, denn hier gibt es wenig zu mosern. Vor allem liefert er den typischen guten Durchzug eines Selbstzünders – bei 320 Newtonmeter Drehmoment kein Wunder. Akustisch bleibt der Diesel unauffällig. Dabei hilft das 2009 eingeführte Multijet-Einspritzverfahren der zweiten Generation, bei dem bis zu acht Einspritzungen pro Zyklus möglich sind. Auch ein Turboloch fällt nicht auf, obwohl der Lader keine variable Schaufelgeometrie aufweist. Der Motor wird mit einer Sechsgang-Schaltung kombiniert, die eine Spur hakelig ist, aber in Ordnung geht. Die Euro-6-Norm hält das Aggregat noch nicht ein. Den Normverbrauch gibt Fiat mit 4,5 Liter je 100 Kilometer an. Wie gewohnt, zeigte der Bordcomputer nach der absolvierten Ausfahrt etwas mehr, nämlich 6,1 Liter. Beim Spritsparen hilft eine serienmäßige Start-Stopp-Automatik.

Überlegen beim Drehmoment
Wie gut die Werte des getesteten Diesels sind, erkennt man im Vergleich mit dem etwa gleich großen und ebenfalls siebensitzig erhältlichen Citroën Berlingo Multispace HDi 115. Der Citroën-Motor hat trotz etwas höherer Leistung wesentlich weniger Drehmoment, nämlich nur 240 Newtonmeter statt der erwähnten 320. Auch die Fahrleistungen sind schlechter: Der Franzose braucht 13,9 Sekunden, um Tempo 100 zu erreichen, der Italiener nur 12,2. Auch die Höchstgeschwindigkeit des Fiat liegt mit 180 km/h etwas höher und der Normverbrauch um 0,6 Liter niedriger.

Einstiegspreis unter 19.000 Euro
Während es beim 500L vier Ausstattungen gibt, wird der 500L Living nur in den hochwertigeren Versionen Pop-Star und Lounge angeboten. Die Preise für den 500L Living wurden noch nicht mitgeteilt, doch der Einstiegspreis soll unter 19.000 Euro liegen. Danach dürfte der getestete 500L 1.6 Multijet rund 21.000 Euro kosten. Den Citroën Berlingo Multispace HDi 115 gibt es ab 22.300 Euro. Die zwei Zusatzsitze, die aus dem Fünf- einen Siebensitzer machen, kosten bei Fiat rund 750 Euro, bei Citroën 890 Euro. Insgesamt wird deutlich, dass der Fiat keinesfalls teuer ist. Als Hightech-Extras gibt es unter anderem adaptive Dämpfer – eine Premiere in dieser Klasse –, ein City-Notbremssystem und eine Rückfahrkamera.

Wertung

  • ★★★★★★★☆☆☆
  • Das Ei des Kolumbus hat Fiat mit dem 500L Living nicht erfunden. Das Prädikat ,kompaktester Siebensitzer auf dem Markt" verdient er zwar, aber die letzte Sitzreihe ist allenfalls für Kinder geeignet. Ansonsten bietet der Minivan jedoch viel Platz sowie eine gute Variabilität. Das Fahrwerk ist zwar komfortabel, aber für schnelle Lenkmanöver zu schwammig. Auch sitzt man als Fahrer wie der viel zitierte Affe auf dem Schleifstein. Die Materialverarbeitung im Cockpit ist dürftig. Keinen Anlass zur Kritik bietet hingegen der kräftige 1,6-Liter-Diesel und auch das Schaltwerk geht in Ordnung. Und die Andeutungen zum Preis machen deutlich, dass der Living recht günstig ist.

    + gute Variabilität, viel Kofferraum, guter 105-PS-Diesel, günstiger Preis
    - unangenehme Sitzposition, mangelhafte Verarbeitung, kaum Platz in der 3. Sitzreihe

  • Antrieb
    80%
  • Fahrwerk
    70%
  • Karosserie
    70%
  • Kosten
    75%

Preisliste


Fiat 500L Living 1.6 16V Multijet Pop-Star

Grundpreis: etwa 21.000 Euro
Ausstattungen Preis in Euro
elektr. Fensterheber vorn Serie
elektr. Fensterheber hinten optional
elektr. verstellbare Außenspiegel Serie (beheizbar)
Klimaanlage Serie
Klimaautomatik optional
Zentralverriegelung mit Fernbed. Serie
Automatikgetriebe -
Bildschirmnavigation optional (5 Zoll)
CD-Radio Serie, mit USB- und Aux-Anschluss
elektr. Schiebedach optional
Leichtmetallfelgen Serie (16 Zoll)
Sitzhöheneinstellung Serie (Fahrer)
Tempomat Serie
Nebelscheinwerfer optional
sechs Airbags Serie
Fahrer-Knieairbag optional
3. Sitzreihe ca. 750 Euro
City-Notbremsassistent optional
adaptive Dämpfer optional
Parkpiepser hinten optional
Fahrlicht- und Scheibenwischer-Automatik optional
Sitzheizung vorne optional
Bicolor-Lackierung (schwarzes oder weißes Dach) optional
Kofferraum-Einlegeboden Serie
Kaffeemaschine von Lavazza optional
HiFi-System von Beats Audio by Dr. Dre optional
umklappbare Beifahrersitzlehne Serie
Rückfahrkamera optional

Datenblatt

Motor und Antrieb
Motorart Turbodiesel, DOHC, nichtvariable Turbinengeometrie, Common-Rail-Direkteinspritzung 
Zylinder
Ventile
Hubraum in ccm 1.598 
Leistung in PS 105 
Leistung in kW 77 
bei U/min 1.750 
Drehmoment in Nm 320 
Antrieb Frontantrieb 
Gänge
Getriebe Schaltung 
Fahrwerk
Bremsen vorn belüftete Scheiben, 305 mm 
Bremsen hinten Scheiben, 264 mm 
Räder, Reifen vorn 6,5x16 mit Reifen 205/55 R16 
Räder, Reifen hinten wie vorn 
Lenkung elektrische Servolenkung mit Verstellmöglichkeit (City-Funktion) 
Maße und Gewichte
Länge in mm 4.352 
Breite in mm 1.784 
Höhe in mm 1.667 
Radstand in mm 2.612 
Leergewicht in kg 1.470 
Kofferraumvolumen in Liter 560 *) 
Kofferraumvolumen, variabel in Liter 1.708 
Fahrleistungen / Verbrauch
Höchstgeschwindigkeit in km/h 180 
Beschleunigung 0-100 km/h in Sekunden 12,2 
EG-Gesamtverbrauch in Liter/100 km 4,5 
EG-Verbrauch innerorts in Liter/100 km 5,4 
EG-Verbrauch außerorts in Liter/100 km 3,9 
CO2-Emission in g/km 117 
Schadstoffklasse Euro 5+ 
Weitere Informationen
1/moreName bei nach hinten geschobener Fondbank 
2/moreName 638 Liter 
3/moreName 5 bzw. 5+2 

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