Volvo S90 T6 AWD im Test

Der Sprung, den Volvo innerhalb der letzten knapp eineinhalb Jahre gemacht hat, ist für mich noch immer richtig verblüffend. Anfang 2015 brachte man das wunderbare Groß-SUV XC90 und mit ihm eine komplett neue, komplett skalierbare Plattform und plötzlich war man nicht mehr nur so teuer wie die deutsche Premium-Konkurrenz, man war endlich auch genauso gut. Für mich persönlich lässt sich die neue Volvo-Qualität anhand zweier anderer Fahrzeuge jedoch viel besser veranschaulichen. Vor ziemlich genau einem Jahr rollte ein weißer Volvo-S80-Testwagen in die Redaktion und beeindruckte selbige nur mäßig. Der seit 2006 gebaute S90-Vorgänger lag in den letzten Zügen, aber das änderte nichts am eher freudlosen Bild, das er abgab. Sein Design war plump, sein Interieur altbacken und schlecht zu bedienen, er fuhr völlig belanglos und wirkte insgesamt wie ein müder Abklatsch von allem, was große Volvos über viele Jahre so begehrenswert machte. Nun, nicht mal zwölf Monate später steht dieses dunkelblaue Flaggschiff vor unserer Tür und wirklich alles fühlt sich komplett anders und deutlich besser an.

Zurück zu alter Größe
Irgendwie musste Volvo wohl alles neu machen, um sich wieder zu finden. Das fängt schon aussen an. Der S90 ist kantig, stattlich, anders und – zumindest für dieses Paar Augen – wunderschön. Die Rückkehr zu alter (etwas verlorengegangener) skandinavischer Größe. Unten drunter jedoch steckt das Volvo der Zukunft und auch das kann sich wahrlich sehen lassen. Der S90 teilt sich Chassis, Motoren, Elektronik (und auch das meiste andere Zeug) mit seinem SUV-Bruder XC90. Das bedeutet, Sie kriegen das gleiche supersmarte Wellness-Tempel-Interieur sowie das gleiche Ausmaß an Sicherheitssystemen und Selbstfahr-Eigenschaften. Was Sie ebenfalls kriegen, ist ein Auto, das lieber entspannt und mühelos dahingleitet, als Ihnen bei jeder Fahrt den Adrenalinstoß Ihres Lebens zu verpassen. Dank des Allradantriebs fährt der S90 T6 sehr sicher, gripstark und kann durchaus auch mal mit mehr Tempo die Autobahnausfahrt runtergejagt werden. An die Agilität eines BMW 5er oder Jaguar XF reicht er aber bei weitem nicht heran.

Genialer Hightech kostenlos
Muss er auch gar nicht, denn entgegen dem zweifelhaften Trend, dass auch in den dafür ungeeignetsten Fahrzeugklassen nur noch ein Höchstmaß an Agilität und Dynamik zu zählen scheint, gibt der S90 ganz bewusst den Chef-Entschleuniger. Hier darf man sich tatsächlich noch zurücklehnen, wohlfühlen, genießen. Die meisten Fahrbahnunebenheiten und Schläge bügelt er Ihnen lässig unter dem Hintern weg und auch auf quälend langen Autobahnetappen zündet er Ihnen mit beiläufiger Selbstverständlichkeit das innere Räucherstäbchen an. Vor allem, weil all der semi-autonome Hightech-Schnickschnack, den sich die deutsche Premium-Konkurrenz so fürstlich entlohnen lässt, im schwedischen Business-Gleiter halt einfach mal komplett Serie ist. Sprich: Der S90 bremst, beschleunigt, hält Spuren, kennt Tempolimits, nimmt Ihnen einen Großteil von dem ab, was Sie bisher als ,Autofahren" kannten, und das alles auch noch völlig ohne Aufpreis. Gefühlt klappt das mit dem pilotieren lassen in der neuen E-Klasse noch einen Tick raffinierter und besser, nichtsdestotrotz arbeitet Volvos System mit verblüffender Intelligenz.

Mit der Bedienung wird man nicht warm
Das Raumgefühl ist auf allen Plätzen mehr als großzügig, das Qualitätsniveau des beinahe esoterisch anmutenden Cockpits gehört zum besten, was derzeit so rumfährt und die aufpreispflichtige 1.400-Watt-Bowers&Wilkins-Hifi-Anlage mit ihren 19 Lautsprechern entpuppt sich als nahezu unbegrenzt einstellbares Meisterwerk. Egal, ob Sie Nachrichten hören, Bässe poltern oder sich in einen Opernsaal verpflanzen lassen wollen, der S90 verzückt das Gehör, wie es nur wenige können. Bedient wird der Ohrenschmaus genau wie Navi, Telefon, Media und Klimatisierung über den tabletartigen Riesen-Bildschirm in der Mittelkonsole. Selbiger gibt zwar nach ein wenig Eingewöhnungszeit nicht mehr allzu viele Rätsel auf, steuert sich aber umständlicher und fummeliger als erhofft. Immer häufiger stellt sich heraus, dass Sprach- und Touchsteuerung alleine ein vernünftig gemachtes Dreh-Drück-Rädchen nicht wirklich ersetzen können. Was – zumindest bei einer knapp fünf Meter langen Business-Limousine – ebenfalls nur schwer ersetzbar scheint, ist ein Motor mit etwas Hubraum und sechs Zylindern.

Nur zwei Liter Hubraum
Wie Sie vermutlich wissen, hat Volvo im Zuge seiner Neuausrichtung alles aus dem Motorraum verbannt, was mehr als vier Zylinder hat. Das mag in puncto Effizienz und Skaleneffekten durchaus löblich sein, lässt einen in der Realität aber immer mal wieder mit der Frage allein, ob ein wenig mehr (zumindest die Option darauf) nicht doch ein wenig besser wäre. Ich zumindest habe mich das während meiner Zeit mit dem derzeitigen Top-Benziner T6 – einem 2,0-Liter-Vierzylinder mit Turbo und Kompressor – desöfteren gefragt. Jetzt könnten Sie durchaus behaupten: Ist doch völlig egal, weil a) sowieso über 90 Prozent der Kundschaft zum Diesel greift und b) der hier schreibende Journalist ganz schön einen an der Waffel haben muss, wenn ihm 320 PS, 400 Newtonmeter, 5,9 Sekunden von 0-100 km/h und 250 km/h Höchstgeschwindigkeit nicht ausreichen.

Motor mangelt es an Volumen
Vermutlich haben Sie sogar wahnsinnig Recht damit, vor allem, weil der T6 mit seinem guten Ansprechverhalten, der sehr ordentlichen Drehfreude und der unauffälligen Achtgang-Automatik sicher zu den besseren Vierzylinder-Antrieben gehört. Aber fahren Sie mal den neuen 3,0-Liter-Turbo-Reihensechser von BMW und Sie verstehen, was dem S90 in Sachen Souveränität abgeht. Umso bedauerlicher ist das Ganze, weil auch der Testverbrauch von 10,5 Liter nicht unbedingt die beste Downsizing-Werbung ist. Mit einem bei Volllast weniger oft hächelnden V6 wäre das wohl ebenfalls machbar gewesen. Besser greifen Sie also doch zum D5-Diesel mit 235 PS oder zum in Bälde erscheinenden Plug-in-Hybrid T8, der den 320-PS-Benziner mit einem 87-PS-E-Motor koppelt und für ziemlich barbarische Fahrleistungen bei 1,9 Liter Normverbrauch sorgt.

Preis auf den ersten Blick hoch
Bleibt noch die Frage nach dem Geld, das sich Volvo für seine neue Güte bezahlen lässt. Nun, Billigheimer waren die Schweden noch nie und das ist auch beim S90 T6 AWD nicht anders. Mindestens 57.550 Euro soll die nordische Limousinen-Schönheit kosten. Ein vergleichbarer Mercedes E 400 4Matic mit 333 PS ist nicht unter 62.689 Euro zu haben, kommt allerdings auch mit zwei Zylindern mehr angeschossen. Gleiches gilt für den brandneuen BMW 540i xDrive mit 340 PS ab 60.300 Euro. Für den S90 spricht, dass er ab Werk deutlich besser ausgestattet ist. Und endlich ist er nicht mehr nur anders, sondern auch gut genug, um ihn in dieser Klasse ernsthaft in Erwägung zu ziehen.

Wertung

  • ★★★★★★★★★☆
  • Mit dem S90 ist Volvo tatsächlich auf Augenhöhe mit Mercedes, BMW und Audi. Autonomes Fahren, Fahrkomfort, Qualität, Verarbeitung, Optik - Volvos neue Business-Limo gibt sehr wenig Anlass zu Kritik. Die Bedienung von Navi, Klima, Medien und Co. hätte man aber durchaus etwas eingängiger gestalten können. Der vierzylindrige Top-Benziner ist alles andere als langsam, die Souveränität eines V6 geht ihm aber unter Volllast schon ein wenig ab.

    + Geniales Technikpaket; halbautonomes Fahren serienmäßig; sehr hoher Komfort; großartige Verarbeitung und Qualität; gute Serienausstattung

    - fummelige Bedienung; Vierzylinder als Top-Motor fragwürdig

  • Antrieb
    85%
  • Fahrwerk
    90%
  • Karosserie
    100%
  • Kosten
    90%

Preisliste


Volvo S90 T6 AWD

Grundpreis: 57.550 Euro
Ausstattungen Preis in Euro
ABS Serie
ESP Serie
ASR Serie
Airbag Fahrer Serie
Airbag Beifahrer Serie
Seitenairbags vorn Serie
Kopfairbags vorn Serie
Kopfairbags hinten Serie
elektr. Fensterheber vorn Serie
elektr. Fensterheber hinten Serie
elektr. verstellbare Außenspiegel Serie
Klimaautomatik Serie
Zentralverriegelung mit Fernbed. Serie
Automatikgetriebe Serie
Bildschirmnavigation 1.170
CD-Radio 110
elektr. Schiebedach 1.250
Metalliclackierung 960
Leichtmetallfelgen Serie
Sitzhöheneinstellung Serie (elektrisch)
Tempomat Serie
Lederausstattung Serie
Xenonlicht Serie (LED-Scheinwerfer)

Datenblatt

Motor und Antrieb
Motorart Reihenmotor, Kompressor, Turbo 
Zylinder
Ventile
Hubraum in ccm 1.969 
Leistung in PS 320 
Leistung in kW 235 
bei U/min 2.200 
Drehmoment in Nm 400 
Antrieb Allradantrieb 
Gänge
Getriebe Automatik 
Kraftverteilung variabel 
Fahrwerk
Radaufhängung vorn Doppelquerlenkerachse 
Radaufhängung hinten Integrallenkerachse 
Bremsen vorn Scheiben, innenbelüftet 
Bremsen hinten Scheiben, innenbelüftet 
Wendekreis in m 11,4 
Lenkung elektromechanische Servolenkung 
Maße und Gewichte
Länge in mm 4.963 
Breite in mm 1.879 
Höhe in mm 1.443 
Radstand in mm 2.941 
Leergewicht in kg 1.892 
Zuladung in kg 468 
Kofferraumvolumen in Liter 500 
Tankinhalt in Liter 60 
Kraftstoffart Super 
Fahrleistungen / Verbrauch
Höchstgeschwindigkeit in km/h 250 
Beschleunigung 0-100 km/h in Sekunden 5,9 
EG-Gesamtverbrauch in Liter/100 km 7,2 
EG-Verbrauch innerorts in Liter/100 km 9,5 
EG-Verbrauch außerorts in Liter/100 km 5,9 
Testverbrauch Gesamt in Liter/100 km 10,5 
CO2-Emission in g/km 165 
Schadstoffklasse Euro 6 


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