Elektrischer Bentley Torcal nutzt ganzes Orchester, um V8-Klang nachzubilden
Rhythmus sei wichtigster Aspekt des Motorgeräuschs, daher nutzt man hauptsächlich Schlagzeuge, um das Grollen eines V8 nachzubilden
Es ist irgendwie beeindruckend und tragisch zu gleich, mit welchem Ehrgeiz und Aufwand einige Autohersteller versuchen, das größte Problem sportlicher Stromer zu lösen: Charakter. Weil E-Autos leise sind, fehlt ihnen nach Ansicht vieler die Emotion und Eigenständigkeit klassischer Performance-Modelle mit Verbrennungsmotor.
Um den Klang charismatischer Verbrennungsmotoren nachzubilden, haben die Autobauer bereits etliche künstliche Motorsounds erzeugt, das Surren von Elektromotoren verstärkt und sogar Hans Zimmer engagiert. Doch Bentley dreht nun richtig auf und das mit bemerkenswerter Kreativität. Auch scheut man dabei offenbar keine Kosten. Für sein erster Elektroauto, ein SUV, das seit letzter Woche auf den Namen Torcal hört, hat die Marke tatsächlich ein komplettes Orchester verpflichtet, um den Klang eines V8 nachzuempfinden. Entstanden ist ein Antriebssoundtrack namens "Bentley Dynamic Symphony".
Bentleys elektrische Alternative zum Bentayga muss kommerziell überzeugen, was schwierig werden dürfte. Der Markt für luxuriös-performante Stromer läuft eher überschaubar. Umso weniger überrascht es, dass Bentley für den Antriebssound des Torcal einen derartigen Aufwand betreibt.
Spannend daran ist, dass mit echten Instrumenten nicht einfach nur künstlicher Motorenlärm erzeugt wird. Vielmehr kopiert Bentley Rhythmen und Klangfarben, die Motorensound so reizvoll machen – nur eben mit realen Instrumenten, gespielt von Menschen. Als Referenz dienen dabei auch die V8-Motoren der eigenen Vergangenheit.
Um besser zu verstehen, was klassische V8-Maschinen so faszinierend klingen lässt, nahm Bentleys Team einen solchen Motor im Studio auf und analysierte den Sound. Dabei stellte sich heraus, dass „der Rhythmus und nicht der rein mechanische Klang im Zentrum seiner emotionalen Wirkung steht“.
Und wer könnte einen guten Rhythmus besser erzeugen als professionelle Musiker? Noch interessanter ist, dass Bentley erkannte, wie erstaunlich menschlich Motorengeräusche wirken, weil sie eben nicht vollkommen gleichförmig sind. Mit parabolischen Lautsprechern stellte das Team fest, dass ein Motor – ähnlich wie ein Schlagzeuger, der im Studio neben einem V8 spielt – feine Schwankungen und Unregelmäßigkeiten erzeugt, die wir unbewusst wahrnehmen.
Im Mittelpunkt standen bei Bentley die Schlaginstrumente, weil sie Gefühl und Takt eines Motors am ehesten nachbilden können. Zum Einsatz kam jedoch das gesamte Orchester, einschließlich Bassgitarren und Bratschen. Ziel war ein Klangbild, das eigenständig ist und zugleich eine Hommage an frühere Bentley-V8 darstellt – etwa an den legendären 6,75-Liter-V8 sowie an die aufgeladenen V8 aus den 1930er-Jahren. Der Soundtrack soll auf Eingaben des Fahrers reagieren – ähnlich wie ein Motor –, um möglichst viel von der Emotionalität eines Autos mit Verbrenner zu transportieren.
Das ist ein ausgesprochen spannender Ansatz, um einem Elektroauto mehr Charakter zu verleihen. Es gab bereits viele Methoden, EV-Geräusche zu erzeugen – meist entweder als Nachahmung echter Motorensounds oder als futuristische Sci-Fi-Kulisse.
Beides kann interessant sein, wirkt auf Dauer aber oft künstlich. Hier ist das anders. Wenn der Klang von einem Orchester erzeugt wird, hat er etwas genuin Menschliches – und könnte zudem auch für sich genommen hervorragend klingen. Es ist eine ungewöhnliche und interessante Idee, die wir nur zu gerne erleben wollen, wenn der Torcal schließlich auf die Straße kommt.
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