Can-Am Pulse (2025) im Test: Watt fürs Herz
Das erste Elektro-Bike von Can-Am soll Herzklopfen erzeugen. Wir haben ausprobiert, ob die Mischung aus Hightech und Fahrspaß aufgeht.
Can-Am, die Traditionsmarke aus Nordamerika, hat sich quasi neu erfunden und bietet nun feinnervige vollelektrische Motorräder statt großvolumiger Petrol-Brummer an. Die 2025er Can-Am Pulse markiert das Comeback der Marke Can-Am ins Zweirad-Segment – fast 40 Jahre nach dem letzten Modell im Jahr 1987 – und richtet den Fokus klar auf das urbane E-Fahrgefühl statt auf Retro-Charme.
Sie ist als Naked Bike für die Stadt entworfen, bei dem das Herzstück - der Akku - in die Rahmenstruktur integriert ist. Das sorgt nicht nur für eine Gewichtsreduktion, sondern auch für ein klares, schnörkelloses Design, das auf Wendigkeit und Agilität setzt.
Bildergalerie: Can-Am Pulse 2025 Test
Technisch setzt Can-Am ein Ausrufezeichen: Ein flüssigkeitsgekühltes Rotax E-Power-System, das Batterie, Inverter, Ladeelektronik und Motor in einem thermisch effizient gekühlten Paket kombiniert. Ob Hitze oder Kälte — Ladegeschwindigkeit und Leistung sollen konstant bleiben. Der Akku soll von 20 auf 80 Prozent in 50 Minuten laden und verspricht Alltagstauglichkeit bei voller Performance.
Für die Nutzung im Alltag bringt die Pulse digitale Begleiter mit: ein 10,25-Zoll-Touchscreen mit Apple CarPlay und BRP-GO!-Anbindung – perfekt, um unterwegs Ladepunkte, Navigation oder Medienintegration zu managen.
Mehr als nur ein Akku auf Rädern
Optisch setzt die Pulse schon mal ein klares Zeichen. Progressiv, dynamisch und trotzdem irgendwie klassisch kommt sie daher. Mit dem großen, geschlossenen Motor/Kühl-Package wirkt sie sehr bullig, während das Heck geradezu filigran auftritt. Gelbe Akzente am Motor unterstreichen die Linie zusätzlich.
Sehenswert im wahrsten Sinne ist der LED-Doppelscheinwerfer, dessen Lichtquellen übereinander angeordnet sind und in einer ansehnlichen Frontmaske stecken. Auch das Rücklicht ist dreidimensional gestaltet und sieht sehr modern aus.
Das ganze Design signalisiert maximalen Fahrspaß, perfektes Handling und Kontrolle. Mit 110 Millimeter breiten Reifen vorn und 150er-Hinterreifen ist die Pulse zudem nicht zu bullig bereift, obwohl der recht dicke Hinterreifen ein Zugeständnis an das enorme Drehmoment des Elektromotors ist.
Aufgesessen: Passt alles auf Anhieb?
Die erste Sitzprobe passt. Der schlanke Tank und die bequem angeordneten Fußrasten sorgen sofort für perfekten Kontakt zum Bike. Der Lenker ist allerdings sehr weit vorn, sodass man mit weit ausgestreckten Armen sitzt oder sich ständig leicht vorbeugt. Bei der Kurvenhatz perfekt, im Alltag etwas anstrengend. Toll: Das große "Handschuhfach" auf dem Tank, das leider nicht abschließbar ist.
Natürlich lässt sich der Lenker einstellen, laut Bedienungsanleitung sogar spielend leicht in wenigen Minuten. Nur wurde die Anleitung anscheinend ohne das große Display erstellt, das den Zugang zu den entsprechenden Schrauben blockiert. Und dieses lässt sich natürlich nicht so leicht demontieren.
Aber egal, rauf auf den Bock und los geht’s. Dabei ist das "Starten" gar nicht so einfach, sondern folgt einer kleinen Prozedur. Killschalter auf "on", Gasgriff nach vorn (!) drehen und Startknopf betätigen. Genau in dieser Reihenfolge. Dann piepst es und es kann losgehen.
Der lautlose Rausch: So fährt sich die Pulse
Wir starten im Modus "Normal". Sofort wird die enorme Handlichkeit des Bikes deutlich. Vor allem im Stadtverkehr lässt sich die Pulse spielerisch dirigieren und um jede Biegung zirkeln. Das macht einfach nur Spaß. Der direkte Antritt des 47 PS starken Elektrobikes begeistert jedes Mal aufs Neue und ermöglicht in der Stadt eine ganz neue Motorrad-Erfahrung. Kein Kuppeln, kein Schalten, einfach nur Gas und Bremse. Sehr easy und geradezu lässig. Und dazu lautlos.
Die Fahrleistungen sind stabil: Von 0 auf 100 geht es in 3,8 Sekunden und bei 130 km/h ist Schluss. Kommt einem dank der Lautlosigkeit aber deutlich schneller vor.
Eine Besonderheit von E-Motorrädern ist die Möglichkeit der Rekuperation. Bei der Pulse kann dies automatisch geschehen, aber auch manuell geregelt werden. Hierzu dreht man den Gasgriff während der Rollphase einfach nach vorn und das Bike wird mittels Rekuperation abgebremst. Das funktioniert erstaunlich intuitiv und man benötigt kaum noch die tatsächliche Bremse.
Leider ist die Abstimmung (noch) nicht perfekt. Es gibt nur zwei starre Stufen (stark und leicht), aber man kann die Stärke der Abbremsung nicht mit dem Gasgriff modellieren. Zudem reicht die Rekuperation nicht ganz bis zum Stillstand, sodass man trotzdem kurz auf die Bremse muss. In Summe ist das aber ein wirklich interessantes Feature.
Im Sportmodus wird die Pulse dann richtig biestig und man muss schon ein bisschen aufpassen, wie hart man am "Gas" dreht. Dabei ist die Elektronik wirklich gut abgestimmt und erlaubt sogar einen leichten Wheelie und ein paar dezente Slides, greift aber stets als Sicherheitsnetz ein, wenn man es übertreibt.
Die Physik kann aber auch die beste Regelung nicht aushebeln. Bei Nässe empfiehlt sich der "Rain"-Modus, in dem die Gasannahme stark gepuffert wird. Und "Eco"? Naja, auf einem Fun-Bike Strom zu sparen ist jetzt sicher nicht dessen erste Kompetenz.
Viel gespart muss auch gar nicht werden, denn die Pulse geht recht knauserig mit der wertvollen Elektrizität um. Im Durchschnitt kamen wir auf ca. 6 kWh/100 km, was angesichts des Spaßfaktors aller Ehren wert ist. So sind mit der 8,9 kWh fassenden Batterie realistisch bis zu 130 Kilometer möglich, was auch mal eine Tour raus aus der Stadt ermöglicht.
Der Haken im Alltag: Wenn der Saft ausgeht
Wenn der Akku allerdings leer ist, hört der Spaß auch auf. Das zugehörige Typ-2-Ladekabel ist arg sperrig und hat keinerlei Platz auf dem Bike. Wer unterwegs laden möchte, muss sich also eine der sehr seltenen Säulen mit eigenem Kabel suchen. Oder das sperrige Ding im Rucksack mitschleppen…
Der Akku ist an der Säule nach 50 Minuten von 20 auf 80 Prozent geladen. Auch nicht gerade ein Ruhmesblatt. Da wird die Kafeepause schon arg lang. Für längere Fahrten ist die Pulse einfach nicht gemacht.
Zu Hause funktioniert das Laden dann problemlos auch an der Haushaltsteckdose mittels mitgeliefertem Adapterkabel. Hier dauert es locker drei Stunden und mehr, aber Zeit ist zum Beispiel über Nacht meist kein Problem. Auf dem großen Display kann man während der Ladung stets den aktuellen Stand beobachten.
Das System bietet zudem eine Menge Infos über die Fahrzustände auf verschiedenen anwählbaren Screens und ist sehr übersichtlich. Zudem kann es auch Apple CarPlay. Android Auto dagegen nicht.
Dass das Ganze nicht billig ist, dürfte angesichts der Technologie-Orgie klar sein. Can-Am ruft 15.899 Euro für die zugegebenermaßen voll ausgestattete Pulse auf. Die wenigen vollelektrischen Konkurrenten sind aber ähnlich teuer. Eine Zero S beginnt bei 17.400 Euro und die Harley-Tochter LiveWire S2 Del Mar kostet sogar mindestens 18.490 Euro. Can-Am gewährt übrigens 2 Jahre Vollgarantie und fünf Jahre auf die Batterie.
Fazit
Wie auch beim Auto muss man sich auf die Elektromobilität beim Motorrad einlassen. Man bekommt im Falle der Can-Am Pulse auf jeden Fall eine Menge Fahrspaß, der sich ganz anders anfühlt als gewohnt. Das Fahrverhalten ist dank guter Aufhängung und niedrigem Schwerpunkt sehr gut und die Fahrleistungen über jeden Zweifel erhaben. Nur die Laderei könnte abschrecken. Aber für Stadtfahrer oder Pendler auf jeden Fall eine Überlegung wert
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