Elektrifizierter 570S-Nachfolger ist stärker, schneller, teurer und wirklich leicht

Wenn ein Hersteller luxuriöser Supersportwagen den ersten Plug-in-Hybrid der Firmengeschichte vorstellt, dann werden in der Regel die ganz großen Worte bemüht. Entsprechend markiert der Artura für McLaren nicht weniger als "ein neues Kapitel für das Unternehmen und eine neue Ära der Supercar-Technologie und -Performance". 

Das mit der neuen Ära sollte McLaren in Zuffenhausen und Maranello vielleicht nicht ganz so laut wiederholen, schließlich waren Porsche mit dem 918 Spyder deutlich, und Ferrari mit dem SF90 Stradale zumindest ein bisschen früher dran, aber keine Frage - der neue Artura ist für die Briten ein echter Meilenstein. Und zwar einer, für den sie sich mächtig ins Zeug gelegt haben, denn bei diesem Auto ist im Prinzip alles und zwar wirklich alles neu.

2022 McLaren Artura Exterieur
2022 McLaren Artura Exterieur

Mit der wichtigste Punkt dürfte für die Leichtbau-Fetischisten von McLaren das Gewicht gewesen sein. Ein Punkt, wo einem die Elektrifizierung schon mal so richtig in die Parade fahren kann. Entsprechend vermeldet der Hersteller aus Woking "ein anspruchsvolles Programm zur Gewichtsreduzierung". Das betreffe die nagelneue Plattform McLaren Carbon Lightweight Architecture (MCLA) genauso wie das "einzigartig kompakte" HPH-Antriebssystem oder die Verkabelung der elektrischen Systeme, wo man 10 Prozent Gewicht eingespart haben will. 

Der Artura kommt trocken auf 1.395 Kilo. Mit allen Flüssigkeiten, vollem Tank, aber ohne Fahrer wiegt das 4,53 Meter lange Supercar 1.498 Kilo und damit lediglich gut 60-70 Kilo mehr als sein Vorgänger 570S.

Das kumulierte Gewicht aller Hybridkomponenten geben die Briten mit 130 Kilo an. Dabei entfallen 88 Kilo auf das 7,4-kWh-Akkupaket und 15,4 Kilo auf den Elektromotor, der im Getriebe sitzt, 95 PS/225 Nm Drehmoment leistet und 33 Prozent mehr Energiedichte aufweist als das System im legendären McLaren P1. Zum Vergleich: Ferraris SF90 bringt es auf 1.570 Kilo, leistet allerdings auch über 300 PS mehr und hat einen V8.

Das bringt uns ohne Umschweife zum Kernstück des Artura. Er nutzt nämlich - Premiere in einem McLaren der Neuzeit - keinen Achtzylinder, sondern einen komplett neu entwickelten 3,0-Liter-Biturbo-V6 mit 585 PS und genauso vielen Nm Drehmoment. Der M630 ist ein Aluminium-Aggregat mit Trockensumpfschmierung und einem Zylinder-Winkel von 120 Grad.

Die Turbos sitzen innerhalb des "heißen V". McLaren verspricht sich durch das 120-Grad-Layout einen niedrigeren Schwerpunkt und weniger Druckverluste durch die Abgasanlage. Außerdem kann man eine steifere Kurbelwelle nutzen, was ein Turbo-untypisches Drehzahllimit von 8.500 Touren ermöglicht.

Mit 160 Kilo wiegt der Sechszylinder fast 50 Kilo weniger als der 3,8-Liter-Biturbo-V8, der bisher in den Autos der Sports Series zum Einsatz kam. Außerdem soll er wesentlich kürzer sein, was beim Packaging hilft.  

Die Systemleistung des Artura beträgt 680 PS und 720 Nm. Per ebenfalls neuer 8-Gang-Doppelkupplung geht die Kraft ausschließlich an die Hinterräder. Obwohl das Getriebe einen Gang mehr hat als bisher, ist das Ritzelpaket etwa 3,5 Zentimeter kürzer. Ein Rückwärtsgang ist hier nämlich nicht mehr nötig. Darum kümmert sich nun der E-Motor, der dann einfach in die entgegengesetzte Richtung dreht. 

2022 McLaren Artura Exterieur

Wer McLarens V8-Charakteristik kennt, weiß um deren mitunter heftiges Turboloch. Das soll sich beim downgesizten Antrieb mit der Dreingabe des E-Motors natürlich dramatisch ändern. Man verspricht uns eine rasiermesserscharfe Gasannahme. Die Fahrleistungen versprechen in diese Richtung ebenfalls einiges.

Der Artura soll in 3,0 Sekunden von 0-100 km/h beschleunigen, 0-200 km/h dauern 8,3 Sekunden, 0-300 km/h gehen in 21,5 Sekunden. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 330 km/h. Rein elektrisch fährt das Auto bis zu 130 km/h schnell. Die E-Reichweite beträgt 30 Kilometer, den Normverbrauch nach WLTP gibt man mit 5,5 Liter an. Das 80-prozentige Aufladen soll 2,5 Stunden dauern.  

In Sachen Fahrwerk setzt der Artura auf Doppelquerlenker vorne und ein System aus oberem Querlenker und unterem Mehrlenker-Setup hinten. Die große Überraschung in diesem Bereich ist aber sicher, dass McLaren zum allerersten Mal eine Hinterachssperre zum Einsatz bringt. Das sogenannte E-Diff arbeitet elektronisch und sitzt ebenfalls im Getriebe. Es sperrt und entsperrt individuell die Hinterräder, um die Traktion aus Kurven heraus zu verbessern und Untersteuern zu minimieren.

Das adaptive Dämpfer-System wurde ebenso überarbeitet wie die nun leichtere hydraulische Lenkung. Die Briten sehen in diesem vermeintlich veralteten Lenksystem noch immer die Benchmark in puncto Feedback und nicht nur unserer Meinung nach haben sie damit vollkommen Recht. 

Angehalten wird McLarens erster Plug-in-Hybrid von Carbon-Keramik-Stoppern mit 390-mm-Scheiben vorne und 380-mm-Discs hinten. Die 6- und 4-Kolben-Alu-Sättel sind die gleichen wie in den Hardcore-LT-Modellen. Für besseres Feedback verzichtet der Hersteller auf den üblichen Rekuperations-Firlefanz.

Interessant auch die Reifenwahl: Pirelli stellt seine sogenannte Cyber Tyre Technologie zur Verfügung. Im Pneu befindet sich hier ein Chip, der Daten in Echtzeit mit der Stabilitätskontrolle des Autos abgleicht, um die Reifen-Performance zu optimieren. 

Während der Artura äußerlich dem bekannten McLaren-Design weitgehend treu bleibt, gibt es im Interieur diverse Neuerungen. So wurden etwa die Fahrmodus-Schalter (Antrieb und Handling sind weiterhin separat justierbar) ins Instrumenten-Gehäuse verschoben, das nun auf der Lenksäule sitzt und sich bei der Lenkradverstellung mitbewegt. 

2022 McLaren Artura Innenausstattung
2022 McLaren Artura Innenausstattung

Zu den vier Antriebsmodi gehört auch eine reine E-Fahrstufe. Im Comfort-Modus stehen Reichweite und Effizienz im Vordergrund, unter 40 km/h wird etwa der Verbrenner abgeschaltet.  "Sport" und "Track" erklären sich vermutlich von selbst. In den separaten Handling-Modi lassen sich Dämpfer-Härte und Stärke der ESP-Eingriffe justieren.

McLaren verspricht im Artura ein äußerst ergonomisches Cockpit, indem sich auch Hünen bis zu einer Größe von 1,95 Meter noch "mit generöser Knie- und Beinfreiheit ausstrecken" können sollen. Dazu gibt es einen neuen Clubsport-Sitz sowie ein komplett neues Infotainmentsystem, das deutlich schneller sein soll als bisher. Womöglich passt es damit endlich zum Rest der Autos. Es unterstützt Apple CarPlay/Android Auto und beinhaltet optimierte Versionen bekannter McLaren-Apps wie der Track Telemetry oder der Variable Drift Control. 

Der McLaren Artura soll noch in der ersten Jahreshälfte 2021 auf den Markt kommen. Die Preise starten in Deutschland bei 226.000 Euro.

Bildergalerie: McLaren Artura 2021