China-Startup erfindet das Elektro-SUV neu

Bereits im April 2017 zeigte das chinesische E-Auto-Startup Nio sein neues SUV ES8 auf der Shanghai Auto Show. Erst jetzt allerdings kommt der Hersteller mit dem kompletten Paket an Infos, Daten und Preisen ums Eck. Und die haben es wirklich in sich. Dafür berief man gleich mal die ,Nio Days" in Pekings großer Basketball-Halle, der Cadillac Arena, ins Leben. Was Nio-Gründer William Li dort präsentierte, dürfte für reichlich Entzückung unter Geschäftspartnern und Fans der Marke gesorgt haben.

Optik und Innenraum scheinen zu passen
Über das Design möchten wir an dieser Stelle nicht allzu viele Worte verlieren. Der knapp fünf Meter lange Kasten hat einen XXL-Radstand von 3,01 Meter, bietet daher wohl auch für die Fond-Passagiere königliche Platzverhältnisse und sieht ansonsten aus, wie so ein modernes Groß-SUV eben aussieht. Auffällig ist vor allem die Front mit ihren superschmalen LED-Scheinwerfern und den bulligen Einlässen. Zuständig für die Optik ist übrigens das Nio-Designcenter in München unter der Leitung von Kris Tomasson. Innen gibt es sehr viel Leder und ein gewaltiges Display in der Mittelkonsole, das durchaus an Tesla erinnert. Zumindest auf den Bildern macht das alles schon einen ziemlich guten, auch für verwöhnte Europäer geeigneten Eindruck. Im Kofferraum befinden sich zwei Klappsitze, die aber wohl eher für sehr kleine Menschen oder sehr kurze Fahrten geeignet sind. Beifahrer freuen sich (gegen Aufpreis) über einen Lounge-Sessel mit elektrisch ausfahrender Beinauflage.

Künstliche Intelligenz an Bord
Erstes richtiges Highlight am Nio ES8 ist ein kleiner runder Bildschirm namens Nomi, der einen von der Mittelkonsole herunter angrinst. Hinter Nomi (,Know me") steckt künstliche Intelligenz, wie man das von Alexa, Siri und Co. kennt. Sprich: Nomi redet mit den Insassen, spielt deren Lieblingsmusik, soll aber auch die Gefühle der Passagiere erkennen und darauf reagieren können. Deutlich praktischer: Wird Regen erkannt, schließt das System das große Panorama-Dach. Ebenfalls schön: Es gewährt dem Lieferboten Zugang zum Kofferraum, wenn man ein Paket bestellt hat. Dazu wird Nio in Kürze eine Kooperation mit zwei entsprechenden Dienstleistern anbieten.

644 PS
Der Fortbewegungsteil des neuen Nio ES8 klingt ebenfalls alles andere als schlecht. Chassis und Karosserie sind aus Aluminium, laut Hersteller hat der ES8 einen höheren Aluminiumanteil als jedes andere Serienauto. Für Fahrkomfort sorgt eine Luftfederung, die Continental zuliefert. Für den Vortrieb verantwortlich: Je ein Elektromotor an der Vorder- und an der Hinterachse mit einer Systemleistung von 644 PS und 840 Newtonmeter. Entsprechend verfügt das Nio-SUV über Allradantrieb. Die Beschleunigung von 0-100 km/h erfolgt in 4,4 Sekunden. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 180 km/h, kann per Boostfunktion aber kurzfristig auf 200 km/h angehoben werden. Batterie? Ein 70-kWh-Paket aus VDA-Quadratzellenakkus, das 2.000 Ladezyklen überleben soll. Die Reichweite gibt Nio mit 500 Kilometer an. Allerdings nur, wenn man mit konstant 60 km/h dahinsiecht. Nach NEDC-Zyklus kommt der ES8 auf 355 Kilometer.

Level 3 geht schon
Autonomes Fahren? Ehrensache. Der Nio ES8 soll Level 3 beherrschen. Sprich: Auf der Autobahn braucht er Sie eigentlich nicht mehr. Für die entsprechenden Daten sorgen vier Außenkameras, fünf Radarsensoren, zwölf Ultraschallsensoren, eine Trifokal-Kamera (für bessere Tiefenwahrnehmung) nach vorne hinaus sowie eine weitere Kamera, die den Fahrer überwacht. Die Koordination übernimmt erstmals in einem Serienfahrzeug der neue EyeQ4-Chip von Mobileye.

Akku-Wechsel in drei MInuten
Klingt bis hierhin alles ziemlich vielversprechend, das größte Ass im Ärmel des Nio ES8 ist aber wohl seine neuartige Ladeinfrastruktur. Was bisher kein Hersteller anpacken wollte, möchten die Chinesen nun im großen Stil vorantreiben. Die Rede ist von Wechselakkus. Ab 2020 soll es Nio-Kunden möglich sein, ihre leeren Batterien innerhalb von drei Minuten gegen volle zu tauschen. Dafür sorgen selbstentwickelte Akku-Wechselboxen, die in etwa so viel Platz benötigen wie drei normale Stellplätze und immer eine Handvoll Batterien vorrätig haben.Der Bedarf wird in Echtzeit ermittelt, alle Nio-Systeme sind vernetzt und können online überwacht werden. Ab 2020 will der Hersteller rund 1.100 solcher Wechselboxen in China installieren. Eine weitere Lade-Innovation stellen die sogenannten ,PowerMobiles" dar, Lieferwagen mit riesigen Akkus, die im ganzen Land verteilt werden sollen. Sie sind offenbar in der Lage, binnen zehn Minuten rund 100 Kilometer Reichweite in den ES8-Akku zu drücken. Auch hier kommt wieder die Vernetzung ins Spiel, denn der Computer kann die mobilen Ladestationen nach Bedarf verteilen.

Der Preis ist heiß, zumindest in China
Sicher kostet so viel Aufwand und Innovation einen Haufen Geld. Und am Ende kommt es eh nicht, oder? Ähm, nein. Der Nio ES8 wird in China umgerechnet für 57.800 Euro zu haben sein und das schon im ersten Halbjahr 2018. Wer einen ES8 mit Akkuwechsel-Paket bestellt, ist bereits mit 44.900 Euro dabei, muss dann jedoch eine monatliche Batterie-Miete von 165 Euro abdrücken. Dass Nio auch nach Europa kommt, gilt als ausgemachte Sache. Mindestens drei Jahre dürfte das aber noch dauern.

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