Der Prototyp des englischen Roadsters im Test

Der alte Getreidespeicher aus dunkel verfärbten Brettern wirkt so was von unscheinbar, dass man ihn keines Blickes würdigen würde. Aber davor steht Colin Williams, der Designer des wohl optisch modernsten Autos, welches in die Fußstapfen des legendären Lotus 7 tritt. Freundlich bittet er uns herein in die dunkle Bude. Am Ende des Schuppens steht ein Wohnmobil, das Büro von Adrenaline Motorsport. Diese noch sehr kleine englische Autoschmiede stellt neben dem von uns zu testenden Toniq R auch noch den Murtaya und Minory her – alles Wagen, die ganz hervorragend zu Rennstrecken und Rallyes passen. Nur die Security-Webcam weist darauf hin, dass es in diesem Bretterverschlag etwas Wertvolles geben könnte. Und tatsächlich: In einem intensiv nach Kunststoffen riechenden Nebenraum stehen halbfertige Murtayas und ein Toniq R, welcher uns sofort in seinen Bann zieht.

Klar wie Metropolis
Der Toniq R wurde von Colin Williams im Stile klassischer Seven-Cars gezeichnet. Das heißt, wie ein Lotus 7, so hat auch der Toniq vorne freistehende Räder mit sichtbarer Radaufhängung und dem dazugehörigen Federwerk. Aber in allen weiteren Punkten ist der Wagen eine Spur anders als beispielsweise ein Caterham CSR200 oder ein Westfield 1600. Der Seven aus Newquay hat einen etwas höheren Fieberglas-Körper und wirkt sehr gestreckt. Ins erste Drittel der Motorhaube drückt sich ein bogenförmiger Lufteinlass. Die Lampen sind längliche Metallbolzen, die uns ein wenig an den Film Metropolis erinnern. Ein Dach gibt es für den Toniq R erst gar nicht. Nur zwei Überrollbügel schwingen sich hinter den Köpfen der Fahrer auf. Insgesamt wirkt die Formgebung klar und puristisch – was sich im Inneren des Autos mit unverminderter Härte fortsetzen soll.

Keine Türen, Plastik-Stühle
Ich steige gemeinsam mit Designer Colin in den Wagen. Um ins Innere zu gelangen, müssen wir über die Seitenwände steigen – Türen gibt es nicht. Der schlank gebaute Colin flutscht geschmeidig in seinen Hartschalensitz. Ich sitze eher auf den Sitzwangen. Als Colin meinen gequälten Gesichtsausdruck bemerkt, erklärt er mir schnell, dass die Innenraummaße an seine Figur angepasst wurden und es jederzeit möglich wäre, breitere Sitze und mehr Beinfreiheit anzubieten. Nachdem ich kurzzeitig dachte, dass ich wieder aus dem Wagen aussteigen muss, hat sich anscheinend mein Becken langsam zurechtgestaucht. Mein Hintern erreicht die Sitzfläche und ich hänge wie reingehämmert im glatten Plastik-Gestühl. Ist es nicht schön, dass die Natur es offenbar so eingerichtet hat, dass ein männlicher Beckenknochen sich derart zusammendrücken lässt, dass er in jeden Autositz passt?

Ungepolstert
Im gesamten Innenraum versteckt sich nicht ein einziges Gramm Polsterung. Wer einen saugfähigen Lederlappen dabei hat, kann den Wagen immer draußen stehen lassen, mit einem Wisch ist die harte Kabine nach einem Regenguss wieder trocken. Das Armaturenbrett des Toniq müsste eigentlich Armatur-Brett heißen: Nur ein einziges Rundinstrument versorgt den Fahrer mit den nötigsten Informationen, was zugegebener Maßen sehr stylisch aussieht. Der Blinker gibt, wenn er in Aktion ist, keinerlei Geräusche von sich. Egal ob Colin am Steuer sitzt oder ich, ständig vergessen wir, den Richtungsanzeiger wieder auszuschalten. Ich erzähle Colin vom penetranten Blinker-Fiebgeräusch bei Caterham – er findet, genau wie ich, dass das eine gute Idee sei.

Typisch britisch über Land
Zack, schon fliegt der vom Hinterrad zermanschte riesige Batzen Schafskot in kleinen Fetzen und hohem Bogen durch die Luft. Zum Fotoshooting haben die Jungs von Adrenaline Motorsport uns auf eine sattgrüne Schafweide gebeten. Mit dem unebenen Untergrund kommen nicht nur die Schafe gut zurecht, auch der Toniq hat keinerlei Schwierigkeiten mit der leichten Geländefahrt. Schneidig schiebt sich der grüne Wagen durchs Gras. Auf der Asphaltstraße schlägt der moderne Seven eine harte Gangart an. Selbst leicht erhabene Zebrastreifen schlagen gut zu uns durch, zumal ja selbst die Hartplastik-Sitze keine Chance haben, ein wenig zur Federung beizutragen. Allerdings ist das Fahrzeug noch lange nicht so hart wie die Schmerzmaschine Westfield XI. Selbstredend gibt es auch beim Toniq weder Airbags noch ABS noch ESP – Kunden von Seven-Style-Cars verzichten bewusst auf derlei Extras.

Etwas mehr Platz
Mit meinen breiten Schuhen, dem einzigen Paar, das ich nach England mitgebracht habe, fällt mir eins sofort auf: Ich habe etwas mehr Platz im Fußraum, um das richtige Pedal zu treffen. Bei Westfield und Caterham war es mir ein Rätsel, wieso ich immer das richtige der eng beieinander liegenden Pedale getroffen habe. Hier im Toniq ist das kein Problem. Die Bremse muss genauso stark getreten werden wie bei den anderen Seven-Cars. Leicht ruckend liefert sie eine ernorme Verzögerung. Auch die Lenkung agiert so, wie ich es von einem Seven-Style-Car erwarte: Extrem direkt, ohne Servounterstützung und mit starker Wirkung bei geringem Einschlag. Allerdings gibt es beim Lenken relativ wenig Freiheit für die Arme, das können der Caterham CSR200 und der Westfield 1600 besser. Und eins lässt mich für höhere Geschwindigkeiten Böses ahnen: Anstelle einer Frontscheibe erheben sich nur zwei lächerliche Windabweiser bis zu einer Höhe von fünf Zentimetern von der Motorhaube. Na wenn das mal gut geht.

In der Wand
Ich trete aufs Gas und aus dem Motorraum kommt etwas sehr Erwachsenes: Der 3,0-Liter-Duratec-Vierzylinder von Ford sorgt beim Freisetzen seiner 203 PS für rauen Sound im lieblichen Cornwall. Bei unteren Drehzahlen bis 2.000 U/min hängt das Aggregat noch moderat am Gas, je höher es geht, desto spürbar vehementer wird der Vortrieb. Und bei zirka 50 km/h ist es soweit, mein Gesicht rast in eine Wand aus Wind. Ich verkleinere meine Augen zu Schlitzen und trotzdem geht das Geflenne wieder los. Wie auch beim Westfield XI muss ich hoffen, dass der Wind mir wechselseitig die Tränen aus den Augen treibt, damit ich wenigstens ein bisschen was sehe. Eine Motorradbrille oder ein Helm mit Visier wären hier hilfreich. Ansonsten ist der Toniq R bis zu 225 km/h schnell. In 4,2 Sekunden geht es von null auf 100 km/h, was auch mit seinem geringen Gewicht von 570 Kilogramm zusammenhängt

Lang übersetzt
Das manuelle Fünfgang-Schaltgetriebe ist ausgesprochen lang übersetzt und damit das komplette Gegenteil vom Caterham CSR200. Der Westfield 1600 liegt genau zwischen dem Caterham und dem Toniq. So muss ich beim Toniq R häufig schalten, um ein nicht abreißendes und somit mitreißendes Vortriebsband zu erhalten. An der Präzision der Schaltung gibt es nichts zu meckern, sauber flutschen die Stufen in ihre Position. Jeder Schaltvorgang bringt einen neu anschwellenden Sound aus dem bereits im Bereich des Vorderwagens seitlich austretenden Endrohr mit sich – direkter kann schicker Spaß kaum unterwegs sein.

Wertung

  • ★★★★★★★★☆☆
  • ,To refresh, energise & invogorate" (um zu erfrischen, anzuregen und zu kräftigen) – das sind die Schlagworte, aus denen der Modellname ,Toniq R" entstand. Und genau das schafft der Wagen.

    Optisch ist er gelungen und steht als das modernste Seven-Style-Car mit kühler Eleganz am Markt da. Technisch lebt der Wagen von seinen präzisen Rückmeldungen und seiner puristischen Härte, die aber vielleicht nicht jedermanns Sache ist. Uns hat der Wagen gefallen, aufregender kann man zur Zeit kaum unterwegs sein.

  • Antrieb
    85%
    hängt sehr direkt am Gas
    braucht hohe Drehzahlen
  • Fahrwerk
    80%
    liefert präzise Rückmeldungen
    ausgesprochen hart
  • Karosserie
    90%
    modernste Seven-Karosserie am Markt
    kein Verdeck, keine Windschutzscheibe
  • Kosten
    75%
    für 35.000 Euro gibt es fast ein Einzelstück
    deutlich teurer als bessere Konkurrenten

Preisliste


Adrenaline Motorsport Toniq R

Grundpreis: 35.000 Euro

Datenblatt

Motor und Antrieb
Motorart Ford-Duratec-Reihen-Benzinmotor 
Zylinder
Ventile
Hubraum in ccm 2.999 
Leistung in PS 180 
Leistung in kW 132 
bei U/min 4.500 
Drehmoment in Nm 239 
Antrieb Heckantrieb 
Gänge
Getriebe Schaltgetriebe 
Fahrwerk
Spurweite vorn in mm 1.545 
Spurweite hinten in mm 1.645 
Radaufhängung vorn Einzelradaufhängung 
Radaufhängung hinten Einzelradaufhängung 
Bremsen vorn Scheibenbremsen, 260x9 mm 
Bremsen hinten Scheibenbremsen, 260x8 mm 
Wendekreis in m mit ein bisschen Qualm – 0 
Räder, Reifen vorn 195/50 R15 
Räder, Reifen hinten 195/50 R15 
Maße und Gewichte
Länge in mm 3.500 
Breite in mm 1.650 
Höhe in mm 1.070 
Radstand in mm 2.340 
Leergewicht in kg 570 
Zuladung in kg 230 
Tankinhalt in Liter 35 
Fahrleistungen / Verbrauch
Höchstgeschwindigkeit in km/h 225 
Beschleunigung 0-100 km/h in Sekunden 4,2 
EG-Gesamtverbrauch in Liter/100 km 7,8 
EG-Verbrauch innerorts in Liter/100 km 9,5 
EG-Verbrauch außerorts in Liter/100 km 6,7 

Toniq R im Test