Der ,kurze" Cadillac Escalade Premium im Test

Sie sind Amiauto-Liebhaber, Rapper oder ein Porsche Cayenne ist Ihnen zu klein und nicht selten genug in Deutschland? Dann habe ich gute Nachrichten für Sie: Im April 2015 bringt Cadillac die neue Generation des Escalade auf den deutschen Markt. Obwohl die GM-Tochter davon ausgeht, dass Kunden weiterhin vor allem an der Variante mit ,kurzem" Radstand (2,95 Meter, ein Smart ist übrigens 2,70 Meter lang) interessiert sein dürften, wird das Fullsize-Luxus-SUV erstmals durch die noch gewaltigere ESV-Version mit langem Radstand (3,30 Meter) ergänzt. Ich habe mir schon jetzt die für europäische Straßen konformere Kurzversion des neuen Highway-Kreuzers gegriffen und war mit ihr auf einer ersten Testfahrt in der Schweiz unterwegs.

Der Theorie-Teil
Doch von vorne: In den USA ist der Brummer mit Leiterrahmen und starrer Hinterachse schon verfügbar. In den ersten zwei Monaten 2015 wurden auf der anderen Seite des Teichs insgesamt rund 5.000 Fahrzeuge abgesetzt. In Deutschland sind die 200 Einheiten, die bis Ende 2015 an den Mann oder die Frau gebracht werden sollen, bereits vergriffen. Während das Vorgängermodell Umweltaktivisten noch ein Schnippchen schlagen konnte und mit einem Hybrid-Antrieb den Weltverbesserer suggerierte, hat das optionale Verbrenner-Elektro-Konzept im neuen Escalade endgültig ausgedient. Dafür wurde der 6,2-Liter-V8-Sauger überarbeitet. Er leistet jetzt 426 PS (Vorgänger: 409 PS) und entwickelt ein maximales Drehmoment von 610 Newtonmeter (Vorgänger: 563 Newtonmeter). Die Gangsortierung übernimmt eine Sechsgang-Automatik. Auf dem Papier sorgt das für bärige Fahrwerte im üppigen 2,75-Tonnen-Dampfer: In 6,7 Sekunden ist Tempo 100 erreicht und abgeregelt wird bei 180 km/h. Der Durchschnittsdurst soll bei 13,1 Liter alle 100 Kilometer liegen.

Kein Grollen, kein Saufen
Genug der Theorie: Wer den Motor nicht schon über die Funkfernbedienung gestartet hat, muss den Startknopf in der Mittelkonsole drücken. Damit wird das Sauger-Monster unter der bullig-langen Haube geweckt. Ich erwarte ein dämonisch-wütendes V8-Grollen und erhalte … nichts dergleichen! An dem verhaltenen Brummen ändert sich auch im normalen Fahrbetrieb nicht viel. Kein Wunder, läuft der Achtender beim gemütlichen Dahingleiten meist nur auf vier Töpfen. Nur beim beherzten Tritt aufs Gaspedal oder beim Anfahren werden alle acht Zylinder mit Sprit aus dem 98-Liter-Tank versorgt und die Ruhe im gut gedämmten Innenraum ist passé. Wie erwartet haben die 6,2 Liter großen Brennräume in allen Drehzahlbereichen wenig Mühe mit dem hohen Gewicht des Kreuzers. Gut für Cadillac und Umwelt, das ich in der Schweiz unterwegs bin, wo bereits bei gemessenen 126 km/h auf der Autobahn ein Bußgeld von rund 57 Euro droht. So bleiben häufige Beschleunigungsorgien aus, der Motor dümpelt die meiste Zeit irgendwo bei 1.100 Umdrehungen pro Minute herum und der Testverbrauch kann sich bei 13,3 Liter einpendeln.

Der Feind der Kurve
Das ,Magnetic-Ride"-Fahrwerk des Escalade ist im ,Touring"-Modus ein leicht nachschwingendes Bodenwellen-Bügeleisen. Auch Querfugen und Kanaldeckel nimmt man durch Fahrwerk und Dämmung nur sehr dumpf in der Fahrerkabine wahr. Die geschwindigkeitsabhängige Servolenkung bietet dem Fahrer darüber hinaus erstaunlich viel Feedback. Dass im ,Sport"-Modus aus dem Koloss jetzt ein Kurvendynamiker wird, ist aber allein aus physikalischen Gründen ein Ding der Unmöglichkeit. Schnelle Kurven bleiben genauso ein Feind des SUV-Riesen wie enge Kreisverkehre. Entsprechende Fahrmanöver sind immer mit einem Steuerruder-Kampf auf der Kommando-Brücke verbunden.

Raumriese und Luxus-Tempel
Der riesige Cadillac ist also ein Luxus-Komfort-Tempel zum entspannten Cruisen auf der Geraden. Wie die Ausmaße (5,18 Meter lang, 2,06 Meter breit und 1,90 Meter hoch) bereits andeuten, können bis zu acht Personen an diesem herrschaftlichen Erlebnis teilhaben. Dann ist in der kurzen Version immer noch genügend Platz für Gepäck hinter der dritten Sitzreihe (431 Liter). Nach dem Einsteigen über die elektrisch ausfahrbaren Trittbretter nehmen alle Passagiere auf Ledergestühl Platz. In der ersten Reihe werden die Sitze belüftet oder geheizt, in der Zweiten lässt sich nur heizen. Die Raumtemperatur wird über eine Drei-Zonen-Klimaautomatik geregelt.

Ein Tacho bis 280 km/h?
Für Entertainment unterwegs sorgen ein Surround-Soundsystem von Bose sowie ein für die zweite und dritte Sitzreihe im Dachhimmel installierter Bildschirm. Die Mittelkonsole in der Front verzichtet auf analoge Schalter und wird über Touch-Knöpfe bedient, die ein vibrierendes Feedback in die Fingerkuppe schicken. Das volldigitale Kombiinstrument visualisiert alle Fahrzeuginformationen hinter dem Lenkrad, läuft aber zeitweise nicht ganz flüssig. Vor allem bei schnellen Gangwechseln kommt die dargestellte Drehzahlnadel ins Stocken. Darüber hinaus wirkt der Geschwindigkeitsanzeiger recht verschwommen. Warum die Anzeige des Tachos dann noch bis 280 km/h reicht? Vielleicht fehlt mir einfach amerikanisches Humorverständnis. Die rudimentären Fahrdaten werden aber auch gut ablesbar ins Fahrersichtfeld der Windschutzscheibe projiziert.

Gut, aber nichts für Perfektionisten
Humor sollte man auch beim genaueren Betrachten der Innenausstattung beweisen. Diese wirkt auf den ersten Blick wertig und die verwendeten Materialien sind nicht mehr vergleichbar mit den billigen Kunststoffen und Plastik-Holz-Applikationen aus dem vergangenen Jahrzehnt des amerikanischen Automobilbaus. Der Teufel liegt aber im Detail: Scharfe Kanten und locker verbaute Klappen und Zierleisten dürfen im Luxus-Segment eigentlich nicht vorkommen. Dazu kommen weitere Kleinigkeiten wie eine abenteuerlich verkabelte Heckscheibenheizung. Noch ist ein amerikanischer Innenausbau eben nichts für detailverliebte Perfektionisten.

Amerikanische Aufpreisliste
Amerikanische Mentalität gibt es auch beim Blick in die Liste der Sonderoptionen. Wählt man wie ich die Basis-Version Cadillac Escalade Premium, sind lediglich die elektrisch ausfahrbaren Trittbretter, die elektrisch einklappbare zweite Sitzreihe, ein anderes Felgendesign, spezielle Farbwünsche und die Anhängevorrichtung im Aufpreiskatalog aufgeführt. Alles andere ist Serie und im Preis von 96.500 Euro inbegriffen. Die Premium-Ausstattung erhöht den Preis auf 106.800 Euro. Dafür gibt's dann beispielsweise Bildschirme in den Kopfstützen der Frontsitze und mehr Alcantara-Bezüge. Am oberen Ende der Preisliste rangiert die Premium-Langversion. Sie kostet 109.000 Euro.

Wertung

  • ★★★★★★☆☆☆☆
  • Selbst in der kurzen Version ist der Cadillac Escalade eigentlich zu groß für den europäischen Durchschnittsverkehr oder den genormten Supermarkt-Parkplatz. Leistungsmangel kennt der Amerikaner in keiner Fahrsituation und das 6,2-Liter-V8-Triebwerk schafft es, 2,75-Tonnen-Leergewicht standesgemäß zu bewegen. Den bärigen Motoren haben die US-Autobauer in gewohnt bulligem Design verpackt. Wertige Materialanmutung und eine umfassende Serienausstattung sprechen für das ab 96.500 Euro erhältliche SUV, die Verarbeitungsqualität dagegen. Wer keinen Wert auf Details legt, einen starken V8 und viel Platz haben möchte, kommt nicht um den Cadillac Escalade herum, muss sich aber auf Konfrontationen der Öko-Front gefasst machen.

    + Platz, Kraft und Leistung, Ausstattung

    - Verbrauch, Verarbeitung, Preis

  • Antrieb
    85%
  • Fahrwerk
    80%
  • Karosserie
    75%
  • Kosten
    65%

Preisliste


Cadillac Escalade Premium

Grundpreis: 96.500 Euro
Ausstattungen Preis in Euro
ABS Serie
ESP Serie
ASR Serie
Airbag Fahrer Serie
Airbag Beifahrer Serie
Seitenairbags vorn Serie
Kopfairbags vorn Serie
Seitenairbags hinten Serie
elektr. Fensterheber vorn Serie
elektr. Fensterheber hinten Serie
elektr. verstellbare Außenspiegel Serie
Klimaautomatik Serie (Drei-Zonen)
Zentralverriegelung mit Fernbed. Serie
Automatikgetriebe Serie
Bildschirmnavigation Serie
CD-Radio Serie
MP3 Serie
elektr. Schiebedach Serie
Metalliclackierung Serie
Leichtmetallfelgen Serie
Sitzhöheneinstellung Serie (elektrisch, Fahrer und Beifahrer)
Tempomat Serie
Lederausstattung Serie
Kurvenlicht Serie
Nebelscheinwerfer Serie
Anhängevorrichtung 750
Elektrisch ausfahrbare Trittbretter 1.680
Elektrisch ein- und umklappbare zweite Sitzreihe 420

Datenblatt

Motor und Antrieb
Motorart V-Benzinmotor 
Zylinder
Ventile
Hubraum in ccm 6.162 
Leistung in PS 426 
Leistung in kW 313 
bei U/min 4.100 
Drehmoment in Nm 610 
Antrieb Allrad 
Gänge
Getriebe Automatik 
Fahrwerk
Spurweite vorn in mm 1.746 
Spurweite hinten in mm 1.744 
Radaufhängung vorn Einzelradaufhängung 
Radaufhängung hinten Fünf-Lenker-Schraubenfedern 
Bremsen vorn Scheiben 
Bremsen hinten Scheiben 
Wendekreis in m 11,9 
Räder, Reifen vorn 285/45 R22 
Räder, Reifen hinten 285/45 R22 
Lenkung Geschwindigkeitsabhängige, elektromechanische Servolenkung 
Maße und Gewichte
Länge in mm 5.179 
Breite in mm 2.061 
Höhe in mm 1.896 
Radstand in mm 2.946 
Leergewicht in kg 2.751 
Zuladung in kg 560 
Kofferraumvolumen in Liter 431 
Kofferraumvolumen, variabel in Liter 2.668 
Anhängelast, gebremst in kg 3.100 
Tankinhalt in Liter 98 
Kraftstoffart Super 
Fahrleistungen / Verbrauch
Höchstgeschwindigkeit in km/h 180 
Beschleunigung 0-100 km/h in Sekunden 6,7 
EG-Gesamtverbrauch in Liter/100 km 13,1 
EG-Verbrauch innerorts in Liter/100 km 18 
EG-Verbrauch außerorts in Liter/100 km 10,3 
CO2-Emission in g/km 302 
Schadstoffklasse Euro 6 


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